Das Grauen hat einen Namen: Area X.

auslöschungAuslöschung von Jeff VanderMeer ist wie ein Alien, der dir seine klebrige Klaue zum Gruße reicht. Du bist angeekelt und fasziniert zugleich von dem unheimlichen Wesen, das dir gegenübersteht. Genauso ging es mir mit diesem Roman, aus dem befremdliche Töne aufsteigen, die mich erstarren lassen und gleichsam hypnotisch anziehen. Einmal angefangen, konnte ich nicht mehr aufhören zu lesen und war zutiefst erstaunt: Das Buch passte nämlich so gar nicht in mein Beuteschema. Und trotzdem war ich begeistert.

Auslöschung ist der erste Band der Southern Reach Trilogie, der zweite Band (Autorität) erscheint ab 14. Januar 2015 ebenfalls beim Verlag Antje Kunstmann. Jeff VanderMeer ist ein vielfach ausgezeichneter Science-Fiction-Autor. Ehrlich gestanden, hätte ich den Roman nicht gelesen, wenn mir nicht Maria-Christina Piwowarski – Kennerin und Fachfrau für feinste Literatur – das Buch in die Hand gedrückt hätte. Bereits das Cover verspricht ein unheimliches, mystisches Innenleben. Und Jeff VanderMeer enttäuscht den neugierigen Leser nicht.

Der Autor entführt seine Leser in die Area X. „Seit ein mysteriöses Ereignis vor mehr als dreißig Jahren das Gebiet erschütterte, ist Area X von einer unsichtbaren Grenze umgeben.“ Niemand weiß genau, was sich dort ereignet hat, in jedem Fall aber äußerst seltsame Dinge. So schickt die geheime Regierungsorganisation Southern Reach in regelmäßigen Abständen ausgewählte Mitglieder auf Erkundungstour. Im Auftaktband begibt sich die zwölfte Gruppe in dieses mysteriöse Gebiet. Das Team besteht aus einer Biologin, einer Anthropologin, einer Landvermesserin und einer Psychologin. Die Geschichte wird aus der Sicht der Biologin erzählt und entstammt ihren Tagebuchaufzeichnungen. Alle Teilnehmerinnen sollen ihre Beobachtungen schriftlich festhalten. Zwei Jahre sind seit der letzten Expedition vergangen, aber es liegen keine greifbaren Ergebnisse vor. Die Vorgängergruppe hat sich „einfach davongemacht, einer nach dem anderen.“ Nach der Rückführung ins normale Leben haben sie alle erworbenen Fakten wieder vergessen. So fangen die vier Frauen wieder ganz von vorne an.

Bereits auf den ersten Seiten macht sich eine düstere Stimmung breit, die aus der Sicht der Biologin wie folgt klingt: „Aber viel schlimmer war dieses tiefe, mächtige Wehklagen während der Dämmerung. Der Wind vom Meer und die merkwürdige Stille des Hinterlands trübten unseren Orientierungssinn, wir wussten nicht, woher es kam, und so schien dieses Klagen in das schwarze Wasser einzusickern, das die Zypressen durchtränkte.“ Die Naturkraft ist allgegenwärtig und verwandelt sich in ein unberechenbares Monster mit fiesen Klauen und Fallen. Das allein ist gruselig genug. Die Lage spitzt sich zu, als die Frauen immer tiefer ins Gebiet steigen und beginnen, den mysteriösen Turm – der in ihren Unterlagen überhaupt nicht auftaucht – zu erkunden. An dieser Stelle verliere ich den festen Boden unter den Füßen und rutsche wie auf nassem Stein aus, mitten hinein in ein Schauspiel, das ich von jetzt an nicht mehr steuern kann. Und das so einige Fragen aufwirft, auf die ich jedoch keine Antworten bekomme. Ich rufe, höre aber nur mein Echo, den kalten Atem des Meeres, nehme seltsame Laute wahr. Es raschelt, es funkelt und ist im nächsten Augenblick plötzlich seltsam still.

Eine dämonische Kraft zieht mich immer weiter in diese fremdartige Welt, von der ich bis zum Schluss nicht weiß, wo sich das Gebiet befindet. Im Turm winden sich glitzernde und glühende Ranken, die sogar Wörter bilden und zu Sätzen verbinden. Überall ereignen sich seltsame, mystische Dinge, für die es keine Erklärung gibt und die gerade deshalb so unglaublich faszinierend sind. Ich möchte mich einerseits verstecken, bleibe andererseits aber fasziniert dabei, so sehr hat mich die Area X in ihren Bann gezogen. Ich kann oft nicht glauben, was ich lese. Zum Beispiel, wenn der Crawler, ein gefährlicher Organismus, die Protagonistin jagt und Besitz von ihr ergreifen will. Beklemmend denke ich an den Herzschlag, der aus dem Turm dringt. Und mich fast in den Wahnsinn treibt.

Jeff VanderMeer hat eine unheimliche Welt geschaffen, die uns die Fremdheit mit allen Fasern spüren lässt. Mehr noch: Man fühlt sich ihr ausgeliefert. Gleichzeitig geht es um Ausnahmesituationen, die Natur und ums nackte Überleben. Natürlich kommt es zwischen den Frauen im Laufe der Geschichte zu Konflikten, Vertrauen verwandelt sich in Misstrauen und es geschehen schreckliche Dinge. Am dichtesten bleibe ich bei der Erzählerin, die auch aus ihrem Leben vor Area X erzählt. So war ihr verstorbener Mann ebenfalls bei einer Expedition dabei, kehrte heim, war aber nie wieder der Mensch, den sie vor dem Auftrag kannte. Dieses Buch ist wahrhaftig eine Expedition. Sehr aufregend, beängstigend, düster und grauenerregend. Ein derart außergewöhnliches Leseerlebnis, das man nicht alle Tage erlebt und daher mit einem Schaudern in Erinnerung behalten wird. Ich garantiere euch – wer sich erst einmal darauf eingelassen hat, der kommt nicht ungeschoren davon. Area X erfasst dich wie die Hand eines Aliens und bleibt an dir kleben. Besser und klüger als jeder Horrorfilm!

Jeff VanderMeer: Die Auslöschung / Southern Reach Trilogie Band 1. Aus dem Englischen übersetzt von Michael Kellner. Verlag Antje Kunstmann, September 2014, 233 Seiten, 16,95 €.

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20 Gedanken zu “Das Grauen hat einen Namen: Area X.

  1. Klingt superspannend, aber solche Geschichten verfolgen mich immer bis in die Träume. So nehme ich Dein Leseerlebnis lieber mit etwas Abstand auf :o) Einen schönen Abend wünsche ich Dir!

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    1. Oh, wie schön, das freut mich, liebe Mara! Dies ist ein Buch, das aus der Reihe tanzt und ich finde es schön, wenn es mutige und neugierige Lesemenschen gibt, die sich dieser Expedition anschließen wollen. Ich habe den 2. Band bereits bei mir liegen und bin gespannt, was mich darin erwartet.

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  2. Ich hatte das Buch ja bereits in meiner Herbstauslese dabei, schleiche seither drum herum – und freue mich, es nun hier wiederzufinden. Du kannst dir denken, wie überrascht ich bin, dass ausgerechnet du es gelesen hast und es hier mit solch euphorischen Worten vorstellst, liebe Klappentexterin. 😉 Das spricht umso mehr für seine Qualität! Ich hoffe, dass es bald doch noch in meine Hände gelangt, ich bin überzeugt, dass es ganz nach meinem Geschmack ist.

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  3. Nach Jahren als stille, begierig Empfehlungen inhalierende Leserin, melde ich mich heute erstmalig zu Wort, liebe Klappentexterin.
    Der Grund dafür ist, Wunder oh Wunder, ein Buch. Ein betörend düsteres, zartes und raues, hochgradig faszinierendes Buch. Und zwar lese ich gerade ‚Das Seelenhaus‘ von Hannah Kent. Nachdem ich buchstabentrunken meinen Blick von den Seiten hob, tippte ich gewohnheitsgemäß den Buchtitel in deine Suchleiste und war leicht erstaunt, keinen Eintrag zu finden. Sollte dieses Werk sich deinen treffsicheren Händen und Augen bis jetzt entzogen haben? Wenn dem nicht so ist, so verzeih mir die Anmaßung und überhaupt gerate ich beim Tippen immer wieder ins Stocken. Dir eine Buchempfehlung auszusprechen, ach je! Doch ich bin es dem Buch schuldig.
    Mit den besten Grüßen, eine langjährige Leserin

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    1. Vielen lieben Dank für die Wortmeldung, liebes Alphabet! Das Seelenhaus ist mir in der Tat unbekannt bzw. ich habe das Buch nicht gelesen. Obwohl mein Blick im Bücherdschungel sehr aufmerksam ist, kann mir hier und da auch mal ein Buch durchfallen. Da bin ich für solche Hinweise sehr dankbar! Solltest du weiterhin Bücher vermissen oder entdecken, dann melde dich bitte gern. Ob ich sie allerdings besprechen kann, hängt ganz von meinem Zeitbudget zusammen. Ich schaffe es leider nicht immer, alle Bücher, die ich lese, zu besprechen.

      Herzlichst
      Klappentexterin

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  4. Eine tolle Buchvorstellung! Ich war direkt von der packenden Einleitung an gefesselt 🙂 Vielen Dank für den Buchtipp, das Buch klingt richtig mysteriös und spannend und wandert direkt auf meinen Wunschzettel.

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