Happy Birthday, lieber Tomi Ungerer!

tomi_ungerer_alle

Lieber Tomi Ungerer,

eigentlich wollte ich am Sonntagmorgen auf der Couch Ingwer-Zitronen-Wasser schlürfend lesen. Stattdessen schreibe ich einen Geburtstagsbeitrag für Sie. Geplant war nur ein Post auf Facebook, aber als ich vorhin im Bett lag, dachte ich: Das ist zu wenig! Wie soll ich in so wenigen Worten meine Glückwünsche und Hochachtung an Sie ausformulieren? Außerdem sollen möglichst viele Menschen wissen, was der 28. November 2016 für ein besonderer Montag ist. Das wird mit dem Algorithmus von Facebook etwas schwierig. Zumal ja nicht alle meine Leser dort angemeldet sind. Deshalb verkünde ich hier voller Sonnenscheinfreude: Tomi Ungerer hat Geburtstag und wird heute bewundernswerte 85 Jahre! Die Klappentexterin verneigt sich vor dem Künstler und wünscht von Herzen alles Gute! Lieber Herr Ungerer, Sie sind eine wahre Bereicherung für Groß und Klein und machen aus Regentagen bunte Konfettitage. Ihr Witz, Ihre Ironie und Ihre Phantasie sind herrlich erfrischend und wunderbar beglückend.

Gestern Abend las mir mein Liebster aus Ihrem aktuellen Buch vor. In »Warum bin ich nicht du?« findet sich eine Sammlung Ihrer Kolumnen aus dem Philosophie-Magazine. Herrliche, witzige Illustrationen aus Ihrer Hand setzen dem Ganzen ein Krönchen auf. Die Bilder sah ich nur, wenn ich meine Augen öffnete und erstaunt fragte: »Steht das da wirklich?« Sie müssen wissen, mein Liebster hat wie Sie eine große Phantasie und erzählt mit ernsthafter Glaubwürdigkeit unglaubliche Geschichten. Natürlich nur zum Spaß, der ein großer für uns beide ist. Wie Ihre Antworten in Ihrem neuen Buch, die ehrlich, wunderbar amüsant und phantasievoll sind. Dem voran steht ein sehr schönes Vorwort von Ihnen: »Fragen von Kindern zu beantworten bedeutet, sich an ihre Stelle zu versetzen: ihnen die Dinge mit erwachsenen, verständlichen Worten erklären, die Gedanken mit Beispielen aus der Realität oder der Phantasie illustrieren. Ihnen zeigen, dass man alles überwinden kann mit einem Lächeln, mit Respekt. Und dass wir – dem Absurden sei Dank – alle bloß Zauberlehrlinge sind.«

Kinder sind neugierige Wesen und möchten immer alles wissen. Das ist ja das Großartige am Kindsein. Darum habe ich es mir in einem Schatzkästlein bewahrt und deshalb gefallen mir Ihre Bücher. Sie schreiben ja selbst, Ihre Frau behauptet, Sie seien nie richtig erwachsen geworden. So ist Ihr Buch gleichsam eine anregende Lektüre für Erwachsene, die ihre kindliche Seite nicht im Ernst des Lebens verloren haben.

tomi_ungerer_seiteWollen wir jetzt einen Blick hinein wagen? Sehr gern! Darin fragt die 5jährige Manon: »Warum gibt es so viele Bücher?« Sie antworten: »Weil es nicht genug davon gibt! Die meisten Bücher, die erscheinen, lohnt es sich, nicht zu lesen. Das ist – leider! – eine riesige Verschwendung, die jedes Jahr Millionen von Bäumen das Leben kostet.« Ha! Da steht’s, liebe Verlage! Was wir Bücherfreunde immer schon wussten: Ihr publiziert zu viele Bücher. Sie, lieber Herr Ungerer, schreiben darüber hinaus schöne Dinge über Bücher und das Lesen.

Den einen Satz möchte ich gern noch zitieren, weil’s wie eine tolle Liebeserklärung klingt: »Meine ganze Bildung und Phantasie verdanke ich dem Lesen. Deshalb sage ich euch, dass es nie genügend gute Bücher geben wird!« Die Betonung liegt auf gut. Weiter oben schreiben Sie nämlich, dass man seine Lektüre mit Bedacht auswählen möge. Ob man sich zerstreuen oder bilden, qualitative Werke oder solche mit »Rächtschreibfeeler« lesen will, soll gut überlegt sein. Ganz genau, da stimme ich Ihnen zu. Ich bin Buchhändlerin und auf diesem Gebiet gewissermaßen eine Fachfrau. Schlechte Bücher kommen mir gar nicht erst ins Haus.

pressebild_tomiungerer_cfoto-gaetan-ballykeystone_300dpi

Foto: © Gaëtan Bally / KEYSTONE

»Warum essen wir nicht das Fleisch der Menschen, die gestorben sind?« Oha. Der 4jährige Léon hat da eine knackige Frage. Sie finden hier ebenfalls eine kluge und durchaus charmante Antwort, die mich am Ende meine Augen aufschlagen und ins Buch blicken lässt. Dort beißt ein grauer großer Hund in einen kleinen rosafarbenen. Vorher lauschte ich Ihren Gedanken über einen Schwiegermutter-Eintopf, Teenager-Frikassee und einer Senioren-Wurst ins Spiel. Ich lache. Aber nein, so lustig das im ersten Moment klingen, das geht natürlich nicht. Das schreiben Sie selbst und bringen das Wort Kannibalismus ins Spiel. Der Schlusssatz hat’s wiederum in sich, frech wie ein Luchs steht er da und grinst mich an: »Aber wer weiß, angesichts der heutigen Überbevölkerung müssen wir vielleicht unseren Instinkt überwinden und lernen, Geschmack an unseren Mitmenschen zu finden

Es ist eine große Freude, sich durch die Fragen und Antworten zu lesen, dass ich jetzt voller Begeisterung von meinem Weg irgendwie abgekommen bin. Mein Gratulationspost. Ihr neues Buch nehme ich als Umweg aber sehr gern in Kauf. Und meine Leser sicherlich auch.

Mit Ihnen bin ich schon zur Frau Klappenquietsch geworden. Vor genau fünf Jahren hat mir der Jubiläumsschuber zu Ihrem 80. Geburtstag ein entzückendes Freudenbad beschert. Für mich waren es die ersten Bücher, die ich von Ihnen bestaunt habe. Und seitdem bin ich ein großer Fan, der Ihnen weiterhin Inspiration und Kraft für wundervolle Werke wünscht. Danke für all das Schöne, Wunderbare, Freche und Lebendige! Chapeau, Chapeau!

Hochachtungsvoll,

Ihre Frau Klappenquietsch

Tomi Ungerer: Warum bin ich nicht du? Antworten auf philosophische Fragen von Kindern. Aus dem Französischen von Alexandra Beilharz, Grit Fröhlich und Margaux de Weck. Diogenes, November 2016, 182 Seiten, 20,- €.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Happy Birthday, lieber Tomi Ungerer!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s