Petra Hartlieb übers Bücherverkaufen.

petra_hartlieb© www.sebastianreich.com

Petra Hartlieb wurde 1967 in München geboren und ist in Oberösterreich aufgewachsen. Sie studierte in Wien Psychologie und Geschichte und arbeitete danach als Pressereferentin und Literaturkritikerin in Wien und Hamburg. Seit 2004 betreibt sie mit ihrem Mann die Buchhandlung Hartliebs Bücher in Wien, worüber sie jetzt ein Buch geschrieben hat. In Meine wundervolle Buchhandlung erzählt sie ihre Erfolgsgeschichte. Gemeinsam mit Claus-Ulrich Bielefeld ist sie das Autorenduo einer Krimireihe, die beim Diogenes Verlag erscheint.

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Klappentexterin: Noch mal vielen Dank für Ihr wunderbares Buch, in dem ich mich praktisch auf jeder Seite wiedergefunden habe. Daher lautet meine erste Frage: Wie ist die Idee zu Ihrem Werk entstanden?
Petra Hartlieb: Na ja, wenn ich ganz ehrlich bin, war es zunächst einmal gar nicht meine Idee. Jo Lendle, der ehemalige Dumont Verleger äußerte irgendwann mal die Idee, dass es doch eine coole Geschichte wäre, über mein Leben in und mit und über einer Buchhandlung zu schreiben. Da hab ich dann natürlich viel darüber nachgedacht. Und nachdem schon viele Leute gesagt haben: „Schreib das auf““ wenn ich ihnen unsere Gründungsgeschichte erzählt habe, habe ich es halt einfach mal aufgeschrieben. Den Anfang zumindest. Der Dumont Verlag wollte es dann sofort machen und ich habe einfach weiter geschrieben.

Wie gesagt, Sie sprechen mir mit dem Buch aus der Seele. Wollten Sie auf diese Weise den Beruf des Buchhändlers würdigen und den Lesern näherbringen?
Na ja, es ist ja doch so, dass es für ganz viele der totale Sehnsuchtsberuf ist. Wie oft habe ich Kundinnen in meiner Buchhandlung, die sagen, dass das ihr Lebenstraum ist. Wenn die das Buch nun lesen, ahnen sie vielleicht, dass es ein sehr anstrengender und wenig Geld einbringender Beruf ist – zumindest in der Art, wie wir ihn betreiben. Gleichzeitig wollte ich irgendwie auch dem unabhängigen Buchhandel ein Denkmal setzen. Die Geschichte des Buches ist ja nicht nur unsere Geschichte, die könnten so wahrscheinlich auch ganz viele Kollegen und noch mehr Kolleginnen erzählen.

DSC_3642Ein Blick in die wundervolle Buchhandlung. © Fotos (2) Petra Hartlieb

Sie schreiben gemeinsam mit Claus-Ulrich Bielefeld die Krimireihe: Ein Fall für Berlin und Wien, die beim Diogenes Verlag erscheint. Woher nehmen Sie neben dem Geschäfts- und Familienleben die Zeit zum Schreiben all dieser Bücher?
Das frag ich mich manchmal auch. Den ersten Krimi hab ich wirklich nebenbei geschrieben, am Wochenende, in der Nacht, im Urlaub. Da haben wir aber auch mehrere Jahre daran gearbeitet, mit großen Pausen. Inzwischen ist es ja ein „ernster“ Nebenjob geworden, das heißt, ich habe zwei fixe freie Tage in der Woche, wo ich schreibe. Meistens geht aber ein Tag drauf, für alles Administrative (wie zum Beispiel solche Interviews beantworten) und ein Tag fürs Schreiben. Nachdem aber im Team der beiden Buchhandlungen natürlich immer jemand krank, im Urlaub, im Pflegeurlaub ist, wird an diesen Tagen oft geknabbert. Ich bin aber so eine „Ich-kann-überall-Schreiben“-Typ. Im Zug, am Flughafen, in der Mittagspause, im Freibad, egal…

Es war nicht immer leicht für Sie und Ihr Team. Aber Sie haben nie aufgegeben. War es der pure Idealismus, der Sie angetrieben hat?
Ja auch. Aber man kann ja auch nicht einfach aufgeben, so mitten am Weg. Ich und mein Mann haben inzwischen die Verantwortung für 12 Mitarbeiter, ich meine, da können wir doch nicht sagen, wir lassen es, nur weil es mal nicht so gut läuft.

Die Neuerscheinungen jährlich sind enorm. Wie stehen Sie zu dieser Flut, und wie gehen Sie bei der Auswahl vor?
Na ja, es gibt natürlich schon Lieblingsautoren, da sind die neuen Bücher Pflicht. Aber oft geht es über Empfehlungen. KollegInnen aus den eigenen Reihen, KollegInnen von anderen Buchhandlungen, Social Media, und nicht zu vergessen, die Vertreter, die natürlich wissen müssen, was mir gefallen könnte. Manchmal auch Besprechungen in Zeitungen. Und oft ist es einfach Zufall, das man ein neues Lieblingsbuch entdeckt.

Häufig taucht die Frage auf: Wird das Buch trotz der digitalen Revolution überleben? Wie meinen Sie dazu?
Überleben wird es sicher. Fragt sich nur, ob wir es schaffen, trotz des verloren gegangen Umsatzes zu überleben. Wenn die Leute sich die Bestseller und das Unterhaltungsfutter ausschließlich runterladen, und die meisten auch noch bei Amazon, und wir nur noch da sind, um die speziellen, bibliophilen Geschenke zu verkaufen, dann geht sich das nicht aus und macht auch keinen Spaß mehr. Andererseits wurde die Branche schon so oft totgesagt und lebt immer noch.

Amazon kommt in Ihrem Buch ebenfalls zur Sprache. Obwohl der Onlineanbieter immer wieder in der Kritik steht, bestellen nach wie vor viele Menschen dort Bücher. Was können unabhängige Buchhändler dagegensetzen?
Wir haben zwar nicht die Marketingmacht von Amazon, aber im letzten Jahr ist Amazon eindeutig weniger „sexy“ geworden. Gerade Leser, also Buchkäufer sind meistens gebildete Menschen, die auch ein kritisches Bewusstsein haben. Man muss nur gebetsmühlenartig erklären, dass Amazon keine Vorteile bringt, zumindest beim gedruckten Buch in deutscher Sprache. Wir können alles was die können, und sind auch noch nett dazu. Zahlen unsere Steuern im Land, schaffen Arbeitsplätze und Lehrstellen und sind wichtig für die Infrastruktur in unseren Wohngegenden. Und auch bei uns kann man Online bestellen und bekommt es portofrei zugeschickt.

DSC_3612Bücher – wohin das Auge reicht. Hier zu sehen bei „Hartliebs Bücher“.

Österreichische Autoren sind ja meist sehr speziell. Ich nenne hier als Beispiel Thomas Bernhard. Unterscheidet sich auch der österreichische Leser vom deutschen?
Ja natürlich. Allein schon im Leseverhalten. In Österreich werden ständig Bücher von deutschen Autoren gelesen, umgekehrt ist es eher schwierig. Nach wie vor ist es nicht leicht für österreichische Autoren am deutschen Markt, man muss schon Kult sein, um da wahrgenommen zu werden. Glattauer und Glavinic, Köhlmeier und Menasse, auch Vea Kaiser haben es geschafft, aber es ist nicht selbstverständlich. Wolf Haas zum Beispiel hat lange gebraucht, bis er in Deutschland wahrgenommen wurde, nun wird er wie ein Popstar gefeiert.
Umgekehrt sind die Österreicher auch empfindlich wenn es um die Sprache geht. Besonders bei Kinderbüchern möchte man wenig „deutsche“ Ausdrücke lesen. Ich bin da eher entspannt, schließlich habe ich fünf Jahre in Hamburg gelebt, habe einen deutschen Mann und meine Kinder sind fließend „zweisprachig“ und beide recht sprachbegabt.

Eine andere Institution des Alpenlandes ist ja der Bachmann-Preis. Wie relevant für die Verkäufe ist dieser Preis bei Ihnen?
Das kommt immer darauf an, wer ihn gewinnt. Ganz extrem war es bei Maja Haderlap, das lag wahrscheinlich daran, weil man in ihrem Text merkte, die Frau hat was zu sagen, die spricht über ein ganz wichtiges Kapitel der österreichischen Geschichte. In manchen Jahren merkt man wenig Resonanz und ganz dumm ist es, wenn der Autor gar kein Buch hat oder das Buch erst ein paar Monate später erscheint. Dann verpufft das. Ich finde die Veranstaltung trotzdem wahnsinnig wichtig, alleine das Literatur so viel Sendezeit eingeräumt wird, ist phänomenal.

Und zum Schluss kommt noch die Inselfrage: Was sind Ihre drei Lieblingsbücher, die Sie mit auf eine einsame Insel nehmen würden?
Das ist sehr sehr schwierig, denn meine Lieblingsbücher ändern sich ständig.
An erster Stelle steht unangefochten Monika Helds „Der Schrecken verliert sich vor Ort“, das ist, glaube ich, das Buch, das mich am meisten bewegt hat.
Dann vielleicht „Europa“ von Geert Maak, denn auf der Insel hätte ich ja Zeit, es noch mal langsam zu lesen. Vielleicht noch „Korrekturen“ von Jonathan Franzen, auch das würde ich gerne noch mal lesen, weil ich das zehn Jahre danach sicher noch mal anders sehen würde.

Die Klappentexterin dankt Petra Hartlieb für das Interview und wünscht ihr weiterhin viel Erfolg.

Wer nicht in Wien wohnt, hat trotzdem die Möglichkeit bei „Hartliebs Bücher“ vorbeizuschauen. Hier geht’s zum Online Shop der wundervollen Buchhandlung.

Petra Hartlieb war kürzlich bei Literaturen in der Reihe „Bitte übernehmen Sie!“ zu Gast.

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8 Gedanken zu “Petra Hartlieb übers Bücherverkaufen.

  1. Liebe Klappentexterin,
    das berührt mich jetzt irgendwie total, dass ihr erstes Inselbuch „Der Schrecken verliert sich vor Ort“ ist. Ging dir sicher genauso.
    Insgesamt ein spannender Beitrag. Schön auch, einen Blick in den Laden mit den Bücherregalen bis zur Decke und der fahrbabaren Leiter zu bekommen (insgesamt gar nicht so weit entfernt von meiner Phantasievorstellung).
    Einen schönen Sonntag, masuko

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  2. Ich danke ganz herzlich für dieses wunderbare Interview, das ich mit großem Interesse gelesen habe. Sehr freue ich mich über die Erwähnung der Korrekturen und Monika Helds berührendem Roman – beide würde auch ich wohl mit auf eine Insel nehmen wollen. 😀

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  3. Liebe Klappentexterin,
    viele Dank für dieses eindrucksvolle Interview. Ich freue mich schon mächtig auf das Buch von Petra Hartlieb und finde ihre Antworten auf Deine Fragen sehr interessant. Sie scheint eine beeindruckende Frau zu sein und man kann ihr nur wünschen, dass ihr Buchladen, sowie auch alle anderen kleinen Buchläden, noch lange Zeit Anklang finden.
    Lg
    lesesilly

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