On the Road to Luck.

Jean_Philippe Blondel_zweiundzwanzig

Ein Blinzeln in der Sonne. Sandstaub auf den Lippen. Und in den Tiefen meines Bauches eine ganze Armee an Endorphinen. Ich blicke auf das schmale Buch Zweiundzwanzig von Jean-Philippe Blondel, flach wie eine Flunder und stark wie ein Elefant. Immer noch bin ich erstaunt darüber, was die kurze Geschichte mit mir angestellt hat. Großartig war’s – so viel kann ich euch schon verraten.

In kleinen Schritten nähern wir uns, das Buch und ich. Noch ahne ich nur halb, was mit mir passieren wird. Der Autor tippelt in kleinen Schritten auf mich zu, wie ein Basketballspieler wirft er die Wörter auf die weiße Fläche und zieht an vielen Stellen ein leuchtendes Staunen aus mir heraus. So erinnert mich der erste Absatz an die Zierlichkeit eines kleinen Gedichtes:

Eine Nonne.
Das muss ein Traum sein.
Ich kenne keine Nonne
Nonnen gibt es nur in den Romanen aus dem neunzehnten
Jahrhundert. Und am Steuer von Enten in Louis-de-Funès Filmen.
Mach die Augen zu.

Ich lasse meine Augen geöffnet, lese weiter und werde Zeugin von einer schlimmen Nachricht. Der Ich-Erzähler erfährt im Krankenhaus von seinen Freunden Laure und Samuel, dass sein Vater gestorben ist. Nur vier Jahre nach dem Tod seiner Mutter und seinem Bruder. Beide sind bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, den der Vater verursacht hat. Der namenlose Erzähler ist schockiert: »So was passiert einfach nicht. Nicht mal im Roman. So schamlos ist das Schicksal dann doch nicht.« In seinem Falle leider schon, das Schicksal mutet ihm einiges zu.
Nur wenige Tage später – kaum das die Beerdigung vorüber ist – spricht ihn der Notar an, da er Interessenten für die Eigentumswohnung des Vaters hat. Der Erzähler hält inne und macht kurzen Prozess: »Ich lasse alles hinter mir. Ich sage Ja. Zu allem. Verkauf, schnelle Abwicklung, Plünderung der Wohnung, Alles-muss-raus. Ich werde das schon schaffen.«

Was danach folgt, ist für mich einfach nur wunderschön. Zum an die Wand hängen schön. Unser Romanheld hat einen Traum, so einen, in den ich mich gern dazulegen möchte, weil er einem besonderen Gedanken entspringt: Seit er den Song »Rich« von Lloyd Cole gehört hat – in dem Morro Bay vorkommt – will der Unglücksrabe unbedingt dorthin reisen. Die Sehnsucht baumelt wie eine Klette in seinem Kopf und verlässt ihn nicht. Da macht er das einzige Richtige: Kurzerhand bedient er sich seinem Erbe, kauft drei Tickets und fliegt mit seinen beiden Freunden Laure und Samuel nach Amerika. Diese Reise könnte verzwickt werden, wenn man sich die Konstellation der drei betrachtet: Laure und der Erzähler waren jahrelang zusammen und haben sich erst kürzlich getrennt. Nun bahnt sich etwas zwischen seiner Exfreundin und besten Freund an. Wird das gut gehen?

Nach ihrer Ankunft in den Staaten mieten sich die drei Freunde einen Thunderbird, reisen quer durch Kalifornien, am Gran Canyon vorbei, übernachten abwechselnd mal im Auto, mal im Motel oder im Hotel. Sie fahren durch Kalifornien und verlieren sich beinahe im »Weltzentrum des Vergessens« – wie der Erzähler Las Vegas bezeichnet. Zwischendurch fällt er in seine Vergangenheit und findet sich im warmen Bauch seiner Familie wieder.

Dieses Buch ist eine Offenbarung. So schmal es ist, so groß ist das, was darin erzählt wird. Obwohl Jean-Philippe Blondel zurückhaltend vorgeht und wenig Raum für große Gefühle lässt, werde ich ganz kribbelig. Das Adrenalin schießt durch meine Blutlaufbahn. Ich bin betrunken, ohne einen Tropfen Alkohol getrunken zu haben, betrunken vor Glück, das ich in den Sätzen und den bewegenden Momenten finde. Kleine Aufnahmen mit großen Wirkungen wie die Begegnung mit der Motel-Besitzerin Rose und ihr Klavierspiel, das viel beim Erzähler auslöst und mich mitzieht.

Die Sprache hat ihren eigenen Rhythmus, sie lässt mich an einen Song denken. Lange Sätze gehen in kurze über – wie ein Refrain – und dann ein langer, tiefer Seufzer. Das geschieht alles fließend. Er hat die Wärme einer dampfenden Teetasse und verströmt gleichzeitig das überhebliche Prickeln einer Limonade. Auf den wenigen Seiten finden sich eine Handvoll Themen, die der Autor mit einer Leichtigkeit angeht. Verlust, Trauer, gehören genauso dazu wie die Suche nach sich selbst oder das kleine Glück zwischen den großen Augenblicken des Alltags. Das Buch ist ein mitreißender Roadtrip, eingebettet in eine fantastische Kulisse. Und er wird von sympathischen Protagonisten getragen, die mir den Wert von guten Freundschaften vor Augen führt. So spüre ich noch lange die Sonne in den Augen und die Glückshormone im Bauch.

Jean-Philippe Blondel: Zweiundzwanzig. Aus dem Französischen von Sophia Hungerhoff. Mareverlag Februar 2014, 160 Seiten, 18,- €. Direkt bei ocelot.de hier bestellen.

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11 Gedanken zu “On the Road to Luck.

  1. Liebe Klappentexterin,
    wenn dich die Sprache an einen Song erinnert, du ihn aber nicht verrätst, dann weiß ich auch nicht mehr weiter. „Route 66“? Ich will mitfahren.

    LG, Tanja

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  2. Hallo liebe Klappentexterin,
    Jetzt mal ein riesen Lob an Dich, wenn ich die email bekomme und von dir
    einen neue Rezension Buch Vorschlag kommt. Kann ich es kaum erwaten
    sei zu lesen, ich mag deine kleinen, liebevollen, gemütlichen, entspannenden oder in die Luft katapultierenden Eindrücke und fast immer machst du mir große Lust auf die Lese Vergnügen!!

    Vielen lieben Dank
    Sabine Bärbel Patjens
    leider klappt es mit dem Word Press Blog bei mir nicht!!
    Mein Blog ist von Google+ „Klangmalerei“ vielleicht
    liest du ja mal rein??????????????????
    Grüßchen
    Heute hat es endlich mit dem einloggen geklappt Juhu

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  3. Man merkt deiner Rezension an, dass du nicht einfach nur schreiben wolltest, wie schön du das Buch fandest, sondern du spiegelst diese Schönheit über die Sprache deiner Rezension wider. Effektiver kann man andere Leute nicht von einem Buch begeistern, das man liebt.

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  4. Wie schön! Man will losfahren, durch Kalifornien sausen. Will einfach dabei sein. Ich habe den Roman schon das eine und andere Mal in der Hand gehalten und kam immer gleich ins Träumen. Nun bestätigst du, es lohnt sich. Danke!

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  5. Ich danke euch allen herzlich für eure schönen Kommentare. Leider etwas verspätet, da mir eine fiese Erkältung in die Quere gekommen ist! Ich wünsche denjenigen, die ins Buch einsteigen werden, eine wundervolle Fahrt On the Road to Luck.

    Herzlichst,

    Eure Klappentexterin

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