Die Wärme einer wunderbaren Geschichte.

pia_ziefle_länger_als_sonst_ist_nicht_für_immerWarm, ganz warm – schon auf den ersten Seiten empfängt mich Pia Ziefle mit viel Wärme. Draußen vorm Fenster liefern sich die Regentropfen unermüdlich Ringkämpfe und der Wind zieht wie ein fauchender Tiger durch die Straßen. Doch mir ist das alles egal, ich bekomme davon nur wenig mit, versinke lächelnd in Länger als sonst ist nicht für immer.

Wie in ihrem großartigen Debüt Suna erweist sich Pia Ziefle erneut als Wurzelgräberin und stellt sich den Fragen des Lebens: Warum sind wir so wie wir sind? Wie sehr beeinflusst uns die Kindheit in unserem Leben? Ist es zu spät, sich den Geistern der Vergangenheit zu stellen? Nein, ist es natürlich nicht. Alle Figuren dieses Romans sind miteinander verbunden, manche Verbindungen erschließen sich sofort, andere erkenne ich erst im Verlauf der Geschichte. Und hier tauchen sie wieder auf, die feinen Fäden, die mir bereits bei Suna so gefallen haben. Sofort wird mir bewusst, warum ich Pia Ziefle gern lese: Weil sie eine sehr stimmungsvolle Atmosphäre schafft, dabei nachdenkliche Töne wie Puderzucker über die Seiten streut. Und sie ist eine wahre Meisterin darin, ihre Figuren liebevoll zu zeichnen. Durch dieses feinsinnige Gespür erzeugt sie eine Nähe und verscheucht jegliche Distanz. So spinnt Pia Ziefle mit ihrem Roman einen warmen Kokon, in dem ich mich so gern verkrieche und heimisch fühle.

Doch es ist nicht sofort alles sonnenklar, einiges liegt im Verborgenen, wie in einem Nebelschleier verhüllt, den die Autorin langsam lüftet. Jede Figur hat ihre Vergangenheit, ihre Geschichte, ihren schweren Rucksack, den sie mit sich herumträgt. Wie Lew, der nach dem Tod der Mutter seinen Vater in Indien besucht. Endlich – nach dreißig Jahren. Dazwischen liegen Jahre des Verlassenseins, Jahre der Ungewissheit, Jahre der Sehnsucht, Jahre der Hoffnung. 1976 ließen die Eltern ihre beiden Söhne zurück. Republikflucht. Manuel und Lew kamen bei Adoptiveltern unter. Die Wahrheit hingegen haben die Brüder bis heute nicht erfahren. Während sein älterer Bruder längst mit der Geschichte abgeschlossen hat, will sich Lew endlich der Vergangenheit stellen und die Antworten einsammeln. Und endlich ankommen.

Unruhig ist auch Ira. Sie pflegt ihren krebskranken Vater und kümmert sich trotzdem liebevoll um ihren vierjährigen Sohn, erzählt ihm fantasievolle Geschichten. Und dann ist da noch die 75jährige Evi, bei der Ira wohnt, eine alte Wegbegleiterin und die Verbindungslinie zu Fido, dem Jugendfreund und erste große Liebe. Der nahende Tod ihres Vaters lässt Ira auf ihre Kindheit zurückblicken auf die eigene Vergangenheit, die umgeben ist von Sonnen- und Regentagen. Ihre Mutter, die gegenüber ihrer Tochter abweisend wie eine Neoprenschicht war und ihr keine Liebe schenkte. Die einzige Zuwendung war Iras Vater, der ihr aber nicht zu nahe kommen durfte. Eine herzenswarme Zuflucht bot ihr die Bäckerin Evi mit ihrem Mitbewohner Tadija, dem Geschichtenerzähler. Er bewohnte mit seinem Enkel Fido die Wohnung über der Bäckerei. Tadija und Fido kamen aus 1976 einem kleinen jugoslawischen Dorf nach Deutschland. Sie wollten zu Fidos Mutter, die jedoch vor ihrer Ankunft in Norddeutschland ein neues Leben fernab ihrer Vergangenheit begonnen hat.

In wechselnden Kapiteln springe ich zwischen den verschiedenen Schicksalen hin und her. Pia Ziefle wechselt die Perspektiven und Zeiten. Manchmal sitze ich in Iras und Lews Gegenwart, an anderer Stelle zeigt mir die Autorin einen jungen, vom sportlichen Ehrgeiz getriebenen Lew. Oder Iras Spukgeschichten, wenn das Mädchen vor Angst bibbernd durch den Keller huscht. Trotz der inneren Unruhe aller Figuren legt sich eine friedliche Stimmung über das Buch, an der die Hektik des Alltags abperlt. Wenn sich Papier verwandeln könnte, dann wäre dies hier eine schnurrende Katze, die auf meinen Beinen sitzt und sich kraulen lässt. Ich genieße die ausströmende Ruhe und den eigenen Innenblick, der sich unweigerlich einstellt. Am schönsten und eindrucksvollsten bleibt die spürbare Liebe zwischen den Zeilen. Sie zaubert eine eigene, wunderbare Atmosphäre hervor. Und hält mich noch lange warm.

Weitere Stimmen über das Buch:

Eine schöne Besprechung findet ihr bei Mara von Buzzaldrins Bücher.
Und bei Bibliophilin von ihrer Gastrezensentin Franziska.

Pia Ziefle: Länger als sonst ist nicht für immer. Arche Verlag 2014, 320 Seiten, 19,99 €.

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Ein Gedanke zu “Die Wärme einer wunderbaren Geschichte.

  1. „Wenn sich Papier verwandeln könnte, dann wäre dies hier eine schnurrende Katze, die auf meinen Beinen sitzt und sich kraulen lässt.“

    Was für ein toller Satz für ein ganz wunderbares Buch! Deine Rezension gefällt mir sehr. Ich bin gerade vorbeigestolpert und lese hier gerne weiter.
    Liebe Grüße

    Gefällt mir

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