Eine Herausforderung – aber was für eine!

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Verdammt! Ich glaube, ich habe eben das erste graue Haar entdeckt. Und ich weiß auch, wo es herkommt: Von einer Lese-Odyssee, die unglaublich konträr war. Auf der einen Seite faszinierte sie mich, auf der anderen Seite trieb sie mich fast in den Wahnsinn. „Ada oder Das Verlangen“ von Vladimir Nabokov lautet das schillernde und herausfordernde Werk, das ich nach dem dritten Anlauf endlich bis zur letzten Seite durchgelesen habe.

Die über 700 Seiten habe ich wie dichte Wälder durchschritten, die ersten fünfzig auf Anraten einer begeisterten Ada-Leserin fast fliegend abgespeist (was ich ebenfalls nur raten kann). Jetzt weiß ich einiges mehr über das opulente Werk, bei dem allein der bloße Anblick eine große Ehrfurcht auslöst. „Ada oder Das Verlangen“ erinnert mich an ein altes Uhrwerk, das man sich mit Bedacht anschaut. Du stehst staunend davor, befühlst vertraute Dinge und im selben Moment tun sich dir fremde Gegenstände auf, die du nicht einordnen kannst und einem Maulwurf gleich hektisch nach Licht gräbst.

Vladimir Nabokov erzählt die Liebesgeschichte zwischen Ada und Van. Beide sind Cousin und Cousine, eigentlich Geschwister, wie sich später herausstellt und sehr jung, als sie sich ineinander verlieben. Ada ist 12 und Van 14. Der Beginn dieser Liebesgeschichte erstreckt sich über mehrere Kapitel und ist der Teil, der mich am meisten in den Bann schlug. Helles Licht drang in meine Augen, das Summen von Bienen sauste in meine Ohren und von hinten vernahm ich glückliches Kinderlachen, bei dem die Sonne neckisch in dein Antlitz strahlt und deine Unbeschwertheit wach küsst.

Als Schauplatz dieser traumhaften Kulisse dient ein altes Herrenhaus, Ardis Hall. Wir schreiben das Jahr 1884 und beobachten zwei Menschen, die sich wie zwei magnetische Teilchen anziehen. Die Annäherung knistert wie ein abendliches Kaminfeuer. Nabokov erzählt das auf unglaublich subtile Weise: „Als er sich zu ihr beugte (er war eine gute Handbreit größer und gar das Doppelte davon, als sie einen griechischen Katholiken heiratete und sein Schatten von hinten die Brautkrone über sie hielt), bewegte sie ihren Kopf, damit er den seinen in den erwünschten Winkel brächte, und ihr Haar rührte an seinem Hals. In seinen ersten Träumen von ihr stellte sich stets aufs neue heraus, daß dieser nachgespielte Kontakt, so leicht, so kurz, jenseits dessen lag, was der Träumer ertragen konnte und wie ein erhobenes Schwert Feuer und heftige Erlösung kundtat.“

Zauberhaft ist die Liebesgeschichte, weil sie unter einem geheimen Stern geboren wurde. Das Verbots-Schild prangert vor den Türen der beiden Herzen, Ada und Van lieben sich trotzdem wie gewöhnliche Liebende, indem sie sich Schlüpflöcher bauen, durch die sie kriechen. Die Liebesbeziehung wird durch zahlreiche Unterbrechungen auseinandergezogen. In den Jahren dazwischen nimmt das Leben seinen Lauf, Van wird Psychologe, schreibt Bücher und lebt in verwunschenen Villen sein sexuelles Vergnügen aus. Ada heiratet einen wohlhabenden Russen und tritt in die Fußstapfen ihrer Mutter: Sie wird Schauspielerin.

Das Buch fordert heraus – zum Beispiel durch die unruhige Erzählperspektive. So mischt sich ein agierendes Ich in den allwissenden Er-Erzähler und Ada meldet sich ebenfalls sporadisch zu Wort. Dazu sind die Sätze verschachtelt, durch Kommas und Klammern eingekeilt. Diese Konstruktion pustet das Licht aus und nimmt mir häufig den Durchblick. Gezwungenermaßen musste ich zu manchen Anfängen umkehren, um den Faden erneut aufnehmen zu können. Zwischen diese gefühlte Lesequal drängen sich Anagramme, Zitate – gern mehrsprachig – und Wortspiele, die um Aufmerksamkeit buhlen. Dennoch sind diese Elemente höchst interessant und stellenweise äußerst erheiternd. Hierzu fallen mir gleich zwei bemerkenswerte Beispiele ein. „Um Pottes Willen“ nutzt der Autor statt „Um Gottes Willen“. Und da wäre noch das Luftogramm. Das brachte mich in eine peinliche Verlegenheit, die ich eigentlich für mich behalten wollte, aber ich möchte euch diesen Spaß nicht verschweigen. Zunächst dachte ich, die Beschreibung sei der veraltete Ausdruck für Fax, bis mir aufging, dass es sich um eine Nabokov-Erfindung handeln muss. Eine Nachrichtenform der luftigen Art.

Unwahrscheinlich bereichernd und erkenntnisreich empfand ich das Becken raffinierter, psychologischer und philosophischer Betrachtungen, in die mich Nabokov taucht: „Was sind Träume? Eine willkürliche Folge von Szenen, die trivial oder tragisch, reisend oder rasend, phantastisch oder vertraut mehr oder weniger glaubhafte Ereignisse darstellen, aus grotesken Details zusammengeflickt sind und Tote auf neuen Schauplätzen von neuem agieren lassen.“ Oder: „Unsere bescheidene Gegenwart ist demnach die Zeitspanne, derer man sich direkt oder tatsächlich bewußt ist, wobei die verweilende Frische der Vergangenheit noch als Teil der Jetztheit wahrgenommen wird.“

Nabokov nimmt seine Leser mit auf eine große Reise, bringt sie mit den Reichen zusammen, verfrachtet sie auf Schiffe, setzt sie in Hotels inmitten Metropolen einer bizarren Welt ab. Er hat sich eine eigene Welt erschaffen, die sich Anti-Terra nennt. Nein, es ist zu verrückt, euch diese bis ins kleinste Detail zu erklären, verrückt wie das komplette Werk. Nabokov agiert als Teufel und Engel, zwischendurch ist er ein Schelm, ein tanzender Till Eulenspiegel. Er ist ein Don Juan, der mit unglaublichen schönen Beschreibungen verführt und im nächsten Augenblick wie ein Rumpelstilzchen alles zerstampft und mich zur Weißglut bringt.

Dieses Buch bleibt für mich unvergesslich und ist an dieser Stelle absolut erwähnenswert, weil es mich zum ersten Mal in eine Hass-Liebe zwischen Buch und Leserin versetzt hat. Anders kann ich diese Begegnung nicht beschreiben. Sie wirkt wie der Biss eine Giftschlange. Hat es dich erstmal erwischt, kommst du nicht davon los, da kannst du saugen, was das Zeug hält. Das Gift wandert durch deinen Blutkreislauf. Es versetzt dich in einen fiebrigen Zustand, dass du am Ende die Wirklichkeit mit der Phantasie verwechselst und aus einem Staubkrümel ein graues Haar machst. So verworren und skurril dieser Klassiker auch ist, so eindrucksvoll bleibt er und wandert deshalb schnurstracks in mein Notfall-Regal.

Vladimir Nabokov.
Ada oder Das Verlangen.
Gebundene Ausgabe: 1152 Seiten, übersetzt von Uwe Friesel und Dieter E. Zimmer, Gesammelte Werke, Band 11, Rowohlt, 38,- €.
Taschenbuch Ausgabe: 736 Seiten, übersetzt von Uwe Friesel und Marianne Therstappen, rororo, 11,- €.

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22 Gedanken zu “Eine Herausforderung – aber was für eine!

    1. Liebe Mila,
      das glaube ich auch. Mich würde sehr interessieren, wie du dieses Werk als erfahrene Nabokov-Leserin empfindest. Der reinen Neugier halber: Welche weiteren Nabokov-Titel kannst du mir empfehlen?

      LG
      Mila

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      1. Lolita. Unbedingt. Und dass sage ich als eine Leserin, die die allergrößte Abscheu vor dem Buch hatte, weil ich der Pop-Lolita aufgesessen bin. (Von wegen „kleines-Mädchen-macht-Männer an“…) Und dann „Erinnerung, sprich“, Nabokovs Autobiografie. So schön geschrieben. LG Mila

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      2. Ganz lieben Dank, liebe Mila! Was für ein Zufall, dass das erste erwähnte Buch bereits in der heimischen Bibliothek zu finden ist. Das zweite ist mir hingegen unbekannt. Schön Geschriebenes lockt mich ja immer. Wunderbar!!

        Sei lieb gegrüßt,
        Klappentexterin

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  1. Liebe Klappentexterin,
    das hörst sich ja wirklich anstrengend an. Ich weiß nicht, ob ich mich an so ein Werk heranwagen würde. Alle Achtung! Allerdings habe ich hier noch „Lolita“ liegen, welches ich unbedingt lesen möchte. Ich hoffe, dass dies etwas einfacher zu lesen ist. Kennst Du es bereits?
    LG
    lesesilly

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  2. Eine tolle Rezension, die du zu diesem widersprüchlichen Roman von Nabokov verfasst hast!

    Manchmal muss man mit Büchern kämpfen wie der Ritter mit einem Drachen, der einem mit seinem Feuer zerstören will.

    Hast du denn noch Platz für diesen Schmöker in deinem Notfallkoffer? 😉

    LG buechermaniac

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    1. Liebe buechermaniac,
      manchmal muss es knirschen und toben, genau wie du so wunderbar schreibst: Man muss auch mal mit Büchern kämpfen wie der Ritter mit einem Drachen. Huch, das weiß ich nicht, aber zur Not binde ich mir den Wälzer auf den Kopf, als Hut sozusagen. 😉

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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    1. Habt ihr trotzdem Freundschaft geschlossen, du und Herr Nabokov? Unsere gebundene Ausgabe gibt es nicht mehr regulär im Buchhandel, daher habe ich sie nicht mit aufgeführt. Deine Angaben zu den Übersetzungen stimmen, ich habe sie soeben ergänzt. Dankeschön! Marianne Therstappen taucht beim Taschenbuch übrigens auf.

      Viele Grüße
      Klappentexterin

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  3. Da ist sie endlich, die Ada. Ich vermute, sie und Lolita sind vergleichbar aufreibende Lesevorhaben – aber in beiden Fällen lohnt sich die Mühe. Lolita ist bis heute eines der Werke, die mich am meisten beeindruckt und berührt haben.

    Vor einigen Jahren habe ich hingegen Pnin von Nabokov gelesen, mit ihm konnte ich mich leider nicht anfreunden. Womöglich lag es daran, dass ich mich an das Original herangewagt habe – und ihm um Längen unterlegen war. Seither verspüre ich nicht mehr den Drang, Nabokov – und vergleichbare Autoren – im Original zu lesen.

    Vielen Dank, dass du uns an deinem intensiven Leseerlebnis hast teilhaben lassen. Ich hoffe, dass auch ich eines Tages das Vergnügen haben werde, Ada kennenzulernen.

    Hab einen schönen Wochenstart!

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    1. Ich habe seinerzeit deine wunderschöne Besprechung gelesen, liebe caterina. Sie hat mich an die Ada erinnert, also an das Vorhaben, endlich Nabokov kennenzulernen und einen weiteren Anlaufversuch zu starten… Mila hat mir „Lolita“ empfohlen, ebenso seine Autobiographie („Erinnerung, sprich“). Nabokov und ich werden uns also nochmals begegnen. Darauf bin ich schon jetzt gespannt und vorgewarnt bin ich nun ohnehin. Ich wünsche dir die Zeit und Ruhe, irgendwann in Ada einzutauchen.

      Mit besten nabokovschen Grüßen,
      Klappentexterin

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  4. Ein ganz und gar beindruckende Rezension eines scheinbar wirklich anspruchsvollen Werkes. Ich habe deine lebendigen Beschreibungen und oft sehr amüsanten Anekdoten wirklich genossen. Ob ich mich jemals an dieses Werk trauen werde, ist das andere Ding. Aber ich danke dir von Herzen für diese Rezension. Sie wird in meinem Gedächtnis bleiben. =)

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  5. Liebe Klappentexterin,

    ich bewundere dich sehr für deinen Mut und die Kraft dieses Buch zu lesen. Ich kenne bisher noch nichts von Nabokov, auch wenn ich schon öfters über seine Bücher – besonders auch über dieses hier – gestolpert bin. die Lektüre reizt mich sehr, auch wenn sich dafür wahrscheinlich viel Zeit nehmen muss. Der Titel kommt auf jeden Fall auf meine Liste und ich hoffe, dass ich bald Zeit und Ruhe für die Lektüre finden werde.

    Herzliche Grüße
    Mara

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    1. Liebe Mara,
      ganz lieben Dank für deine besondere Zeilen. Für jedes Buch, für jeden Autor gibt es die richtige Zeit und gerade Zeit ist für dieses Buch das passende Stichwort. Die braucht man ausreichend. Daher bietet er sich ideal für Feiertage oder den Urlaub an. Solltet ihr zwei euch irgendwann treffen, dann bin ich natürlich mordsgespannt, wie es dir beim Lesen ergangen ist.

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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