Die Fremde, so nah. Nah am Herzen.

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Ein echtes Herzensbuch ist wie die ausgestreckte Hand einer guten Freundin. Ein echtes Herzensbuch wärmt deine aufgeregte Seele und legt sich wie eine süße Schokoladenschicht auf deinen Geist. Ein echtes Herzensbuch schenkt dir ein entzückendes Lächeln und lässt dich das Böse in der Welt vergessen. Du fühlst dich unantastbar, bärenstark und geborgen. Von genau so einem Buch möchte ich euch heute berichten.

„Die Ungehaltenen“ heißt mein Herzensbuch, entsprungen ist es aus der Feder von Deniz Utlu. Sein Debüt habe ich wie eine Auster weggeschlürft und es genauso genossen. Der Autor hat in seinem Werk einen Held geschaffen, wie ich ihn mag und wie sich ihn wohl fast jeder wünscht. Der Protagonist ist ein bisschen aus der Welt gefallen und orientierungslos. Das weckt in mir wahrscheinlich den Beschützerinstinkt und Erinnerungen an Zeiten, in denen es mir ebenfalls so erging. Elyas hängt zwischen den Seilen. Sein großer Anker ist Onkel Cemal, der ihm Geschichten von damals erzählt, als er mit seinem Vater nach Deutschland gekommen ist. Das Jurastudium verfolgt Elyas nur mit halber Leidenschaft und lässt es bald ganz sein. Aber, nun ja, er sieht einfach keine Alternative. Elays‘ Vater ist schwerkrank, doch die Anrufe der Mutter ignoriert er oder drückt sie weg. Eigentlich kein sympathischer Charakterzug, aber Elyas lasse ich einiges durchgehen, weil ich ihn mag. Wirkt er doch wie ein kleiner Hund, der sich verlaufen hat. Wenn der Ich-Erzähler nicht bei seinem Onkel ist, lässt er sich durch Berlin treiben, sitzt auf Dächern und Balkonen, trinkt Bier und Tee. Dabei beobachtet er eine Stadt, die sich ständig verändert.

Sein Onkel bringt es auf den Punkt: „Es sei ihm, Cemo, und seinen Freunden zu verdanken, dass die Häuser hier noch stünden. Und jetzt diese unbezahlbaren Mieten. Und so andere Leute: Onkel Cemal zeigte mit dem Finger auf drei junge Männer, von denen jeder eine Bierflasche in der einen und einen Döner in der anderen hielt. Sie hatten sich die Haare zur Seite gekämmt.“ Ich mag den Berlin-Drive, der aus den Seiten pocht, sauge die Beobachtungen über die Stadt auf, pendle zwischen dem Gefühl des Genervtseins über das Partyvolk und der Liebe zu dieser Stadt. Und werde schlagartig wach, sobald mich Deniz Utlu mit Sätzen wie diesen angenehm überrascht, wie eine von diesen leckeren türkischen Süßspeisen, die er mir in den Mund steckt: „Manchmal passieren Dinge, die pusten dich aus deinem Körper. Die Leute denken, du bist da, aber du bist es nicht. Und du weißt nicht, dass du nicht da bist, bis du wieder da bist – vier Jahre später. Die, die dich um deine Stärke bewundert haben, sind gereift, stehen im Leben. Du bist, wo du warst, als du aus deinem Körper fielst, als die Zeit stehen blieb, als du einschliefst. Die anderen stehen im Leben. Du kriechst zurück. In deinem Körper. Er ist anders jetzt.“ Düster auf der einen Seite. Auf der anderen aus vollem Herzen. Wer kennt das nicht, wenn man sich fremd fühlt?

Elyas treibt durch sein löchriges Leben. Und wird hellwach, als er die Ärztin Aylin kennenlernt. Sie weckt ihn ihm neue Lebensgeister und führt ihn später nach Istanbul. Das ist der zweite Abschnitt in diesem Buch, eine Reise zu seinen familiären Wurzeln in die Türkei. Hier wandelt sich das Buch in ein wunderbares Roadmovie mit schönen Bildern.

Der Roman schwimmt zwischen meinen Augen wie ein Fisch, den ich nicht greifen kann. Doch das stört mich nicht, genau das macht ihn für mich zu etwas Besonderem. Ich hänge mich an das Treiben, folge der Suche des Protagonisten und den vielen Reflexionen. Utlu erzählt auch von den Gastarbeitern die vor 50 Jahren nach Deutschland kamen. Er führt mich mitten hinein in das Leben türkischer Einwanderer und deren Nachkommen. Und in alldem verliere ich mich in seiner Sprache, die mich mit feinen poetischen Nuancen entzückt. Ein Roman, der mich mitgenommen hat auf eine Reise in eine Welt, die mir fern und doch nah ist, da sie auch Teil meiner Stadt ist. Ich fühle mich in seinen Stimmungen und Verwirrungen wohl. Wie es sich für ein richtiges Herzensbuch gehört, das zur richtigen Zeit in meine Hände gefallen ist und mir wunderbare Momente beschert hat.

Deniz Utlu: Die Ungehaltenen. Graf Verlag, März 2014, 240 Seiten, 18,- €. Ihr wollt das Buch jetzt sofort haben? Dann könnt ihr es direkt und portofrei bei ocelot.de hier bestellen oder das eBook für 14,99 € downloaden. Die Hörbuchfreunde unter euch bekommen das Hörbuch als mp3 für 14,95 € oder die 5 CDs für 19,99 €. Reinhören könnt ihr bei HörbucHHamburg, dort ist das Hörbuch erschienen.

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17 Gedanken zu “Die Fremde, so nah. Nah am Herzen.

  1. Liebe Klappentexterin,
    „Ein Herzensbuch“. Allein dieser Ausdruck verführt mich dazu, dieses Buch sofort lesen zu wollen. Und dann Deine Rezension. Du findest Worte, die sind wie gemalt. Vielen Dank für diesen interessanten Tipp. Ich freue mich jetzt schon auf die Lektüre.
    LG
    lesesilly

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    1. Liebe lesesilly,
      vielen Dank für deine schönen Worte! Dieses Buch entzückt, beglückt – trotz der melancholischen Zwischentöne. Kaum hatte ich die ersten Seiten gelesen, wurde mir ganz warm, herzwarm. Ich wäre erfreut, wenn es zwischen euch beiden auch so funken würde.

      Herzlich,
      Klappentexterin

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      1. genau vor mir steht mein laptop. hm.
        🙂

        ich habe zwei sätze missverstanden:

        „Die Ungehaltenen“ heißt mein Herzensbuch, entsprungen ist es aus der Feder von Deniz Utlu. Sein Debüt habe ich wie eine Auster weggeschlürft und es genauso genossen.

        das klang für mich nach zwei büchern. aber gut, es ist nur ein titel, den ich mir also merken muss.

        🙂

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  2. Ach, wenn das Buch nur halb so schön ist, wie die Worte, die Du dafür findest… Dann ist es den Kauf mehr als wert! ❤

    Liebe Grüße und vielen Dank für eine so schöne Rezension!
    Jule von Zroyas Papiergeflüster

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  3. Ich werde Utlu nun eine 2. Chance geben, jetzt wo du so verzaubert bist. Ich hatte nicht so gut in die Story reingefunden, werde aber einfach nochmal von vorn anfangen. Schöne Rezension!

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  4. Liebe Klappentexterin,
    habe das Buch soeben beendet und muss Dir leider mitteilen, dass ich mit ihm gar nicht warm geworden bin. Ich konnte überhaupt nicht in die Geschichte hineinfinden, nichts, was mich wirklich überzeugt hätte. Schade, aber vielleicht war es auch nicht der richtige Zeitpunkt.
    LG
    lesesilly

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  5. Ach jammerschade, dass ihr zwei, mit denen ich oft den gleichen Lesegeschmack teile, nicht dieselbe Begeisterung für das Buch teilen könnt. Nun, vielleicht ist es wirklich ein Stimmungsbuch, das nur zur richtigen Zeit gelesen werden muss? Ich danke dir für deine Rückmeldung, liebe lesesilly!

    Herzlichst,
    eure Klappentexterin

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  6. Mich erinnert es ein wenig an Der Russe ist einer… von Olga Grjasnowa, dieses Buch könnte letztlich auch Die Ungehaltenen heißen. Es gibt da diese ungehaltene Protagonistin, zornig, aggressiv, enttäuscht, und dann gibt es einen Verlust und die Flucht, in Form einer Reise. Vom „Migrationshintergrund“ beider Autoren und Figuren ganz zu schweigen

    Dieser war denn auch das zentrale Thema bei der Lesung von Deniz Utlu am Montag hier in Frankfurt. Durch die Wahl der Gesprächspartnerin (Seyla Benhabib, Professorin am Institut für Sozialforschung) und auch durch die Zusammensetzung des Publikums wurde der Veranstaltung eine Richtung gegeben, die Lesung sonst nicht nehmen – weg von der Literatur, hin zu politisch-gesellschaftskritischen Fragen. Eine spannende Veranstaltung auf jeden Fall, auch wenn ich es ein wenig bedauert habe, dass der Autor und sein literarisches Schaffen so wenig im Vordergrund standen.

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    1. Der Russe ist einer… habe ich leider bis heute nicht gelesen, was ich bedauere, aber ich hole es noch nach. Danke für den Vergleich! Und damit verbunden die charmante Erinnerung an ein Buch aus meinem SuB.

      Bei der Veranstaltung wäre ich zu gern dabei gewesen. Schade, dass Deniz Utlu ein wenig im Schatten stand. Aber er kam schon zu Wort, oder? Drücken wir ihm die Daumen, dass er an anderer Stelle nochmal die Möglichkeit bekommt, sein literarisches Schaffen und das Buch noch mehr in den Vordergrund zu stellen.

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      1. Nun ja, die Person Deniz Utlu stand nicht im Schatten, aber der Autor schon. Selbst wenn über die Geschichte im Buch geredet wurde, ging es kaum um ihre literarische Qualität, sondern meist um Utlus eigene Biographie, seine Erfahrungen, seine Einstellung zu diesen und jenen Themen. Ein ganz anderer Zugang zur Literatur, als es sonst auf Lesungen üblich ist. Sicherlich spannend, vor allem für dieses spezielle Publikum, das mutmaßlich aus anderen Gründen zur Lesung gegangen ist als ich; für meinen Geschmack aber manchmal zu weit vom Werk entfernt. Bzw. wurden Fiktion und Autorbiographie zu häufig durcheinandergeworfen, was ja bekanntermaßen fatal ist. Ich glaube aber nicht, dass Utlu sich damit unwohl gefühlt hat, jedenfalls ist er auf jede Frage sehr ausführlich und besonnen eingegangen. Ist ja vielleicht auch mal was anderes als die ewig gleichen Fragen: „Woher nehmen Sie ihre Inspiration?“ / „Wie sieht Ihr Schreibtisch aus?“ 😉

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  7. Nach deinem Post stand ich lange vor meinen Regalbrettern und hielt Ausschau nach meinem Herzensbuch. Am Ende stellte ich fest, es sind mehrere, und jedes spiegelte eine Phase in meinem Leben wider und ich dachte: So muss es sein, ein Buch für jede Zeit.

    Liebe Grüße und Dank für diese Rezension.

    Achim

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    1. Was für ein wunderbares Bild! Vielen Dank dafür, lieber Achim! Genauso ist es, unsere Regale vereinen eine Menge Herzensbücher und deshalb stehen wir so gern davor, lächeln, seufzen und erinnern uns an jene Zeiten.

      Liebe Grüße zum Sonntag,
      Klappentexterin

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  8. Hm, komplett kann ich deine Euphorie leider nicht teilen. Die Hälfte, ja, die Geschichte in Berlin fand ich überaus gelungen, während ich weniger mit der Reise durch die Türkei anfangen konnte. Ich weiß nicht, aber so ganz war ich mir nicht schlüssig, was der Autor damit aussagen wollte. Beide erkunden ihre Wurzeln und versuchen scheinbar zu verstehen, warum die Generation ihrer Eltern so tickt, um mit sich ins Reine zu kommen. Mehr konnte ich daraus nicht folgern, was für mich eher enttäuschend war, da der erste Teil viel mehr hergegeben hat.

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    1. Interessant, wie unterschiedlich Bücher doch wahrgenommen werden können. Anders als bei dir hatte die Reise durch die Türkei für mich einen besonderen Reiz. Vor allem die Bilder, die Stimmungen und die Suche. Schade, dass dich der Roman in diesem Abschnitt nicht so begeistern konnte wie mich.

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