Paradiesisch schön und verstörend zugleich.

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Wer in seinem Leben gerne mal Schlangenfrauen begegnen möchte, dem sei der Erzählband Das Paradies kann warten von Cornelia Schleime empfohlen. Denn von solch seltsamen Wesen gibt es in dem Buch einige. Sie winden sich durch die hügeligen Pfade des Lebens oder spielen ihre Weiblichkeit in verschiedenster, erotischer Form aus. Obendrein finden sich in dem Band eindringliche, vielfältige Zeichnungen. Schließlich ist Cornelia Schleime Autorin und Malerin, die beide Künste in ihrem zweiten Buch bestens vereint.

Zum Anfang möchte ich die ersten beiden Sätze aus dem Prolog zitieren: „Vielleicht sind Frauen wie Möwen, die sich kurz auf dem schäumenden Wellenkamm niederlassen, um sich sogleich wieder in die Höhe zu schwingen, ihre Reise fortzusetzen, eine andere Schaumkrone zu suchen an einem anderen Ort, auf einem anderen Meer. So kommen und gehen die Frauen. Und für sie so kommen und gehen auch die Männer. Das Meer und die Möwen.“ Links von diesen Worten zeigt eine Zeichnung einen Frauenkopf, der halb im Meer schwimmt und mit einer anderen, auf dem Meeresboden liegenden, Frau verbunden ist. Ein besonderes Bild, in dessen Schönheit ich mich verlieren kann. Überhaupt entzückt die gesamte Gestaltung des Buches. So verbirgt sich unter dem Schutzumschlag die schuppige Haut einer Schlange. Na, so was lässt doch das Herz eines jeden Bücherfreundes höher schlagen!

Cornelia Schleime wurde 1953 in Ostberlin geboren. Da die Künstlerin in der DDR Ausstellungsverbot hatte, reiste sie 1984 nach Westberlin aus. Sie erlangte internationalen Erfolg und wurde mit dem Gabriele-Münter-Preis, dem Fred-Thieler-Preis sowie dem Award of Excellent Painting ausgezeichnet. Das Buch ist gewissermaßen eine Ausstellung, die einen tollen Einblick in die vielseitige Arbeit der Künstlerin präsentiert. Neben faszinierenden Frauenporträts in intensiven Farben, ziehen besonders einige erotische Zeichnungen die Blicke auf sich.

Cornelia SchleimeBilder (2): Cornelia Schleime / Fuchs & Fuchs

Einige Geschichten sind sehr erotisch und für mich bisweilen ein wenig befremdlich. So die Protagonistin in der zweiten Erzählung Einen Sommer lang. Sie beschließt, sich mit ihrem Kind über den Sommer in einer verlassenen Laubenkolonie niederzulassen. Eines Tages taucht ein Mann vom Bau- und Planungswesen auf und präsentiert ihr die Baupläne für das Gebiet. Er könne das Projekt jedoch hinauszögern, wenn sie ihm in seine Wohnung besuchen würde. Sie willigt ein und geht mit ihm wiederholt ins Bett. In Das weiße Kleid reist eine Frau zum ersten Mal nach Kreta. Das wenige Geld hält sie eng beisammen und geht mit Männern ins Bett, um den Rest ihrer Reise zu finanzieren. In Na, nur Reis treffe ich eine neugierige UNO-Volontärin in New York. Ist sie anfangs voller Tatendrang bei ihrem neuen Job dabei, verliert sie sich schon bald zunehmend im Nachtleben. Ihr höchstes Ziel ist ein angesagter Club, in dem sie raffiniert den strengen Blicken des Türstehers begegnet und dort abwechselnd Männerbekanntschaften eingeht. „Ihr gefiel diese neue Idee, mit Männern einfach mitzugehen, vielleicht nur um zu sehen, wo sie zu Hause waren und was die Wohnung über sie verriet. Und das Kondom, wenn es denn nicht reißen würde, wäre die Schutzschicht zwischen ihrer Unversehrtheit und ihrem äußeren Begehren, ihrer Neugier.“

Cornelia Schleime

Der Band enthält aber auch äußerst tragische Geschichten, in denen Cornelia Schleime Verlust, Krankheit, Tod, Gentrifizierung und Einsamkeit auf eindringliche Weise thematisiert. So ist es nicht verwunderlich, dass ich oft erst einmal kräftig durchatmen muss, bis ich eine neue Geschichte beginne. Entweder bin ich leicht verzaubert, weil das Gelesene einen Schimmer der Verwunderung bei mir hervorgerufen hat. Oder ich bin schockiert. Dazu lösen andere Geschichten bei mir eine tiefe Betroffenheit aus. Das Paradies kann warten ist ein Erzählband, der eine recht eigenwillige, eindringliche und doch sehr kunstvolle Note verströmt. Und bei dem sich am Ende die Haut wie die einer Schlange anfühlt und sich nach einem warmen Unterschlupf sehnt.

Cornelia Schleime: Das Paradies kann warten. Fuchs & Fuchs, August 2014, 192 Seiten, 21,90 €. Ihr könnt das Buch jetzt und portofrei direkt bei ocelot.de bestellen. Oder eBook für 15,99 € hier downloaden.

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