Noch einmal ganz von vorn.

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»Ein Jahr auf dem Land« von Anna Quindlen ist wieder einmal ein hervorragendes Beispiel dafür, dass man sich nicht vom Cover und vom Titel leiten lassen sollte. So hätte ich das Buch wohl kaum in die Hand genommen, wäre da nicht die Empfehlung einer befreundeten Buchhändlerin gewesen. Ich habe nichts gegen Äpfel, esse sie sogar für mein Leben gern. Und das Landleben hat für mich eine besondere Faszination. Aber zu diesem Buch passt beides nicht wirklich. Warum? Nun das verrate ich euch jetzt.

Im englischen Original lautet der Titel »Still Life with Breat Crumbs« – auf Deutsch also »Stilleben mit Brotkrümeln«. So heißt das spontan entstandene Bild, das der Fotografin Rebecca Winter seinerzeit Ruhm und viel Geld eingebracht hat. Doch jetzt – kurz vor ihrem sechzigsten Geburtstag – hat sie so wenig Geld, dass sie ihre Wohnung in New York untervermieten muss und sich ein günstigeres Häuschen auf dem Land nimmt. Ein neues Leben, das dennoch mit dem alten wie mit einer Schnur verbunden ist. So ruft Rebecca oft ihren Kontostand ab, der sich erschreckend minimiert. Doch sie möchte die Hoffnung auf einen unerwarteten Geldsegen nicht aufgeben, den sie dringend gebrauchen könnte. Das Pflegeheim der Mutter verschlingt Unmengen, genauso die Miete für den Vater. Obendrauf noch die zahlreichen Versicherungen.

Trotz der blöden Zahlen, die sich ständig in ihrem Kopf drehen, kommt sie auf dem Lande auf andere Gedanken und zur Ruhe. »Hier gab es eine ganze Welt, von der sie keine Ahnung hatte. Wild ausnehmen. Ausgussbecken. Klärgrube. Eine Sprache, die ihr bislang nur in Romanen des 19. Jahrhunderts untergekommen war.«

Gleich zu Anfang hält sie ein Waschbär auf Trab. Er ist durch ein Loch auf dem Dach ins Haus gekommen und treibt auf dem Dachboden sein Unwesen. Hilfe naht durch den Dachdecker Jim Bates, der das Tier kurzerhand erschießt. Schließlich sind Waschbären Gewohnheitstiere, die immer wieder kommen. Danach hisst er eine weiße Fahne auf ihrem Dach wegen der Tiefflieger. Was es damit wirklich auf sich hat, erfahren wir später. Also Augenbrauen wieder runter.

Und weiter in diesem wundervollen Buch, das mich mehr und mehr begeistert hat. Besonders durch die Protagonistin, mit der ich leide und sie staunend beobachte, wie sie voller Demut jeden Rückschlag hinnimmt. Als im eingeschneiten Haus der Strom ausfällt, bewahrt sie Ruhe und wartet ab. Auf ihren Steifzügen durch die Natur stößt Rebecca auf diverse, offensichtlich verlorene Gegenstände, die allesamt mit einem weißen Kreuz gezeichnet sind. Diese Fundstücke regen ihre Phantasie an, werden zu neuen Fotomotiven, und schon ist die Inspiration zurück. So ergreift Rebecca die Chance, für eine Organisation Fotos von Adlern zu schießen. Jim Bates hat ihr den kleinen Verdienst verschafft, offenbar schätzt er ihre Nähe. Oder ist da etwa mehr?

Nun, vielleicht sollte das Cover des Romans auch einfach nur sagen: Dies ist hier ein Buch mit hohem Wohlfühlfaktor. Ein Buch zum Hineinfallen und glücklich sein. Mir fallen sofort eine Handvoll unterschiedliche Frauen ein, denen ich diesen Roman schenken möchte. Was »Ein Jahr auf dem Land« auszeichnet, sind die vielen schönen Stimmungen. Die Landluft ist greifbar und tut so gut. Auch die äußerst erfrischende, süffisante und einfühlsame Sprache Anna Quindlens, die beinah jeder Figur eine Stimme gibt, begeistert mich. So tanzt man förmlich mit einer Leichtigkeit durch die Seiten. Selbst, wenn sie schwere Momente tragen müssen, wie die Einsamkeit Rebeccas: »Ach die Einsamkeit, diese Einsamkeit. Inzwischen saß sie ihr in den Knochen wie eine Krankheit, eine Grippe, die sich meistens ignorieren ließ, sie dann aber urplötzlich überwältigte und beherrschte.«

Doch es bleibt nicht zappenduster. Das verhindert die amerikanische Autorin – die auch Kolumnen für die »New York Times« schreibt – mit ihrem humorvollen, warmherzigen Stil. Obwohl »Ein Jahr auf dem Land« an einigen Stellen arg vom Schicksal gebeutelt ist, lässt es mich trotzdem oft lächeln. Kurzum: Ein Buch, das auf wirklich schöne Weise allen Mut macht, die in ihrem Leben noch einmal ganz von vorn anfangen wollen. Und allen anderen natürlich auch.

Anna Quindlen: Ein Jahr auf dem Land. Aus dem Amerikanischen von Tanja Handels. DVA, 2015, 19,99 €. Jetzt portofrei bei Hugendubel.de bestellen.

Weitere Stimmen über das Buch:

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8 Gedanken zu “Noch einmal ganz von vorn.

  1. Ich hatte es als Hörbuch gehört und fand es auch richtig gut.
    Vor allem diese kleinen Weisheiten und Lebensfragen, regten zum Nachdenken an und das mag ich immer 🙂
    Liebe Grüße
    Ela

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    1. Liebe Ela,

      ja, das stimmt, diese kleinen nachdenklichen Sätze hatten es in sich. Eine schöne Mischung war’s. Das Hörbuch kann ich mir übrigens sehr gut vorstellen. Damit gewinnt das Buch sicherlich noch mehr an Tiefe. Weil mir die Figuren im Hörbuch immer noch ein bisschen näher sind als beim Lesen.

      Liebe Grüße
      Klappentexterin

      Gefällt mir

    1. Liebe Linda,

      wenn nicht jetzt, dann wirst du es vielleicht irgendwann nochmal sehen und dich daran erinnern. Und dann kaufen. Wir wollen ja nicht, dass dein SuB-Regal zusammenbricht. 😉

      Sei herzlich gegrüßt
      Klappentexterin

      Gefällt mir

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