Hannah Dübgen, Eshkol Nevo, Franz Hohler. Drei Begegnungen auf dem 13. ilb.

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Das 13. internationale literaturfestival berlin ist wie eine prall gefüllte Wundertüte, die mir ganz oft ein Lächeln ins Gesicht zaubert und das Gefühl schenkt zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.
Gerade, als ich draußen meinen Cappuccino schlürfe, beobachte ich den Fotografen, wie er lässig seine Kameratasche auf die gegenüberliegende Bank legt. Es dauert ein paar Sekunden, bis ich begreife, warum er hier sitzt: Links von mir befindet sich das Autorenzelt. Dort schlüpfen sie alle hinein, verschnaufen vor und nach ihren Auftritten, die Autoren und Autorinnen des 13. ilb.

Plötzlich erscheint eine junge blonde Frau in einer senfgelben Lederjacke, mit grauem Rock und braunen Stiefeln. Leicht wippend ist ihr Gang und sehr elegant ihre Erscheinung. Lächelnd läuft sie mit einer Begleiterin an mir vorbei und ich stutze. Ist das etwa Hannah Dübgen? Der Fotograf nickt, als ich die Frage laut ausspreche. Sie sei etwas aufgeregt, erzählt er. Die Aufregung kann ich nachvollziehen. In wenigen Minuten wird die 1977 geborene Autorin in der Seitenbühne gemeinsam mit Eshkol Nevo auftreten. War es bis eben noch erstaunlich ruhig, strömen auf einmal mehr Menschen und Autoren in den Garten. Schüler kommen singend aus dem Seiteneingang heraus, halten Rosen in den Händen und sind ganz aufgekratzt. Sie hatten eben einen Auftritt, denn jeder bekommt zum Abschluss eine Rose geschenkt. „Ganz schön was los hier“, sagt eine Dame hinter mir zu ihrem Begleiter. „Ich hätte gar nicht gedacht, dass sich so viele für das Alter interessieren, wo wir ja immer jünger werden.“ Sie lachen beide und ich mit. Die beiden wollen um 18 Uhr in die Veranstaltung „Lebensqualität – ein Gespräch zwischen Georg Stefan Troller und dem Altersforscher Clemens Tesch-Römer“, die im Rahmen Weltweisheit – Kultur des Alterns stattfindet.

Auch das Autorenzelt hat sich in der Zwischenzeit gefüllt, davor stehen Autoren-Gesichter, deren Namen mir auf Anhieb nicht einfallen. Das passiert mir häufiger beim ilb. Vor den Veranstaltungen werden auf einer Leinwand Porträtaufnahmen der Autoren und Autorinnen in einem Film abgespielt, leider ohne Namen. Viele kenne ich, aber einige sind mir neu. Wieder grüble ich, wer denn diese blonde Dame da wohl ist und sitze – einige Minuten später – in der Seitenbühne, warte neugierig auf die wechselnden Porträtfotos.

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Erneut spüre ich das Kribbeln. Hinter mir lobt eine Besucherin „Strom“ von Hannah Dübgen. Sie erzählt schwärmend vom wunderschönen Schreibstil. Vor allem die eine Klavierspielszene habe es ihr angetan. „Lies mal!“ sagt sie. „So kann nur jemand schreiben, der selbst spielt.“ Kurz darauf sitzt die Autorin vor uns, neben ihr Eshkol Nevo und die Moderatorin, Gabriele von Arnim. Ganz außen Jörg Petzold, der Sprecher, den ich an der Stelle unbedingt erwähnen möchte, weil er so grandios aus Eshkol Nevos „Neuland“ liest. 60 Minuten sind für so eine Runde viel zu wenig Zeit. Hannah Dübgen erzählt davon, wie anders es sich anfühlt ein Roman zu schreiben als Libretti. „Strom“ ist ihr erster Roman, bislang hat sie das Schauspiel „Gegenlicht“ und Libretti verfasst. Einen Roman zu schreiben, sei ein großer Traum von ihr gewesen, deshalb war ihr auch der Anfang sehr wichtig. Sie hat ihn! Nachdem den sie ihn 25. Mal verfasst hat. Sie liest sich das Geschriebene am nächsten Morgen laut vor und wenn es dann immer noch so klingt wie am Abend zuvor, dann ist das richtig und bleibt so stehen. Der Reiz und die Krux am Romanschreiben liege darin, dass man allein ist. Auch die Figuren werden anders wahrgenommen als auf der Bühne. „Sie werden zu Luftwesen zwischen den Buchdeckeln“, erzählt sie.

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Eshkol Nevo hat seine eigene Art und liest nicht alles laut, was er geschrieben hat. Er brauche die Atmosphäre und den Rhythmus. Obwohl sein Großvater der dritte israelische Ministerpräsident gewesen ist, beeinflusst ihn die Politik beim Schreiben wenig. Ihm gehe es mehr um die Gesellschaft und er fühle sich den Charakteren verpflichtet. „Writing is freedom for me“, sagt er. Der israelische Autor brauche stets eine persönliche Begegnung, die ihn zu einer Romanfigur inspiriere. Bei „Neuland“ war es ein Kanadier, den er in Südamerika getroffen hat. „Der Mann war so traurig und hatte ein Geheimnis, das ich aber bis zum Schluss nicht erfahren habe.“ Das Thema, unter dem die Veranstaltung steht, lautet „Tel Aviv – Berlin, Berlin – Tel Aviv“. Neben dem Blick in die Bücher standen die beiden Großstädte ebenfalls im Fokus. Berlin sei für viele Israelis auch eine Art Neuland, erzählt Eshkol Nevo. „Wenn sie zurückkehren, haben sie eine andere Perspektive und Gefühle als vorher“, sagt der Autor. Was fasziniert Israelis an Berlin? Berlin ist billiger als Tel Aviv. Aber nicht nur das allein sei der Grund. Einerseits schätzt er die Energie der Gegenwart und andererseits die Vergangenheit. Genau diese Ambivalenz sei anziehend. Die Kombination aus Gesprächen und Lesungen aus den beiden Büchern erwies sich wieder als inspirierende Quelle für mich. Beide gehen Hand in Hand und machen mich auf besondere Weise neugierig. Ich freue mich nun noch mehr „Strom“ und „Neuland“ weiter zu entdecken. Angefangen habe ich beide Romane schon und bis jetzt sehr angetan.

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Angetan bin ich auch von einem Autor, den ich bislang gar nicht kannte. Doch seit Mittwochnachmittag ist der blinde Fleck bei mir verschwunden und Franz Hohler hat in mir einen neuen Fan gefunden. Im Rahmen der Reihe Weltweisheit – Kultur des Alterns stellte er im Gespräch mit Thomas Böhm seinen neuen Roman „Gleis 4“ vor. Was für eine Wohltat war es den beiden Herren zuzuhören! Was für ein Geschenk, dass so ein Ereignis kostenlos ist! Unterstützt wurden sämtliche Veranstaltungen aus der Reihe Weltweisheit – Kultur des Alterns vom Bundesministerium für Forschung und Bildung.

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Während des Gesprächs wurde viel gelacht, aber auch hier und da länger geschwiegen. Franz Hohler antwortete nicht immer sofort und manchmal äußerst charmant mit einer Gegenfrage, wie z.B., auf die, warum der Titel des Buches der Sterbeort sei. „Warum nicht?“ lautete die Antwort. Obwohl die Themen wie der Tod schwer wogen, blieb die Stimmung die ganze Zeit angenehm gelöst und herzerfrischend. Was nicht zuletzt an den beiden Herren auf der Bühne lag. So wollte Thomas Böhm vom Schweizer Autor wissen, worauf es ihm beim öffentlichen Tod (In seinem Roman stirbt ein älterer Mann am Bahngleis, nachdem er einer Frau beim Koffertragen geholfen hat.) ankam. Franz Hohler ging vorrangig auf die Ideenfindung ein. Er erzählte, dass er grundsätzlich eine Idee nie aufschreibe, sondern darauf vertraue, dass sie wiederkomme. Daher auch die drei Damen, aus deren Perspektive der Roman erzählt wird? Warum drei Frauen? „Das hat mich auch überrascht. Irgendwo hatte ich das Gefühl, drei Frauen seien schöner als zwei Frauen“, antwortete Franz Hohler. Der Moderator lachte und mit ihm der ganze Saal. Von diesen Momenten gab es zahlreiche an diesem späten Nachmittag.

Bei den wunderbaren Begegnungen mit den Autoren hätte ich doch fast vergessen, von den kleinen Nebenbühnen zu erzählen. Wie die Ausstellung „Comics aus Berlin. Bilder einer Stadt“, der schöne Büchertisch, der wieder zahlreiche neugierige Bücherwürmer anzog.

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Oder das Bücherregal im Café, in dem Kinder- und Jugendbuchempfehlungen von den Autoren des 13. ilb zum Anschauen und Anlesen standen.

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Und meine neue Freundin sollt ihr auch noch kennenlernen: Die Buchhaltestelle, links neben dem Eingang. „Take one, leave one. Einladung zum Büchertausch umsonst und frei“ – steht an der Tür.

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Was für eine großartige Einrichtung! Ich habe sie mit sieben Büchern gefüttert, die im Laufe von zwei Stunden auf zwei geschrumpft waren. Nur was war das? Urplötzlich sprang ein Buch in mein Blickfeld, das mich aus der Buchhaltestelle freudig anlächelte, ein Buch, das ich lange schon einmal lesen wollte und mir zurief: „Willkommen in der Wundertüte!“

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11 Gedanken zu “Hannah Dübgen, Eshkol Nevo, Franz Hohler. Drei Begegnungen auf dem 13. ilb.

  1. Ganz großartige Impressionen. Danke dafür. Es ist, als sei man dabei gewesen. Die Romane von Hannah Dübgen und Eshkol Nevo sind auf ihre eigene faszinierende Art wirklich toll zu lesen. Muss man beide unbedingt entdecken.

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  2. Wieder so ein schöner Bericht, der mich sehr begeistert hat. Und Franz Hohler mit seinem Roman hast Du mir auch noch einmal in die „Möchte-ich-gerne-lesen“ Erinnerung gerufen.
    Viele Grüße, Claudia

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  3. Natürlich hat mir auch dein Bericht gefallen 😉 aber ich muss gestehen, dass mich vor allem das Plakat in den Bann gezogen hat. Selten so ein schönes Poster für ein Literaturfestival gesehen!! Und auch die Buchhaltestelle ist witzig aber vor allem eine gute Idee.

    Liebe Grüße von der Bücherliebhaberin

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  4. Sehr schön, liebe Klappentexterin. Ich muss wohl nicht wiederholen, wie sehr ich es bedaure, nicht in Berlin zu wohnen. Aber immerhin: Hier in Frankfurt findet am Samstag die Shortlist-Lesung statt, es gibt also keine Grund zu jammern.

    Hannah Dübgen hat ja auch in Klagenfurt gelesen, ihr Beitrag hat mich allerdings nicht überzeugt (wie im Übrigen auch die Jury nicht), weshalb ich Strom vorerst nicht auf die Wunschliste setze. Aber ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen. 😉

    Herzliche Grüße und bis ganz bald,
    caterina

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    1. I know, liebe caterina, I know. Berlin ist ein großer Rummelplatz, wo es immer etwas zu sehen oder zu lauschen gibt. Unwiderstehlich! Einfach göttlich! Gehst du denn zur großen Shortlist-Lesung?

      Ach schade, dass dich das Debüt nicht überzeugen konnte. Mal gucken, was ich da machen kann. 😉

      Alles Liebe und bis bald,
      Klappentexterin

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