Finn-Ole Heinrich über ein besonderes Mädchen.

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© Denise Henning, 2013

Finn-Ole Heinrich wurde 1982 geboren und hat Film studiert. Heute lebt er  in Hamburg. Aus seiner Feder entstammt die Trilogie Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt, erschienen bei Hanser, die Rán Flygenring eindrucksvoll illustriert hat. Band 1 (Mein kaputtes Königreich) erschien 2013 und Band 2 (Warten auf Wunder) dieses Jahr im Februar. Band 3 (Ende des Universums) erfreut uns ab dem 25. August. Finn-Ole Heinrich hat noch weitere Bücher geschrieben. Sein Debüt die taschen voll wasser erschien 2005 im mairisch Verlag. Danach folgten noch Räuberhände, Gestern war auch schon ein Tag, Frerk, du Zwerg! sowie die beiden Hörbücher Auf meine Kappe und Ich dreh den Kopf, du drehst den Kopf (gemeinsam mit Spaceman Spiff). Für Frerk, du Zwerg! wurde Finn-Ole Heinrich mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2012 ausgezeichnet. Weitere Infos über den Autor findet ihr auf seiner Homepage. Und wer mehr über Maulinas Illustratorin Rán Flygenring wissen möchte, wird hier fündig. _______________________________________________________

Klappentexterin: Wann hat dich Maulina das erste Mal in deinem Kopf besucht?
Finn-Ole Heinrich: Ich glaube so vor etwa drei Jahren. Ich war in Freiburg und Maulina war noch ein ganz anderer Mensch. Sie war kleiner, unsympathischer und ist erst mit ihrer schweren, komplizierten Geschichte zu der geworden, die sie heute ist.

Warum hast du dich für ein Mädchen als Romanheldin entschieden?
Öh, keine Ahnung. Hab ich nicht gesondert drüber nachgedacht. Manchmal trifft man Figuren in seinem Kopf, die einem was zu sagen haben, die irgendwas können, wollen, tun, denken oder ertragen können. Die mit einem sprechen. Wenn dem so ist und ich die Figuren reizvoll finde, dann verbringe ich gern Zeit mit ihnen. Ob sie dann alt, jung, schwarz, weiß, Mann oder Frau sind, Alki, Öko oder BWL-Student, ist mir ziemlich wumpe.

Maulina hat einen schweren Rucksack zu tragen. Aber sie ist stark und lässt sich nicht unterkriegen. Ist das deine Botschaft an die jungen Leser?
Ich hab keine Botschaft für niemanden. Ich schreibe, weil ich Fragen habe. Weil ich Vieles nicht verstehe, weil Schreiben mich sortiert, mir hilft, mich in dieser Welt besser zurecht zu finden. Ich hab oft Figuren in meinen Geschichten, die überhaupt nichts Vorbildhaftes an sich haben. Das finde ich auch nicht gerade spannend: Botschaften in die Welt zu senden (wer bin ich denn?), Vorbildfiguren zu entwerfen. Aber du hast schon recht: Maulina ist jemand, der mit einer beeindruckenden Stärke, mit viel Pragmatismus und einer großen Fähigkeit gesegnet ist, sich im Leben zurecht zu finden, sich mit Menschen zu verbinden. Das hat sie aber sozusagen von sich aus mitgebracht, mir mitgebracht. Nicht ich habe mich hingesetzt und so eine Figur entworfen. Eher andersrum: Ich habe irgendwann gespürt, dass sie stark und besonders genug ist, um diesen schweren Rucksack tragen zu können. Sie kann diese Geschichte erleben, davon erzählen, ohne daran zu zerbrechen. Es verändert sie, aber verbiegt sie nicht. Maulina, wie sie zu mir kam, hat diese Geschichte für mich erzählbar gemacht. Nicht ich habe sie geschaffen, um diese Geschichte erzählen zu können.

Wolltest du von Anfang, dass Illustrationen deinen Text unterstützen?
Ja. unbedingt. Ich wollte unbedingt diese Dreiteilung und ich habe es von Anfang an als ein Projekt mit Rán gedacht. Ich finde, diese wirklich ja nicht eben leichte Geschichte braucht Ráns Humor, ihre zauberhafte Leichtigkeit. Ihre Bilder geben dem Text eine Luftigkeit, die macht, dass man dieses Buch gern in die Hand nimmt und sich darin wohl fühlt, obwohl die Geschichte nun alles andere als ein Wohlfühltext ist.

Wie kann ich mir die Zusammenarbeit zwischen dir und der Illustratorin Rán Flygenring vorstellen?
Sehr 2014. Das meiste läuft digital ab. Ich schicke ihr Texte per Mail. Sie schickt mir Bilder per Mail. Wir haben noch nie telefoniert und sehen uns selten. Weil wir ja meistens an unterschiedlichen Orten der Welt unterwegs sind. Frerk ist erschienen, ohne dass wir einmal mit einander gesprochen haben, ohne uns je wirklich einmal gesehen zu haben, das hat erst geklappt, als das Buch erschienen war. Schön war, dass ich den ersten Maulina-Teil in Reykjavìk geschrieben habe. Da haben wir uns dann alle paar Tage getroffen und ich habe ihr von meinen Ideen erzählt und mit ihr zusammen darüber nachgedacht, wie diese Bilder aussehen könnten und wie sie in den Text greifen… Sie hat dann große Teile des ersten Teils gemalt, als sie in Berlin war, da konnten wir uns auch ein paar Mal treffen. Das wäre für alle noch folgenden gemeinsamen Projekte schon schön: wenn wir uns in der Findungsphase zuweilen sehen könnten.

Woher nimmst du all die vielen schönen Ideen? Oder gibt es ein Geheimnis für deine Kreativität?
Mh. Aus dem Kopf. Ich glaube, es gibt kein Geheimnis. Ich stelle mir vor, dass ich sozusagen einen gut trainierten Ideenmuskel im Kopf habe. Ich mach das ja nun schon seit ungefähr vierzehn Jahren fast jeden Tag: mir Geschichten ausdenken, Ideen sammeln. Mein Hirn hat sich wahrscheinlich einfach daran gewöhnt, viele Ideen auszuspucken. Ich sortiere dann nur noch den ganzen Müll aus. Das ist eigentlich die Hauptarbeit. Und das ist anstrengend und erfordert viel Disziplin.

Die äußere Gestaltung des Buches finde ich wunderschön. Wie ist sie entstanden?
Da musst du Rán fragen. Ich bin ihr größter Fan. Sie ist wirklich fantastisch, eine große Künstlerin, von der man noch unglaublich viel sehen und erwarten kann. Sie zeigt mir ihre Ideen und ich schreibe ihr meine Kritik und meine Ideen dazu und manchmal führt das auch tatsächlich zu neuen Bildern und Gestaltungsideen, aber alles Gestalterische ist in erster Linie ihr Werk. Und ich bin sehr froh und auch ein bisschen stolz, dass ich sie entdeckt und für meine Projekte gewonnen habe. Ja, eigentlich: für den deutschen Markt.

Wann hast du angefangen zu schreiben? Und was liebst du an diesem Handwerk?
Mit 17 hab ich angefangen, wirklich Geschichten zu schreiben. Ich liebe vieles daran. Vor allem, dass es mir hilft, meine Fragen an diese Welt stellen zu können. Das Schreiben ist mir ein ganz wichtiger Zugang zur Welt geworden. Ich liebe es, dass es mir hilft, meine Gedanken zu sortieren, dass ich merke, dass es meinem Kopf gut tut, mich inspiriert und antreibt, dass ich in der großartigen Position bin, ständig mit tollen, aufregenden, kreativen Menschen arbeiten zu dürfen, all meine Fragen und Ideen sehr ernst zu nehmen, recherchieren zu dürfen zu Themen, die mich gerade umtreiben, dass ich keinen Chef habe, meine Arbeitsumgebung und ihre Bedingungen selbst gestalten zu können (das ist andererseits auch eine große Herausforderung). Und noch vieles mehr. Es ist ein Traumberuf. Auch wenn er oft extrem anstrengend ist, einem vieles abverlangt und oft einsam und zermürbend ist…

Was kannst du jungen Schreibenden mit auf den Weg geben?
Fragt, hört zu, denkt, lauscht in euch hinein und wenn ihr einen Text fertig habt, seid unerbittlich mit euch selbst: ist das ein Text, wie ich selbst ihn gern lesen würde?

Wann ist der Wunsch entstanden, Kinderbücher zu verfassen?
Das war gar kein lang gehegter Wunsch. Ich hab Frerk im Urlaub getroffen und weil ich da viel Zeit und viel Platz im Kopf hatte, hab ich mir seine quatschige Geschichte gern angehört und mir irgendwann Notizen gemacht. Ungelogen: vorgestern hab ich die Zettel aus dem Beirut-Urlaub wiedergefunden in einer Umzugskiste. Das ist schon fast die Endfassung. Witzig.

Dein Debüt „die taschen voll wasser“ ist beim mairisch Verlag erschienen. Weil ich als Initiatorin von We read Indie immer auf Stimmenfang für die unabhängige Verlagswelt bin, würde ich mich über deine sehr freuen. Was schätzt du an den Indieverlagen?
Die Indieverlage, würde ich behaupten, gibt’s ja so nicht. Das macht jeden einzelnen ja besonders. Dass diese kleinen Klitschen eben sehr eigene Profile haben, Nischen bespielen, Spezialistentum betreiben. Das ist immer eng an die Macher und ihre Interessen und Leidenschaften gekoppelt.

Mairisch ist meine Heimat, sie haben mich entdeckt, gefördert, begleitet. Sie beschützen und behüten mich, sie geben mir Halt, Orientierung und helfen mir bei allen organisatorischen Angelegenheiten. Ich kann mich mit allen Fragen, ob literarisch, planerisch, menschlich, ganz privat oder auch geschäftlich immer an sie wenden und sie stehen mir zur Seite, sind inzwischen gute Freunde. Ich bewundere diese Leute und ihren enormen Einsatz. Das sind alles extrem hochqualifizierte, kluge Menschen, die in anderen Jobs viel, viel mehr Geld verdienen könnten. Aber sie lieben Bücher, sie wollen Themen setzen, Kultur schaffen, schöne Bücher machen, Bücher, die es sonst vielleicht sehr schwer hätten, zur Welt zu kommen. Geld stand und steht dabei nie im Vordergrund. Mairisch ist auch in dieser Hinsicht tatsächlich „indie“, die Gründer müssen ihr Leben nicht mit dem Verkauf von Büchern finanzieren. Das heißt nicht, dass sie nur Bücher-machen spielen, es bedeutet vielmehr, dass sie schlicht nicht wollen, dass die Qualität leidet, weil ein Buch notwendigerweise Gewinn abwerfen muss.

Das ist bemerkens- und bewundernswert. Ich bin stolz, dass ich Teil dieses Projekts bin, weil es ein tolles Projekt ist.

Gibt es nach dem dritten Band von Maulina, der im Herbst 2014 erscheint, auch wieder ein Buch für Erwachsene?
Ganz sicher. Es ist aber im Moment noch nicht in Arbeit. Fliegt nur in Form eines Schwarms spannender Fragen von einer Schläfe zur anderen. Und es wird bei mairisch erscheinen. Jedenfalls, wenn sie das wollen.

Die Klappentexterin dankt herzlich für das Interview und wünscht Finn-Ole Heinrich weiterhin viel Erfolg!

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3 Gedanken zu “Finn-Ole Heinrich über ein besonderes Mädchen.

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