Nicola Karlsson über Suche, Sehnsucht und Sucht.

Nicola Karlsson                                     Foto: Tatjana Bilger

Nicola Karlsson, geboren 1974, wuchs in West-Berlin auf und studierte Modedesign. Tessa ist ihr Debütroman. Sie lebt mit ihren beiden Töchtern in Berlin.

Klappentexterin: Wann ist Ihnen Tessa zum ersten Mal begegnet?
Nicola Karlsson: Das war vor etwa acht Jahren. Ich hatte eine Kurzgeschichte über ein Pärchen in einer komplizierten Beziehung geschrieben, die von Eifersucht, Argwohn und mangelnder Kommunikationsfähigkeit durchzogen war. Das Mädchen ging mir nicht mehr aus dem Kopf, und als mir klar wurde, dass sie nicht nur Schwierigkeiten in ihrer Beziehung hat, sondern mit dem Leben an sich nicht klarkommt, dass sie nämlich ein viel größeres Problem hat, habe ich mich hingesetzt und angefangen, ihre Geschichte aufzuschreiben.

In welcher Beziehung stehen Sie zu Tessa?
Ich habe mich mehrere Jahre mit Tessa beschäftigt und habe versucht, alles aus ihren Augen zu sehen. Ich bin ehrlich gesagt ganz froh, dass ich sie jetzt ins Bücherregal stellen kann.

Tessa fasziniert mich und stößt mich gleichermaßen ab. Wie ist es Ihnen ergangen?
Wie die meisten tragischen Personen fasziniert mich Tessa vor allem. Ich wollte den Alltag einer jungen Frau schildern, die langsam die Kontrolle über ihr Leben verliert. Ihre dramatischen Entscheidungen werden nicht wegen geplatzter Träume oder Liebesleid getroffen, sondern ganz einfach, weil sie einen Drink braucht. Ich wollte eine Einsicht von jemandem geben, der keine Wahl hat. Sie versucht alles, um sich besser zu fühlen, ihr Handeln wird von diesem Wunsch oder Drang bestimmt. Ihre Sucht oder auch Sehnsucht ist die treibende Kraft. Sie ist auf der Suche, weil sie fühlt, dass ihr etwas fehlt. Tessa ist kein schlechter Mensch, sie ist halt einfach krank.

Hat es Ihnen weh getan Tessa so leiden zu sehen?
Nein, gelitten habe ich nicht während des Schreibens. Aber beim Überarbeiten, was letztlich den größten Teil der Arbeit ausgemacht hat, tat sie mir schon manches Mal leid.

Als Leserin erfahre ich nicht, wie es zu Tessas Situation gekommen ist. Ihre Biographie ist eine leere Hülle. Warum?
Der Roman beginnt zu einem Zeitpunkt, als Tessas Leben schon nicht mehr in normalen Bahnen verläuft. Sie bildet sich ein, dass ihr Freund sie betrügt und kann aufgrund ihres Lebensstils Situationen nicht mehr klar einordnen. Sie verliert langsam den Bezug zur Realität. Ihre Gedanken fangen an verrückt zu spielen und sie verläuft sich in ihrem Wahn. Ich glaube, dass es beim Thema Sucht keinen Schuldigen gibt, deswegen wollte ich keinen Entschuldigungsgrund für ihr Trinkverhalten, sei es eine schlechte Kindheit oder irgendein anderes dramatisches Ereignis in ihrer Vergangenheit.

Hat sich Tessa ganz verloren? Oder ist sie eine Suchende?
Tessa hört ja nie auf zu suchen. Die Suche treibt sie voran und lässt sie immer wieder aufstehen.

Wie nah sind sich Suche und Sucht? Ist die Sucht auch nicht immer eine Sehnsucht nach etwas, das einem fehlt?
Ja, ich denke, dass Tessa diese Leere in sich füllen möchte. Sie sucht ja auch ziemlich verzweifelt nach Etwas, das diese innere Leere füllen könnte. Mit dem Alkohol, den Drogen, Medikamenten, aber auch Männern schafft sie es immer wieder, für eine begrenzte Zeit dieses Loch zu stopfen, aber sie kann keine dauerhafte Lösung finden, indem sie darauf wartet, dass diese sich durch äußere Umstände ergibt.

Ihr Roman spielt in Berlins Nachtwelt. Könnte er auch in einer anderen Stadt spielen?
Ja, klar. Aber in Berlin gibt es meiner Meinung nach besonders viele dieser tragischen Gestalten. Was vielleicht daran liegt, dass es in Berlin so viele Zugezogene gibt, die sich selbst verwirklichen wollen. Sie sind auf der Suche nach etwas Besonderem, und sie sind in ihrer Art auch etwas Besonderes. Man kann sich hier treiben lassen, sich selber finden, allerdings kann man sich auch ziemlich schnell verlieren. Berlin trifft einen am wundesten Punkt, und manche schaffen es nicht und gehen kaputt.

Weil der Roman in Berlin spielt, möchte ich gern wissen: Wo sind Ihre Lieblingsplätze in dieser Stadt?
Ich mag den Humboldthain im Wedding, den Savignyplatz in Charlottenburg, den Garnisonfriedhof in Mitte, den Türkenmarkt in Kreuzberg. Ich liebe es, im Sommer mit dem Fahrrad durch die halbe Stadt zu fahren, jeder Bezirk riecht anders und ruft verschiedene Erinnerungen wach.

Die Klappentexterin dankt Nicola Karlsson für das Interview und wünscht ihr weiterhin viel Erfolg!

 

 

Advertisements

Ein Gedanke zu “Nicola Karlsson über Suche, Sehnsucht und Sucht.

  1. Man findet zwar immer diese Volksetymologie Suche-Sucht, aber Sucht kommt nicht von suchen, sondern von siech – ich zitiere: „Sucht (…) stammt vom mittelhochdeutschen „siech“, „krank sein“ ab, heute z.B. noch erhalten in „dahinsiechen“, im Englischen „sick“ oder im Schwedischen „sjuk“. 1888 definierte Meyers Konversationslexikon „Sucht“ als ein in der Medizin veraltetes Wort, das früher ganz allgemein Krankheit bedeutete.
    In Wörtern wie Mondsucht, Tobsucht konnte das Grundwort als „krankhaftes Verlangen“ verstanden werden, wie es auch schon früher übertragen für „Sünde, Leidenschaft“ gebraucht wurde. Das neuhochdeutsche Sprachgefühl hat das etymologisch undurchsichtige Wort deshalb mit suchen verknüpft, sodass Zusammensetzungen wie Gefall-, Selbst-, Herrschsucht ebenso in diesem Sinn verstanden werden wie die älteren Bildungen Eifersucht und Sehnsucht.
    In zusammengesetzter Form kommt es in der Alltagssprache vor: Schwindsucht, Wassersucht, Fettsucht, Fallsucht, Gelbsucht, Mondsucht, Trunksucht, Sehnsucht, Naschsucht, Suchtbeziehung, Suchttherapie. Das Adjektiv süchtig kennzeichnet stoffabhängige und stoffunabhängige Suchtbeziehungen in konkreter wie auch übertragener Bedeutung in unterschiedlichsten Zusammenhängen (kokainsüchtig, süchtig nach Liebe, eifersüchtig, publicitysüchtig).

    Heute wird Sucht in der Jugendsprache im Sinne von Bedürfnis, Sucht nach etwas verwendet („habe eine Sucht auf“).“

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s