Die Liebe, immer wieder.

alles_bestens

Bücher von Yael Hedaya zu lesen, verbinde ich stets mit einem erhitzten Kopf, der wie ein Pinguin ins Eiswasser taucht. Ihre Romane explodieren vor Reibungen zwischen den Menschen und erfrischen durch eine Leichtigkeit, die dem elefantenschweren Drama den Riegel vorschiebt. Die israelische Autorin ist meisterhaft darin, feinfühlig, klar und psychologisch klug über eins der spannendsten Themen zu schreiben: die Liebe. So auch in ihrem neuen Roman.

Yael Hedaya hat in Alles bestens alle Facetten der Liebe betrachtet. Die übermütige Anfangsphase, in der für den Verstand kein Platz ist. Die Zeit, in der einem bewusst wird, dass man für immer zusammenbleiben und sich dies feierlich versprechen möchte. Und auch die hässliche Form des Abschieds, die Trennung. Für jeden Abschnitt hat die Autorin liebevoll Protagonisten geschaffen, die bravourös mitspielen. Menschen wie du und ich. Sie sind vertraut, mit ihren Fehlern und Besonderheiten. Diese Lebensnähe schätze ich an der Autorin immer wieder.

Gleich zu Beginn platze ich in eine unangenehme Szene. Die Ich-Erzählerin hat sich gerade mit ihrem Freund gestritten. Betroffen und geschockt, versucht sie den ersten richtigen Streit zu verkraften und ist selbst über sich erschrocken: „Ich hätte nie gedacht, dass so etwas in mir steckte, eine anklagende und hysterische Frau, die die Hände in die Hüften stemmt, wenn sie sich in Vorwürfen ergeht, aber als ich vor Nathan gestanden hatte, der auf dem Sofa hockte und die Steinplatten anbrummelte, waren meine Hände plötzlich auf meinen Hüften gelandet und wie Saugnäpfe haften geblieben.“ Der Streit geht nicht gut aus, endet im betretendem Schweigen und Tränen. Nathan geht und lässt Maja allein. Danach zieht die Autorin die Geschichte von hinten auf, läuft mit dem Leser zum Anfang zurück.

Maja lernt Nathan auf einer Purim-Party kennen. „Seine Kopfbedeckung wies ihn als Narren aus.“ Einerseits belustigt Maja dieser Anblick, andererseits berührt er sie. Er fordert sie zum Tanz auf und dann kommt alles, wie es kommen muss – sie werden ein Paar. Allerdings ein komisches, denn ihr Beisammensein besteht nur aus Sex unter der Woche. Am Wochenende hat er nie Zeit für Maja. Warum das so ist, findet Maja eines Samstags heraus, als sie unangekündigt vor seiner Tür steht.

Maja und Nathan sind nicht die einzigen Liebenden in diesem Kosmos, zu denen uns Yael Hedaya mitnimmt. „Einen Monat bevor ich Nathan kennenlernte, hatten meine Eltern sich scheiden lassen.“ Die Ich-Erzählerin ist besorgt, schließlich sind ihre Eltern nicht gesund und gegenseitig auf sich angewiesen. Eine seltsame Situation. Die Tochter sehnt sich nach einer festen Bindung, während ihre Eltern getrennte Wege gehen wollen. Unwirklich fühlt sich auch Maja, als sie beide an dem Tag der Scheidung begleitet und draußen vor dem Saal wartet. „Ich versuchte zu hören, was im Innern des Saals geschah, die Geräusche, die das Ende der Ehe bedeuteten, das Kratzen des Gänsekiels auf Pergament, das unterdrückte Lachen der Richter angesichts des älteren Paares, das sich mitten im Winter plötzlich scheiden lassen wollte. Doch aus dem Saal Nummer zwei drang kein Laut. Meine Eltern, die zusammen immer so viel Lärm veranstaltet hatten, wurden in aller Stille geschieden.“

Wie eine Quelle der Erleichterung erscheint Majas beste Freundin Nogga, die vor Liebe wie eine wunderschöne Rose blüht. Nogga ist von einem anderen Kaliber als Maja, das spüre ich sofort. Obwohl sie keine besonders auffallende Schönheit ist, zieht die Menschen magisch an. Aus ganz einfachem Grund: „Aber Nogga mochte sich, wie sie war, und das auf so eine absolut und Neid erweckende Weise, dass niemand sich ihrem Charme entziehen konnte.“ Nogga erteilt ihrer Freundin gute Ratschläge, erhebt gleichzeitig warnend ihre Hand, als sie von der seltsamen Beziehung zwischen ihr und Nathan erfährt und sagt an einer Stelle etwas sehr Liebevolles, was mir die Tränen in die Augen schießen lässt, weil es so schön ist: „Maja, ich verspreche dir: Eines Tages wirst du erleben, wie toll das ist, wenn du nach einem miesen Tag, dem beschissensten Tag deines Lebens, nach Hause kommst, und dann wartet da jemand auf dich mit einer großen Umarmung.“

Yael Hedaya legt ihrer Romanheldin einen schweren Stein ins Herz, dadurch entstehen Reibungen, die auch ich direkt spüren konnte. Maja muss einiges aushalten. Sie sehnt sich nach einer festen Beziehung, muss jedoch erkennen, dass dies mit Nathan nicht möglich sein wird. Belastend hinzu kommt die Scheidung ihrer kranken Eltern und der Vergleich mit der drei Jahre jüngeren Schwester, die es bereits vor ihr geschafft hat, eine Familie zu gründen. Sie lebt glücklich verheiratet in Amerika und erwartet demnächst das dritte Kind.

Alles bestens enthält einige nachdenkliche Nischen, in denen sich die eine oder andere wiederfindet. Dabei handelt es sich nicht um neuen Erkenntnisse. So sind es viel mehr Betrachtungen und Gedanken, deren Töne wir bereits kennen, trotzdem ist es schön, die Worte erneut zu lesen, weil sie einem ein vertrautes Gefühl schenken, so wie dieser Gedanke, den selbst ich schon hatte: Während ich im Laden stand, sinnierte ich über den Rat, den man immer zu hören kriegt, wenn man sich eine Beziehung wünscht: das man geduldig sein soll und die Liebe am ehesten kommt, wenn man nicht daran denkt, sozusagen aus heiterem Himmel. Ein Rat, der einen zur Verzweiflung bringt und zugleich Hoffnungen schürt, vor allem aber voller Widersprüche steckt: Denn selbst, wenn man es schafft, sich irgendwie von obsessiven Gedanken über Liebe und Beziehung abzulenken, indem man sich zwingt, nicht ständig darüber nachzudenken, läuft es letztendlich auf dasselbe hinaus, weil ja beides obsessiv ist: sowohl die Ablenkung als auch die Gedanken, von denen man sich verzweifelt versucht abzulenken.

Die Liebe mit allen Sinnen zu fühlen, an ihre Ecken zu stoßen, sich zu verletzen, mit Tränen gefüllten Augen zu blinzeln, erleichtert aufzuatmen, hoffnungsfroh zu lächeln – das macht man, wenn man Yael Hedaya liest. Ihr aktueller Liebesroman bewegt sich weit weg von gefühlsschweren Klischees. Ein Happy End sucht man vergeblich – und ehrlich gesagt, würde er gar nicht passen. Die Liebesfrucht schmeckt süß, aber sie liegt nicht lange auf der Zunge, erzeugt keinen klebrigen Nachgeschmack. Wie eine Feder schwebt sie bald davon. Ich hänge mich an diese Leichtigkeit und spiele Pinguin.

Yael Hedaya: Alles bestens. Aus dem Hebräischen von Ruth Melcer. Diogenes 2013, 159 Seiten, 12,90 €.

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16 Gedanken zu “Die Liebe, immer wieder.

  1. Die Liebe kann man nicht neu erfinden, aber immer wieder neu erzählen. Das scheint ein Roman zu sein, dem dies auf poetische Weise gelingt – oder es lag mal wieder an deinen eigenen poetischen Worten, die das Buch zum Klingen gebracht haben 🙂 Lg, Karo

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    1. Nein, das kann man nicht, liebe Karo, aber schön ist es, wenn man das Talent besitzt, ein vielfältiges Buch über das spannende Thema zu schreiben und das auf so besondere Art und Weise. Ganz lieben Dank für deine schönen Worte! Hat mich sehr erfreut! LG, Klappentexterin

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  2. Liebe Klappentexterin,

    nach dieser wunderbaren Besprechung überlege ich, ob ich den Roman überhaupt noch lesen muss. 😉 Von Yael Hedaya kenne ich noch nichts, deine Worte haben mich aber sehr berührt, so dass das Buch auf jeden Fall auf die Wunschliste wandern wird und ich mich schon sehr auf die Lektüre freue.

    Liebe Grüße aus einem verregneten Bremen
    Mara

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    1. Danke für dein reizendes Kompliment, liebe Mara! Ein 😉 zurück. Yael Hedaya kann ich dir sehr ans Herz legen. Ob dieses Buch hier oder „Eden“ – die beiden Werke zählen zu meinen liebsten. Die Autorin schafft es immer wieder, das Thema Liebe meisterhaft zu durchleuchten. Auf der Wunschliste steht die Autorin daher goldrichtig.

      Liebe Wochenendgrüße nach Bremen (mögen die Regenwolken bald verschwinden), Klappentexterin

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  3. Nachdem ich von „Liebe pur“ ja nicht so begeistert war, bin ich jetzt von Deiner Rezension aber um so mehr überzeugt, dass ich es mit Yael Hedaya nochmals probieren muss. Du ziehst mich mit Deiner Beschreibung damit so in den Bann, dass das Buch sofort auf meiner Kaufliste gelandet ist. Aber alleine schon durch Deine Sprache kannst Du mir glaube ich jedes Buch schmackhaft machen. Vielen Dank dafür.
    LG
    lesesilly
    P.S. „Eden“ liegt immer noch ungelesen hier. Vielleicht sollte ich erstmal damit anfangen.

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    1. Liebe lesesilly, ein ganz liebes Dankeschön für deinen Kommentar! Er hat mir ein Lächeln geschenkt.
      Ich erinnere mich gut daran, dass dein Start mit Yael Hedaya nicht so gut verlaufen ist, und hoffe und bete, dass ein zweiter Versuch, dich glücklicher machen wird. „Eden“ hat mich damals sehr begeistert, die vielen Menschen und deren Schicksale, erzählt in der typischen Hedaya-Sprache und mit psychologischer Raffinesse versehen, war ein unvergessliches, mitreißendes Leseerlebnis. Ich bin gespannt, was du sagst.

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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  4. .. ist lang her, daß ich was von Hedaya las.. danke für die erinnerung, auch wenn ich die chance, dieses buch von ihr zu lesen angesichts meines subs für ziemlich gering halte… leider… 😉

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  5. Eine schöne Besprechung, die ganz viel Lesefreude gemacht hat.
    Viele Grüße, Claudia
    PS: Das Wetter wird eindeutig besser – im wahrsten Sinne des Wortes: ein Silberstreif am Horizont. Vielleicht wird ja noch etwas aus dem Sommerleseglück!

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  6. Liebe Klappentextertin,

    mit Hedaya geht es mit ähnlich. „Eden“ hat mich leider nicht ganz so überzeugt, dafür aber „Liebe pur“ und „Die Sache mit dem Glück“. Vor Ewigkeiten gelesen aber den bezauberten Eindruck noch im Gedächtnis. Schön, dass ich sie hier bei dir wieder finde 🙂

    Liebe Grüße
    die Bücherliebhaberin

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    1. Liebe Bücherliebhaberin,
      uups, verzeih bitte! Mir ist dein Kommentar zwischen die Augen gerutscht. Ich freue mich riesig, eine weitere begeisterte Hedaya-Leserin anzutreffen. Mir hingegen hat „Eden“ sehr gefallen. Nun, die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden.

      Ganz herzlich,
      Klappentexterin

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  7. Diogenes – immer gut! Und das sage ich nicht nur, weil ich damals dort Azubi war. 😉
    Kennst du Adam Davies? Mein Lieblingsdiogenese! Für Frauen eher «Goodbye Lemon», für Männer eher «Froschkönig», und wer Spannung braucht, kommt mit «Dein oder mein» auf seine Kosten.

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    1. Hallo doltschevita,
      danke für deinen Besuch – sehr erfreut! Dann warst du direkt an dem Ort, wo die wunderbaren Bücher entstehen. Beneidenswert! Ob ich Adam Davies kenne? Ich liebe diesen Bengel! Ähm, ich meine natürlich seine Bücher. 😉 Mir haben „Froschkönig“ und „Goodbye Lemon“ außerordentlich gut gefallen, vor allem „Froschkönig“ – was für ein tolles Buch!

      Viele Grüße,
      Klappentexterin

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