Alper Canigüz vertreibt böse Geister.

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Dieser Satz purzelt mir wie eine Glasmurmel aus dem Kopf, kurz nachdem ich in seinem neuen Roman Die Verwandlung des Hector Berlioz eingetreten bin. Ich habe meine Schuhe noch gar nicht ausgezogen und fühle mich bereits heimisch in diesem verrückten Schauspiel.

Es geht damit los, dass Hector Berlioz in der Zeitung auf eine geniale Anzeige stößt, die ihn anspricht. Nun wird nicht etwa ein Fahrrad mit Propellern angeboten oder eine Sammlung fossiler Knochen. Nein, sie ist noch viel besser und skurriler. Ich habe die Anzeige mit meiner Kamera ausgeschnitten (das Buch beschädigen konnte ich nicht) und lege sie euch einfach hin:

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Da runzelt sich die Stirn ganz automatisch und ich denke: Nanu? Hector hingegen denkt das nicht, und greift begeistert zum Telefon. Er vereinbart einen Termin und besucht den jungen Mann, den er für einen speziellen Auftrag engagieren möchte. Bevor es dazu kommt, will Hector mit seinen eigenen Methoden das Vertrauensverhältnis ausloten. Dazu bedient er sich bestimmter Tests. Einen finde ich besonders abgedreht: Wer am längsten die Luft anhält gewinnt. Nun, auf dem ersten Blick, klingt das nicht spektakulär, aber wir sind hier bei Alper Canigüz. Der türkische Autor überrascht seine Leser zu gern mit skurrilen Einfällen. Und ich bemerke: Er will sie zum Lachen bringen. Das gelingt ihm bravourös. Ehe ich mich versehe, fallen Lachsalven aus dem Mund und mein Kopf fährt Karussell.

Hector und Hamit sind nicht die einzigen Protagonisten in der Geschichte. Da haben wir noch den Psychologie-Professor Olcayto Fisek, der nicht gerade die beste Meinung über seine Studenten hat: „Seine Studenten waren allesamt dämlich. Wer hätte beispielsweise den Kleiderschrank mit den langen Locken, der seine Blödheit mit jenem ewig zufriedenen Gesichtsausdruck krönte, für einen Master-Studenten der Klinischen Psychologie gehalten? Oder der dürre, pickelige Möchtegern-Hippie, der in den letzten Reihe mit dem Walkman in den Ohren vor sich hin döste?  So bleibt das freche Flackern in meinen Augen, wie ein treuer Hund, folgt es mir mit jeder Seite und ich habe großen Lesespaß.

Erstaunt schaue ich auf, als Olcayto eines schönen Tages von einem gewissen Sevket Hakan Tuncel aufgesucht wird. Dieser behauptet Folgendes – und genau das lässt mich im Sessel senkrecht aufstehen: „Meine andere Identität taucht nachts auf, in meinen Träumen.“ „Wie meinen Sie das?“ „Es ist so, wenn ich eingeschlafen bin, erwacht er und fängt an, sein Leben zu leben. Und wenn er einschläft, werde ich wach. Immer wieder verwandelt er sich in mich und ich mich in ihn.“

Dieser Mensch ist kein anderer als Hector Berlioz. Stirnenrunzeln am höchsten Anschlag. Als Hector den abgerissenen Pyjamaknopf von Sevket in seiner Wohnung findet, erkennt Sevket: Der Übergang in die andere Welt ist möglich. Von der Neugier gepackt, hat Sevket ein kleines Labor bei sich zu Hause eingerichtet und klemmt sich immer Elektroden an seinen Kopf, um die Hirnwellen im Computer zu speichern. Sevket ist Computerfachmann, das vergaß ich zu erwähnen. Bei seinen Forschungen stößt er auf eine unregelmäßige Schwankung: P 330. Sevket möchte herausfinden, wo sie herkommt und will in diesem Zustand bleiben, um auf der anderen Seite an das Diebesgut zu gelangen, das Hector mit Hamit ergaunern will. Aus diesem Grund hat er den Professor aufgesucht, seinen teuflischen Plan verschweigt er ihm und spricht lieber von einer Reise. Jetzt habe ich noch nichts von den anderen Mitspielern in dieser psycho-absurd-romantischen Komödie – wie es so schön unter dem Titel steht – erzählt. Das überlasse ich viel lieber dem Autor, der neben der Gaunergeschichte seine Leser an der Traumdeutung, dem wissenschaftlichen Betrieb und der Psychologie auf allerkomischste Weise teilhaben lässt.

Dieser schräge Roman, dem ein wunderschönes Lesezeichen beiliegt, hat auch kafkaeske Züge. Schon das Cover ließ mich an Franz Kafka denken. Als ich meine alte Ausgabe Das Urteil – Erzählungen (erschienen 1984 in der Reihe Taschenbibliothek der Weltliteratur im Aufbau Verlag) aus dem Regal zog, fühlte ich mich darin bestätigt. Doch so düster wie Franz Kafka ist Alper Canigüz nicht, beide verbindet eher das Absurde, wenn sich Realität mit fantastischen Elementen verbindet. Dieses Buch bleibt bis zum Schluss verrückt, unheimlich komisch – und schluckt wahrlich alle bösen Geister.

Alper Canigüz: Die Verwandlung des Hector Berlioz. Aus dem Türkischen von  Monika Demirel. binooki, März 2014, 196 Seiten, 16,90 €. Als eBook bei ocelot.de für 9,99 € erhältlich oder das Buch direkt bei ocelot.de hier bestellen.

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7 Gedanken zu “Alper Canigüz vertreibt böse Geister.

  1. Liebe Klappentexterin, du beschreibst treffend, was Alper Canigüz so besonders macht. Klug, witzig, skurril – das sind seine Texte. Ich hatte das Glück, ihn am Indiebookday in einem Café in Schöneberg zu treffen, wo er aus seinen Büchern gelesen hat (auf Türkisch, toll!).
    An diesen schönen Nachmittag hast du mich jetzt gerade nochmal erinnert. Danke dafür und für die schöne Besprechung, Masuko

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    1. Hach, du Glückliche, du warst dabei! Ich hab’s damals nicht geschafft, hoffe aber, den Autor irgendwann doch noch einmal zu treffen. Berlin ist ja nicht aus der Welt und der Verlag auch hier, da wird es sicherlich noch einmal die Möglichkeit geben. Ich freue mich über diese wunderbare literarische Entdeckung in diesem Jahr und werde alle Bücher von ihm lesen. Nicht sofort, aber dann, wenn es passt und ich mal wieder ganz besonders viel lachen möchte.

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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  2. „Die Verwandlung des Hector Berlioz“ – das klingt für mich nach: gefeierter Komponist zieht sich zurück, verliert seine Inspiration und wird als Buchhalter unglücklich, keine Ahnung. Ich dachte halt, es geht um den Hector Berlioz.

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