Keine Bewegung – nur lesen!

in_der_nacht

Ich habe in diesem Jahr mein Herz für Gangster entdeckt. Im Frühjahr hat mich der Bankräuber Willie Sutton in J.R. Moehringers fulminanten Roman Knapp am Herz vorbei auf seine Seite gezogen. Im Juni folgte dann Tony Soprano aus der genialen Mafia-Serie The Sopranos. Und jetzt steht Joe Coughlin vor mir und meine Augen strahlen. Er ist der Protagonist aus dem Krimi In der Nacht von Dennis Lehane. Zum Ende des für mich eher bescheidenen Lesejahres hat mir der Diogenes Verlag noch einen Joker in die Hand gedrückt. Es wäre zu schade, die Begeisterung für mich zu behalten. Also, folgt mir in die düstere, faszinierende Welt des Gangstertums.

Die Geschichte nimmt in Boston Ende der Zwanziger Jahre ihren Lauf. Der Krimi fängt schon auf der ersten Seite so gnadenlos gut an, dass es mir den Atem verschlägt. „Und plötzlich kam ihm der Gedanke, dass sein Leben – im positiven wie im negativen Sinne – nicht halb so bemerkenswert verlaufen wäre, hätte ihn das Schicksal an jenem Morgen nicht mit Emma Gould zusammengeführt.“ Urplötzlich hängt sich nicht nur eine unbändige Neugier wie ein Äffchen an meinen Ärmel, sondern auch die Vermutung, dass ich es mit einem großen literarischen Coup zu tun haben muss.

Emma treffe ich kurze Zeit später, als Joe Coughlin mit seinen Partnern eine Spielhölle im Hinterzimmer eines Speakeasys überfällt. Während die Jungs die Spieler überwältigen, fragt Emma Joe ganz keck: “Und was darf ich dem Herrn zu seinem Überfall servieren?“ Der kurze Dialog, der sich zwischen beiden entfacht, versprüht Charme und jede Menge Funken. Kein Wunder, dass Joe diese Frau danach nicht mehr aus dem Kopf geht, obwohl er nicht an sie denken darf, gehört sie doch zu Albert White. Wer Albert White ist, lässt Dennis Lehane seine Leser mit folgender Beschreibung fühlen: „Leider gab es in Boston nur einen Albert, dessen Vorname bereits ausreichte, um zu wissen, wer gemeint war. Albert White, dessen Spielhölle sie gerade ausgeraubt hatten.“ Fortan kämpft Joe mit sich, die Stimme der Vernunft will ihn vor schlimmen Dingen bewahren und verbietet ihm, an Emma zu denken. Aber wie es mit der Liebe so ist, ergeht es auch unseren Romanhelden: Hat sie dich erst einmal gepackt, kannst du ihr nicht mehr entkommen – Vernunft hin oder her. Und so begibt sich Joe auf die Suche nach dieser Frau, wird fündig und verliebt sich mehr als er sollte. Was folgt, ist ein nervenaufreibendes Unterfangen.

Dennis Lehane schickt mich durch die Hölle, aber ich fiebere mit dem Gangster mit. Ein Gangster mit klugem Kopf und Herz. Ein menschlicher Räuber. Seine Schwäche ist die, dass er nicht töten kann. Ihm fehlt ganz einfach der Killerinstinkt, was ihm später fast zum Verhängnis wird. Doch im gesamten Romankonstrukt spielt diese Eigenschaft eine wichtige Rolle. Im Grunde ist sie für mich das besondere i-Tüpfelchen. Das Böse verändert sein Gesicht und kommt mir erschreckend nah wie der eigene Herzschlag. Kein kaltes Messer, sondern ein warmes Brodeln. Dennis Lehane erzählt eine bewegende Gangsterlaufbahn und nimmt mich mit in eine zappendustere Welt, die nachts spielt und dort ihre eigenen Gesetze hat. Immer wieder kommt es zu unvorhersehbaren Wendungen und wenn ich in einer Minute denke, jetzt ist mir das gerade ein bisschen zu harmonisch, haut Dennis Lehane im nächsten Schritt zu. Peng!

Dies ist kein gewöhnlicher Krimi, in dem es einfach nur um Raub und Totschlag geht. Familie, Liebe, Wirtschaft, Politik und Macht spielen ebenfalls eine große Rolle wie die unersättliche Gier. Und obendrein hat Dennis Lehane großartige Sätze und Dialoge auf Lager, die wie Schüsse aus dem Buch knallen. Literarisch hochwertig auf der einen Seite, lebensklug und nachdenklich auf der anderen Seite. Dennis Lehane legt seinem Protagonisten feine Sachen in den Mund wie zum Beispiel diese: „Keiner von uns kriegt den Hals voll“, sagte Joe. „Du nicht, ich nicht, Pescatore nicht. Wir sind süchtig danach.“ „Wonach?“ „Nach der Nacht“, sagte Joe. „Sie ist unwiderstehlich. Wer sich für den Tag entscheidet, der muss nach ihren Regeln spielen. Darum haben wir uns für die Nacht entschieden und spielen nach unseren eigenen. Das Dumme ist nur, wir haben im Grunde gar keine Regeln.“

Dennis Lehane hält uns die Gewinner und Verlierer der Prohibition vor Augen. Die Kleinen, die den Großen zuarbeiten, die Großen, die immer mehr wollen, das Blut der Macht auf der Zunge schmecken und sich die Lippen lecken. Und Lehane geht noch weiter, er öffnet ein weites Feld: So spielen nicht nur der sympathische Joe und die Prohibition eine große Rolle, auch Kuba und Tampa sowie die Zigarettenwirtschaft nehmen ebenfalls viel Raum ein. Das Buch ist bis zu letzten Seite vollgepackt und wirkt trotzdem nicht überladen. Der Amerikaner, dessen beiden Bestseller Mystic River und Shutter Island, verfilmt worden sind, hat auch mit diesem Krimi einen großen Coup gelandet.

Dennis Lehane: In der Nacht. Aus dem Amerikanischen Englisch von Sky Nonhoff. Diogenes Verlag, November 2013, 583 Seiten, 22,90 €.

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19 Gedanken zu “Keine Bewegung – nur lesen!

  1. Mit glühenden Augen lese ich deine Rezension und denke bei jedem deiner Worte, „ja – genau so!“. Habe Lehanes „In der Nacht“ auch verschlungen. Mein Lieblingskrimi für den Monat Dezember!

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  2. Ich bin ja eigentlich nicht so der Krimileser. Allerdings finde ich, Krimis passen gut in die „dunkle Jahreszeit“. Pflichtprogramm ist für mich dann immer der neue Jo Nesbo (den ich mit „Koma“ jetzt übrigens schon gelesen habe). Dieser Krimi von Lehane hört sich allerdings sehr interessant an. Muss ich gleich mal auf meine Merkliste setzen.
    LG
    lesesilly

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    1. Ich weiß, wovon du sprichst, liebe lesesilly, denn ich gehöre auch eher zur sporadischen Krimileserschaft und liebe Krimis genauso gern in der kalten Jahreszeit wie du. Wie ich geschrieben habe, ist In der Nacht mehr als ein gewöhnlicher Krimi. Ihm einfach nur den Krimimantel überzuziehen, wäre zu einfach, weil er so vielfältig und unglaublich mitreißend ist. Vor allem diese hohe literarische Qualität ist eine Wohltat. Mich hat dieses Buch umgehauen und es zählt zu meinen persönlichen Lesehighlights 2013. Deshalb freue ich mich besonders, dass du dir dieses Buch merken möchtest.

      Freudige und gespannte Grüße,
      Klappentexterin

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  3. Ich bin ja auch nicht so die Krimileserin. Ich habe deshalb auch nur einen Krimi gelesen, aber da er mit Kubas Geschichte verbunden war, sehr gerne. Deine Rezension klingt ganz so, als gehörte dieser Krimi auch zu der spezielleren Sorte. Die 1920er- und 30er-Jahre interessieren mich sowieso immer sehr, weiss der Geier weshalb.

    Deshalb danke ich dir für diesen Tipp.

    LG buechermaniac

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    1. Das stimmt, liebe buechermaniac. Dies ist kein gewöhnlicher Krimi, vielleicht trifft der Begriff Kriminalroman da besser zu? Deshalb dürften auch sporadische Krimileser mit In der Nacht eine spannende und eindrucksvolle Lesezeit erleben. Da du dich für diese Zeit interessierst, würde ich sagen: Perfekt! Ihr zwei solltet euch demnächst dringend mal beschnuppern. 😉

      Ich grüße dich herzlich,
      Klappentexterin

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  4. Ich bin auf den letzten Seiten – und habe es hinausgezögert, weil ich dieses Buch so großartig finde. Eine wunderbare Rezension dazu hast Du verfasst … Mal sehen, ob ich meine Gedanken auch so gezielt in Worte fassen kann. LG, Bri

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