Die starken Frauen von Sarajevo.

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Fortan denke ich beim Kaffeetrinken auch immer ein wenig an die mutigen Frauen von Sarajevo. Sie werden mich daran erinnern, wie gut er schmecken kann, wenn man seinen Geist in die Gegenwärtigkeit taucht. »Die Gedanken stehen still, ruhen sich aus, gönnen dem Kaffeetrinker einen tieferen Atem. Es ist die Versenkung in den Augenblick, die sie diese Erfahrung machen lässt. Ob das der Grund ist, warum der Kaffee in Sarajevo so gut schmeckt?« – Ich habe lange überlegt, wie ich meine Besprechung zu »Mein weißer Frieden« von Marica Bodrožić beginnen soll und mich für die Frauen von Sarajevo entschieden, weil sie mich berührt und zutiefst beeindruckt haben. Ich habe geweint, später die Tränen weggelacht und diesen besonderen Moment mit jeder Fingerspitze gespürt. Frauen von Sarajevo – euch gebührt der Anfang meiner Rezension wie auch die Widmung der Autorin.

Die Bücher von Marica Bodrožić verbinde ich mit Erinnerungen, Ruhe und bewusstem Atmen. In meiner Rezension zu »kirschholz und alte gefühle« habe ich seinerzeit geschrieben: »Marica Bodrožić liest man nicht nebenbei, man atmet ihre Sprache und damit ihre Geschichten, die mit vielen Gedanken und Gefühlen gefüllt sind.« Genauso ist es mir mit ihrem aktuellen Buch ergangen, das gleichsam eine innere wie äußere Reise ist. Die vielfach ausgezeichnete Berliner Autorin verarbeitet persönliche Eindrücke und Gedanken, die ihr bei der Heimreise nach Dalmatien, Bosnien und die kroatische Inseln begegnet sind. Auf der Insel Vis spürt sie die leuchtende Kraft des Sommers und ich gleichzeitig die leuchtende Kraft ihrer Sprache. Genau diese einzigartige Sprache ist es auch, die mich die erschütternden Berichte der Kriegsveteranen aushalten lässt.

Mit neun Jahren hat Marica Bodrožić 1983 ihre Heimat verlassen, acht Jahre später brach dort der Krieg aus. Die Liebe zu ihrer Heimat blieb ungebrochen und lässt sie immer wieder in das zerbrochene Heimatland zurückkehren. Wie fühlt es sich an, den Wunden und Verletzungen des Krieges im eigenen Land zu begegnen? Was führt Menschen in den Krieg? Wie werden aus friedlichen Menschen Krieger, die andere töten? Die Antworten versucht Marica Bodrožić, in Gesprächen mit Kriegsveteranen zu finden. Besonders erschütternd sind die Folgen des Krieges, die auch ihre Familie getroffen haben. Der Cousin hat sich im Wald erhängt. Wie umgehen mit der Trauer der Tante, die ihren toten Sohn beweint? Die Autorin schreibt dazu: »Was mir bleibt, ist nur die Kraft, die Sprachlosigkeit mit uns selbst auszufüllen. Da zu sein, begreife ich in diesem Augenblick, bedeutet still zu sein, zu halten und auszuhalten, zu wissen und sehen zu können, wer ich selbst bin, woher ich komme und was mich auf meinem Weg beschriftet hat (und warum). Wer sich selbst zusehen kann, der kann sich auch anders denken. Vielleicht ist das der einzige Weg, den Schmerz zu verstehen, ohne ihn zu meiden.«

Während Tante Anastazija denkt, sie hätte ihren Sohn bei Kriegsausbruch wegschicken müssen, überlegt die Autorin, ob sie sich mehr um ihren Cousin hätte kümmern müssen – trotz aller Argumente, die dagegen sprechen. Ihre Zweifel führen sie zu Friedrich Schillers »Achse der Welt«: »Filips Tod ist ein strenger Abzähler der Lebens- und Gedankenschichten, der Abzähler auch meiner eigenen Zeit, die es nur in Gemeinschaft mit anderen gibt. Wie viele Stunden, Tage, Wochen, Monate unserer wertvollen Lebenszeit verschwenden wir darauf, Krieg zu führen? Krieg in Gedanken. Krieg in Sätzen. Krieg in Worten. Alle Kriege beginnen in Gedanken und münden in der Syntax, im reflexartigen Kampf und Zurückschlagen ohne Komma und Punkt. Die Anordnung der Worte in unseren Sätzen gibt genaue Auskunft über die Struktur in unserem Denken. Der Charakter ist kein Zufall.« Diese Reflexionen und Gedanken gehen so tief, dass ich das Gelesene erst einmal verarbeiten muss. Die Sätze klopfen an meine eigenen Wände und versetzen mich in Unruhe, doch dann umarmt mich der Frieden.

Marica Bodrožić wird zur Chronistin ihrer Heimat, indem sie auch Gespräche außerhalb der eigenen Familie sucht. Sie unterhält sich mit Nachbarn, trifft alte Freunde, hört ihnen aufmerksam zu, was sie zum Krieg zu sagen haben und wie es ihnen heute geht. Sie hinterfragt vieles, doch nicht alles spricht sie aus, davor bewahrt sie ihre feinfühlige Art. Die Fragen, von denen es zuhauf gibt, bewahrt die Autorin in den schriftlichen Aufzeichnungen auf und lässt uns als Leser daran teilhaben. Sie berichtet von den patriarchalischen Strukturen auf dem Land, von Söhnen, die selbst im erwachsenen Alter in aller Öffentlichkeit die Füße ihrer Väter waschen. Erst die Uniform hätte ihnen die Würde wiedergegeben, »die in der Trostlosigkeit des eigenen Lebens fehlte«. Keine Entschuldigungen, aber man versteht, warum so viele junge Männer freiwillig in den Krieg gezogen sind.

Marica Bodrožić bezieht in ihrem Buch den historischen Kontext mit ein und zeigt mir, wie viele Einflüsse anderer europäischer Länder das ehemalige Jugoslawien geprägt haben. Ihre Gedanken stützt sie – und das macht das Buch zu einem kulturwissenschaftlichen Leseerlebnis – auf Dichter, Schriftsteller, Philosophen und andere Künstler, indem sie Werke und Zitate bekannter Persönlichkeiten in ihren Text einwebt. So ist hohe Konzentration gefordert und ich empfehle, dieses vielschichtige Werk nicht nebenbei zu lesen. Es ist einfach zu kostbar.

Genauso kostbar wie der Kaffee mit den mutigen Frauen von Sarajevo, die während des Kriegs in der Stadt geblieben sind. Die das wenige Essen mit allen geteilt, auf Hilfslieferungen gewartet und niemals die Hoffnung verloren haben. So erzählt die fünfzigjährige Ismeta, wie ein Traum ihre Familie vor dem Tod beschützt hat. Wenige Sätze weiter spüre ich einen Kloß im Hals, als Ismeta sagt, »Das Schlimmste ist, dass alle zugesehen, dass sie alles gewusst und nichts unternommen haben, um uns in der eingekesselten Stadt zu helfen. Alle – das ist das empfindungslose Europa, die Welt da draußen, die vor den Fernsehbildschirmen zugeschaut und im Herzen weggeschaut hat.« In dieser lebensbedrohenden Lage fingen alle drei Frauen an, nur noch im Augenblick zu leben. Saida umgab eine Stille. In Stille tauche auch ich, um all das zu verdauen. Und dann höre ich ihr Lachen. Auf die Frage was Liebe sei, antworten alle: Kaffee! »Was für ein Kaffee ist es denn?, fragt Ismeta. Türkischer? Bosnischer? Jugoslawischer? Dalamtinischer? Italienischer? Und wir sagen es alle vier laut und deutlich: »Es ist unser Kaffee!«

Was wäre eine Reise ohne Bilder? Die hat Marica Bodrožić meisterhaft mit fotografischem Blick festgehalten und lichtet sie mit ihrer poetischen Sprache wundervoll ab. Da sind die köstlichen dalmatinischen Feigen, von denen ich sogleich naschen möchte. Die Schönheit der Natur, die hohen Bergmassive, die musizierenden Palmwipfel, das brausende Meer, der Wind und der weite Himmel, der seine Arme ausbreitet. Ich lächle, fliege und bin der Autorin besonders nahe, als sie schreibt: »Auf der Insel Vis spüre ich, dass sich dieses Dazwischen für mich im Inneren befindet, dass ich dadurch ungebunden und frei bin, verwurzelt in den Synergien der Gleichzeitigkeit, verwandt mit der Luft und den Verwandlungen des Lebens. Sie sind mein weißer Frieden, mein Kern, den niemand sich aneignen, den niemand erobern, den niemand töten kann. Im Kern des Kerns ist mein Leben. Ich brauche keine Heimat, weil ich ein Selbst habe.« Nun ist der Moment gekommen, der einzig dem Atem gehört und dem ich keine weiteren Worten zufügen möchte. Einfach nur in der Stille meinen Kaffee trinken, in Gedanken bei den starken Frauen von Sarajevo.

Marica Bodrožić: Mein weißer Frieden. Luchterhand Verlag, September 2014, 336 Seiten, 19,99 €.

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Weitere Stimmen zu dem Buch:
> buzzaldrins Bücher
> Der Tagesspiegel

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2 Gedanken zu “Die starken Frauen von Sarajevo.

  1. Liebe Klappentexterin,
    auch ich war von den beiden ersten Bücher der Autorin sehr angetan. Ich habe mir diese damals auf Grund Deiner Empfehlung gekauft und habe es nicht bereut. Wie Du schon schreibst, braucht man Zeit für die Lektüre. Man kann es nicht einfach so zwischendurch mal „weglesen“. Die Autorin schreibt in einer wunderbaren Sprache und weiß zu erzählen. „Mein weißer Frieden“ liegt auch bereits auf meinem Nachttisch, aber bisher war ich noch nicht in Stimmung damit anzufangen. Für solch ein Buch benötigt es den richtigen Zeitpunkt.
    Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende.
    LG
    lesesilly

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    1. Liebe lesesilly,

      es freut mich sehr, dass »Der weiße Frieden« auch zu dir gefunden hat. Die richtige Zeit für das Buch wird kommen und dann wirst du wie bei den anderen beiden sehr tiefe und eindrucksvolle Lesestunden erleben. Bin wie immer sehr auf deine Eindrücke gespannt!

      Ich wünsche dir morgen einen guten Wochenstart!

      Ganz herzlich
      Klappentexterin

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