Leichtsinnige Schwere.

südbalkon

Zitronentorte. Urplötzlich steht das Wort vor mir, wie ein Versicherungsvertreter an der Wohnungstür. Isabella Straub hat es mir vorbeigebracht. Während ich ihren Roman Südbalkon lese, denke ich permanent an Zitronentorte. Spüre das Glücksgefühl, das sich einstellt, sobald die süße cremige Sahne die Zungenspitze berührt, gefolgt vom leichten Grinsen, das von der sauren Zitrone angeschubst wird und aus dem Mund kullert, bis sich eine Schwere in den Bauch legt.

Was für Assoziationen, geht es doch in diesem umwerfenden Debüt nicht um einen Spaziergang durch ein Feinkostgeschäft, sondern um das bedrückende Leben einer Außenseiterin. Ruth Amsel hat die Mitte Dreißig überschritten, ist kinderlos und arbeitslos. Ein schwerer Brocken, so schwer, dass man das Buch gleich wieder zuklappen möchte, aber man tut es nicht aus einem einfachen Grund: weil es nach Zitronentorte schmeckt.

Nach einem abgebrochenen Medizinstudium arbeitet Ruth zunächst bei einer Zeitung und verfasst dort Todesanzeigen. Momentan ist sie jedoch ohne Beschäftigung. Einzige Verpflichtung ist der regelmäßige Besuch bei ihrem Geldgeber – der Gesellschaft für Wiedereingliederung. „Sie unterstützt arbeitslose Frauen, die älter sind als fünfunddreißig und kinderlos – die ihren gesellschaftlichen Auftrag als in dreifacher Hinsicht nicht erfüllt haben.“ An dieser Stelle begegne ich der Zitrone und grinse. Isabella Straub hat eine tragische Romanheldin geschaffen, die – und das ist das Bemerkenswerte – Feuer unterm Hintern hat. Ruth streckt dem beschissenen Leben immer wieder die Zunge heraus, ist dabei herrlich ironisch und erfrischend, dass ich trotz aller Tragik nicht aufhören kann zu lachen. So passiert es, dass mir morgens auf dem Weg zur Arbeit in der S-Bahn zwischen Alexanderplatz und Hauptbahnhof die Müdigkeit davonläuft. Ich schmatze genüsslich und kann von der Zitronentorte nicht genug bekommen.

Ruth teilt sich mit Raoul spärliche 56 Quadratmeter. Ein Schlafzimmer existiert nicht, dafür eine Couch, die als dauerhafte Bettlösung herhalten muss. Raoul steht ebenfalls nicht im königlich glänzendem Ring der beruflich Erfolgreichen. Trotz des schön klingenden Beruftitels Softwaredesigner. „Was Raoul bei seinen Internet-Projekten an Land zieht, reicht nicht einmal für die erbärmliche Miete unserer Wohnung.“ Knallharte Fakten, die mitten ins Gesicht schlagen. Nicht nur das Geld fehlt, auch die Beziehung hat sich verändert. Raoul benimmt sich komisch. Das gesteht Ruth ihrer Freundin Maja, die sich gerade als Existenzberaterin selbstständig gemacht hat. Maja weiß da nur einen Rat: „Du musst transparenter werden!“

Was Ruth zu einem Leuchtstern in der grauen Tristesse macht, ist neben ihrem Galgenhumor die scharfe Beobachtungsgabe. Sie sieht den Nachbarn bei den vielen Auseinandersetzungen zu, spaziert durch den Krankenhauspark und hält alles akribisch fest. Wenn sie nicht gerade Kranke bei ihren Handlungen im Park beobachtet oder sich im Möbelhaus aufhält, läuft sie durch den Wald ihrer Gedanken. Es macht großen Spaß, ihr dabei über die Schulter zu schauen, so bitterböse klingen die Sätze, verboten sahnig-sauer: „Manchmal frage ich mich, was dabei herauskommt, wenn man einfach alles verdrecken lässt. Ob dieses Putzen dem Dreck vielleicht erst neue Nahrung liefert. Ob der Dreck, wenn man ihn nur lang genug liegen lässt, sich irgendwann plötzlich auflöst. Ob dann eine Art endgültige Sauberkeit eintritt, die automatisch immun ist gegen jede künftige Verschmutzung. Ein Krebs wächst in einem Leichnam schließlich auch nicht ewig weiter, irgendwann ist Schluss.“

Isabella Straub versteht es, ihre Leser zu überraschen. Mit Wendungen und kleinen Geheimnissen zieht sie mich durch die 250 Seiten. Ganz oben steht für mich natürlich Ruth mit ihrem Witz und den schönen Umschreibungen, die wie die Sahne den Hochgenuss hervorzaubern. Bei Isabella Straub liest sich ein trüber Tag zum Beispiel so: „Die Sonne hat abgenommen, schmal und schwach hockt sie in der Baumkrone.“ Bildreich und erheiternd ist auch diese Umschreibung: „Er berührte meine Brüste immer so, als würde er sie siezen.“

Ruths Universum verharrt in keiner erdrückenden, lähmenden Starre. Kein Gähnen, kein Seufzen. Ich stoße auf viel Leichtigkeit, Scharfsinn und Reflektion. Die Wiener Autorin blickt dorthin, wo es eigentlich wehtun müsste und wir die Nasen verziehen. Das mache ich auch, aber nur an manchen Stellen. Sicherlich schmeckt es an einigen Ecken extrem säuerlich, als wenn die Zitronentorte zu lange in der Nachmittagssonne gestanden hätte. Doch es überwiegt am Ende ein Biss dem Leben gegenüber, der vor dem tiefen Fall ins Bodenlose schützt und mich so gut wie gar nicht daran denken lässt. Selten habe ich der Schwere so leichtsinnig ins Antlitz geschaut wie bei Südbalkon.

Isabella Straub: Südbalkon. Blumenbar 2013, 18,99 €, 254 Seiten.

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7 Gedanken zu “Leichtsinnige Schwere.

  1. Liebe Klappentexterin,

    ich danke dir für diese großartige Besprechung, die mir nicht nur Lust auf das Buch macht, sondern auch auf ein großes Stück Zitronentorte. 😉 Ich muss gestehen, dass ich auf das Buch und auch auf die Autorin bisher noch gar nicht aufmerksam geworden war, es ist förmlich völlig an mir vorbeigegangen und ich danke dir für das Ausgraben dieses tollen Schatzes.

    Sonnige Grüße aus Bremen
    Mara

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    1. Liebe Mara,
      das Buch war wirklich einer unverhoffter Glücksgriff, dem ich einen aufmerksamen Vertreter zu verdanken habe. Ich hatte schon gedacht, Blumenbar und ich – wir werden keine Freunde, aber dann kam Frau Straub und ich musste meine Meinung revidieren. Dieser Roman ist klasse und macht so viel Spaß! Merk ihn dir für verregnete Tage!

      Sonnige Sommergrüße aus Berlin und ein schönes Wochenende,
      Klappentexterin

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