Der Mythos Hemingway. Aus der Sicht starker Frauen.

als_hemingway_mich_liebteHemingway – ein großer Name. Einzigartig, schillernd und immer mit einem Hauch Abenteuer versehen. Ich habe natürlich ein paar seiner Klassiker gelesen, wobei mir sein persönlichstes Buch, »Paris ein Fest fürs Leben«, in besonders strahlender Erinnerung geblieben ist. Nachdem ich Ende vergangenen Jahres den Roman »Als Hemingway mich liebte« von Naomi Wood aus der Hoffmann und Campe Vorschauenkiste zog, spürte ich sofort ein Kribbeln auf der Haut. Verbinde ich mit Hemingway doch das Lebensgefühl der Bohème in den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. So war es nicht verwunderlich, dass mich große Neugier und sehnsüchtiges Verlangen in das vielversprechende Buch zogen.

Oh, welch Wonne sind die ersten Seiten! Das fröhliche, leicht übermütige Blau des Titels hält, was es verspricht. Ich spüre den brütend-heißen Atem der Sonne auf meinem Kopf, höre das rauschende Meer und blicke Ernest Hemingway und seiner ersten Frau über die Schulter, wo ich drei Badeanzüge entdecke, die im Winde wehen. Moment drei? Ja, ganz genau. Ernest und Hadley sind nicht allein, sie sind zu dritt. Und die Zahl Drei spielt in Hemingways Liebesleben stets eine bedeutende Rolle.

Hadley und ich kennen uns, besser gesagt, ich sie und ihre Ehe mit Ernest. Paula McLain stellte mir die Dame und ihren bemerkenswerten Lebenslauf bereits in ihrem Debüt »Madame Hemingway« vor. Jetzt stehe ich gefühlt neben Hadley und sehe in ihre traurigen Augen. Obwohl alles um Hash – so lautet ihr Spitzname – herum leuchtet und die morgendliche Sonne eine immense Strahlkraft besitzt, sehnt sie sich nach dem kalten, grauen Paris. Insgeheim wünscht sie sich das Leben zurück, das sie mit Ernest geführt hat, bevor die neue Frau auf der Bildfläche erschien. Fife heißt eigentlich Pauline Pfeiffer und ist ebenfalls zu Gast in dem südfranzösischen Ferienhaus, wo das Ehepaar Hemingway urlaubt. Und es ist natürlich ihr Badeanzug, der da noch auf der Leine hängt.

Hadley selbst hat die Freundin eingeladen, um der Einsamkeit der Quarantäne zu entkommen. Denn ihr Sohn Bumby ist an Keuchhusten erkrankt. Während Ernest zeitweise in Madrid arbeitet, ist Hadley vollkommen allein – bis auf die wenigen Male, in denen sie die Clique besucht. Zum Freundeskreis gehören Zelda und Scott Fitzgerald sowie Gerald und Sara Murphy. Anstatt eines Happy Ends bohrt sich später ein Stachel durch die Dreierkonstellation: Hadley beobachtet Ernest und Fife auf einer Party in einer innigen Situation und stellt ihn später vor eine Entscheidung.

martha_gellhorn_reisen_mit_mir_und_einen_anderenNaomi Wood hat ihren Roman raffiniert komponiert. So nutzt sie stets das Ende der einen Ehe und den Anfang der neuen Ehe als Einstieg in ihre vier faszinierenden Frauengeschichten. Und es waren allesamt starke Frauen. Die 1983 geborene Autorin schenkt ihnen ausreichend Raum, durch den der Leser flanieren und jeden Charakter entdecken kann. Mit Freude treffe ich auf Martha Gellhorn, deren Buch (»Reisen mit mir und einem Anderen«, erschienen beim Dörlemann Verlag) in meinem Bücherregal steht. Hatte ich sie bislang nur als eine von Hemingways Frauen im Kopf, ist sie jetzt eine vertraute Bekannte.

Neben den wechselnden Liebesbeziehungen tanzt das künstlerische Lebensgefühl durch die Seiten. Es wird gefeiert, zusammen Martinis getrunken, geflirtet und getanzt. Zudem blitzen berühmte Namen ganz selbstverständlich auf. Aber ja, Ernest Hemingway war mit Sylvia Beach und Adrienne Monnier genauso befreundet wie mit Picasso. Im Grunde war er ein Mann, der nicht allein sein wollte. Das bestätigt mir die dritte Mrs. Hemingway: »Sie weiß, dass er Angst hat, allein zu sein. Er fürchtet sich vor der brutalen Gewalt seiner Traurigkeit, aber da ist noch mehr, etwas, was sie nicht benennen kann, und er auch nicht.«

Die tiefe, dunkle und bisweilen zornige Seite taucht später häufiger auf, als Hemingway merkt, dass ihm seine Jugend abhanden kommt und die Depression ihn niederschlägt. Und dann ist da natürlich die Angst, nichts mehr schreiben zu können. Die Frauen bleiben indes weiterhin treu an seiner Seite. Er ist schlichtweg ein Strahlemann: »Welche Anziehungskraft von ihm ausgeht! Was für ein Kraftfeld er ist! Seinetwegen stürzen sich Frauen vom Balkon oder folgen ihm in den Krieg. Und stellen sich blind gegenüber seiner Affären, weil eine Ehe zu dritt besser ist, als eine einsame Frau zu sein.«

FincaCubaNaomi Wood hat aus Briefen und Aufzeichnungen einen äußerst mitreißenden, lebendigen Roman geschrieben. Einerseits enthält das Buch traurige, bewegende Momente. Andererseits verströmt die vielstimmige Geschichte eine fast heitere, sommerliche Atmosphäre. Meist ist es warm an den Orten, wo der Autor gelebt hat. So bewege ich mich als Leserin zwischen Südfrankreich, Paris, Kuba und Key West und genieße die vielen Sonnenstunden. Und ehe ich mich versehe, hat Hemingway auch mich um den Finger gewickelt – oder viel mehr sein Leben und die starken Frauen an seiner Seite.

»Als Hemingway mich liebte« nähert sich dem Literaturnobelpreisträger auf eine sehr intime und persönliche Weise. Einem starken, faszinierenden Mann, der immer auch starke Frauen an seiner Seite hatte.

*Das letzte Foto zeigt Hemingways Finca auf Kuba. © Naomi Wood.
Weitere Fotos und Hintergrundinformationen findet ihr auf der Homepage der Autorin.

Naomi Wood: Als Hemingway mich liebte. Aus dem Englischen von Gerlinde Schermer-Rauwolf und Robert A. Weiß, Kollektiv Druck-Reif. Hoffmann und Campe, März 2016, 386 Seiten, 20,- €. Jetzt portofrei bei Hugendubel.de bestellen.

Weitere Stimmen über das Buch:

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15 Gedanken zu “Der Mythos Hemingway. Aus der Sicht starker Frauen.

      1. Ich bin sicher, ich werde Freude daran haben. War schon in Key West in seinem Haus, bin allerdings dem Mythos dadurch nicht näher gekommen. Aber schön war`s. Jetzt will ich mehr wissen und freue mich auf die gedankliche Reise. 🙂 Lieben Gruß
        Wilhelmine Blumentorte

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  1. Liebe Klappentexterin,

    dieses Buch habe ich auch vor einiger Zeit gelesen und bin genau so begeistert wie Du. Deine Rezension lässt nochmals all die schönen Momente, die ich mit diesem Buch erlebt habe, aufblitzen. Mich fasziniert ebenfalls das Leben der Künstler in Paris in den 20er Jahren und auch „Madame Hemingway“ und „Ein Fest fürs Leben“ habe ich gelesen.

    Manchmal wünschte ich ich könnte, wie in dem Film „Midnight in Paris“ nachts in ein Auto steigen und mich in diese Zeit fahren lassen.

    Hab ein schönes und lesereiches Wochenende.
    Liebe Grüße
    lesesilly

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  2. Liebe Klappentexterin,

    dieses Buch habe ich auch sehr gerne gelesen und durch Deine tolle Rezension kommen diese besonderen Lesemomente wieder hoch.
    Mich fasziniert ebenfalls die Welt der Künstler im Paris der 20er Jahre. Ich wünschte, ich könnte auch nachts in ein Auto einsteigen und mich dorthin bringen lassen wie in dem Film „Midnight in Paris“.
    „Ein Fest fürs Leben“ und „Madame Hemingway“ habe ich auch verschlungen. Kennst du noch mehr solcher Bücher?
    Ich wünsche Dir einen guten Start in die neue Woche.
    Liebe Grüße
    lesesilly

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    1. Salut lesesilly,

      wir haben wieder eine gemeinsame Freude oder gleich zwei. 😉 Einmal dieses Buch und dann die faszinierende Welt der Künstler im Paris der 20er Jahre. Schau mal, hier habe ich vor einigen Zeiten ein spannendes und schönes Buch besprochen, das dir gefallen könnte: »Als wir zwanzig waren – Erinnerungen an Andrè Malraux und die Pariser Bohème« von Clara Malraux.

      Gestern habe ich – außerplanmäßig – meine Nase in folgendes Buch gesteckt: »Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte«. Das könnte dir gefallen. Bis jetzt liest es sich wirklich schön. Nicht herausragend literarisch, aber das muss es ja nicht immer. Die perfekte Ergänzung zu »Als Hemingway mich liebte«.

      Ich wünsche dir noch eine schöne Woche bzw. morgen einen feinen Start ins Wochenende!

      A bientôt
      Klappentexterin

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  3. Anregend geschrieben, macht auf jeden Fall neugierig auf das Buch. Mein Eindruck ist, dass ich da ganz viel über Hemingway erfahre, um den sich alles dreht, der der Mittelpunkt der 3er-Beziehung ist, Mittelpunkt der Partys, ein Mann der nicht allein sein wollte, ein „starker faszinierender“ Mann, der alle, auch die Leserinnen, um seinen Finger wickelt – und nur ganz wenig von „starken Frauen“ und davon auch nur, dass sie stark waren – weder, was sie stark gemacht hat, noch wie sie diese Stärke eingesetzt haben. Wenn sich bei starken Frauen alles nur um einen Mann dreht, und wenn sie auch nur eine Erwähnung und ein Buch wert sind, weil sie mit einem berühmten Mann zu tun hatten, dann beschleicht mich das Gefühl, dass sie vielleicht gar nicht wirklich so stark waren …

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    1. Hallo Gunnar,

      als Hemingways Frau musste man schon stark sein, um mit diesem Mann zu leben. Dafür war Hemingway ein zu einnehmender Mensch und genau das lässt die Autorin in ihrem Buch auch durchblicken. Man erfährt trotzdem allerhand über die Frauen selbst. Sie verblassen nicht hinter dem starken Mann. Ganz im Gegenteil.

      Viele Grüße

      Klappentexterin

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  4. Liebe Klappentexterin,

    vielen Dank für die beiden tollen Tipps. Sie sprechen mich sehr an und ich denke, ich werde sie auf alle Fälle lesen. Ich lasse mich gerne von Dir mit auf diese Zeitreise nehmen. Bin wirklich sehr gespannt und werde Dir auf alle Fälle berichten.

    Hab noch ein schönes Wochenende.

    Liebe Grüße
    lesesilly

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    1. Oh, wie wunderbar! Ich freue mich auf deine Leseerlebnisse und wünsche dir ebenfalls noch ein schönes Wochenende! Hier in Berlin ist jedenfalls richtig tolles Lese-auf-die-Couch-Verkrümel-Lesewetter. 😉

      Liebe Grüße
      Klappentexterin

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  5. Danke für diesen Input. Ich freue mich, darauf gestoßen zu sein, weil ich „Madame Hemingway“ auch ganz großartig fand. Auch wenn Hemingway, wie er als Mann dort dargestellt wird, mich zuweilen ganz schön wütend gemacht hat. 😀

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