Ein kleines, großes Wunder. Jetzt wiederentdeckt.

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»Cocktails« von Pamela Moore ist prickelnd wie ein Glas Spritz und verströmt gleichsam den Duft von dunkler Schokolade. Es perlt einerseits herrlich lebensfroh und lässt andererseits aus Eiswürfeln den Nebel der Melancholie aufsteigen. Ein wunderbar berauschendes Werk liegt hinter mir und ich bin sehr froh, dass der Roman neu aufgelegt wurde. Und er darf nie mehr verschwinden – dafür ist er einfach zu brillant.

Mir geht es wie der Schriftstellerin Emma Straub: Ich habe mich in dieses Buch verliebt. Emma Straub ist es zu verdanken, dass dieses Buch wieder zu haben ist, und im Nachwort berichtet die Autorin, wie es dazu kam. Auslöser war eine Crowdfunding-Aktion eines kleinen Verlags, bei der die Leser für eine ihrer Geschichten spenden sollten. Als Dankeschön bekamen sie ebenso schöne Liebesbriefe, von der Schriftstellerin verfasst. Im Rahmen dieser Aktion wandte sich Emma Straub auch an ihren netten Latein- und Französischlehrer, den sie in bester Erinnerung hatte, weil er seinerzeit Zigaretten in die Schule schmuggelte.

Der Lehrer erschien dann bei einer ihrer Lesungen auf und berichtete ihr, dass seine Mutter auch Schriftstellerin gewesen sei. Und schenkte der Autorin ein Exemplar von »Cocktails«, das 1956 erstmals publiziert wurde. Im Original ist der Titel jedoch viel passender: »Chocolates for Breakfast«. Als Emma Straub in das Buch eintauchte, empfand sie das Gleiche wie ich: »Das Buch ist wie Katzenminze – köstlich und berauschend.« Ein Buch, an dem man sich festhält wie am Liebsten.

Die Geschichte beginnt im Internat, wo sich die 16jährige Courtney das Zimmer mit der älteren Janet teilt. Sie ermuntert Courtney, mehr aus sich herauszugehen und Anschluss zu den anderen Mitschülerinnen zu suchen. Schließlich will sie doch mal die Chefredakteurin der Lit Review werden. Courtney kann jedoch nichts mit Gleichaltrigen anfangen und sehnt sich nach den Gesprächen mit ihrer Lehrerin Miss Rosen, mit der sie herrlich über Literatur und auch über das Leben reden kann. Eines Abends eröffnet ihr Miss Rosen, dass sie sich lieber nicht treffen sollten. Sofort fällt Courtney in ein tiefes Loch. Trägheit und eine starke Müdigkeit hängen sich in ihre Knochen; fortan schläft Courtney nur noch. Sogar der Besuch beim Arzt hilft ihr nicht weiter. Als sich schließlich die Internatsmutter an Courtneys Mama wendet, sind ihre Tage im Internat gezählt. Und sie entscheidet sich, zu ihrer Mutter nach Hollywood zu ziehen. Wobei Courtney klar ist, dass ihre Mutter sehr mit sich selbst beschäftigt sein wird.

In Hollywood erwartet Courtney eine schillernde und befremdliche Welt, in der zu jeder Tageszeit Martinis, Scotch und Bloody Marys gereicht werden. Schauspieler umschwirren ihr Blickfeld, aber zunehmend belastet sie der Karriereknick ihrer Mutter, die als Schauspielerin nicht mehr gebucht wird. Kontakt zu Gleichaltrigen meidet sie immer noch, spürt zunehmend die bekannte Müdigkeit und findet sich bald in den Armen eines gutaussehenden, schwulen Schauspielers wieder. Als klar wird, dass die Mutter in einen Bankrott schlittert, bietet der Vater aus New York seine Hilfe an. Und schon ziehen beide in die pulsierende Metropole. Dort trifft Courtney ihre Freundin Janet wieder und wird von ihr gleich ins Nachtleben eingeführt. Alkohol fließt in Strömen, und selbst morgens wird nach dem Aufstehen weiter gegen den Kater angetrunken. Als Courtney den selbstbewussten und reichen Anthony kennenlernt, findet in ihr eine Wandlung statt, schleichend wie eine Katze hinterfragt sie die Welt um sich herum.

Ich kann mir die Skandalrufe vorstellen, als der Roman 1956 erschienen ist. Dieses freizügige Leben und die Alkoholexzesse erscheinen selbst in der heutigen, modernen Welt äußerst ausschweifend. Gleichzeitig kann ich mich ihrer verführerischen Faszination nicht entziehen. Pamela Moore entführt ihre Leser in die realitätsferne Welt der Hollywoodsternchen, der Elite-Studenten und an die Orte in New York, wo ausschließlich die Wohlhabenden verkehren. Geldprobleme spielen – außer bei Courtney – so gut wie keine Rolle, in der Luft schwebt ständig nur Oberflächlichkeit. Mittendrin die tiefsinnige, zur Depression neigende junge Frau. Und sie ist mir sehr nahe. Mit ihren Gedanken, ihrer Schlagfertigkeit und geistreichen Gesprächen, in denen sie sich sogar vor arroganten Männern behauptet. Courtney mag in sich ein zartes Pflänzchen sein, doch das zeigt sie der Welt draußen nicht.

Die innere Zerrissenheit holt sie indes oft ein und sie weiß, ihr Leben könnte anders aussehen, wenn sie bei einer anderen Mutter groß geworden wäre. Was sie auch ihrem Vater sagt: »Als ich gestern hier ankam, ist mir klar geworden, dass ich meine Erziehung niemals ablegen kann. Vielleicht hätte ich ja anders werden können, wenn man mich mit sechs zu jemanden wie dir in Pflege gegeben hätte. Aber so heißt es für mich auf ewig Cocktails um elf, Frühstück am Mittag.«

Geradezu berauschend lesen sich die Seiten durch messerscharfe, pointierte Dialoge. Aber auch glasklare, todernste Weisheiten heben mich aus dem Lesesessel: »Es sind nicht viele Jahre, in denen wir uns noch mit und ähnlichen Dingen herausreden können. Die Leute sind viel zu streng, viel zu schnell bereit, dich zu verurteilen.«

In solchen lebensklugen Sätzen werden sich auch heutige Jugendliche wiederfinden. Das macht den Roman absolut zeitgemäß. Pamela Moore war gerade mal 18 Jahre alt, als sie ihr Debüt geschrieben hat. Und Themen wie Freundschaft, Familie, Erwachsenwerden und Liebe genauso aufgriff wie Depression und Suizid, die auch heute noch oft als Tabu gelten. So ist es nicht verwunderlich, dass während der Lektüre Erinnerungen an »Die Glasglocke« von Sylvia Plath aufkamen. Weil es gerade so gut passt, möchte ich an dieser Stelle auf die schöne Besprechung zu »Die Glasglocke« von masuko13 verweisen.

Hier finden sich in der Tat allerhand Parallelen wieder. Beide Autorinnen vereint allerdings auch ein trauriges Schicksal: Sie konnten dem wirklichen Leben irgendwann nicht mehr standhalten und haben sich sehr früh für den Freitod entschieden. Sehr, sehr traurig. Umso wichtiger ist es da, dass dieses erstaunliche Debüt weiterlebt und von vielen mit genauso viel Begeisterung gelesen wird. Denn es steckt einfach zu viel Wahrheit und Wahrhaftigkeit darin. Eben ein Wunderwerk.

Pamela Moore: Cocktails zum Frühstück. Aus dem Amerikanischen von Tanja Handels. Mit einem Nachwort von Emma Straub. Piper, 2015, 302 Seiten, 20,-€. Das Buch direkt und portofrei bei Hugendubel.de bestellen. Oder das eBook für 15,99 € downloaden.

Weitere Stimmen über das Buch:

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13 Gedanken zu “Ein kleines, großes Wunder. Jetzt wiederentdeckt.

    1. OH ja! Hätte ich es eher gelesen, wäre es auch mein Highlight 2015 gewesen. Aber auf diese Weise kommt es aller Wahrscheinlichkeit in die Best-of-Liste 2016. Und so verschwindet es nicht von der Bildfläche. Mögen es noch viele weitere nach uns lesen und ebenso hingerissen sein!

      Liebe Grüße
      Klappentexterin

      Gefällt 1 Person

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