Finnland. Cool.

finnland_rentiere© Marcel Köppe

Finnlands Literatur war für mich bisher wie eine unberührte Schneelandschaft. Das erschreckte mich erstmal und ich fragte mich: Hab ich da in all den Jahren vielleicht was übersehen? Nun, in diesem Jahr ist Finnland das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse und ich beschloss, dass dies doch der beste Zeitpunkt wäre, meine Wissenslücke zu schließen. Also, finnische Literatur, hier komme ich!


Natürlich möchte ich diese spannende Entdeckungsreise nicht für mich behalten, sondern euch daran teilhaben lassen. So ist mein folgendes Finnland-Literatur-Spezial entstanden, zudem habe ich mir von einigen BloggerkollegInnen weitere Literaturtipps geholt. Ich wünsche euch viel Spaß beim Entdecken der finnischen Bücher!

* * *

Bevor es gleich losgeht, möchte ich euch einen Link ans Herz legen, wo ihr ein paar interessante Fakten zu Finnland und seine quicklebendigen Literatur-Szene erfahren könnt. Aber nun genug der Worte – lasst Bücher sprechen!

 

Raija Siekkinen: Wie Liebe entsteht

raija_siekkinen_wie_liebe_entsteht„Wie Liebe entsteht“ von Raija Siekkinen erinnert mich an einen Blick durch einen zugefrorenen See. Nur schemenhaft erkenne ich die Welt unter der Eisfläche. Man muss sich auf die besondere Erzählweise einlassen können. Wer das tut, wird am Ende reich belohnt. Dieser wunderschön gestaltete Band enthält zehn Erzählungen, in deren Zentrum Frauen an Wendepunkten ihres Lebens stehen. Sie sind Verlassene, Zweifelnde, Suchende. Das Leben mit seinen unvorhersehbaren Stürmen ist ihnen irgendwie dazwischen gekommen. Da gibt es eine junge Frau, die fast Opfer einer Vergewaltigung wird oder eine ältere Dame, deren Mann am Steuer des Autos einen Herzinfarkt erleidet und stirbt. Oder eine andere Protagonistin, die den Seitensprung ihres Mannes nicht verzeihen kann und plötzlich merkt, dass sie ihn nicht mehr liebt. Gleich in der ersten Erzählung sorgt ein Heiratsantrag für Wirbel. Er löst bei der Frau Erinnerungen an die eigenen Eltern und deren unglückliche Ehe aus. Ja oder nein? Der Satz ihres Liebsten klingt so beiläufig wie eine Floskel: „Sollen wir nun heiraten oder nicht?“

Die Geschichten sind leise, von schönen Naturbeschreibungen und bisweilen einer kühlen Distanz durchzogen. Gleichzeitig dringen einige Erzählungen bis ins Innerste vor und erzeugen dabei ein Echo, das ich immer und immer wieder hören möchte.

Das Buch leuchtet mit nachdenklichen Sätzen durch das Dunkel der Seelen: „Das Leben, so voll von kleinen Anfängen und Enden, und größeren Anfängen und Enden. Manchmal war es unmöglich zu sagen, welcher Anfang zu welchem Ende gehörte.“ An diesen Stellen bleibe ich stehen und lausche in mich hinein. David Wagner spricht in seinem Nachwort über Lücken, die Raija Siekkinen hinterlässt. Aber gerade dieses stilistische Element zeichnet die Erzählungen aus. Oft versuche ich, die Lücken mit eigenen Gedanken zu schließen. Am Ende bin ich tief beeindruckt, spüre die Sonne auf dem Kopf und das Meer zwischen den Wimpern. Ich erfreue mich an diesen Erzählungen, die mir wunderbare Momente und Einblicke in das finnische Leben geschenkt haben. Traurig hingegen bin ich darüber, dass die Autorin 2004 bei einem Brand in ihrer Wohnung ums Leben gekommen ist. Doch welch Glück, dass uns der Dörlemann Verlag diesen literarischen Schatz aus Finnland zugänglich macht und in einer so schönen Ausgabe publiziert hat.

Raija Siekkinen: Wie Liebe entsteht. Aus dem Finnischen übersetzt von Elina Kritzokat. Dörlemann Verlag, August 2014, 176 Seiten, 16,90 €. Das Buch könnt ihr sofort und portofrei bei ocelot.de bestellen. Das eBook kostet 11,99 € und steht bei ocelot.de hier zum Download bereit.

Eine sehr lesenswerte Rezension findet ihr hier bei Sonja vom Blog „Lust zu Lesen“.

Rax Rinnekangas: Der Mond flieht

rax_rinnekangas_der_mond_fliehtAus diesem Buch streckt sich die Sonne – nicht umsonst trägt es den Untertitel „Eine Sommergeschichte“. Doch Vorsicht – ganz so leicht, wie der Titel auf den ersten Blick scheint, ist er nicht. Rax Rinnekangas erzählt eine beklemmende und gleichsam bezaubernde Geschichte über das Erwachsenwerden. Der Autor wurde für seinen Roman „Der Mond flieht“ mit dem Finnischen Staatspreis ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt. Völlig zu Recht! Es ist eins jener Bücher, die zart daherkommen und sich still ins Herz brennen. Man spürt es nicht sofort, irgendwann ist es da, das innere Leuchten, das man nicht erklären kann, weil es so traurig-süß ist.

Kleine, feine Nuancen geben mir bereits auf den ersten Seiten das Gefühl, einen besonderen Schatz in den Händen zu halten. Eine Sprache, die entzückt, poetische Klänge klettern auf kristallklare Sätze, fast so, als würde die Sonne mit einem Eisberg flirten. Dieses Bild lässt mich lächeln, wie die Geschichte selbst, die wunderschön anfängt und doch bereits zu Beginn verrät, dass etwas Furchtbares passieren wird. Es ist Sommer und der Ich-Erzähler besucht seinen Onkel und seine Tante. Wie jedes Jahr verlebt er seine Ferien in einem Dorf hoch oben im Norden Finnlands, gemeinsam mit seiner schönen Cousine Sonja und seinem Cousin Leo verbringt er diese eigentlich unbeschwerte Zeit. Man unternimmt allerhand Sachen, die junge Leute nun mal gerne aushecken, wenn die Erwachsenen nicht dabei sind.

Sie besteigen den Prügelmann – so der Name einer alten Fichte – und bestaunen gesammelte, kostbare Steine, denn: „Das sind menschliche Seelen“, sagt Sonja, die Anführerin der Bande. Und sie ist es auch, die die beiden Jungs immer wieder zu aufregenden und übermütigen Aktionen verführt. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Lauri ist fasziniert von seiner schönen Cousine und der fantasievollen Parallelwelt, die sich sogar in sexuelle Phantasien und Handlungen erstreckt. An einer Stelle heißt es, sie lebten mehr innen als außen und tauchen gemeinsam „im Mondschein unseres Geistes“. Während ich ebenso strahlend und auch atemlos den Kindern folge, passiert urplötzlich das angekündigte Unheil, das sich wie dicke Wolken vor das sommerliche Paradies schiebt. Obwohl die Geschichte im letzten Drittel finster wie die Nacht ist, bleibt die Sonne trotzdem in mir verankert. Es siegt das Entzücken über diese zarte finnische Perle. Dunkel und hell zugleich – wie eine Mitsommernacht.

Rax Rinnekangas: Der Mond flieht. Aus dem Finnischen übersetzt von Stefan Moster. Graf Verlag, Juni 2014, 158 Seiten, 16,99 €. Das Buch könnt ihr sofort und portofrei bei ocelot.de bestellen. Das eBook kostet 14,99 € und steht bei ocelot.de hier zum Download bereit.

 Mooses Mentula: Nordlicht – Südlicht

mooses_mentula_nordlicht_südlicht„Nordlicht-Südlicht“ atmet Finnland. Besser kann ich das Debüt von Mooses Mentula nicht beschreiben. Der Autor hat mir das Land mit seinem Nord-Süd-Konflikt und der rauen Natur sehr nahe gebracht. Obendrein ist die bibliophile Gestaltung des Buches wunderbar. Als ich anfangs den Schutzumschlag abnehme, sitze ich plötzlich auf einem Hochsitz und sehe Rentiere vorbeilaufen. Sprachlos öffne ich das Buch und kann mich nur schwer daraus lösen, weil ich mich die finnische Atmosphäre mit Haut und Haaren förmlich aufsaugt.

Mit der Ankunft des neuen Lehrers Jyri beginnt die Geschichte, die in 37 Kapiteln aus verschiedenen Perspektiven aller Beteiligten erzählt wird. Die Ehe von Louni und Marianne zerfällt wie eine Sandburg. Jouni kämpft mit seiner Rentierhaltung ums Überleben und Marianne, die einst aus dem Süden in den einsamen Norden gezogen ist, vermisst nach einigen Schicksalsschlägen die große Stadt Helsinki. „Sie hatte sich eingeredet, dass sie dieses Leben gewählt hatte, aber in den letzten beiden Jahren hatte sie begonnen, sich zu fragen, ob es nicht genau andersherum war.“ Selbst die Wildschweinzucht, die ihr Jouni geschenkt hat, kann sie von der inneren Unruhe nicht befreien.

So flüchtet sie nachts ins Internet und zieht sich – verkleidet mit einer Perücke – vor fremden Männern aus. Und die Gespräche der Eheleute arten oft in lauten Worttiraden aus, jeder vergräbt sich weiter in seine Emotionen und Gedanken. Ihre Kämpfe bleiben ihrem Sohn Lenne nicht verborgen, der Junge knabbert schwer an der Missstimmung im Hause. Es fängt an, in ihm zu brodeln, seinen Zorn lässt er in der Schule aus und fällt da immer wieder negativ auf. Sein Lehrer Jyri nimmt sich seiner an, wodurch er Lennes Mutter kennenlernt. Diese fühlt sich auf Anhieb zum jungen Lehrer hingezogen, und auch Jyri kann sich der schönen rothaarigen Frau nicht entziehen. Schon ahnt man die Unwetter, die da heraufziehen. Lenne steht zwischen seinen Eltern, er ist das Naturkind und dadurch seinem Vater nahe, doch auch die Liebe zu seiner Mutter ist stark, er will sie nicht verlieren.

Neben dem Zerfall der Familie erzählt Mooses Mentula eindringlich vom Konflikt zwischen dem Norden und Süden Finnlands. Eigentlich sollte ein Mann aus dem Norden niemals eine Frau aus dem Süden heiraten, heißt es an einer Stelle. Das sagt schon viel. Eingebettet ist die tragische Geschichte in ein anarchisches Leben jenseits der modernen Städte – hier hat die Natur das Sagen. Dieses Bild zeichnet der Autor sehr realistisch nach, und sein Roman verströmt eine anziehende und unglaublich atmosphärische Sogwirkung. Mentulas grober Humor entlädt die vielen Reibungspunkte, das kommt einem Aufatmen gleich. Gleichzeitig bin ich umgeben von viel Schnee, Rentieren, Wildschweinen, Saunen und spüre die Kälte des eiskalten Sees. Ja, dieses Buch ist Finnland pur! Ein Glossar im Anhang erläutert finnische Wörter, die nicht ins Deutsche übersetzt werden konnten. So erweitert sich der finnische Wortschatz und man denkt: Nie war ich näher am Nordlicht.

Mooses Mentula: Nordlicht – Südlicht. Aus dem Finnischen übersetzt von Antje Mortzfeldt. Weidle Verlag, September 2014, 263 Seiten, 23,- €. Das Buch könnt ihr sofort und portofrei bei ocelot.de bestellen.

Ich empfehle euch auch die schöne Rezension bei Wortspiele: Ein literarischer Blog.

„Nordlicht-Südlicht“ ist das Buch des Monats der Nordischen Botschaften. Am Dienstag, 14.10., liest Zoe Beck in den Nordischen Botschaften in Berlin aus dem Roman. Der Eintritt ist frei, aber um Anmeldung wird unter dieser eMail-Adresse info.berlin@formin.fi gebeten.

die horen

die_horen_band_255„die horen“ wurden 1955 von Kurt Morawietz in Hannover gegründet, von 1994 bis 2011 herausgegeben von Johann P. Tammen und seit 2012 von Jürgen Krätzer. Der Name stammt aus der Feder von Schiller, der seine Zeitschrift ab 1795 drei Jahre publiziert hat. Er hat sie nach wohlgesonnenen Göttinnen benannt. „die horen“ erscheinen viermal im Jahr. Neben offenen Bänden erscheinen auch thematische Anthologien, auch zu fremdsprachigen Literaturen. So widmen sie sich jetzt der jüngeren finnischen, estischen und ungarischen Literatur. „die horen“ begrüßen mich mit einem schönen Titel: „Der Herbst kommt jedes Mal zu früh…“ Perfekt, dachte ich, als ich Band 255 von „die horen“ in der Vorschau des Wallstein Verlags entdeckte. Im Fokus stand für mich aus aktuellem Anlass natürlich die finnische Literatur. Und anlässlich meines Finnland-Spezials möchte ich euch hier die junge finnische Literatur vorstellen.

die horen bietet neben literarischen Texten ebenfalls Erläuterungen sowie ein Gespräch mit den beiden Nachwuchsautoren Estlands, Jan Kaus und Urmas Vadi. So taucht man ein in das literarische Leben dieser Länder. Die Kunstwerke des finnischen Malers Ari Pelkonen haben mich ebenfalls begeistert mit ihrer erdnahen Farbgebung, die eine mystische Stimmung erzeugen. Veikko Halmetoja schenkt mir durch seinen Beitrag über den Künstler Anhaltspunkte, die Bilder besser zu fassen, dennoch bleibt viel Raum für eine eigene Interpretation. „In seinen Bildern ist der Mensch verborgen, ein Teil des Hintergrundes. Er ist alleine verwundbar und unsicher.“ Pelkonen verbindet Holzschnitt mit zarter Acrylmalerei.

Aber nun zur Literatur, die ganz unterschiedlich daherkommt. Verträumt und äußerst poetisch beginnt die erste Erzählung Ich hab grad einen Fuchs gesehen von Timo K. Mukka. Hier geht es um die Sehnsucht nach dem nahenden Sommer. Ich fliege über weiche, nachdenkliche Sätze: „Auf den Sommer zu warten ist leicht, und immer bringt er Hoffnungen mit sich, die sich nicht erfüllen können; etwas, das sich im Kopf abspielte, als man auf warmes Wetter hoffte oder auf die Begegnung mit einem Menschen, bleibt das einzige Erlebnis.“ Die Geschichte ist verheißungsvoll und genauso melancholisch.

In Fischadler von Tiina Raevaara verwandele ich mich in ein Naturkind und sitze mit dem Protagonisten im Moor, gemeinsam warten wir auf die Ankunft der Fischadler, die jedes Jahr am 15. April eintreffen. Ich löse mich aus der Großstadt, rieche den Duft der riesigen Kiefern und atme das Moor mit allen Sinnen auf. Feuchtigkeit sickert durch meine Jacke und ich verliere mich in der Geschichte, in der zunehmend die Grenzen zwischen Realität und Fantastischem verschwimmen.

Weniger mystisch, dafür sehr einschneidend und spannungsgeladen, ist Alles blieb zurück von Anna Tommola. Im Mittelpunkt der Erzählung steht eine 19jährige Soldatin, die in einem Schuppen auf dem Armeegelände Geräusche hört und sich dorthin begibt und… mehr sei nicht verraten. Spannend!

Soweit mein kleiner Exkurs in diese bemerkenswerte Zeitschrift. „die horen“ bieteen ein vielfältiges Spektrum, das ich mit Freude gelesen habe und mich mit neuen AutorInnen bekanntgemacht hat. Eine wunderbare und durch und durch empfehlenswerte Entdeckungsreise! Maximilian Murmann hat sie zusammengestellt und betont in seinem Prolog, das dies erst durch die gute Zusammenarbeit mit den Verlagen und Autoren möglich gemacht wurde. Ein Glossar stellt auf den letzten Seiten die Künstler, Übersetzer und Autoren vor. Lesen!

die horen. Wallstein Verlag, September 2014, 200 Seiten, 14,90 €. Die Zeitschrift könnt ihr sofort und portofrei bei ocelot.de bestellen. Oder ihr schließt beim Wallstein Verlag ein Jahresabonnement ab und spart im Vergleich zum Einzelkauf 20 %. Mehr Infos findet ihr hier: http://www.die-horen.de

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Weitergehende finnische Literaturempfehlungen

Wer noch mehr finnische Literatur entdecken möchte, dem empfehle ich die Besprechungen von masuko13, Mariki vom Bücherwurmloch, flattersatz von aus.gelesen und Mara von Buzzaldrins Bücher.

Frans Eemil Sillanpää: Frommes Elend

frans_eemil_sillanpää_frommes_elend„Frommes Elend“ ist einer von zwei Romanen, mit denen der in diesem Jahr in Berlin gegründete Guggolz Verlag sein Programm startet. Auf der Suche nach vergessenen Autoren entdeckte Verleger Sebastian Guggolz den Dichter Frans Eemil Sillanpää (1888-1964). Er ist der einzige Autor Finnlands, der den Nobelpreis für Literatur (1939) erhalten hat. Der Autor entführt mich in eine Zeit und in eine Gegend Europas, die mir fremd sind. Die Romane von Autorinnen wie Sofie Oksanen und Katja Kettu verstehe ich nun noch viel besser, Sillanpää hat mir den Schlüssel dazu gegeben. Seine lakonische und ein bißchen verrückte Art zu erzählen, ist außerdem eine ganz besondere Freude. Vielleicht klingt das absurd, doch in manchen Situationen fühlte ich mich an den amerikanischen Erzähler T.C. Boyle erinnert, der auf ähnlich skurrile Art völlig ausweglose Situationen beschreibt. Und so liest sich „Frommes Elend“ bei aller Tragik doch leicht.

Die ausführliche Rezension könnt ihr hier bei masuko13 auf ihrem Blog lesen.

Frans Eemil Sillanpää: Frommes Elend. Aus dem Finnischen von Reetta Karjalainen und Anu Katariina Lindemann. Guggolz Verlag. Berlin 2014. 285 S. 24,- €. Das Buch jetzt sofort und portofrei bei ocelot.de bestellen.

Sofi Oksanen: Als die Tauben verwanden

sofi_oksanen_als_die_tauben_verschwandenAls die Tauben verschwanden (die Bedeutung des Titels erklärt sich im Lauf der Handlung) ist ein bedrückender, eindringlicher Roman, mit Menschen als Helden, denen das Schicksal wie ein Netz über ihr Leben gestülpt wird, das ihnen zwar noch das zappeln erlaubt, eine kaum ein Entkommen. Der Krieg, der über Estland gekommen ist, weil sich zwei diesen kleinen Flecken Erde einfach untereinander aufgeteilt haben, läßt nur wenige Alternativen, Kampf, Not, Elend, ja Tod: bedeuten beide in einer Zeit, in der das schiere Überleben als Zeichen der Schuld genommen wird, denn wer überlebt hat, hat mit dem Feind kollaboriert, sonst wäre er tot. Sobald man sich als Leser in diesen Roman eingefunden hat – Oksanen erklärt wenig, vieles erschließt sich erst im Lauf der Handlung – entwickelt er einen starken Sog, bis er gegen Ende so fesselnd wird wie ein Thriller. Ein großes Leseerlebnis!
Die ausführliche Rezension findet ihr hier bei flattersatz auf seinem Blog aus.gelesen.

Sofi Oksanen: Als die Tauben verschwanden. Aus dem Finnischen übersetzt von Angela Plöger. Kiepenheuer & Witsch,  September 2014, 432 S., 20,- €. Das Buch jetzt sofort und portofrei bei ocelot.de bestellen.

Leo Ǻgren: Leo Nilheims Geschichte

Leo_Agren_Leo_Nilheims_GeschichteLeo Nilheims Geschichte ist ein schmales Büchlein, in dem der schwedischsprachige finnische Autor Leo Ǻgren, der 1984 verstorben ist, vom Zweiten Weltkrieg erzählt – allerdings „von der anderen Seite“. Er lässt einen Russen berichten, der aufgewachsen ist mit der Verehrung Stalins und dem Hunger, der an die Ideale der Sowjetunion glaubt und in den Krieg gegen die Deutschen bzw. die Finnen ziehen muss. Wie der Kampf der Deutschen an der russischen Front endete, ist bekannt, aber freilich ist es nicht so, als hätten die russischen Soldaten ihren Spaß gehabt. Leo Nilheim ist alt und müde, er ist ein resignierter Erzähler, der in jener einen Nacht längst Vergangenes heraufbeschwört: Kälte, bittere Kälte, Einsamkeit, Todesangst, Hunger. Da er überlebt hat, schildert er alle Widrigkeiten als etwas, das man besiegen konnte, doch der Schrecken ist in jedem Satz spürbar. Zwei fremde Männer sitzen beisammen, der eine breitet sein Leben auf dem Tisch aus, der andere bleibt stumm und schaut es sich an. Ein wenig schade finde ich, dass die Erzählung gar so kurz geraten ist und ein wenig unvermittelt endet, andererseits bin ich beeindruckt, dass sie trotz der Kürze so kraftvoll und erschütternd ist. Ein kleines Stück Zeitzeugnis, das Einblick gibt in Ereignisse, die begraben liegen unter Tonnen von Schnee und Jahrzehnten des Vergessens – und an die wir uns doch stets erinnern sollten.
Die ausführliche Rezension von Mariki findet ihr hier auf ihrem Blog Bücherwurmloch.

Leo Ǻgren: Leo Nilheims Geschichte. Aus dem Schwedischen übersetzt von Erik Gloßmann. Osburg Verlag, Februar 2014, 160 Seiten, 17,99 €. Das Buch jetzt und portofrei bei ocelot.de bestellen.

Selja Ahava: Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm

seja_ahava_der_tag_an_dem_ein_wal_durch_london_schwammSelja Ahava wurde 1974 geboren, studierte Dramaturgie an der Theaterhochschule Helsinki und hat zahlreiche Drehbücher für Spielfilme und Fernsehserien geschrieben. Mit “Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm”, legte sie in diesem Frühjahr ihren Debütroman vor. Aus dem Finnischen übersetzt wurde er von Stefan Moster, der übrigens nicht nur Übersetzer ist, sondern auch Schriftsteller. “Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm” ist ein Roman über die Kostbarkeit des Lebens, in dem vieles unausgesprochen bleibt. Vielleicht haben diese leeren Stellen mich ganz besonders berührt. Getragen wird die Geschichte von Anna, die ich in all ihrer Verzweiflung, ihrer Angst und ihrer tiefen Traurigkeit ins Herz geschlossen habe. Als Leser muss man dazu bereit sein, sich auf die ungewöhnliche Perspektive einzulassen, damit der Roman funktioniert – ich hoffe, es finden sich noch ganz viele, die dazu bereit sind.
Die ausführliche Rezension findet ihr hier bei Mara von Buzzaldrins Bücher.

Selja Ahava: Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm. Aus dem Finnischen von Stefan Moster. mareverlag, Februar 2014, 224 Seiten, 20,- €. Das Buch jetzt und portofrei bei ocelot.de bestellen.

ocelot, not just another bookstore ist ebenfalls ganz auf das literarische Finnland eingestellt. Inspiration findet ihr auf einer extra Seite im Onlineshop:

ocelot_finnlandUnd hier kommt noch ein weiterer Hinweis zu einer Fundgrube an finnischen Büchern.

literatwo_bookwives_finnland_buchmesse-frankfurt_lue-suomi1Literatwo und Bookwives haben die finnländischen Neuerscheinungen lesend erkundet und stellen sie in einer Reise vor. Schaut hier vorbei. Dort erwarten euch zahlreiche Bücher aus dem diesjährigen Gastland.

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29 Gedanken zu “Finnland. Cool.

  1. Toll! Danke für den kleinen Überblick – und natürlich auch für den Verweis auf meine Besprechung in den „Wortspielen“. Sehr freut mich vor allem jedoch auch die Hervorhebung des aktuellen Bandes der Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik „die horen“, eines der, wenn nicht das beste Periodikum dieser Art, das wir hierzulande noch haben!

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  2. Wieviel Zeit und Liebe du wohl für diesen ausführlichen Überblick investiert hast!? Mein Kopf ist nun angefüllt mit schönsten Leseeindrücken. Manche der Bücher kenne ich. „Nordlicht – Südlicht interessiert mich nach dem Lesen am meisten.
    Merci, liebe Klappentexterin!

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    1. Liebe masuko, auf die Zeit habe ich nicht geschaut, aber es war nicht wenig. Doch es überwogen die Begeisterung und die Freude beim Zusammenstellen dieses Beitrags, nebst den wunderbaren Lesestunden natürlich. „Nordlicht-Südlicht“ könnte dir in der Tat sehr gefallen. Herzlich, Klappentexterin

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  3. Danke für den kompakten und informativen Überblick.
    Kleiner Hinweis für Berlinerinnen & Berliner in der Runde; neben ocelot sei hier auf die Buchhandlung Pankebuch verwiesen. Spezialisiert auf nordische Literatur; man bekommt also nicht nur die coolen Finnen dort, sondern alles, was nördlich von uns gut und lesenswert ist. lg_jochen

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  4. Eine Kurzreise durch das Gastland der diesjährigen Buchmesse – schöne Idee und schöner Artikel!
    Und auch eine Kurzreise kann zur Bildungsreise werden – denn von „die horen“ habe ich bisher noch nie etwas mitbekommen. Das wird jetzt nachgeholt!

    Danke für den Tip und natürlich fürs Verlinken!

    Herzliche Grüße

    Sonja

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    1. Eine richtig schöne Entdeckungs- und Bildungsreise, liebe Sonja, nicht wahr? Ich möchte wirklich keine Geschichte, kein Buch missen. Insofern freue ich mich wahnsinnig, dass ihr mit dem kleinen Spezial auch eure Freude hattet. „die horen“ sind wirklich bemerkenswert und eine große Bereicherung. Liebe Grüße, Klappentexterin

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  5. Mein Gott was für eine Arbeit. Aber es liest sich schön und ich fühl mich gleich als Finnland-Expertin, die ich nie sein werde ;). Vielen Dank daher für deine ganze Mühe, denn so bekomm auch ich einen Einblick.

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  6. Liebe Klappentexterin

    Vielen Dank für die schöne Zusammenstellung. „Der Mond flieht“ habe ich in diesem Sommer ebenfalls gelesen und es ist mir ähnlich wie dir gegangen – ich war berührt und entsetzt zugleich. Es war auf alle Fälle eine schöne Entdeckung.

    LG buechermaniac

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  7. Liebe Klappentexterin,
    hab vielen Dank für diesen tollen Einblick in die Literatur des diesjährigen Gastlandes. Ich hab mich umso mehr darüber gefreut, als dass ich es standdienst-bedingt leider gar nicht in den Finnland-Pavillon geschafft habe 😦 Mit „Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“ habe ich allerdings am Stand des mareverlags auch schon geliebäugelt.
    Liebe Grüße aus Hamburg,
    Claudia

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