Das Leuchten der Bilder. Und der Worte.

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Zart wie Schneeflocken schweben David Foenkinos Worte in meine Augen. Aber erst einmal muss ich mich an seine ganz eigene Art zu erzählen gewöhnen. Es ist ein wenig so, als würde ich aus dem Licht kommen und einen dunklen Raum betreten. Den ich trotz allem nicht mehr verlassen möchte. Zu anziehend sind seine schlichten Sätze, die nicht hintereinander sondern untereinander stehen, dabei eine enorme Kraft versprühen und an ein sehr langes Gedicht erinnern. So lese ich ganz langsam Satz für Satz auf und tauche in eine zutiefst bewegende Geschichte.

Der Autor bezeichnet »Charlotte« als sein Herzensprojekt. Und dieser ungewöhnliche Roman, der auf einer wahren Geschichte beruht, hat auch mein Herz sehr berührt. Ist es doch ein tragisches, bewegendes und interessantes Leben, von dem David Foenkinos erzählt. Ein Leben voller Kultur und Begegnungen mit berühmten Menschen wie Albert Einstein und Erich Mendelsohn. Es ist die Geschichte der deutsch-jüdischen Malerin Charlotte Salomon, die mit 26 Jahren im KZ ums Leben gekommen ist. Und im fünften Monat schwanger war.

Alles hat seinen Anfang – so auch hier. Jahre vor Charlottes Geburt schaut der Autor in das Leben ihrer Mutter.

Und das ist rabenschwarz wie eine mondlose, bewölkte Nacht. Ihre Schwester leidet an Depressionen, verliert sich zusehend im schwarzen Mantel der Melancholie und sieht bald nur noch einen Ausweg – die geliebte Brücke. Von der stürzt sie sich eines Nachts ins kalte Wasser und »stirbt einen qualvollen Tod«. Was danach zu lesen ist, schnürt mir den Hals zu:

»Der Vater versinkt in Schweigen.
Die Schwester weint.
Die Mutter schreit ihren Schmerz aus sich heraus.«

Nein, es wird nicht heller. Aber ich bleibe in der Geschichte, lese unter Schmerzen weiter. Eine schweigende Familie, die nicht zur Beerdigung der Tochter geht und sich in einer tiefen Stille vergräbt. Einzig die Schwester wagt irgendwann den Schritt, setzt sich ans Klavier und singt leise ein Lied und bringt so wieder Leben in die Familie. Dann bricht der Krieg aus und Franziska – die einzig noch lebende Tochter der unglücklichen Eltern – meldet sich freiwillig.

»Manche halten sie für mutig.
Aber ihr macht der Tod einfach keine Angst mehr

Dort lernt Franziska Albert Salomon kennen, einen jüdischen Chirurgen. Zurück im heimischen Berlin ist der Empfang eisig. Franziskas Eltern sind überhaupt nicht einverstanden mit dem neuen Schwiegersohn, willigen dann aber doch in die Hochzeit ein. Die Jungvermählte bleibt allein in der großen Wohnung in Charlottenburg zurück und läuft durch das Viertel, während ihr Mann an der Front als Arzt dient.

Der Autor, der sich immer wieder einklinkt, erzählt, wie gerne er ebenfalls in dem Viertel unterwegs ist. Fasst hätte es einen Roman mit dem Titel »Savignyplatz« gegeben. »Auf seltsame Art brachte dieser Name in mir etwas zum Klingen. Irgendetwas zog mich an, ohne, dass ich hätte sagen können was.« Jetzt weiß er warum, auch ich, die stille Leserin atmet hörbar auf und hat Gänsehaut.

Wie sich Foenkinos auf den Spuren Charlotte Salomons begibt, folge ich dem Autor aus dem Buch heraus, besuche die Wielandstraße 15 und finde dort die drei Stolpersteine, über die er schreibt. Die Gedenktafel am Haus ist jetzt nach den Bauarbeiten wieder sichtbar. An einem Spätsommertag schlüpfe ich durch die offene Haustür und kann fühlen, was der Autor seinerzeit gespürt haben muss, halte lange inne und kehre gedanklich zurück in sein Buch.

Franziska wird schwanger und tigert weiterhin allein durch die Wohnung, bis sie endlich am 16. April 1917 ihre Tochter Charlotte zur Welt bringt. Was zu diesem Zeitpunkt noch keiner ahnt: Charlotte Salomon wird eine große Künstlerin, die tragischerweise erst nach ihrem Tod bekannt werden sollte.

Leben? Oder Theater? heißt ihr Bilderzyklus, der im wahren Leben zu Gast in vielen Museen war. Als der Autor ihre Ausstellung zum ersten Mal sieht, hatte er das Gefühl, endlich angekommen zu sein. »Ich war nach langer Irrfahrt am Ziel angelangt.« Nach vielen Schreibversuchen merkt der Autor alsbald, er kann nicht wie sonst schreiben. »Ich verspürte beständig das Verlangen, eine neue Zeile zu beginnen. Um durchatmen zu können. Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genauso schreiben musste.« Für diese – zunächst anfänglich – befremdliche Form bin ich dankbar, denn genau das braucht die Geschichte: Viel Raum, um durchzuatmen. Die schenkt uns der Autor mit seinen kurzen Sätzen.

Ich kannte die Malerin bis zu diesem Buch gar nicht, habe mich aber gleich nach der Lektüre schlau gemacht und erfahren, dass Charlotte im Exil in zwei Monaten 1300 Bilder gemalt hat. Bilder aus ihrem Leben, über sie und die Menschen, die ihr am nächsten standen. Aber es waren nicht einfach Bilder – Charlotte Salomon versah ihre Kunstwerke mit Texten oder unterlegte sie mit Musik. Ein ergreifender Schaffensprozess, an dem mich der Autor teilhaben und hinter die Farbstriche blicken lässt. Das Malen ist Charlottes Medizin, jeder Pinselstrich holt sie ein Stückchen weiter aus ihrer Depression heraus. Denn dies scheint regelrecht eine Familien-Krankheit zu sein. Nicht nur ihre Tante war davon betroffen, auch ihre Mutter und viele andere aus der Familie. Die Dunkelheit legt sich wie ein Tuch über ihre Seelen und lässt viele freiwillig aus dem Leben scheiden – bis auf Charlotte. Die will einfach nur weiterleben, mit dem Malen, dem Kind in ihrem Bauch und dem Mann an ihrer Seite, den sie im Exil getroffen hat. Doch das Schicksal ist unbarmherzig und zerstört das junge Glück.

Wenngleich über dieser Geschichte – die ja mehr eine Biographie als ein fiktiver Roman ist – ebenso eine dunkle Wolke liegt, kann ich nicht aufhören, darin zu verweilen. Natürlich darf Literatur unterhalten. Sie darf aber auch an unserem Innersten rütteln und uns aufscheuchen wie junge Vögel, die aus dem Nest gejagt werden. Dass dies ein schmerzlicher Prozess ist, dem sich nicht jeder Leser beugen möchte, kann ich nachvollziehen. Für mich ist »Charlotte« eine erkenntnisreiche Erfahrung, für die ich zutiefst dankbar bin. Der Autor präsentiert seinen Lesern ein bedeutendes Zeugnis unserer Zeitgeschichte. David Foenkinos holt die Gräueltaten des Naziregimes ins friedliche Wohnzimmer. Er berichtet von den Judenverfolgungen und den menschenverachteten Handlungen der Faschisten, aber auch von der kurzen Verschnaufpause im Exil in Nizza. Genauso zeichnet er mit seinen einfühlsamen Worten tiefe Einblicke ins Charlottes Seele.

»Charlotte« ist, wie gesagt, ein Herzensprojekt des Autors. Und das spüre ich in jeder Zeile. Seine zarten Sätze erzählen eine bewegende Künstlerbiographie im Berlin der 30er Jahre, die auch den historischen Hintergrund einbezieht. Erstaunlich, was Foenkinos alles in die wenigen Seiten packt. Atemlos schließe ich das Buch und sehe Charlotte Salomons Farbstriche vor meinen Augen tanzen. Denn die Farbe, die leuchtet auch in dunklen Zeiten.

David Foenkinos: Charlotte. Aus dem Französischen übersetzt von Christian Kolb. DVA, August 2015, 240 Seiten, 17,99 €. Das Buch könnt ihr jetzt direkt bei Buchhandel.de bestellen.

Wer noch mehr über die Malerin erfahren möchte, dem empfehle ich:
>> Diesen schönen Hörbeitrag beim WDR
>> Das Buch »Charlotte Salomon. 1917-1943: Bilder eines Lebens«
von Astrid Schmetterling, erschienen im Jüdischen Verlag. Leider ist es derzeit nicht lieferbar.

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10 Gedanken zu “Das Leuchten der Bilder. Und der Worte.

  1. Liebe Klappentexterin,
    Deine Rezension spricht mir mal wieder aus dem Herzen. Auch ich habe dieses Buch mit einer Wonne gelesen, obwohl ich erst von der Form etwas irritiert war.
    Es ist eine unglaublich mitreißende Geschichte, die einem nicht mehr so schnell loslässt. Ich bin abgetaucht, war darin versunken und bin ungläubig wieder aufgetaucht. Das Leben von Charlotte Salomon wird auch mich noch eine Weile beschäftigen.
    Hab eine schöne Woche.
    LG
    lesesilly

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    1. Guten Morgen liebe lesesilly,
      schöner kann die neue Woche gar nicht anfangen, als mit deinem Kommentar. Ganz lieben Dank dafür!
      Ich freue mich sehr, dass du ebenfalls höchst eindrucksvolle Lesestunden mit diesem besonderen Buch erlebt hast und wir uns wieder ein Buch mit Begeisterung teilen.
      Ich würde am liebsten in eine Ausstellung mit ihren Bildern gehen und hoffe daher sehr, dass dies nochmal möglich sein wird.

      Sonnige morgendliche Herbstgrüße und die besten Wünsche für die neue Woche
      Klappentexterin

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  2. Ein sehr aufwühlendes Buch. Ich habe tatsächlich ein paar Tage Abstand gebraucht, bis ich meine Buchbesprechung formulieren konnte. Danke für deine tolle Rezension, die genau die Stimmungen wieder gibt, die man beim Lesen von Charlotte empfindet.

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  3. Von David Foenkinos kenne ich nur „Nathalie küsst“, und ich erinnere mich an die streckenweise poetische Sprache. Doch diese Geschichte hat einen ernsten, sogar historischen Hintergrund. Ich finde deine Hintergrundinformationen zum Autor und zur Künstlerin Charlotte Salomon sehr spannend. Wahrscheinlich werde ich seinen neuen Roman lesen. Fragt sich nur wann!

    Liebe Grüße nach Berlin.

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  4. Das klingt beeindruckend und schön. Damit habe ich bei dem Autor gar nicht gerechnet. Ich habe damals „Nathalie küsst“ gelesen – oder eher gesagt: Mich durchgequält. Ich fand es unheimlich plump und unsympathisch. Das klingt nach dem genauen Gegenteil.
    Sollte ich dem Autor etwa nochmal eine Chance geben?

    Liebe Grüße
    Mareike

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