Die Stille. Zwischen den Stürmen des Lebens.

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Stille. Und lange Zeit nichts. Der Lärm schrumpft zu einem kleinen Häufchen zusammen und verlässt fliegend meinen Körper. Dies geschieht während ich die ersten Sätze in Tage des letzten Schnees von Jan Costin Wagner lese. Das Buch umschließt mich wie ein Vakuum. Ich lächle und denke, so ist es mit manchen Büchern, sie kommen genau zur richtigen Zeit, wie kleine Engel setzen sie sich in deine Hände und schenken dir das, wonach du dich sehnst.

Bereits zu Beginn umarmt mich der Autor mit seiner sanften Sprache. »Er dachte darüber nach, dass im Zusammentreffen des ersten Tages mit dem letzten Schnee eine Symmetrie verborgen lag. Eine Symmetrie, die schlüssig und schön war, weil sie auf asymmetrischen Komponenten beruhte. Das Erste und das Letzte, Anfang und Ende, verschmolzen zu einer Einheit… Wie Schneeflocken fallen die Wörter in mein Blickfeld und nehmen mir die letzte Hektik, die mich bis dahin festgehalten hatte. Ich folge Lasse Ekholm in seinem Auto, er ist auf dem Weg zu seiner Tochter, will sie vom Training in der Eishalle abholen. Was wir beide nicht wissen, in wenigen Minuten ändert sich sein Leben grundlegend. Dann wird alles zusammenbrechen und nichts mehr so sein, wie es war.

Lasse Ekholm ist einer der Protagonisten, den Jan Costin Wagner in seinem raffiniert aufgebauten Buch in  den Mittelpunkt stellt. In unterschiedlichen Perspektiven zoomt er seine Leser immer weiter ins Geschehen, das vorwiegend im finnischen Turku spielt. Markus Sedin ist die nächste Station, zu der mich der Autor führt. Der Banker befindet sich geschäftlich mit Kollegen im belgischen Ostende. Und auch ihm passiert etwas, das seinem Leben eine andere Richtung weisen wird. Eine weitere Linie ist geschaffen, an der ich mich entlang ziehe, bis ich den einfühlsamen, melancholischen Kommissar Kimmo Joentaa kennenlerne. Dieser hat zu Lasse Ekholm eine Verbindung, steht dem Architekten in den schweren Stunden zur Seite. Auch Kimmo Joentaa trägt indes ein schweres Schicksal. Die Trauer um seine an Krebs verstorbene Frau sitzt immer noch in seiner Seele. Ein kleiner Lichtblick schenkt ihm dagegen seine zurückhaltende Geliebte, von der er nicht viel weiß, nur dass sie Larissa heißt, kommt und geht, wann es ihr passt und ihren Geliebten im Ungewissen lässt.

Zwischendurch meldet sich Unto Beck, ein gewaltbereiter Junge, der wie sein Vorbild Anders Behring Breivik ein Attentat plant. Kinder will er töten. Diese Abschnitte sind von einer schneidenden Gewalt durchzogen. Dort liegen viel Wut und Zorn, die ohnmächtig machen.

So verlaufen vier verschiedene Erzählstränge in abwechselnden Zeitebenen, zwei brechen aus dem Strom heraus. In einer anderen Zeit, an einem anderen Ort  – dort bewegt sich Unto, der im Internetforum von seinem Vorhaben berichtet, auf das seine Schwester Mari aufmerksam wird. Zur selben Zeit, in einer Geschichte, die nicht erzählt wird heißt die andere Überschrift, in der ein gewisser Jarkko Falk auftaucht, dessen Rolle sich bald für mich auflöst. Dazwischen bewege ich mich in den verschiedenen Monaten: Der 1. Mai ist der Ausgangspunkt, danach geht es vor und zurück. Nach und nach fließen die Linien zusammen, Menschen berühren sich zufällig, sehen es noch nicht, und irgendwann bin ich allen voraus. Allwissend bleibe ich jedoch nicht, wie ich am Ende feststelle und mit einem Schrei das Buch zuklappe, ein Schrei der Überraschung, der in der Stille verhallt und ein Echo zurücklässt, wie das ganze Buch, das ich so schnell nicht vergessen werde.

Jan Costin Wagner verbindet verschiedene Menschenschicksale und schenkt jedem Protagonisten den Raum, den er braucht, um zu atmen, zu trauern, zu suchen und zu hoffen. Eine große Melancholie senkt sich über das Buch und verströmt in allem eine tiefe Stille, die einfach umwerfend schön ist, wie eine friedliche Schneelandschaft, auf der sich die Augen ausruhen und die Zeit eine neue Dimension bekommt. Es handelt sich hierbei nicht um einen klassischen Krimi, auch wenn es darum geht, den Tod an drei Menschen aufzuklären, von denen ich mit Absicht nicht berichtet habe. Ich möchte die Spannung erhalten, die sich fast magisch durch das Buch zieht. Tage des letzten Schnees ist viel mehr ein Roman, unglaublich ruhig, menschlich nah, psychologisch klug. Und in alldem glänzt die wunderbar sanfte Sprache, die mit Bedacht erzählt, mich als Leserin trägt, innerlich sehr berührt und die Stille in der schönsten Form spüren lässt.

Jan Costin Wagner: Tages des letzten Schnees. Galiani Berlin, Januar 2013, 320 Seiten, 19,99 €. Auch als eBook bei ocelot.de erhältlich.

Eine weitere und sehr schöne Rezension zum Buch findet ihr bei Masuko13.

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Mit dem Buch ist an dieser Stelle Schluss, doch mit dem Autor geht es am kommenden Montag in einem Interview weiter.

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25 Gedanken zu “Die Stille. Zwischen den Stürmen des Lebens.

    1. Liebe wolkenreisende, vielen lieben Dank für das Kompliment! Wenn das Buch in deinen Händen liegt, wünsche ich dir wunderbare Lesestunden damit und ein herrliches Bad in der Stille.

      Sei lieb gegrüßt,
      Klappentexterin

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  1. Mich hat ja bereits die Besprechung bei Masuko in Versuchung geführt, deshalb kann ich auch berichten, dass das Buch in der Zwischenzeit bereits bei mir eingetroffen ist. Ich freue mich sehr darauf! Noch mehr freue ich mich aber auf dein Gespräch mit dem Autor, wie schön! 😀

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    1. Als ich bei Masuko deinen Kommentar las, musste ich lächeln, weil ich ahnte, dass es dir genauso gefallen wird wie uns beiden. Nun ist es bei dir. Und goldrichtig. Ihr zwei werdet auch ganz wunderbar verstehen. Viel Vergnügen beim Lesen!

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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  2. Liebe Klappentexterin, ich fühle mich gerade, als hätte ich den Roman selbst gelesen. Oder, nein, als wäre ich bei deiner Lektüre dabei gewesen, so lebendig hast du deine Eindrücke beschrieben! Ich bin begeistert 🙂 Herzlichst, Karo

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  3. „… und die Stille in der schönsten Form spüren lässt.“ Das hast du so schön gesagt und bringst irgendwie auf den Punkt, was passiert, wenn man die Bücher von Jan Costin liest!! Ich bin auch immer wie verzaubert. Als gäbe es eine verzögerte und langsamere Zeitrechnung, wenn man in seine Geschichten eintaucht. Danke für die Besprechnung

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    1. Ganz lieben Dank, liebe masuko! Ich habe den Autor ja gerade erst entdeckt und bin so froh, dass noch weitere Bücher von ihm auf mich warten. Und noch was Schönes gibt es: Jetzt weiß ich auch, wohin ich tauchen kann, wenn mir das Leben dort draußen zu laut und schnell wird.

      Liebe Grüße,
      Klappentexterin

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  4. Liebe Klappentexterin,
    mir geht es haargenau wie Mara, nur muss ich das Buch nun endlich einmal auch wirklich auf meinen Stapel legen – das habe ich nach Masukos Besprechung nämlich irgendwie vergessen, aber zum Gkück hast Du mich nun wieder erinnert. Einen Kimmo Joentaa Roman habe ich vor Zeiten schon einmal gelesen. Nun werde ich mich in den zweiten versenken und freue mich schon darauf.
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Liebe Claudia,
      oh, wie schön, dass ich dich so an das wunderbare Buch erinnern konnte. Ja, unbedingt lesenswert, weil so schön und unvergesslich. Für mich war’s ein Erstling, aber das Gefühl hatte ich so gar nicht. Es ist, als kannte ich Kimmo Joentaa schon ziemlich lange. Möge dich das Buch bald erreichen und genauso umarmen wie mich.

      Viele Grüße,
      Klappentexterin

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    1. Liebe Manuela,
      ich danke dir für deinen Besuch und die Auszeichnung, die du mir mitgebracht hast. Ich stelle mir den Award ins Bücherregal, aber für mehr fehlt mir leider die Zeit.

      Viele Grüße,
      Klappentexterin

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      1. Liebe Klappentexterin, danke für deine Antwort. Und im Regal ist er ja auch gut aufgehoben. 😉 (Ich versteh das wirklich sehr gut, schlließlich ist ja auch Buchmesse!)
        Liebe Grüße
        Manuela

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  5. Hey,

    irgendwie habe ich das Buch bisher trotz aller Empfehlungen unterschiedlicher Seiten umschifft, doch nun nach deiner wirklich sehr schönen Besprechung bin ich wirklich, wirklich neugierig geworden.

    LG Nanni

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  6. Wenn du ein Buch mit einem Schrei der Überraschung zuklappst, das soll schon was heißen. Jetzt habe ich mich allerdings erst einmal für „Ein Teelöffel Land und Meer“ entschieden. Deine Besprechung und Maras Schwärmerei gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht sehne ich mich irgendwann nach einer ´friedlichen` Schneelandschaft. Ob die Stille in mir sogar ein leises unbehagliches Gefühl auslösen könnte? Mensch, und wenn ich so über deine Zeilen grüble, wird die Neugierde immer größer.

    Lieben Gruß,
    Tanja

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    1. Liebe Tanja, oh welch‘ wunderbares Buch liest du gerade! Ich bin entzückt und beglückt! Schön, dass Mara und ich uns in dein Kopf gesetzt haben, so dass du gar nicht mehr anders konntest, als dieses famose Debüt zu lesen. Wie gefällt es dir? Nun wart’s mal ab, wenn Mara demnächst etwas zu Tage des letzten Schnees schreiben wird. Dann macht es wieder Summsisumm in deinem Kopf. 😉

      Alles Liebe,
      Klappentexterin

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      1. Ahoi liebe Klappentexterin,
        da ich gerade viel unterwegs bin und am Wochenende eine große Familienfeier ansteht, habe ich mir vorgenommen den feinen Schmöker noch ein wenig ruhen zu lassen, damit ich mich (zumindest bis zum übernächsten Wochenende) ganz entspannt zurücklehnen und genießen kann. Tigermilch von Stefanie De Valasco schleppe ich momentan mit mir rum. Ist für unterwegs auch ein bisschen handlicher. Oh weh, da hatte es auch schon Summsisumm gemacht. Nur an den Übeltäter kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich werde deine und Maras kommende Besprechung zu „Tage des letzten Schnees“ nicht vergessen. 😀 Auf welche Neuerscheinung ich mich momentan ebenfalls sehr freue ist „Das unerhörte Leben des Alex Woods“. Säufz, so viele interessante Neuerscheinungen stehen an, da fällt es schwer sich zu entscheiden, nicht wahr? Wie mein erster Eindruck von “ Ein Teelöffel Land und Meer“ sein wird, erkennst du am Leuchten. 😉

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