Die Leiden der jungen T.

Cover KARLSSON final

Es ist passiert. Ich habe die Grenze überschritten. Es gibt keine andere Seite mehr, ich stecke mittendrin – und das brennt wie Brennnessel auf der Haut. Der Schmerz bohrt sich in meine Brust, wie ein spitzer Bohrer dringt er in mein warmes Reich und entzieht mir jede Ruhe. Ich bin verwirrt, verunsichert und falle wie ein Kartenhaus zusammen.

Lange schon hat mich ein Buch nicht mehr so sehr erschüttert und gleichermaßen angezogen wie dieses. Tessa von Nicola Karlsson ist ein Schlag mitten ins Gesicht. Der Roman ist wie eine offene Wunde, die die ganze Zeit pocht. Über 302 Seiten gibt es nichts als Schmerz. Der Graf Verlag schrieb in seiner Ankündigung von einem Psychogram und dass der Roman polarisieren wird. Genau das tut er, genau das passiert jetzt mit mir. Während ich schreibe, tobe ich innerlich und fühle mich im nächsten Atemzug einem Mädchen, dem ich in keiner Weise ähnle, nah. Aus einem Impuls heraus möchte ich die Protagonistin beschützen vor den bösen, hässlichen Gedanken, mit denen sie sich selbst zerstört. Ich will sie festhalten und sie aus dem finsteren, miesen Loch ziehen, in das sie sich selbst hineingesetzt hat. Wie es dazu gekommen ist, weiß ich nicht. Tessas Vorgeschichte bleibt ein leeres Blatt.

Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man sich in der großen lauten Welt verloren fühlt, kein Vorn und kein Hinten sieht. Und alles zappenduster ist. Wenn man schrumpft und winselnd auf dem Boden liegt. Und dennoch (oder gerade deshalb) will ich Tessa die Weinflasche entreißen, will sie schütteln und sagen, dass sie das alles lassen soll. Doch ich bleibe stumm, mit einem Bluthochdruck, der an eine Dynamitzündung erinnert, wippe hektisch mit den Füßen, zittere wie Espenlaub, lese hungrig weiter und schüttle fassungslos meinen Kopf.

Tessa ist jung und schön. Sie lebt in Berlin. Es ist Sommer. Großartig! Kann es Schöneres geben? Nein! Darum macht mich die Geschichte so fassungslos. Tessa hat weiß Gott beste Voraussetzungen, um glücklich zu sein. Nur sie sieht das nicht, will das nicht sehen. Sie ist blind, gefangen in ihren depressiven Denkmustern, ertrinkt in Selbstzweifeln, buhlt um Bestätigung, die ihr Freund Nick ihr nicht gibt. Sie lebt in den Tag hinein, ziellos, schiebt jede Verantwortung von sich, die Rechnungen stapeln sich. Tessa schaut weg und klammert sich lieber ans kühle Weinglas, vorher schluckt sie noch eine Tablette. Sie trinkt so lange, bis ihr schwindelig wird und zieht dann später in einer Bar auf der Toilette eine Linie Kokain. Sie hangelt sich von Bar zu Bar, flirtet mit fremden Männern, geht mit ihnen ins Bett, und trinkt am nächsten Morgen nach dem Aufstehen weiter. Die Aschenbecher quellen über; saubere Wäsche hat sie fast keine mehr, die Wohnung ist ein reiner Schmutzhaufen. Ich rieche den Dreck, drehe mich angewidert weg und möchte gleichzeitig helfen. Nur einmal gelingt es ihr, die Wohnung zu reinigen, so lange bis sie die Lethargie erneut fest umklammert und dem Alkohol verfällt. Düstere Gedanken laufen in sie hinein: „Sie will nicht mehr. Genug gekämpft. Das Leben macht einfach keinen Sinn.“ Oder: „Ihre Einsamkeit erwischt sie erneut mit voller Härte. Und sie fängt wieder an zu weinen. Hoffnungslosigkeit breitet sich aus, und eine Weile heult sie vor sich hin.“

Dieses Buch macht wütend. Und es ekelt mich an. Gleichzeitig fasziniert es mich auf verstörende Weise. Ich möchte das Buch gegen die Wand schmeißen, schließe es, um es dann doch wieder zu öffnen und unter Schmerzen weiter zu lesen. Es ist nicht alles schwarz. Manchmal tauchen zarte Hoffnungsschimmer auf, leuchtende Sternschnuppen am nächtlichen Himmel gleich und ich denke: Jetzt endlich hat sie es! Und dann zerplatzt das fühlbare Glück wie eine Seifenblase. Peng! Weg! Zurück bleibt ein Seelenkater der üblen Sorte.

Die wenigen nahestehenden Menschen sehen, dass es Tessa nicht gut geht und trotzdem unternehmen sie kaum etwas, was ihr helfen könnte. Sie sagen ihr, sie solle nicht so viel trinken, aber mehr passiert nicht. Irgendwann gehen sie ihr nur noch aus dem Weg. Tessa, das verlorene, verletzliche Ding, ist am Ende ganz allein mit dem Schmerz. Sie rutscht immer tiefer in eine hässlich, kalte Abwärtsspirale. Auch die Psychiaterin überlässt der Patientin sich mehr oder weniger selbst, verschreibt ihr auf Wunsch noch weitere Medikamente, doch mehr passiert nicht. Verzweifelte Ohnmacht breitet sich aus.

Nicola Karlsson erzählt unglaublich kraftvoll. Ihr Roman zerfetzt mich innerlich wie eine Bombe. Die Sprache hat einen ganz besonderen Rhythmus wie Absatzschuhe, die übers Parkett laufen. Keine Zeit, anzuhalten, weiter immer weiter. Hechelnd, wimmernd. Manche Sätze sind wie Atemstöße, so dass Tessas Aufregung zur eigenen wird. Gefühlvolle Passagen klammern sich ums Herz. Gewaltausbrüche erschüttern die innere Ruhe und Verzweiflung verwandelt sich in einen dunklen Dämon, der jeden Sonnenstrahl schluckt. Tessa ist eigentlich kein Buch, das ich empfehle, weil es so rabenschwarz ist. Ein finsterer Wald, in dem die Zähne klappern. Und doch zählt es zu den eindruckvollsten Büchern, die ich bislang in diesem Jahr gelesen habe. Es tut höllisch weh und ich kämpfe mit jeder Seite. Nicola Karlsson hat einen radikalen Roman geschrieben, der sich mit den tabuisierten Themen wie Sucht und Depression beschäftigt, ohne anzuklagen. Sie erzählt in einer packenden und poetischen Sprache, die mich festhält, atemlos und nervenaufreibend. Tessa überschreitet Grenzen und nimmt mich hinein in ein schmerzvolles Drama. Ein schreckliches, gutes Buch.

Nicola Karlsson: Tessa. Graf Verlag, 2013, 304 Seiten, 18,- €.

Mit dem Buch ist an dieser Stelle Schluss, doch am kommenden Montag geht es mit der Autorin in einem Interview weiter.

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18 Gedanken zu “Die Leiden der jungen T.

  1. Geniale Rezension, liebe Klappentexterin! 🙂 Ich habe sie mehrmals gelesen, einfach weil du in der Lage dazu bist, so wunderschöne Worte zu finden, um deine Eindrücke zu beschreiben. Ich hoffe, dass das Buch, das hier bereits liegt und wartet, mit deiner Besprechung mithalten kann! 😉

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    1. Merci beaucoup, liebe Mara! Ich war mir beim Schreibprozess darüber so gar nicht im Klaren, es ist einfach herausgeflossen, wie eine Wasserfontäne. Ich bin freudig überrascht über deine und Karos Worte. Was mir danach aber auffiel: Ich fand es gut und wichtig, dass ich meine Gedanken zu diesem aufwühlenden Buch aufschreiben konnte, sonst wäre ich geplatzt, bzw. die Fontäne in mir hätte mich überschwemmt. 😉
      Wir haben schon einige Bücher – unabhängig voneinander – gemeinsam gelesen, doch bei diesem hier bin ich zum ersten Mal sehr aufgeregt und gespannt, wie du es empfindest, was du denkst und fühlst, wie die Beziehung zwischen euch beiden ist – ja, was es mit dir anstellt.

      Alles Liebe,
      Klappentexterin

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  2. Liebe Klappentexterin,
    ich glaube, Du könntest mir sogar das Telefonbuch schmackhaft machen. Deine Rezension ist wirklich sehr beeindruckend. Normalerweise würde ich nie auf die Idee kommen, in dieses Buch hineinzulesen, da das Thema doch wirklich sehr bedrückend ist. Aber nach Deiner mitreißenden Beschreibung werde ich wohl kaum widerstehen können. Und da das Buch ja auch schon bei Mara bereitliegt, muss man es wohl lesen. Bin gespannt.
    LG
    lesesilly

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    1. Oh, nein, das möchte ich nicht, liebe lesesilly, dir das Telefonbuch schmackhaft machen. 😉 Ich danke dir herzlich für deine Gedanken zur Rezension und weiß, was du meinst. Schau hinein und probiere ein paar Seiten. Wenn es PENG! macht und du das aushalten kannst, dann lies es weiter. Ich weiß, dass sich unser Buchgeschmack sehr ähnelt, aber dieses Buch – so sehr es mir am Herzen liegt – ist eben schon ganz anders. Nun, du hast es ja selbst gelesen.

      Viele liebe Grüße,
      Klappentexterin

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  3. Vielleicht sind sich Tessa und Naïn aus Thomas Martinis Der Clown ohne Ort bei ihrem Taumel durch die Berliner Nacht mal begegnet? Sie könnten Halt beim jeweils anderen finden…
    Schöne Rezension, liebe Klappentexterin.

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    1. Liebe caterina, wenn ich dir verrate, dass beide Bücher gestern übereinander lagen… was sagst du dann? Ha, so stark ist dein Einfluss. Ich habe die Paarung nach deinem Kommentar gesehen und musste echt lachen. Das könnte durchaus so gewesen sein, dass sich die beiden im Berliner Nachtleben begegnet sind. Und wenn sie wüssten, was sie mit uns angestellt haben… was würden sie dann sagen? Ich danke dir!

      Sei lieb gegrüßt,
      Klappentexterin

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    1. Der Clown ohne Ort ist in der Tat ein sehr spannendes literarisches Experiment, ein irrer Trip, eine Herausforderung, nicht selten auch eine Zumutung. Mich würde interessieren, wie du den Roman wahrnimmst.

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      1. Ich hab ihn auf jeden Fall auf der Liste und bin ebenfalls gespannt. Ich hatte nur noch nicht nach einem Rezensionsexemplar gefragt, weil ich die Hoffung hatte ihn hier vielleicht zu gewinnen. War doch hier, das Gewinnspiel für dieses Buch, oder hab ich da was falsches in Erinnerung? Die verlinkte Rezension werd ich mir auch mal in Ruhe durchlesen

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  4. Wow, was für ein Buch. Ich hatte gestern nachmittag damit angefangen und bis abends war ich fertig. Es war wie in einem Sog. Ich konnte nicht aufhören. Es hat mich abgestoßen und zugleich wahnsinnig angezogen. Habe selten etwas so knallhartes gelesen. Ich denke, Tessa wird noch einige Zeit in meinem Kopf herumschwirren und mich daran erinnern, wie gut es mir doch geht. Vielen Dank für diesen Tipp!
    LG
    lesesilly

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    1. Verzeih, liebe lesesilly, es war die Tage ein bisschen stürmisch bei mir, daher jetzt erst die Antwort zu deiner ausführlichen Rückmeldung zu Tessa. Wenn ich deine Worte lese, finde ich mich darin wieder, spüre erneut den Rausch, der einen erfasst, wenn man erstmal in diesem Buch steckt und mit ihm zusammen die seltsame Ambilvalenz von Anziehung und Abstoßen. Ich freue mich sehr, dass dich dieses Buch ebenso begeistert und gepackt hat wie mich!

      Ganz liebe Grüße,
      Klappentexterin

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