Rein ins Vergnügen!

rein_in_die_flutenDieser Sommer hat ja so seine Launen. Aber mit »Rein in die Fluten!« von David Prudhomme und Pascal Rabaté kann er nur besser werden. Der kürzlich erschienene Comic nimmt seine Leser mit ans Meer. So authentisch, dass man nach der Lektüre das Gefühl hat, gerade dort gewesen zu sein. Der Geruch von Sonnenmilch umkreist mich genauso wie das Geschrei der Möwen und der vielen sonnenhungrigen Menschen. Immer noch kichere ich in mich hinein – dank des heiteren, erfrischenden Ausflugs zwischen zwei Buchdeckeln.

Kürzlich feierte Reprodukt sein 25-jähriges Bestehen, das wir auf unserem Gemeinschaftsblog »We read Indie« auf besondere Weise gewürdigt haben. Wäre ich nicht längst ein Fan des Verlags, dann müsste ich´s spätestens jetzt sein. Wieder einmal hat der unabhängige Berliner Verlag ein Händchen für außerordentlich feine Buchkultur bewiesen. Allein das Cover des Buches ist ein herrlich absurder Hingucker – im Wasser baumelnde Körper ohne Köpfe, mittendrin eine schwimmende Dogge und auf der Rückseite steht ein Zinnsoldat.

Als ich den Comic aufschlage, habe ich ein schönes Déjà vu: Da ist der vertraute Reprodukt-Papiergeruch. Er ist mir bereits in den anderen beiden Werken des Verlags »Irmina« von Barbara Yelin sowie »Jane, der Fuchs & ich« Fanny Britt und Isabelle Arsenault wie Kuchenduft in die Nase gekrochen. Dort bleibt er während des Lesens und macht unglaublich froh.

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Froh bin ich auch deshalb, weil ich den Sommer erlebe. Der Comic holt das lebendige Strandleben ins heimische Wohnzimmer. Ich muss nicht mal raus oder mich ärgern, dass es für die Jahreszeit zu frisch und regnerisch ist. Nein, ich sitze auf der Couch – gefühlt aber am Strand – und amüsiere mich köstlich.

So beobachte ich fremde Menschen und ihre vertrauten Eigenarten. Wie Ameisen flitzen sie über die Bildfläche. Nur dass sie keine Ameisen sind, sondern den Homo sapiens in vielerlei Formen und Gesten zeigen. Da ist der dickbäuchige Herr, der mit seinem überdrehten Hund Zorro spazieren geht. Seine Arme sind rot und man sieht genau, wo das T-Shirt anfing und aufhörte. Als er einen anderen Mann trifft, der ihm in seinem Körperumfang ähnelt, strafft er plötzlich die Schultern, zieht seine Wampe ein, stolziert wie ein aufgeplusterter Hahn davon. Zorro macht es ihm nach, wird aber gleich von einer jungen Frau im Wasser abgelenkt. Prompt tauchen Garnelensammler auf. Und die wiederum… So fließen die Geschichten dem heranrauschenden Meer ähnelnd in einem fort, spülen mich von einer Sequenz zur nächsten.

Fluten 31 mitte© Bilder (3): Reprodukt / David Prudhomme und Pascal Rabaté

Sie wechseln in Sekundenschnelle und gehen wie Zahnräder ineinander über. Oft ist es ein Mensch, der zum anderen führt und den Staffelstab für eine weitere, kleine Geschichte übergibt. Dieser Übergang ist ein äußerst raffiniertes Element, das die beiden Macher perfekt und mit einer spielerischen Leichtigkeit einsetzen. Genauso entzücken die kleinen Details, die sich in den Illustrationen wiederfinden und über die ich häufig lachen muss. Bild ist nicht gleich Bild. Jedes Bild ist viel mehr ein Abenteuerspielplatz, an dem ich länger hängenbleibe, weil mir stets winzige, großartige Nebensächlichkeiten auffallen.

Am FKK Strand beispielsweise treffe ich den dicken Mann mit seinem Zorro wieder. Er blickt von einem Hügel hinab. Was erst wie Sand mit Stroh anmutet, erweist sich ein Bild später als Körper einer nackten Frau. Großartig!

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Ja, hier steckt vielerlei Situationskomik drin, fantastisch pointiert, mit kräftigen Farben und klaren Formen versehen. Einerseits tauchen überraschende Momente auf, andererseits fühlt man sich ertappt, weil man dieses oder jenes genau so schon mal erlebt oder beobachtet hat. Während ich den Rentnern in ihren mitgebrachten Stühlen, den krebsroten Sonnenanbetern und den anderen Strandgästen zuschaue, verstummt der Regen vorm heimischen Wohnzimmerfenster von ganz allein. So kann es mir schnurzpiepegal sein, dass der Sommer launisch ist. Wenn’s mir zu kalt wird, krabbele ich eben wieder ins Buch. In diesem Sinne – rein ins sommerliche Vergnügen, liebe Lesefreunde!

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David Prudhomme und Pascal Rabaté: Rein in die Fluten! Aus dem Französischen übersetzt von Ulrich Pröfrock. Handlettering: Dirk Rehm. Reprodukt, Juni 2016, 120 Seiten farbig, Hardcover, 21,5 x 29 cm, 24,- €. Jetzt direkt und portofrei bei Hugendubel.de bestellen.

Weitere Stimmen über das Buch findet ihr hier:

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8 Gedanken zu “Rein ins Vergnügen!

  1. Klingt nach großem Spaß! (Erinnert mich in der von Dir beschriebenen Wirkung an den Roman „Oceano Mare“ von Alessandro Baricco, der zwar ohne Bilder auskommt, aber auch sehr fein beobachtet, was sich an einem Strand im Sommer so abspielt, obwohl sicherlich längst nicht so witzig).

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  2. Ein sehr feiner Tipp, liebe Klappentexterin! Zum einen, um den Regen draußen zu vergessen (auch wenn es nur „fisselt“), zum anderen, weil ich mich schon beim Betrachten der von Dir hier veröffentlichten Bilder wunderbar amüsiert habe.
    Viele Grüße, Claudia

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