Anders als alle anderen? Total normal!

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Natürlich war mir klar, worauf ich mich bei Miranda July einlasse, und dass ihr Roman »Der erste fiese Typ« keine gewöhnliche Lektüre werden würde. Aber dann hat mich die Autorin doch wieder überrascht, denn die Geschichte ist noch verrückter als verrückt. Ich bin rückwärts gelaufen, habe Kopfstand gemacht und lachend versucht, die bunten fliegenden Punkte vor meinen Augen einzusammeln.

Miranda Julys Oeuvre ist mir wohlbekannt. Bei ihr ist nichts normal, sondern wunderbar fantastisch, leicht verdreht und herrlich inspirierend. So sehr, dass ich Miranda July bereits einen offenen Brief geschrieben habe. Vor ein paar Jahren stieß ich bei YouTube auf ein ungewöhnliches Video von ihr und war sofort verzaubert.

Und ich fragte mich: Hoppla, was ist denn das für ein besonderes Wesen? Kurz darauf verschlang ich dann quasi ihr gesamtes bisheriges Werk – von Videos über Filme bis hin zu ihren Büchern. Dabei traf ich stets auf ebenso verrückte wie liebenswerte Protagonisten. So auch in ihrem Roman »Der erste fiese Typ«, der im vergangenen Jahr bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist. Auch darin wimmelt es nur so von eigentümlichen Charakteren.

Allen voran die Ich-Erzählerin Cheryl Glickman. Sie ist Mitte Vierzig, hat einen Kloß im Hals und ein ganz eigenes Ordnungssystem: Benutze nur so viel, wie du brauchst. Sie braucht nur einen Teller, eine Gabel, ein Messer und einen Löffel. So kann man diese wenigen Dinge nach dem Gebrauch sofort abwaschen und vergisst sie nicht in der Spüle. Obendrein ist Cheryl in den zwanzig Jahren älteren Phillip verliebt, mit dem sie schon seit etlichen Jahrtausenden zusammen ist. Glaubt sie zumindest. Oh ja, ihre Gedankenwelt ist zuweilen sehr versponnen. Was jedoch von ihrer Phantasie locker übertroffen wird. Gleich zu Beginn nimmt mich Cheryl mit in ihr Kopfkino, als sie auf dem Weg zu Dr. Jens Broyard ist, seines Zeichens ein Chromotherapeut.

Dabei taucht sie gleich mal in ihre eigene Welt ab und träumt vor sich hin. Als wäre sie ein Filmstar, ja genau so, malt sie sich aus, wie ihr geliebter Phillip zuschaut und sie ihm im nächsten Moment in die Arme laufen wird. Doch er steht nicht hinter der Tür. So ein Mist! Am liebsten würde unsere Romanheldin sofort umkehren, doch dann macht sie die Bekanntschaft mit Dr. Broyard, der nur dreimal im Jahr in seiner Praxis ist. Die andere Zeit über lebt er mit seiner Frau in Amsterdam. Ansonsten praktiziert dort seine Sprechstundenhilfe, die eigentlich Therapeutin ist. Auch diese Frau wird in Cheryls Leben bald eine wichtige Rolle einnehmen.

Dr. Broyard sagt kurzerhand, was Sache ist: Eigentlich müsse sie zur Psychotherapie, da der Kloß in ihrem Hals nicht echt sei. Aber dort würden nur Paare hingehen, entgegnet Cheryl. Und sie sei nun mal Single. Funktioniert also nicht. Daraufhin zieht der Arzt ein rotes Fläschchen – die Essenz der Farbe Rot – aus seiner Schublade und verordnet ihr, jeden Morgen vorm ersten Urinieren zehn Milliliter einzunehmen. Ich lasse jetzt mal Cheryls Gedanken dazu aus, lehne mich erleichtert zurück und freue mich, dass ich den ersten Part der Geschichte einigermaßen verständlich vermittelt hab. Denn gerade Linien existieren bei Miranda July für gewöhnlich nicht. Stattdessen regnet es bunte Punkte, die man nur schlecht zu fassen bekommt. So lächle ich und schnappe nach den Punkten wie ein Frosch nach einer Fliege. Haps!

Nach dem Arztbesuch wird es noch schräger, so schräg, dass ich manchmal gar nicht weiß, wohin mit mir. Erstmal durchatmen. Und bin begeistert, dass ein Mensch solch herrlich abstruse Einfälle haben kann. Denn das war bisher nur die Ouvertüre, nun fängt das Orchester der Phantasie erst richtig an. Auslöser dafür ist der Einzug der Tochter von Cheryls Chef. Clee ist ein ziemliches Messie-Girl und prügelt sich gern. Zuerst sind sich die beiden Frauen nicht wirklich grün, aber plötzlich verlieben sie sich ineinander. Damit nicht genug – weiterhin passieren innerhalb und auch außerhalb Cheryls Universum so viele verrückte Sachen, dass ich gleichzeitig sprachlos wie auch fasziniert bin.

Eine Pause beim Lesen einlegen? Schlichtweg unmöglich. Hat man sich erstmal fallen lassen in dieses schillernde Leseabenteuer, ist es um einen gestehen. Spätestens mit Jacks Auftritt ist das eigene Herz riesengroß wie ein Ballon. Jack? Who is Jack? Nun, das verrate ich natürlich nicht. Nur so viel: Mit seinem Erscheinen reißt die Autorin das Ruder herum in eine besonders warme Richtung. Sonne überall: auf der Nasenspitze, in den Ohren und im Herzen. Danach hört das Grinsen in meinem Gesicht nicht mehr auf. Oder begann es schon vorher? Egal! Wie gesagt, bei Miranda July gibt’s keine geraden Linien.

»Der erste fiese Typ« passt in keine Schublade, da gebe ich Bibliophilin und Buchrevier Recht. Doch eins kann ich mit Gewissheit sagen: Das Buch ist eine total verrückte und gleichsam liebenswerte Lektüre, nach der man die ganze Welt umarmen möchte. Aus Dankbarkeit, dass es solche kreativen Köpfe wie Miranda July gibt. Und auch deshalb, weil sich verrückt plötzlich ziemlich normal anfühlt. Also keine Angst, wenn ihr manchmal daran zweifelt, anders als alle anderen zu sein.

Miranda July: Der erste fiese Typ. Aus dem amerikanischen Englisch von Stefanie Jacobs. Kiepenheuer & Witsch, August 2015, 336 Seiten, 19,99 €. Jetzt portofrei bei Hugendubel.de bestellen. Oder das eBook für 17,99 € downloaden. Wer das Buch im Original lesen möchte, kann dies auch. Aktuell kostet die amerikanische Ausgabe 10,45 € und ebenfalls bei Hugendubel.de zu erhalten.

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