Vertrieben, verloren, aber nicht vergessen.

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Mein Wissen über Indonesien glich bis vor kurzem dem eines Reiskorns. Nun ist es so groß wie eine gut gefüllte Reisschale. Das habe ich – wie könnte es anders ein – einem Buch zu verdanken. Die indonesische Autorin Leila S. Chudori erweist sich mit ihrem Roman »Pulang (Heimkehr nach Jakarta)« als beeindruckende Erzählerin und Chronistin des Zeitgeschehens ihres Landes. Sie entwirft ein weites Panaroma von 1965 bis 1998, in dem das Schicksal vieler Menschen genauso eine bedeutende Rolle einnimmt wie die bewegende Geschichte ihres Heimatlandes. Doch nicht nur das Reiskorn spornte mich an – ich wollte auch mehr über das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse erfahren.

Leila S. Chudori hat mit ihrem Werk eine Symphonie aus vielen Stimmen geschaffen. Mancher Leser mag sich darin vielleicht verlaufen und nicht ganz warmwerden. Denn hier kommen viele Menschen auf verschiedenster Weise zu Wort: In Briefen, in Erzählungen aus der Ich-Perspektive und aus der distanzierten Er-Position sowie in Zeitsprüngen. Die Autorin wechselt Zeiten wie Orte – mal sind wir in Jakarta, mal in Paris. Doch immer anwesend ist eine durchdringende, menschliche Zeichnung ihrer Figuren, die mich auf Anhieb berührt hat. Aus Fremden werden vertraute Begleiter, denen ich gelauscht habe.

Die erste Stimme, die zu mir spricht, ist Hananto Prawiro. Wir schreiben das Jahr 1968, und der Journalist ist in Jakarta in einem Fotostudio untergetaucht. Eine historische Jahreszahl, mit der ich nun weitere furchtbare Ereignisse verbinde: Verhaftungen, Folter, Gefangenschaft von unschuldigen Menschen und eine tief sitzende Angst. Hananto wird gefasst, das verrät der Prolog.

Zudem öffnet dieser mir die Tür zu Dimas Suryo, einen engen Freund und Kollegen. Ihn lerne ich eine Seite später kennen, im Mai des gleichen Jahres, in Paris. »Es war absurd. An jenem Abend in Jakarta hätte sich die Schlinge des Militärs um meinen Hals legen müssen. Aber ich war hier, inmitten einer wogenden Menge französischer Studenten.« Dimas steht mitten im Tumult, beobachtet die Demonstration an der Sorbonne und bleibt beim Anblick einer schönen brünetten Frau hängen. »Bestimmt war die Farbe ihrer Augen aus dem Grün von Weinblättern und dem Blau des Indischen Ozeans gemischt worden. In diesen frischen Farben wollte ich Zuflucht suchen. Das Grün ihrer Augen wäre mein Teppich aus Gras, hier könnte ich mich niedersetzen oder mich auf den Rücken legen; das Meeresblau wäre der Himmel, der sich wie ein Schirm über mir spannte

Während Dimas Beine versagen, ist Vievienne mutiger und spricht den fremden Mann mit einem neugierigen »Ça va…?« an. Beide kommen ins Gespräch, gehen nach der ersten Begegnung auseinander, um kurze Zeit durch Zufall erneut zusammenzutreffen. Dieses Mal gehen sie ein Kaffee trinken, danach folgen weitere und Spaziergänge durch Paris. Vivienne zeigt Dimas ihre Stadt und führt ihn an schöne Orte an der linken Seite der Seine wie das Antiquariat von Monsieur Antoine Martin, einem pensionierten Polizisten, der es liebt, den Besuchern seines Ladens aus seinen Lieblingsbüchern Passagen vorzulesen.

Indes kommen sich Vivienne und Dimas näher und Dimas öffnet sich, einige Zeit später, wie eine Blume, als er die Traurigkeit nicht mehr aushält. Vivienne hat ihn nie gedrängt, über seine Vergangenheit zu berichten. Doch jetzt holt Dimas den Brief von Hanantos ältester Tochter hervor und liest ihn ihr vor. Danach halten sich beide mit Tränen in den Augen in den Armen. Das sind berührende Momente des Lesens. Dieser Brief ist der Schlüssel zu Dimas Vergangenheit, in die er seine Freundin von nun an nach und nach mitnimmt. Beim Rückblick wechselt die Schrift ins Kursive, die Ich-Erzählstimme bleibt indes vertraut in meinen Ohren und führt mich in seine Vergangenheit, die ihn nicht loslässt und immer wieder wie ein Echo zu ihm zurückkehrt. Wie soll man in einem fremden Land ankommen, wenn einem das eigene verschlossen bleibt? Dimas lebt im Exil und darf nicht mehr zurückkehren. Hier erschließt sich auch der Titel des Romans: »Pulang« bedeutet Heimkehr nach Jakarta.

Es ist eine beklemmende Vergangenheit, die unter anderem davon erzählt, wie Dimas 1965 nach einem Aufenthalt in Chile nicht wieder in seine Heimat zurückkehren durfte. So kam er über Umwege mit drei Freunden nach Paris. Wie sich das anfühlt, dafür findet Leila S. Chudori sehr eindringliche Worte: »Leben im politischen Exil bedeutet fast täglich Störfälle und Hindernisse, die es zu überwinden gilt. Der Reisepaß ist eingezogen, man lebt in einem fremden Land, in einer fremden Stadt, man findet sich bei einer anderen Arbeit wieder, bei einer anderen Familie… und all dies ohne vorhersehbaren Plan. Mit dieser Situation waren auch wir konfrontiert: Wir waren auf der Suche nach unserer Identität wie heimatlose Seelen nach ihrem Körper.« Und so entscheiden sich die Freunde nach ihrer ersten ruhelosen Zeit des Umherirrens und zahlreichen Jobs, ein kleines Restaurant mit indonesischer Küche zu eröffnen, um auf diese Weise auch ihrer vermissten Heimat wieder ein Stück näher zu sein.

gewuerze Das Lokal trägt den Namen »Tanah Air«, was Heimatland bedeutet. Dimas kocht hervorragend und das Restaurant wird schnell ein Erfolg. Im »Tanah Air« verwöhnt Dimas seine Gäste, auch mir läuft bei der Beschreibung der Gerichte und dem Duft der Gewürze das Wasser im Mund zusammen. Dimas ist ein zeremonieller Koch, der die Gewürze – und das Vermischen – mit einer hingebungsvollen Liebe behandelt. Ich kann das Essen zwar nicht schmecken, atme aber dafür den wohlriechenden Duft der Buchseiten ein, die ein ebenso wunderbares Aroma verströmen. Es ist der typische Papiergeruch aus dem Weidle Verlag, der mich erneut in Gänze verzaubert – zusammen mit der liebevollen Gestaltung des Buches. So empfangen mich gleich auf den ersten intensive und schöne indonesische Bilder, die dem Buch eine Wärme verleihen. (Foto: Stefan Weidle)

Chudori entfaltet die düsteren Zeiten Indonesiens. Zeiten, in denen unter der Regierung von Suharto viele Menschen ihr Leben verlieren oder ein Stigma tragen, wenn sie nur unter dem Verdacht stehen, Kontakt zu einer kommunistischen Vereinigung zu haben. Unter dem Diktator durften Familienangehörige keine öffentlichen Berufe wie Richter, Lehrer und Journalisten erlernen, wenn sich im Stammbaum der Familie oder im Freundeskreis nur die kleinste Verbindung zum Kommunismus fand. Man hatte Angst, dass diese Menschen die Gesellschaft »beeinflussten«. Überdies »schuf die »Orde Baru« ein Klima der Angst mit ständiger, systematischer Kontrolle.« Unter dem Begriff »Orde Baru« verbirgt sich die sogenannte neue Ordnung von Suharto.

Eine weitere spannende Wendung nimmt der Roman, als die Tochter von Vievenne und Dimas, Lintang, ihre Bachelor-Abschlussarbeit an der Sorbonne überarbeiten muss. Eigentlich will sie einen Film über algerische Migranten drehen, doch ihr Professor findet die Idee nicht besonders einfallsreich, da schon viele Studenten vor ihr das Thema gewählt haben. Schließlich könnte sie mit ihrem Talent und dem familiären Hintergrund wirklich interessantere Themen finden. Immerhin sei ihr Vater »Teil einer wichtigen Etappe der politischen Geschichte Indonesiens«.

Nach diesem Gespräch brodelt es heftig in Lintang, doch sie horcht in sich hinein und versucht herauszufinden, wie sich Indonesien für sie anfühlt. »Für mich war Indonesien ein Ort wie aus einem Märchen, ein Ort, der nur in der Phantasie existierte. Gleichzeitig war Indonesien für mich ein Name auf der Landkarte, ein geographischer Begriff. Schon lange hatte ich diesen mir so fremden und doch vertrauten Teil in meinem Inneren vergessen.« Das Verhältnis zu ihrem Vater ist zu dieser Zeit nicht besonders gut, sie streiten sich oft. Und doch löst das Gespräch mit dem Professor etwas in der 23jährigen aus, die dreisprachig aufgewachsen ist und dank der väterlichen Kochkünste einen Magen so groß wie ein Fußballfeld hat. Sie beschließt, sich auf den Weg nach Indonesien zu machen. Die Familie unterstützt sie vorbehaltlos sowie ihr Freund Nara und die drei Freunde ihres Vaters – den »Oms« (Om ist die indonesische, respektvolle Anrede für Menschen, die älter sind als der Sprecher. Das erfahre ich im Glossar, das hinten im Buch zu finden ist, da einige indonesische Begriffe im Text eingebunden sind.)

Dort angekommen, gerät sie mitten in die Zeit der studentischen Proteste, die den Sturz Suhartos fordern. Mutig filmt sie die Geschehnisse und arbeitet parallel an ihrer Dokumentation, für die sie Stimmen aus der Vergangenheit in die Gegenwart transformieren möchte. Ein mutiges wie erschütterndes Unterfangen. Und wäre das nicht genug, verliebt sich Lingtang in den Sohn der ersten Liebe ihres Vaters, die wiederum Hananto geheiratet hat.

Leila S. Chudori ist eine begnadete Autorin, das spüre ich mit jeder Zeile. Sie arbeitet für das indonesische Wochenmagazin »Tempo«, ist u.a. Filmkritikerin und preisgekrönte Drehbuchautorin. In ihrem Roman vereint sie journalistisches Know-how mit dem Feingefühl einer Schriftstellerin, die weiß, wie sie ihre Leser mitreißen kann. Ihre wundervolle Sprache erzählt von Liebe, Eifersucht und bewegenden Einschnitte im Leben ihrer Protagonisten. »Pulang« ist keine Lektüre für zwischendurch. Dieses eindringliche, komplexe und menschliche Buch fordert Ruhe. Wer sich darauf einlässt, der wird mit unvergesslichen Lesestunden belohnt. Und erfährt obendrein eine Menge zur Geschichte Indonesiens, über das Wesen einer Diktatur, dem Leid der Menschen unter einem unmenschlichen Regime und das Leben im Exil. So gewinnt das Buch eine geradezu greifbare Aktualität. Ich werde es noch lange in meinem Herzen tragen.

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Leila S. Chudori: Pulang (Heimkehr nach Jakarta). Aus dem Indonesischen übersetzt von Sabine Müller. Weidle Verlag, Juli 2015, 432 Seiten, 25,- €. Das Buch ist bei Buchhandel.de direkt bestellbar. Das eBook erscheint bei Culturbooks und ist dort für 16,99 € erhältlich. Eine Leseprobe zum Buch findet ihr direkt beim Weidle Verlag an dieser Stelle.

Gern möchte ich auf weitere Besprechungen über »Pulang« verweisen:
In der Kulturzeit bei 3sat vom 9.10. gab es einen schönen Beitrag über das Buch wie auch über »Alle Farben Rot« von Laksmi Pamuntjak (erschienen beim Ullstein Verlag). Zudem habe ich der Besprechung beim SWR mit großer Freude gelauscht. Genauso angetan war ich von Günter Nawes schönen und ausführlichen Rezension auf der Homepage der  M’Lengfeldsche Buchhandlung.

Wer noch mehr über aktuelle indonesische Literatur erfahren möchte, dem empfehle ich Maras Beitrag »Indonesien. Das unbekannte Land« auf ihrem Blog Buzzaldrins Bücher. Sehr lesenswert und herrlich inspirierend!

All diejenigen von euch, die diesjährige Frankfurter Buchmesse besuchen, haben im Ehrengast-Pavillon auch die Möglichkeit, noch mehr über Indonesien zu erfahren. Eine Übersicht zu den Veranstaltungen findet ihr hier.

Ich wünsche euch allen viel Freude beim Entdecken des Gastlandes und wunderbare Stunden auf der Buchmesse!

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4 Gedanken zu “Vertrieben, verloren, aber nicht vergessen.

  1. Ich fand dieses Buch wirklich interessant, auch wenn der Stil mich nicht immer gefallen hat (oft ein Bißchen zu trocken und faktgeladen). Wie Sie, hatte ich vor kurzem gar nichts über Indonesian gelesen, aber diese Woche, wegen der Frankfurter Buchmesse, werde ich drei Rezensionen von Indonesischen Bücher herausbringen – und wahrscheinlich einige mehr später auch 🙂

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    1. Lieber Tony,
      vielen Dank für die Nachricht! Der Stil ist sehr eigen, wohl wahr, aber ich mochte ihn gerade deshalb, also wegen der vielen verschiedenen Stimmen. Da hat das Buch einfach zur richtigen Leserin gefunden. Ich freue mich auf weitere indonesische Entdeckungen auf Ihren Blog. Schön, dass das Land dort die Tage so präsent ist.

      Viele Grüße
      Klappentexterin

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