Weise Worte über die Einsamkeit. Und noch viel mehr.

Benedict_Wells_Vom_Ende_der_Einsamkeit

Ich habe lange gewartet. Die Zeit dehnte sich endlos wie ein Kaugummi. Tage, Monate, Jahre. Verwelkte Blätter fielen von den Bäumen, raschelten unter den Füßen. Bald tanzten Schneeflocken durch die Luft und teilten sich den Platz mit meinen Atemwölkchen. Einige Monate später kamen Vögel aus dem Süden zurück, setzten sich zwitschernd auf unsere Bäume, die erst noch kahl waren, und bald schon in voller Blüte standen. Ein sich immer wiederholender Kreislauf. Das Buch ließ auf sich warten, aber dann war er endlich da: Der Moment, als ich Benedict Wells Roman in den Händen hielt. Der Titel »Vom Ende der Einsamkeit«, die ersten Sätze… – schon spürte ich die besondere Magie, die uns nur die Literatur schenken kann.

Noch sitzen die Figuren neben mir: Jules, Alva, Liz, Marty und Elena. Ganz hinten nickt mir Romanow, eine weitere Figur, bedächtig zu und sagt leise flüsternd: »Mach schon, schreib einfach.« Das Wort »einfach« schwebt wie eine Feder vor meinem Blickfeld. Einfach. Schreiben. Über Menschen und deren Geschichten, die wie die Kindheit einen Abdruck hinterlassen. Die Sätze und Szenen schwirren vor mir wie ein ganzer Bienenschwarm. Ich atme durch und halte an. Einfach. Schreiben. Ja, das mache ich jetzt, lieber Romanow.

Mit der Kindheit beginnt auch diese Geschichte, die aus Jules Perspektive erzählt wird. Er ist der Ich-Erzähler, dessen Stimme mich an einen Song denken lässt. Tief wie ein Ozean und gleichzeitig verträumt mit einem Echo, das an Nebellandschaften erinnert. Ihm und seinen beiden älteren Geschwistern passiert das Schlimmste, was einem Kind zustoßen kann: Die Eltern sterben. Nach dem tödlichen Verkehrsunfall hört das Herz der Kindheit zu schlagen auf. Marty, Liz und Jules kommen ins Internat. In ein tristes Anwesen, an dem das Essen oft die hungrigen Mägen nicht ausreichend füllt.

Jeder der drei durchlebt diese harte Zeit auf seine Weise. Die begehrenswert schöne Liz flüchtet sich ins Partyleben und hat viele Liebhaber. Marty versteckt sich hinter dem Computer, tüftelt emsig herum und kleidet sich schwarz. Sein Ledermantel wird zu seinem Markenzeichen. Und Jules, der kleinste und jüngste von allen, begibt sich in seine Traumwelten. Bis ihn eines Tages seine neue Mitschülerin Alva dort herauszieht. Zwischen beiden entwickelt sich fortan eine wundervolle Freundschaft. Zwei Seelenzwillinge, jeder verletzt, finden zusammen und beschreiten gemeinsam diesen mühevollen Weg.

Im Wechsel der Gezeiten vergehen die Jahre und jedes der drei Geschwister verwandelt sich von einer zarten Knospe zu einer Blume. Eine steht aufrechter als die anderen – das ist Marty. Er ist die Konstante in dem Geschwisterdreieck. Nach seinem erfolgreichen Studium startet er mit einem Start-Up durch. Liz verliert sich hingegen immer mehr, nimmt Drogen, ist beziehungsunfähig. Und Jules? Begeistert sich zunächst für die Fotografie, sozusagen ein Erbe des Vaters. Der hatte ihm damals eine Kamera geschenkt, weil er meinte, dass sein Sohn ein besonderes Auge dafür hat. Doch der Erfolg bleibt aus, die Niederlage ernüchtert und entmutigt ihn. Obendrein krallt sich die Sehnsucht nach Alva ins Herz. Alva, seine Freundin und Weggefährtin, die er nach der Schulzeit nie wiedergesehen hat. Und vermisst.

Eine Traurigkeit umfasst die vielen Seiten. Aber es ist eine schöne Traurigkeit. Sie spricht die Sprache der Melancholie. Und alle, die dieses Gefühl kennen, finden sich darin wieder. Ein Schaudern und Aufatmen zugleich. Hin und wieder blitzen helle Momente auf, als versuchte die Sonne, durch Regenwolken hindurch zu dringen. Zum Beispiel ihre gemeinsame Zeit im französischen Ferienhaus, in dem die Geschwister zusammen kommen und versuchen, die Fremdheit des anderen zu fassen. So verschieden sie auch sind, das Band ist fest wie Stahl.

Benedict Wells erweist sich erneut als raffinierter Autor, der seine Leser durch unerwartete Wendungen überrascht. So taucht Alva Jahre später in Jules Leben auf. Mittlerweile ist sie mit dem russischen Autor Romanow verheiratet, den sie schon als junges Mädchen verehrt hat. Alva, der Bücherwurm, in dem ich mich wiederfinde. Ihre Begeisterung für Romane wie »Das Herz ist ein einsamer Jäger« erfasst mich wellenartig. Das Mitfühlen mit den Figuren gehört genauso zum Leseprozess wie die Dunkelheit der Nacht, die darin verborgen ist.

Ja, es könnte alles so einfach sein. Einfach, da ist es wieder. Aber einfach ist es nicht, das Leben schon gar nicht. Und so fallen sich Alva und Jules nach der jahrelangen Trennung nicht in die Arme wie zwei Liebende. Nach einem ersten Treffen, laden Alva und Romanow Jules zu sich in ihr Chalet bei Luzern ein. Dort bricht eine weitere düstere Zeit an, die geprägt ist, von Sehnsucht, Verlangen, Krankheit und Ohnmacht. Doch es leuchtet wieder, als Jules endlich anfängt, sein Schreiben wieder aufzunehmen.

Egal, wie oft mir der kalte Schauer über die Schulter huscht, niemals ersticke ich in der Klammer der Angst und Trauer. Benedict Wells hält mir Sätze mit wertvollen, lebensklugen Weisheiten vor die Augen, an denen ich mich festhalte und aufblicke. »Ich bin es, wenn ich zulasse, dass meine Vergangenheit mich beeinflusst, und bin es umgekehrt genauso, wenn ich mich ihr widersetze.«

Genauso spüre ich den festen Zusammenhalt der Protagonisten, die mich als Leserin mit einschließen. Bewundernd schaue ich zum alten Romanow und frage mich, wie Benedict Wells es schafft, in seine Rolle zu schlüpfen, trennen sie doch über 40 Jahre. Ebenso bei den anderen Figuren, die später Mitte Vierzig sind. Hier spricht kein dreißigjähriger Autor, hier spricht ein Mensch mit allerhand Lebenserfahrung. Das ist die Magie der Literatur, die ich mit jeder Faser spüre. Und die der Autor auswickelt wie ein Stück köstliche Schokolade.

»Vom Ende der Einsamkeit« ist ein melancholisches Buch. Ein Buch, das dem Verlust und der Einsamkeit geradewegs ins Antlitz schaut. Und trotzdem glücklich macht. Weil es reich an besonderen Figuren ist, von einer schönen, lebendigen Sprache getragen wird und berührt. Als treue Leserin ist es ein Freude zu sehen, wie sich der Autor in seinem Schreiben immer weiter entwickelt und uns dabei stets großartige Literatur schenkt. Und das möge, bitte, kein Ende haben.

Nun schließt sich das Buch, doch am Sonntag geht’s es weiter. Dann ist Benedict Wells bei mir zu Gast. Und zu gewinnen gibt’s auch was Feines. Seid also gespannt!

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit. Diogenes Verlag, Februar 2016, 368 Seiten, 22,- €. Das Buch könnt ihr jetzt direkt portofrei bei Hugendubel.de bestellen.

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12 Gedanken zu “Weise Worte über die Einsamkeit. Und noch viel mehr.

  1. Ein großartiges Buch, auch wenn ich „Fast genial“ noch besser fand. Ich lasse „Vom Ende der Einsamkeit“ immer noch sacken. Ein so nachdenkliches, trauriges Buch, das eine hinterlassene Spur hinterlässt, die ich erst noch in passende Worte kleiden muss. Ein wundervolle Rezension. Es war schön sie zu lesen.

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  2. Oh, jetzt hast du mich aber ganz schön neugierig gemacht. Deine Rezension ist einfach absolut großartig. Ich hab mir den Titel jetzt auf jeden Fall auf meine Wunschliste gesetzt und warte schon gespannt darauf, es endlich lesen zu können. Danke dafür!

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