Scharfe Krallen und laute Beats.

jaguare

Das kann nicht sein! Nach jeder Erzählung in „Techno der Jaguare“ kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Hatte ich bei diesem Titel etwas anderes erwartet? Sanft schnurrende Katzen etwa? Wohl kaum. Scharfe Krallen und laute Beats schon eher, dazu unerhörte Plots, die wie Kometen einschlugen. Diese Anthologie hinterlässt sichtbare Spuren und macht dem Titelnamen alle Ehre.

Die Frankfurter Verlagsanstalt vereint in dem Band sieben Autorinnen aus Georgien. Eine ist mir bereits vertraut: Nino Haratischwili. Sie hat mich seinerzeit mit dem Roman „Mein sanfter Zwilling“ sehr beeindruckt. Für dieses Werk wurde die junge Autorin 2011 mit dem Preis der Hotlist unabhängiger Verlage gekürt. Ebenfalls im deutschsprachigen Raum bekannt ist Tamta Melaschwili. Ihr Roman „Abzählen“ stand 2012 auf der Hotlist und wurde 2010 mit dem Georgischen Literaturpreis „Saba“ ausgezeichnet.

Die Erzählungen sind sehr unterschiedlich, aber in einem Punkt gleichen sich alle: sie explodieren. Im Mittelpunkt stehen Frauen, die neue Wege suchen und ausbrechen wollen, es werden die Rufe nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung laut. So wie jede Heldin für sich ihren eigenen Lebensentwurf sucht, so verströmt jede Schriftstellerin ihren ganz persönlichen Stil.

Die Erzählungen sind kraftvoll, bizarr und stellenweise surreal. Sie entspringen aus einem reichhaltigen Phantasiemeer wie „Eine mit Buch und ihre erlesene Leserschaft“. In Maka Mikeladze Geschichte wird Tino morgens überrascht: Der Protagonistin sind über Nacht zwei Bücher gewachsen. Das große sitzt auf ihrem Kopf, das kleinere im Nacken. Statt in Panik zu geraten, arrangiert sie sich mit dem neuen Erscheinungsbild. „Sie zuckte nur mit den Schultern. Dann legte sie ein leichtes Make-up auf und überlegte, wie sie sich nun frisieren sollte. Das frisch hervorgesprossene Buch ging ihr, ehrlich gesagt, schon ein wenig auf die Nerven. Heute passte ihr das nicht ganz und gar nicht. Ausgerechnet heute… aber auch nicht morgen, auch nicht gestern.“ Noch etwas beschäftigt sie: Tino möchte unbedingt wissen, was im großen Buch steht. Jeder Leser, den sie befragt, liest etwas anderes daraus vor. Beim Geliebten sind es Zahlen und Tabellen. Eine Freundin entdeckt in den Seiten eine herzzerreißende Seifenopern-Folge. Am Ende trifft Tino die Erkenntnis, dass nur sie allein ihr Buch lesen kann. Die Geschichten lösen sich nicht immer beruhigend klar auf. „Der andere W-E-G“ von Ekaterine Togonidze mündet an einer unerwarteten Stelle. Unheimlich ist die Erzählung von Beginn an. Der Journalistin Lisa gelingt etwas Grandioses: Sie kann ein Interview bei einem unnahbaren bekannten Künstler führen. Stößt sie zunächst bei ihrem Interviewpartner auf Widerstand, entwickelt sich die Beziehung bald schon in eine andere Richtung. Doch die Annäherung wird von dem dunklen Geheimnis des Künstlers aus seiner Kindheit überschattet und genau das zieht für Lisa eine folgenschwere Wendung nach sich.

Etwas leichter, auf charmante Weise frech und spritzig wie ein Glas Prosecco, empfand ich „Das historische Gedächtnis“ von Anna Kordzaia-Samadaschwili. Eine Lovestory mit einem unzuverlässigen Liebhaber und einem asiatischen Wilden, die unsere Titelheldin auf Trab halten. Eka Tchilawa schickt in ihrer Erzählung „In den neun Hütten“ ihre Protagonistin durch die Vergangenheit und schafft ein sehr eindringliches Leseerlebnis. In Tamta Melaschwilis „Killer’s Job“ begegne ich einer selbstbewussten Auftragskillerin. Sie bringt ihre Meinung über den Job klar auf den Punkt: „Wissen Sie, hier kann man nur zwischen zwei Möglichkeiten wählen: flachlegen oder flachgelegt werden. Ich habe keine Wahl. Ich habe etwas anderes: ich bin unsichtbar. Das ist meine Stärke.“ Die Killerin ist „eher klein und schmal, nur eins fünfundsechzig.“ So klein, doch so groß in ihren Handlungen. Knappe Sätze schießen aus der Protagonistin, als wären sie die Munition ihrer Waffe. Atemlos laufe ich durch die kurze Erzählung, weil alles so verdammt schnell geht: die Handlungen, das Erzählte – Peng! Die Luft in der Titelgeschichte „Techno der Jaguare“ ist unglaublich heiß und vibriert. Hier stoße ich auf Sätze wie: „Die Hellseher sagten, dass Georgien überleben würde, aber sie sagten nicht, auf wessen Kosten. Wir haben nur eine Chance: Wir müssen den Underground stärken!“ Nino Haratischwili erlebe ich in ihrem Einakter „Die zweite Frau“ wie gewohnt aufwühlend und poetisch. Die Dialoge zwischen Agnes, Lena und Laura sind schneidend scharf, bisweilen gehen sie an meine Substanz. Sie haben viel Zorn und aufgestaute Energie in sich, so dass mich einige Sätze wie Faustschläge treffen. Lange Monologe reihen sich an Dialoge und ziehen die innere Gedankenwelt nach draußen, wie Vulkane, die ihre Lava ausspucken. Es brennt lange auf meiner Haut.

Georgien war literarisch gesehen bisher für mich ein unbekannter Fleck. Das hat sich mit diesem Band schlagartig geändert. Man könnte auch sagen, es hat mich mit allen literarischen Sinnen erfasst. Die Geschichten lesen sich eindringlich und sind zutiefst bewegend. Sie fauchen und erheben ihre scharfen Tatzen, dringen durch die Netzhaut direkt den Kopf und beschäftigen mich noch lange nach dem Lesen. Den Herausgebern Manana Tandaschwili und Jost Gippert ist ein ausgezeichnetes Buch gelungen, das mir auf vielfältige Art die georgischen Autorinnen näher gebracht hat. Die biographischen Informationen zu jeder Autorin dienen als ausgezeichnete Ergänzung. Mehr über Georgien erfahrt ihr am Dienstag, 16.04., abends. Wie kürzlich berichtet, habe ich auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse Ekaterine Togonidze, Tamta Melaschwili sowie Nino Haratischwili getroffen und interviewt.

Manana Tandaschwili, Jost Gippert (Hrsg.)
Techno der Jaguare. Neue Erzählerinnen aus Georgien.
Die Erzählungen wurden aus dem Georgischen übersetzt von Maia Tabukaschwili, Maka Kandelaki, Anastasia Kamarauli, Irma Schiolaschwili, Susanne Schmidt und Mariam Kamarauli.
Februar 2013, 256 Seiten, 19,90 €.
Frankfurter Verlagsanstalt.

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8 Gedanken zu “Scharfe Krallen und laute Beats.

  1. Ich danke dir für diese wunderbare Besprechung, die mich unheimlich neugierig macht! Vor einigen Wochen hat mich Svenja bereits auf dieses Buch aufmerksam gemacht, so dass es sich mittlerweile zum Glück schon in meinem Besitz befindet. Nun brauche ich nur noch Zeit, es auch zu lesen …. 🙂 Ich finde es immer unheimlich spannend, fremde Länder literarisch zu bereisen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich auch den sanften Zwilling leider immer noch nicht gelesen habe.

    Auf dein georgisches Interview freue ich mich sehr! 🙂

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    1. Ich glaube, dieses wird hier wieder ein gemeinsames Buch, liebe Mara, ein Buch, das uns verbindet. Ich wünsche dir eine spannende Reise durch diese lesenswerte Sammlung, wenn du es demnächst aufschlägst. Du Glückliche hast „Mein sanfter Zwilling“ noch vor dir. Hach, schön!

      Alles Liebe,
      Klappentexterin

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  2. Kommt auf der Stelle auf die Liste, auch wenn ich mit Erzählungen noch nie so richtig warm geworden bin – aber vielleicht ist das genau der richtige Zeitpunkt und genau das richtige Büchlein, um diese Gattung endlich für mich zu entdecken. Und wie Mara bin ich schon sehr gespannt auf das Interview!

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    1. Ich habe schon viele Erzählbände gelesen, liebe caterina, doch dieses hier ist etwas wirklich Besonderes. Daher denke ich, es könnte genau das Richtige sein fürs Warmwerden mit der Welt der kurzen Geschichten.

      Sei lieb gegrüßt,
      Klappentexterin

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  3. Auch ich bin eigentlich nicht so der Kurzgeschichten-Liebhaber, aber für mich zählt „Mein sanfter Zwilling“ zu den schönsten Büchern, die ich gelesen habe. Deshalb reizt mich dieses Buch, allein schon wegen Nino Haratischwilis Erzählung. Bin sehr gespannt darauf.

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    1. Wie oben bei caterina schon erwähnt, liebe lesesilly, hat mir diese Sammlung von kurzen Geschichten ganz besonders gefallen. Ich habe bislang einige Erzählbände gelesen, aber dieser hier hat es wirklich in sich. Deshalb kann ich mir gut vorstellen, dass auch bei dir der Kurzgeschichten-Funke überspringen könnte. Und deine Begeisterung für „Mein sanfter Zwilling“ ist ein weiteres Argument, um bald in dieses Buch einzutauchen. Ich wünsche dir sehr anregende und unvergessliche Lesemomente!

      Viele liebe Grüße,
      Klappentexterin

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