Eine Reise in den Norden.

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Der Zauber von Büchern liegt auch darin, dass sie uns mit auf Reisen nehmen, ohne dass wir Koffer packen müssen. Wir brauchen einzig unsere Augen und genügend Muße, um vollkommen in andere Welten eintauchen zu können. Dann passieren oft wundervolle und spannende Dinge, die uns den Alltag vergessen lassen. So kehre ich mit leuchtenden Augen aus einem maritimen Abenteuer zurück, das mir der Guggolz Verlag mit »Vater und Sohn unterwegs« von Hedin Brú beschert hat.

Bevor ich in die Geschichte einsteige, muss ich erstmal über die wunderschöne Gestaltung des Buches schwärmen. Das dunkelblaue Cover lockt mit schwimmenden Walen, ein bezaubernder Anblick, der mich einen Moment verweilen lässt, bevor ich den Roman aufschlage. Und mich wieder wohlig seufzen lässt über die Detailverliebtheit der Kleinverlage.

Aber nun: Mit einer aufregenden Grindwaljagd beginnt die Geschichte, die bereits 1940 erschienen ist und jetzt neu von Richard Kölbl übersetzt wurde. Die Ankunft der Grindwale versetzt das färörische Städtchen Seyrvágur in helle Aufruhr: »Auf jedem freien Platz um die Häuser scharen sich die Massen. Sie fluten die Treppen hinauf in die Häuser, ergießen sich auf die Wege hinaus, auf die Landungsbrücken und die Boote. Eine große tatkräftige Schar breitgewachsener Grindwalfänger.« Mittendrin im Getümmel Ketil und sein jüngster Sohn Kálvur. Während »die Motoren schnurren, die Dollen knarren« sind die beiden Teil einer großen Jagd. Fasziniert beobachte ich das spannende, nasse, blutige Schauspiel und kämpfe mit unterschiedlichen Empfindungen.

Einerseits bin ich verzaubert von den schönen Worten. Andererseits verkrampft sich mein Herz angesichts der Kämpfe und des Mordens der Grindwale. In meinen Augen ist es ein befremdliches Unterfangen, für die Waljäger der Färöer damals ihr Lebensunterhalt. So bleibe ich bei dem Blut, das sich mit dem Wasser mischt und schaue gebannt weiter. Bis sich Ketil und Kálvur wieder in mein Blickfeld schieben. Beide versuchen, etwas von dem Grindwalfleisch zu ergattern, doch sie bekommen nur minderwertigen Brei. Bei der Versteigerung des Walfleisches sind sie dann erfolgreicher. Aus Übermut ersteigert Ketil ein richtig großes Stück, mehr als er eigentlich zahlen kann. Dies ist der Auslöser für eine Krise, die sich wie eine Angelschnur durch die Geschichte zieht. Denn Ketil hat vorher nie so hohe Schulden gemacht. Es ist noch etwas Zeit, bis der Bezirksvorsteher vor der Tür steht und das Geld für das Walfleisch einfordert. So lässt sich der tüchtige alte Mann allerhand einfallen. Auch sein fauler, ungeschickter Sohn muss sich daran beteiligen. Wobei dieser viel lieber im Bett liegt oder mit der Nachbarstochter schmust.

Es ist eine archaische, fremde Welt, in die mich der Autor entführt – und genau das macht diesen Roman zu einem außergewöhnlichen Erlebnis. Das Leben in den Buchdeckeln unterscheidet sich komplett von dem, das mich täglich umgibt. Die Moderne steckt noch in den Kinderschuhen, kommt aber langsam voran. Das macht Ketil zu schaffen, hält er doch lieber an den alten, vertrauten Dingen fest. Selbst ist der Mann – noch mit siebzig Jahren! Damit brüstet er sich trotz aller Schinderei gern in Anwesenheit seiner Frau. Beharrlich wehrt er sich gegen die Hilfe seiner Söhne, die längst ein anderes Leben leben und keinerlei Probleme damit haben, Schulden zu machen. Nach Ketils Meinung sind es die »Frauenzimmer«, die seine Söhne verderben würden.

Hedin Brú erzählt aus dem Leben armer und einfacher Menschen, die ums Überleben kämpfen und vom Meer abhängig sind. Das Klima ist rau, genauso wie der Ton. Man höre nur, was Ketil zu seiner Frau sagt: »Deine Stampfer sind auch nicht hässlicher als die von anderen Frauen, und heutzutage läuft ohnehin alles mit den halben Oberschenkeln nackt unterm Rock herum.«

Trotzdem – die knorrigen Leute erwärmen mit ihren Eigenheiten mein Herz. »Vater und Sohn unterwegs« führt mich auf eine Inselwelt, die mir bislang nahezu unbekannt war. Jetzt habe ich das Gefühl, tatsächlich dagewesen zu sein. Dies ist nicht nur der fabelhaften übersetzten Geschichte zu verdanken, sondern auch dem anschließenden höchst interessanten Glossar und Nachwort. Und ich musste wieder keine Koffer packen.

Hedin Brú: Vater und Sohn unterwegs. Aus dem Färörischen übersetzt und mit einem Glossar von Richard Kölbl. Mit einem Nachwort von Klaus Böldl. Guggolz Verlag, März 2015, 205 Seiten, 22,- €.

karenina illustrationWeitere Stimmen zum Buch:
>masuko13 hat auf We read Indie ihre Rezension veröffentlicht
>lustauflesen.de

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4 Gedanken zu “Eine Reise in den Norden.

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