Bücherbilderzauber mit Tomi Ungerer.

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Stellt euch vor, ihr öffnet euren Briefkasten und ein Diogenes-Buchcover springt in eure Augen. Das geht mit den wundervollen Bücherbildern von Tomi Ungerer, die der Diogenes Verlag zum 60. Verlagsjubiläum im vergangenen Herbst in einer Postkarten-Box herausgebracht hat.

Wie einige von euch wissen, habe ich mich seinerzeit in Tomi Ungerers Geschichtenwelt verliebt. Damals las ich mit großem Entzücken das „Tomi Ungerer Kinderbuch Schatzkästlein“ und verwandelte mich in Frau Klappenquietsch. Mit wenigen Sätzen erzählt er freche, unheimliche, phantasievolle Geschichten und nutzt als kraftvolles Element seine großartigen Zeichenstriche. Die sind es auch, die mich neben seinem besonderen Humor um den Finger gewickelt haben. Ich schätze Tomi Ungerers einmalige geniale Illustrationen. Die Zeichnungen sind klar, bisweilen unheimlich und lassen das Betrachterauge vor Schmunzeln zucken.

In solch einem fantastischen Tomi Ungerer-Bilderschatz durfte ich nun erneut eintauchen. Obwohl dieses Mal die Buchstaben fehlten, hatte ich das Gefühl, mitten in einem spannenden Buch zu sitzen. Die Bücherbilder enthalten 60 Postkarten und nehmen die Betrachterin gleichzeitig mit in die Diogenes Verlagsgeschichte.

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Der Diogenes-Verlag ist ein Meister darin, die Liebe für das Besondere zu zelebrieren. Genau das merkt man diesem liebevoll gestalteten Produkt an. Sobald man die Box aufschlägt, geht die Sonne auf. Die Karten liegen in einer viereckigen Wanne, die man ganz leicht durch ein eingearbeitetes seidenfeines Band herausziehen kann. Auf der linken Seite befindet sich eine ausführliche Erläuterung zur Beziehung zwischen dem Diogenes Verlag und Tomi Ungerer. So erfahre ich, dass Tomi Ungerer nicht nur zahlreiche Kinderbücher illustriert hat, sondern bis in die Achtziger Jahre mehrere hundert Diogenes Bücher-Umschläge. Er versprach dem Verleger Daniel Keel 1973 in einem Brief: „Umschlagvignetten, Du kannst auf mich zählen, ich werde alle zeichnen.“ Das Versprechen hält er. Tomi Ungerer malt anhand von Inhaltsangaben oder besucht den Verlag, „wo er an einem einzigen Nachmittag ein ganzes Verlagsprogramm kongenial umsetzt.“ Ich sehe Tomi Ungerer leibhaftig vor mir, wie er in dem Verlagshaus sitzt und zeichnet. Was für eine Freude!

Herausgekommen sind Cover-Unikate, die uns allen vertraut sind, wie die bekannte schwarz-gelbe Krimireihe. So tragen die damaligen Ausgaben von Raymond Chandler, Dashiell Hammett, Ross Macdonald, Eric Ambler, Ray Bradbury oder Patricia Highsmith den wespenfarbenen Tomi Ungerer-Anzug mit einzigartigen Illustrationen. „Der dünne Mann“ von Dashiell Hammett gehört dazu und ich bin glücklich, dass ich dieses alte Buch antiquarisch erstanden habe. Doch eine Sache ist komisch: Der Pistolenrauch auf der Karte ist schwarz und auf dem Buchcover weiß. Wie kam es wohl zu diesem Unterschied? Ansonsten sind die beiden identisch. Auch die Werkausgaben von Robert Louis Stevenson, Anton Čechov, William Faulkner, W. Somerset Maugham und George Orwell erhalten vom Illustrator ihre besonderen Hüllen. Charakteristisch sind vor allem die speziellen Autorenfarben, so sticht ein Orwell in Rot oder Faulkner in Blau hervor.

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Ich stoße auf bekannte Cover wie das rebellierende Schwein aus „Farm der Tiere“ oder „John Thomas & Lady Jane“ von D. H. Lawrence. Daneben erstreckt sich eine Vielzahl von fremden Büchern, die mir eine leichte Verlegenheitsröte ins Gesicht pusten, weil mir einige unbekannt sind. Doch der Diogenes Verlag lässt mich nicht im Regen stehen. Auf der Rückseite erwartet mich die Auflösung, dort finde ich den Titel und Autor sowie das Erscheinungsjahr des Buches. Als Briefmarke dient das Buchcover, ganz herzallerliebst! Besonders faszinierend finde ich „Das blaue Hotel“ von Stephen Crane. Diese Zeichnung ist in Schwarz-Weiß gehalten, zeigt eine Schneelandschaft, in der ein Zug entlangfährt und von einer Krähe beobachtet wird. Urplötzlich wachsen Geschichten in meinem Kopf hervor wie Ranken an einer Hauswand. Und die Röte zieht sich zurück, denn ich bemerke eine feine Sache. Das Kartenbetrachten zieht einen tollen Nebeneffekt nach sich: die Phantasie! Die kommt alsbald angebraust und setzt sich der unwissenden Buchcoverbetrachterin auf den Schoß.

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Die Postkarten entführen mich in die aufregende Welt der Diogenes Buchcover. Ein Augenzwickern reiht sich an einen Gänsehautgruselschauer. Ich staune und verwandle mich in ein kleines Mädchen, dessen Augen mit jeder Karte größer werden, bis sie wie Lavalampen im Dunkeln glühen und Raubkatzenaugen sehr ähneln. Es dauert nicht lange und schon sehe ich Dampf aus der Box aufsteigen. Kein Wunder, geht es doch heiß her zwischen den frechen, gruseligen und übermütigen Zeichnungen.

Jede Karte ist ein wahres Kunstwerk. Einzigartig und unglaublich anziehend. Sofort möchte ich meine Wohnzimmerwand mit diesen Bildern schmücken. Ich gestehe ehrlich und aufrichtig, ans Verschicken denke ich immer weniger, je mehr Karten ich in den Händen halte und sie vor mir auf dem Boden zu einem großen Bild auslege. Schwierig, schwierig. Aber sind die Geschenke, die man nur ungern aus den Händen legt, nicht die schönsten?

Tomi Ungerer.
Bücherbilder.
2012, 15,- €.
Diogenes Verlag.

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6 Gedanken zu “Bücherbilderzauber mit Tomi Ungerer.

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