Hitzefrei! Dank einer sommerleichten Geschichte.

sommertag2015

Von der Leichtigkeit des Sommers ist die Tage wenig zu spüren. Die Hitze kriecht in die Wände der Häuser, hängt sich in die Haare der Menschen und weht ihnen heiße Luft wie ein Föhn auf höchster Stufe ins Gesicht. Das Leben spielt sich in Zeitlupe ab, die Stadt ist ein einziger Backofen. Da hilft nur ein kühles Bad. Oder ein Ausflug in die Welt der Bücher. Dort habe ich sie wiedergefunden – die Leichtigkeit des Sommers. »Geneviève – Ein französischer Sommer« von Gerd Pfeifer hat mich verzaubert und die Hitze vergessen lassen.

Alles beginnt mit einem Brief an Gérard – dem Ich-Erzähler dieser bezaubernden Sommergeschichte. Der Brief lässt die Vergangenheit an den Sommer vor über fast fünfzig Jahren wieder lebendig werden.

In seinem kurzweiligen, heiteren und leicht melancholischen Roman entführt mich der Autor auf eine kleine bretonische Privatinsel im Golf von Saint-Malo. Es ist die Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Der junge Banker Gérard hat gerade erst sein Volontariat bei einer großen französischen Bank angetreten, als ihm die Einladung ereilt, seine Sommerfrische auf der Privatinsel des »Monsieurs le directeur der Wertpapierabteilung« zu verbringen. Gérard nimmt an und reist mit der Bahn in die Bretagne. Am Bahnhof holt ihn Pierre, ein Mitarbeiter der Familie, ab und sie setzen mit einem Boot auf die kleine Insel über. Allerdings erwartet den Protagonisten statt einer imposanten Villa lediglich ein »weitläufiges Wochenendhaus«.

Die Fenster sind klein, das Gebäude verwittert und die Hausherrin ist damit beschäftigt, Blattläuse von den Pflanzen zu zupfen. Schnell fühlt sich Gérard unbehaglich in seinem Anzug, dem weißen Hemd und der Clubkrawatte. Außer der Madame, Pierre und dessen Frau scheint niemand mehr auf der Insel zu sein. Eigentlich gibt es Strom, aber die Hausherrin schätzt den Lärm des Generators nicht. Man nutzt lieber das natürliche Licht und kühlt alles Essbare im Keller. Während Gérard über das eher bescheidene Leben der wohlhabenden Leute staunt, überhört er fast die Nachricht, dass in den nächsten Tagen die Tochter der Hausherrin und zwei Brautjungfern auf die Insel kommen werden.

Mit der Ankunft der Frauen beginnen die Seiten des Buches wundersam zu flirren. Ein junger Mann und drei junge Frauen im Sommer auf einer kleinen Insel – das verspricht eine äußerst reizende Geschichte! Und ja, das ist sie, so viel sei schon verraten. Geneviève ist die Tochter der Hausherrin, die vor ihrer Hochzeit nur zu gern noch einmal von dem süßen Nektar der Freiheit kosten möchte.

Immer wieder schaltet sich die Briefschreiberin in kursiver Schrift dazwischen. Sie ist Genevièves Enkelin, die Gérard von Dingen berichtet, von denen er bis dahin nichts geahnt hat.

Dieses schmale Büchlein erfreut mit allerhand bezaubernden Momenten, in denen die Leichtigkeit wie sanfte Sommerbrisen zu spüren ist. Gerd Pfeifer zieht mich von der Couch direkt an den Strand vor die schwarzen Granitfelsen. Mit Genuss lese ich Sätze wie diesen: »Wenn man sich mit dem Rücken an den kühlen Felsen lehnte, öffnete sich der Blick weit hinaus aufs Meer, das Atem holte, um zur rechten Zeit die Flutwelle über den Strand stürmen zu lassen und das vorwitzige Land, das sich weit hinausgewagt hatte, wieder zu verschlingen.« So rauscht das Meer, atmet ein und aus, derweil die Sonne ihre Fühler nach den übermütigen, flirtenden jungen Leuten ausstreckt. Ich sehe alles bildlich vor mir und fühle mich wie in einem französischen Film. Ein Lächeln umspielt meine Lippen, während die Melancholie sanft ihr Lied aus den Seiten haucht. Obendrein erfreut das Buch mit einem wunderschönen, sommerlichen Cover.

Im Klappentext steht, dieses Buch erinnere in seinem Ton an Kurt Tucholskys »Schloß Gripsholm«. Ja, genauso ist es. Wunderbar leicht und doch von einer sanften, melancholischen Tiefe umgeben, die hängenbleibt, wie die Sonnenstrahlen in den Haaren, selbst dann noch, nachdem die Sonne bereits untergegangen ist. Da kann einem selbst die Hitze nichts mehr antun.

Gerd Pfeifer: Geneviève – Ein französischer Sommer. Ripperger & Kremers Verlag, August 2015, 112 Seiten, 14,90 €.

karenina-illustration

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8 Gedanken zu “Hitzefrei! Dank einer sommerleichten Geschichte.

  1. Wieder findest du die richtigen Worte, wenn du das Flirren und die Leichtigkeit eines Sommertages mit diesem Buch vergleichst. Ich hab es auch sehr gern gelesen.
    Und … ja, die melancholisch-frische Atmosphäre bleibt tief im Herzen, auch wenn das Buch längst ausgelesen ist.
    Liebe Grüße, masuko

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  2. Liebe Klappentexterin,

    was für eine ansprechende Rezension!!!

    Nachdem ich gerade das zauberhafte Buch „Glühwürmchensommer“ von Gilles Paris beendet habe, freue ich mich jetzt auf „Geneviève“.

    Viele Grüße

    Rosa

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  3. Eine bezaubernde Rezension, die derart atmosphärisch ist, dass es sich beim Lesen anfühlte, als wäre ich selbst auf der bretonischen Insel gestrandet. Wie gerne würde auch ich das Flirren verspüren, das die Seiten des Buches von sich geben. Ist quasi schon auf dem Wunschzettel, ach was im Einkaufskorb…

    Herzliche Stöbergrüße

    Steffi

    Gefällt 1 Person

  4. Liebe Klappentexterin, das klingt nach einem Buch ganz nach meinem Geschmack. Die ideale (Spät-)Sommerlektüre! Habe es mir auch gerade auf die Wunschliste gesetzt 😉 Danke für die schöne, stimmungsvolle Rezension!
    LG, Stefanie

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