Sebastian Lörscher über Indien.

Portrait_Büchergilde© Edition Büchergilde

Sebastian Lörscher wurde 1985 in Paris geboren. Er lebt und arbeitet als Autor und Zeichner in Berlin und München. Seine Arbeiten umfassen illustrierte Bücher, Comics
und gezeichnete Reportagen
. Sebastian Lörscher arbeitet für Firmenkunden in den Bereichen Illustration, Graphic Recording und Eventzeichnen. In „Making Friends in Bangalore“ hat Sebastian Lörscher seine Erlebnisse in Indien festgehalten. Das Buch wurde im Wettbewerb „Die 25 schönsten deutschen Bücher 2014“ von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet. Auf seiner Homepage findet ihr weitere Informationen über den Autor und Illustrator sowie Auszüge aus seinen Arbeiten.

______________________________________________________________

Klappentexterin: Was hat Sie nach Bangalore gezogen?
Sebastian Lörscher: Nach Bangalore bin ich eher zufällig gekommen. Es war aufgrund eines Projekts der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, wo ich studiert habe. Einer unserer Professoren, der schon mehrmals in Bangalore gewesen und fasziniert von der Stadt war, hatte die Idee zu einem Kooperations-Projekt mit einer dortigen Design-Schule. Er hat Fördermittel gefunden und ist mit einer Studentengruppe für einen Monat nach Bangalore geflogen. Ich hatte das Glück, dabei sein zu dürfen.

Wie war Ihr erster Eindruck von Indien?
Ich war überwältigt von dem ganzen Gewimmel, den Menschenmassen, den Gerüchen, der Hitze, dem dröhnenden Verkehr und all den Farben, die mich auf einmal umgaben. Das Wort »Kulturschock« trifft es sicher am besten.

An welche Momente und Begegnungen erinnern Sie sich besonders gern?
Es gab unglaublich viele tolle Begegnungen in Bangalore. Die, die mir aber immer sofort einfällt und die mich am meisten berührt hat, war die mit einem alten Straßenarbeiter (sicherlich ein Angehöriger einer unteren Kastengruppe). Ich habe ihn gezeichnet und ihm, was ich sonst eher selten tue, die Zeichnung danach geschenkt. Noch niemals habe ich so große Dankbarkeit Ergriffenheit erlebt.

Wie haben Sie die Orte und Menschen getroffen? Hatten Sie einen Plan oder haben Sie sich einfach treiben lassen?
Ich bin ohne jegliche Projektidee nach Bangalore gekommen. Ich habe einfach das gemacht, was ich auch hierzulande sehr oft mache – ich habe mein Skizzenbuch aufgeschlagen und habe gezeichnet. Während in Deutschland dabei eher selten etwas passiert, geschah in Indien etwas völlig Unerwartetes. Innerhalb kürzester Zeit war ich jedesmal umringt von Unmengen von Indern, die mir alle neugierig über die Schulter blickten und wissen wollten, was ich da mache. Auf diese Weise bin ich mit den Leuten in Kontakt gekommen und habe fast immer spannende Bekanntschaften gemacht. Viele Inder haben mich daraufhin oft mitgenommen und haben mir Teile ihrer Stadt gezeigt. So habe ich Bangalore und seine Bewohner kennengelernt und musste eigentlich nicht viel tun außer mich irgendwo hinzusetzen und zu zeichnen.

Wie war das, so im Mittelpunkt zu stehen? Fühlten Sie sich hin und wieder auch beobachtet oder gar unwohl?
Klar war das erstmal seltsam, wenn einem plötzlich so viele Leute beim Zeichnen zuschauen. Und ein wenig nervös macht es einen natürlich auch – das Ganze ist ja quasi ein kleiner Auftritt vor Publikum. Aber mit dieser Situation bin ich recht schnell zurechtgekommen. Das lag vor allem aber an der Mentalität der Inder. Alle waren so freundlich, begeistert und interessiert, dass ich gar nicht die Gelegenheit hatte, mich unwohl zu fühlen.

Die Farbe Rot ist ein zentrales Element des Buches und Ihres Skizzenbuches. Hat die Farbe eine besondere Bedeutung für Sie?
Mit Rot verbinde ich tatsächlich in erster Linie die Farbe meines Skizzenbuchs, mit dem ich durch Bangalore gezogen bin – roter Leineneinband, roter Farbschnitt, rotes Vorsatzpapier, groß und schwer. Ein unglaublich tolles Skizzenbuch und welches ich in Bangalore in einem kleinen Laden gefunden hatte. Es war immer ein großartiges Gefühl, es aus meiner Tasche zu ziehen und aufzuschlagen. Deswegen musste das Rot und die Aufmachung des Skizzenbuches auch im finalen Buch aufgegriffen werden.

Ihr Skizzenbuch war ja prall gefüllt. Mussten Sie am Ende viel weglassen?
Mein Buch ist ja eine Mischung aus in Bangalore entstandenen Zeichnungen und Comic-Episoden, die ich nach meiner Reise angefertigt habe.
Als Material für die Comic-Episoden entschied ich mich für den Buntstift. Die in meinem Buch gezeigten Zeichnungen aus Indien hingegen sind alle mit Tusche gezeichnet. Dadurch wollte ich einen größeren Unterschied zwischen den beiden Ebenen schaffen.
In Bangalore habe ich aber auch viele Skizzen mit dem Buntstift gemacht. Diese zum Beispiel habe ich dann weggelassen.

Ich habe bei der Lektüre Ihres Buches viel gelacht. Haben Sie beim Zeichnen auch gelacht oder überwog die Konzentration?
Während des Zeichnens selbst war ich meist schon sehr konzentriert. Davor und danach habe ich aber definitiv sehr viel gelacht.

Wie haben Sie die Eindrücke eines Landes verarbeitet, in dem es noch viel Armut, Rückständigkeit und Ungerechtigkeit gibt?
In Bangalore wurde man natürlich schon mit vielen Dingen konfrontiert, an denen man zu knabbern hatte. Letztenendes bin ich aber beispielsweise mit dem Anblick und der Verarbeitung von Armut recht gut zurecht gekommen, ganz einfach weil ich den Eindruck hatte, dass die Inder so gut damit umgehen können. Auch in sehr armen Gegenden waren die Leute optimistisch, haben gelächelt und waren gastfreundlich. Und nie habe ich jemanden über seine Situation klagen hören. Ich glaube, das hat viel mit dem hinduistischen Glauben zu tun: Wer es in diesem Leben nicht so gut erwischt hat, hat die Chance im nächsten Leben in ein besseres Umfeld geboren zu werden – sofern er in seinem jetzigen Leben fleißig und gut lebt.

Haben Sie mit einigen Personen aus Ihrem Buch noch Kontakt? Haben vielleicht sogar manche das fertige Werk bekommen?
Kontakt habe ich noch zu Rucha, einer Studentin aus Bangalore, über die es eine Geschichte im Buch gibt. Sie hat mir auch bei der Entstehung des Buches geholfen, mir per Skype viele Fragen beantwortet und mir einige Sätze ins Hindi übersetzt. Ihr habe ich das fertige Buch sofort nach Bangalore geschickt.

Fahren Sie bald wieder nach Indien? Oder wollen Sie ein anderes Land zeichnend entdecken und uns vorstellen?
Nachdem ich in Indien war, habe ich eine weitere Zeichen-Reise gemacht: ich war für ein halbes Jahr in Haiti. Auch hier ist ein Buch mit vielen tollen und vor Ort angefertigten Zeichnungen und Geschichten entstanden, für welches ich noch einen Verlag suche (www.sebastian-loerscher.de/haiti_cheri2.html).
Gerade arbeite ich an einem neuen Projekt. Nach Indien und Haiti musste in Sachen Exotik natürlich nochmal eins drauf gesetzt werden. Deshalb treibe ich mich mit meinen Stiften in letzter Zeit vermehrt in unserem Nachbarland Österreich rum. Nach Indien würde ich natürlich auch gerne irgendwann nochmal. Ich habe ja nur einen winzigen Bruchteil gesehen.

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht Sebastian Lörscher weiterhin viel Erfolg!

karenina-illustration

Advertisements

2 Gedanken zu “Sebastian Lörscher über Indien.

  1. Ein schönes Interview. Vielen Dank! Ich mag ihn sehr. Und auch das Projekt zu Haiti ist einfach toll. Bin gespannt was wir noch alles von ihm hören und SEHEN!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s