In guten wie in bösen Träumen.

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Wahre Worte finden sich bereits auf dem Klappentext von »Sie träumt von Pferden«: »Wir alle sind Tiere, aber manchmal vergessen wir das.« Für eine Tierliebhaberin wie mich natürlich eine wundervolle Einladung. Und das Gemeinschaftswerk von Michael Weins und Katharina Gschwendtner weckte sofort meine Neugier.

Ich hatte »Sie träumt von Pferden« noch nicht einmal geöffnet und wusste bereits: Das hier ist was ganz Feines. Das Cover des Buches ist einfach bezaubernd und lädt zum Träumen ein. Träumen mit Büchern – was kann es Schöneres geben?! Michael Weins hatte mich bereits mit seinem Roman »Lazyboy« begeistert. Wie Haruki Murakami verband der Autor fantastische Elemente mit der Wirklichkeit. Auch das aktuelle Buch verspricht Zauberhaftes zwischen den Seiten, auf die ich mich dann gern eingelassen habe.

04_Sie_traeumt_von_Pferden© Katharina Gschwendtner

Die zwölf Erzählungen erzählen unterschiedliche Geschichten, haben jedoch ein paar Gemeinsamkeiten. Einerseits wohnt in ihnen eine märchenhafte Note, die mich sofort wieder an die Kindertage erinnert und verzaubert. Andererseits findet man in ihnen eine Schwere aufgrund von tragischen Begebenheiten. Doch gerade diese Gegensätze – von verträumt weich bis schicksalshart – verleihen dem Buch eine besondere Note. Obendrein sind die Geschichten auch ein Geschenk an all die Träumer in der Welt. Den Betonmauern an Hindernissen mit einem zauberhaften Blick zu begegnen, die Härte wie eine Pusteblume in den Himmel verstreuen und sich weniger hilflos zu fühlen – genau das versprüht dieses schmale Wunderwerk. Nicht zu vergessen die wunderschönen Illustrationen von Katharina Gschwendtner, die das großartige Gesamterlebnis abrunden.

05_Sie_traeumt_von_Pferden© Katharina Gschwendtner

Wer offen für fantastische Begegnungen dritter Art ist, der wird mit diesem Werk seine große Freude erleben. Hier lächelt man über Geschichten, wie die mit dem großen Vogel, der eine junge eingesperrte Frau rettet, wenngleich der Kern der Geschichte äußerst tragisch ist. Ebenfalls düster und gleichsam märchenhaft ist die Titelgeschichte, in der eine Frau immer wieder von einem weißen Pferd träumt und plötzlich schwanger wird, obwohl sie lange nicht mehr mit ihrem Freund geschlafen hat. Kann das sein? Eine Ahnung schiebt sich zwischen Buch und Augen, doch bevor der Autor diese bestätigt, ist es schon vorbei. Dafür geht das Kopfkino an und kitzelt so die Phantasie des Lesers.

Michael Weins schreibt über Kinder und Erwachsene, die schwere Gewichte tragen müssen. So das Mädchen in »Schildkrötchenmädchen«, das mit einem verschwundenen Bruder und einem alkholkranken Vater zu kämpfen hat. Genauso finden sich in diesem feinen Bändchen total verrückte Geschichten, denen gleichzeitig etwas Kindliches innewohnt. In »Der Bär« träumt der Protagonist von einem blauen Teddybär, der ihn umarmt. Mal trifft er ihn im Parkhaus, auf dem Dach einer Tankstelle oder auf einer Brücke. Auch hier verschwimmen die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum. Ich kräusele die Nase, spüre ein Zwicken in den Augen und suche im Stillen die Bedeutung. Michael Weins lässt viel Raum für eigene Interpretationen und verführt mich mit seiner schönen, bildreichen Sprache. Nur ein Beispiel: »Über dem Platz reiben sich alte Wolken die Hände, die fetten, gelben Bäuche angestrahlt.«

Die Illustrationen von Katharina Gschwendtner – Zeichnungen wie auch Scherenschnitte – nehmen das Geschehen auf und spiegeln Nuancen aus den Erzählungen feinfühlig wider. Mal sind es Gegenstände, ein anderes Mal Szenen, der Ausdruck melancholisch wie verspielt und bisweilen humorvoll, wie die Geschichten selbst. Die Bilder sind das Echo der Worte. »Sie träumt von Pferden« ist schmal in seinem Umfang, aber riesengroß in dem, was es verborgen hält. In Inhalt und Ausstattung eins der schönsten Bücher in diesem Jahr, denn selten wurden selbst harte Schicksale in so schön weichen Worten verpackt.

Michael Weins und Katharina Gschwendtner (Ill.) Sie träumt von Pferden. mairisch Verlag, März 2015, 126 Seiten, mit Illustrationen, 16,90 €.

karenina-illustrationWeitere Stimmen zu dem Buch:
> Literaturen
> radioeins

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2 Gedanken zu “In guten wie in bösen Träumen.

  1. Ein toller Buchtipp, danke dafür! Und was für ein witziger Zufall: Erst gestern hab ich in der Zeitschrift „Flow“ (#10) ein schönes Interview mit Michael Weins gelesen: In „Die Bücher meines Lebens“ stellt er seine Lieblingsautoren vor, z.B. Murakami und Auster. Da bin ich auch gleich neugierig auf seine eigenen Werke geworden. 🙂

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