Der Wind erzählt eine schreckliche Geschichte.

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Aus diesem Buch weht ein Wind, der mich in eine Welt getragen hat, die ich vorher so noch nicht kannte. Einmal begonnen, konnte ich „Das Haus des Windes“ von Louise Erdrich nicht mehr aus den Händen legen. Die Geschichte gelangte in meine eigene Blutlaufbahn und ich habe statt Luft den Roman eingeatmet. Das Hier verschmolz mit dem Dort zwischen den Buchdeckeln und trug mich davon.

Doch sanft wie der Wind ist der Anfang nicht, eher wie ein Faustschlag in die Magengrube. Louise Erdrich entführt mich in ein Indianerreservat nach North Dakota, in dem eine Familie von einem schrecklichen Verbrechen erschüttert wird. Die Mutter des 13-jährigen Ich-Erzählers kehrt nicht zurück, nachdem sie kurz ins Büro gefahren ist, um eine Akte zu holen. Der Vater und der Junge sind beunruhigt und begeben sich auf die Suche. Sie kommt ihnen auf der Straße im Auto entgegen und beide kehren um. Vor dem Haus finden sie die Mutter vor, die das Lenkrad umklammernd und verletzt ist. Später im Krankenhaus erfährt Joe, dass seine Mutter vergewaltigt wurde.

Nach diesem furchtbaren Ereignis ist nichts mehr wie zuvor in Joes Familie. Seine Mutter ist traumatisiert und versteckt sich im dunklen Schlafzimmer. Joes Vater ist Stammesrichter und schleppt alte Akten nach Hause, in der Hoffnung, eine Spur zum Täter zu finden. Joe ist ebenfalls von dem Gedanken getrieben, den Täter zu entlarven. Zusammen mit seinen Freunden will er den Mann ausfindig machen, der das Leben seiner Familie zerstört hat. Dabei werde ich Zeugin einer unerhörten Wahrheit: Gewaltverbrechen von Weißen, die an Indianern verübt werden, werden unter bestimmten Voraussetzungen nicht geahndet. Im Nachwort führt die Autorin, Tochter einer Indianerin und eines Deutschen, Fakten auf, die mich zutiefst schockieren und von denen ich bislang nichts wusste: „Eine von drei indigenen Frauen in den USA wird im Laufe ihres Lebens Opfer einer Vergewaltigung (und die wirkliche Anzahl liegt sicherlich höher, weil indigene Frauen sexuelle Gewalt oft nicht zur Anzeige bringen); 86 Prozent der an indigenen Frauen verübten Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe werden von nicht-indigenen Männern begangen; nur wenige werden strafrechtlich verfolgt.“

Dieser Roman hat für mich drei Seiten, die ihn für mich zu einem unvergesslichen Leseerlebnis machen. Die Autorin konfrontiert mich mit dem Gewaltverbrechen und den schmerzhaften Folgen für alle Beteiligten, einschließlich der irrsinnigen Gesetze, die in Amerika noch vorherrschen. Gleichzeitig nimmt sie mich an die Hand und führt mich in die fremde Welt der Indianer mit ihren Riten und Geistergeschichten. Davon geht eine Faszination aus, die mich hypnotisch an sich bindet. Ich lausche Mooshums – so heißt Joes Großvater – Geschichten, der er im Traum seinem Enkel aus der Vergangenheit erzählt, lasse mich vom Wind des Mystischen davontragen und spüre den Hauch des Unheimlichen auf meiner Haut kribbeln. Dann ist da noch der pubertierende, sympathische Joe, in ihm erwacht das junge Leben. Er trinkt mit seinen Freunden zum ersten Mal Bier und schätzt „die Nähe zu Sonjas Brüsten“. Seine Tante versprüht die volle Weiblichkeit, der sich Joe einfach nicht entziehen kann. Nicht nur das fesselt meine volle Aufmerksamkeit: Joe spürt den Drang nach Gerechtigkeit und die führt ihm zu einem Schritt, der mein Bild über den Jungen eine neue Richtung gibt.

Es bleibt Louise Erdrichs Geheimnis, wie sie es anstellt, dass man ihr lesend folgt. Der Atem geht flach und ich habe nur ein Ziel: weiter zu kommen, immer weiter. Aufhören ist unmöglich und das ist für mich die hohe Kunst des Erzählens. Wenn der Leser komplett in der Geschichte gefangen ist, ein Teil von ihr wird und ganz bei ihr bleiben will. Genau dieses Talent hat die vielfach ausgezeichnete Autorin mit diesem Roman unter Beweis gestellt. Sie hat mich nicht nur wunderbar unterhalten, sondern ebenso aufgeklärt über unfassbare Gewaltverbrechen und deren rechtliche Folgen. Meisterhaft hat sie die vielen Themen miteinander verflochten und mich bis zu letzten Seite mit dem Wind davongetragen. Was kann man Schöneres sagen als das einem ein Buch in eine Welt geführt hat, von deren Existenz man vorher nicht den blassesten Schimmer hatte.

An dieser Stelle möchte ich euch die schöne Rezension vom Bücherwurmloch ans Herz legen. Hat sie mich mit zu diesem feinen Buch geführt. In diesem Sinne, ein ganz liebes Dankeschön an dich, liebe Mariki!

Louise Erdrich: Das Haus des Windes. Aus dem Amerikanischen von Gesine Schröder. Aufbau Verlag, Februar 2014, 384 Seiten, 19,99 €. Ihr könnt den Roman sofort und portofrei direkt hier bei ocelot.de bestellen. Oder das eBook für 15,99 € downloaden.

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14 Gedanken zu “Der Wind erzählt eine schreckliche Geschichte.

  1. Was für eine wunderbare Buchbesprechung. Allein ihretwegen bin ich neugierig auf den Roman. Dazu kommt mein Interesse für Indianer und ihre Geschichte. Vielen Dank, das Buch werde ich mir kaufen 🙂

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    1. Liebe Heike,
      vielen Dank für deinen Besuch! Da trifft diese Besprechung auf die richtige Leserin. 😉 Als Indianer-Interessentin wirst du auf deine Kosten kommen und mit dem Ich-Erzähler obendrein spannende Lesestunden erleben. Viel Freude beim Lesen!

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  2. Hey,
    eine wirklich ganz tolle Rezension, die genau das auf den Punkt bringt, was das Buch aussagt. Vor allem die vielen Facetten, die das Buch hat, beschreibst du sehr gut. Zum einen ist es wirklich eine Coming-of-Age Geschichte, die auch mal belustigt, auf der anderen Seite steht aber die grausame Tat, die den Leser so sehr schockiert und bedrückt.
    Ich wusste gar nicht wie sehr Indianer von Weißen unterdrückt wurden und immer noch werden. Schockierend!!
    Ein grandioses Buch, das man unbedingt lesen sollte!!

    LG Nanni

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    1. Ich danke dir, liebe Nanni, für deine persönlichen Eindrücke! Hab mich sehr darüber gefreut, auch, dass wir beide von dem Buch im gleichen Maße angetan sind. Ein großartiges Buch – angefangen vom Buchumschlag bis hin zum mitreißenden Inhalt.

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    1. Merci, liebe Mariki! Und wie gesagt, ohne dich, ohne deine wunderbare Besprechung hätte ich es nicht so schnell geöffnet. „Spuren“ habe ich mir übrigens kürzlich gekauft. Hach, ich freue mich riesig, diese Autorin entdeckt zu haben!

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