Mädchen ohne Heimat.

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Manche Autoren sind wie Lieblingsspeisen, von denen man nie genug bekommen kann. So war ich kolossal begeistert, als mich eine Neuauflage von Irmgard Keuns Roman »Kind aller Länder« anstrahlte. Ich spüre eine innige Verbundenheit mit der Autorin – ihre Sprache, der ganze Sound und der Zauber ihrer Geschichten begeistern mich immer wieder. Da wollte ich natürlich sofort in das erstmalig 1938 erschienene Werk eintauchen.

Bereits 1932 hatte Irmgard Keun mit »Das kunstseidene Mädchen« ungeheuren Erfolg. Ich verbinde das Werk immer gleich mit Fritzi Haberlandt, die mit ihrer einzigartigen Stimme seinerzeit das Hörbuch gesprochen hat. Leider nur noch antiquarisch zu bekommen. Tja, so ist es manchmal – die Dinge verschwinden einfach, ohne uns zu fragen. Genauso kann man aber schöne Dinge selbst hervorzaubern. Und zwar, indem man sich das eben erschienene »Kind aller Länder« vorlesen lässt. Welch’ Glück, wenn es in den heimischen Wänden jemanden gibt, der dies beherrscht. Deshalb habe ich die Geschichte nicht selbst gelesen, sondern sozusagen als ganz persönliches Hörbuch genossen.

Während das »kunstseidene Mädchen« bereits eine junge Frau ist, handelt »Kind aller Länder« tatsächlich von einem Mädchen. Kully ist zehn Jahre, doch bisweilen schon so klug wie die 20jährige, kunstseidene Doris. Beide vereint die kecke Stimme, die ich an Irmgard Keuns Prosa so sehr schätze.

In dem neu aufgelegten Werk lässt uns Irmgard Keun spüren, wie es sich anfühlt, kein Zuhause zu haben und mit wenig Gepäck unterwegs zu sein. Ein höchst aktuelles Thema. Kully pendelt mit ihren Eltern durch einige Länder, wohnt in unzähligen Hotels und kommt nie wirklich irgendwo an. Sie sind vor den Nazis auf der Flucht, getriebene Emigranten, in der Hand meist nur wenig bis gar kein Geld. Kullys Vater ist ein Schriftsteller, der nicht mehr in Deutschland publizieren darf und stets knapp bei Kasse ist. Auch, weil er gern Champagner trinkt und seine Zeit in Bars verbringt. So bereist er ganz Europa, um Bargeld zu beschaffen und glänzt oft durch Abwesenheit. Kully bleibt indes mit ihrer traurigen Mutter in allen möglichen Herbergen allein zurück. Aus ihrer Sicht ist dieses bewegende Emigrantenstück erzählt. Und nur allzu oft berichtet sie vom Warten und davon, wie man nur mit dem Nötigsten klarzukommen versucht.

Kully erzählt, was um sie herum passiert und reflektiert ihre Empfindungen auf eine manchmal herrlich altkluge und manchmal schon sehr nachdenkliche, traurige Art:: »Glücklich sind wir eigentlich immer nur, wenn wir im Zug sitzen. Kaum, dass wir in einer Stadt angekommen sind, haben wir auch schon schreckliche Angst, dass wir nie wieder fortkommen werden. Vor allem weil wir nie Geld haben, sind wir jedes Mal in jedem Hotel und jeder Stadt gefangen und denken am ersten Tag schon wieder an unsere Befreiung.«

Ein wahrlich aufreibendes Leben, das sich bleischwer anfühlen würde, wäre da nicht Kully, die mir mit ihrer kecken und naiven-kindlichen Art an vielen Stellen ein Lächeln entlockt und sofort aus dem dunklen Tal nach oben zieht. Das ist herrlich erfrischend und hoffnungsfroh. Ich erinnere mich beispielsweise an die Szene, als Kully das letzte Geld ausgibt, um sich Meerschweinchen zu kaufen. Ach Kully! In solchen Augenblicken möchte man ihr einfach nur über den Kopf streicheln. Statt einer durchaus angebrachten Standpauke.

Kully wirft mir noch weitere Einfälle und Gedanken zu, die so nur aus dem Mund eines Kindes purzeln können und deshalb besonders liebenswert sind. Sie stehen im Gegensatz zu dem rastlosen Leben, dass das Mädchen mit seinen jungen Jahren bewältigen muss. Ein Vater, der kaum bei seinen Lieben ist. Keine richtige Kleidung (die warmen Mäntel mussten sie unterwegs als Pfand zurücklassen), wenig Essen und Hotelrechnungen, die nicht bezahlt werden können. Kaum Freunde zum Spielen und eine Mutter, die vor lauter Kummer stets kurz vor dem Zusammenbruch steht. All das muss die zehnjährige Kully bereits auf ihren zarten Schultern tragen, wo Mädchen ihres Alters ansonsten unbekümmert herumtollen. Doch Kully jammert nicht, sie beobachtet, reflektiert und hinterfragt alles mit ihrem neugierigen Geist: »Aber wozu soll man eigentlich erwachsen werden, wenn man nur traurig davon wird?«

Gerührt verfolge ich Kully auf ihren Weg, der sie zunächst quer durch Europa und am Ende sogar nach Amerika führt. Der Roman weist autobiographische Züge auf und lässt mich relativ schnell in Kullys Vater Joseph Roth erkennen, mit dem Irmgard Keun liiert war. Kully hätte demnach ihre gemeinsame Tochter sein können. Aber sie ist es natürlich nicht. Dafür hat Irmgard Keun ein schönes und wichtiges Stück Literatur geschaffen, das uns hoffentlich lange erhalten bleibt genauso wie Kullys Stimme in meinem Herzen. Und das gerade jetzt wieder zeigt, wie aktuell das Thema von Vertreibung, Verfolgung und Heimatlosigkeit ist.

Irmgard Keun: Kind aller Länder. Kiepenheuer & Witsch, Februar 2016, 224 Seiten, 17,99 €. Jetzt portofrei bei Hugendubel.de bestellen.

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8 Gedanken zu “Mädchen ohne Heimat.

  1. Müsste ich einen Moment definieren, als ich wirklich anfing zu merken was sich zu lesen wirklich lohnt und was eher leichtverdauliches Bücher Fast Food ist, es wäre wohl der Moment, in dem ich als Weihnachtsgeschenk von einer damaligen Chefin „Das kunstseidene Mädchen“ geschenkt bekam. Irmgard Keun hat daher immer einen ganz festen Platz in meinem Herzen. „Nach Mitternacht“ hat mir auch sehr gut gefallen.

    Das Unternehmen war furchtbar, die Chefin und die noch folgenden Buchgeschenke einzigartig. Danke E. 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Oh, wie schön, das ist aber ein entzückender Kommentar von dir, ein feiner Aha-Moment, den ich mit einem Lächeln teile. Da wusste die Chefin ganz genau, womit sie dir eine Freude bereiten kann. Und das nicht nur einmal. Toll!

      Liebe Grüße
      Klappentexterin

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    1. Ja, oder? Ich tanze! vor allem der Preis ist unglaublich: Nur 39,- €!
      Viel Freude mit Kully, wenn es bei dir soweit ist. Schön, dass dieses besondere Buch trotz Kaufverbot bei dir einziehen durfte.

      Herzlich
      Klappentexterin

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  2. Wie schön. Auch bei mir ist „Das kunstseidene Mädchen“ untrennbar mit Fritzi Haberlandt verbunden. Hatte ich mir in der Bibliothek ausgeliehen und in meiner 3x1m Küche beim Weihnachtsgeschenkefotoalbumbasteln gehört. Viele Jahre her und unvergessen. Seitdem bin ich für Hörbücher sehr viel aufgeschlossener. Und das Fritzi Haberlandt-Mädchen wohnt für immer in meiner alten Küche. 🙂 Vielleicht warte ich auch bei diesem auf das Hörbuch, so es eines gibt.
    LG, Annett

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  3. Hat dies auf Klappentexterin rebloggt und kommentierte:

    Wenn ihr heute aus dem Fenster schaut und auch nur dieses bleischwere Grau vor Augen habt, dann habe ich eine gute Nachricht: Irmgard Keun hätte heute Geburtstag. Das wäre doch ein schöner Anlass, um eines ihrer zauberhaften Werke in die Hand zu nehmen und das Grau wegzulesen. Irmgard Keuns Geschichten berühren und machen doch auf wundersame immer wieder gute Laune. Deshalb reblogge ich heute einfach mal meine Rezension zu »Kind aller Länder«. Das Buch ist – neben einem weiteren Titel der Autorin (»Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften«) – im vergangenen Jahr bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

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