Ein Teufelskerl.

moehringer

Darf man ein Herz für Bankräuber haben? Eigentlich nicht. Doch seit dem Buch schlägt es für den einen, der zum Volksheld wurde. Sein Name ist Willie Sutton. J.R. Moehringer erzählt in seinem jetzt erschienenen Roman „Knapp am Herz vorbei“ die fiktionale Geschichte von Amerikas größtem Bankräuber. Willie Sutton selbst verfasste zwei Autobiographien, die sich widersprachen und kein klares Bild ergaben. J.R. Moehringer nahm das zum Anlass, um sein eigenes zu kreieren. Wie viel Wahrheit in der Geschichte steckt, werden wir nie erfahren, aber eins kann ich euch garantieren: Dieser Roman brennt sich mitten ins Herz.

Wir schreiben das Jahr 1969. Draußen ist es bitterkalt und New York feiert Weihnachten. Für Willie Sutton ist es das erste in Freiheit – nach siebzehn Jahren. Frisch aus den Gefängnismauern von Attica Correctional Facility entlassen, fährt er mit zwei Jungreportern durch New York. Die vergangene Nacht hat er schlaflos und trinkend im Hotel verbracht. Neben dem Schlafmangel bereitet ihm sein schlimmes Bein Probleme und er glaubt, dieser Tag sei sein letzter. Nun sitzt er im sienabraunen 1968 Dodge Polara und beginnt die Reise seiner Vergangenheit. Er trennt den Pullover seines Lebens auf, zieht jede Masche einzeln ab und erklärt, warum er so geworden ist. In seiner Brusttasche knistert ein weißer Umschlag. Er ist sein persönlicher Talisman, enthält er die Adresse zu seiner Herzensdame.

J.R. Moehringer wechselt zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit. Im Jetzt fährt er mit zwei Jungreportern durchs eiskalte New York. Wie der alte Mann den Jungs vom Leben erzählt und sie auf seinen festgelegten Routen durch die große Stadt diktiert, ist unglaublich atmosphärisch. Diese Szenen glänzen neben den einnehmenden Bildern durch großartige und filmreife Dialoge. Sie sind frech, herausfordernd, stellenweise herzlich und erinnern mich an verspielte Hunde. Im Gestern zoomt uns J.R. Moehringer seinen Romanhelden heran und arbeitet sich mit feinfühliger Hand zum Kern vor. Er wollte Sutton einen besonderen Platz geben. Das ist ihm mit seinem Roman gelungen. Willie the Actor – wie er genannt wurde – berührt mich auf seinen zahlreichen Lebensstationen. Willies Kindheit war zappenduster, gepeinigt von etlichen Schlägen, die seine Brüder ausgeteilt haben. Seine Eltern haben nicht eingegriffen, weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren. Der Vater mit den Zwölfstundentagen in der eigenen Schmiede und die Mutter mit dem Kummer über die verstorbene Tochter. Die großen Retter der Not waren Willies Freunde: Der gutaussehende Happy und der gefährliche Eddie, mit dem er seinen ersten Raubzug durchführt. Als Willie auf die hübsche wohlhabende Bess trifft, ändert sich sein Weg. Seine große Liebe, die ihm wegen seiner Herkunft für immer ein verbotener Garten Eden bleiben wird. Sie ist die Initialzündung seiner Verbrecherlaufbahn. Der Umschlag knistert weiter.

Willies Lebenslauf ist tragisch, wird von vielen Schmerzen und Verlusten getragen. Die schwierige Kindheit, die große, unerreichbare Liebe, die auswegslose Suche nach einem Job in Amerikas wirtschaftsklammen Zeiten, die Armut und die Hoffnungslosigkeit drücken zu Boden, Willie und mich. Willie wurde in einer schwierigen Zeit groß, eine Wirtschaftskrise jagte die nächste. Er ist ein strebsamer Schüler, der gute Noten nach Hause bringt, doch wegen Geldmangel bleibt ihm der Zugang zu einer höheren Schulbildung verwehrt. Sein Wissensdurst trocknet indes nicht aus, er folgt ihm wie der eigene Schatten mit jedem Schritt, den er unternimmt und manifestiert sich als sein Wesensmerkmal. Er liest leidenschaftlich gern, am liebsten die großen Klassiker. Die Raubzüge sind sein Lebenselixier, der Wind, der ihn frei pustet. Sie sind nicht einfach nur Überfälle, sie befriedigen ihn im tiefsten Inneren und schütten gießkannengleich Wasser in sein ausgetrocknetes Dasein. „Ihm gefällt alles an der neuen Arbeit. Er redet sich ein, dass das eigentlich nicht sein kann. Aber es ist so.“ Diese Gedanken kommen nach einem der ersten Überfälle auf. Neben dem neuen Reichtum schätzt er noch etwas: „Ihm gefällt sogar das Planen und Studieren der Materie.“ Doch der Hauptgrund für sein Handeln fasst dieser Satz zusammen: „Das Schönste allerdings ist, dass er endlich Arbeit hat.“

Willie zieht mich immer mehr auf seine Seite. Ich werde seine Komplizin, fiebernd, aufgeregt und ergriffen. Er ist clever und geht mit klugem Kopf an seine Taten. Der Autor stellt den Verbrecher nicht an die Wand, sondern zeigt ihn als menschliches Wesen mit seinen Sorgen und Träumen. Das ist es, was den Roman auszeichnet. Sutton nicht zu mögen, fällt mir schwer, ist gar nicht möglich. Er liebt nicht nur Bücher, er besucht das Theater, das Kino und Footballspiele. Vielleicht lässt sich meine Haltung am besten so beschreiben: Aus dem Bösen sickert das Gute, verschließt das Unheimliche. J.R. Moehringer geht wie ein Wissenschaftler vor, setzt die einzelnen Puzzleteile analytisch zusammen. So bezieht er das Umfeld mit ein, in dem sich Willie bewegt. Seine arme Herkunft, die Eltern sind irische Einwanderer, die in dem neuen Land schwer Fuß fassen. Auch das von Wirtschaftskrisen geplagte Amerika spielt eine große Rolle. Der Autor führt uns das teuflische Bankensystem vor Augen und legt die Wut darüber in Eddies Mund: „Ein Scheißsystem, sagt er. Alle zehn oder fünfzehn Jahre bricht es zusammen. Weil es kein System ist, das ist das Problem. Jeder Arsch kämpft für sich selber. Der Crash 1893? Mein alter Herr hat Leute gesehen, die standen mitten auf der Straße und haben geheult wie Babys. Die waren erledigt. Ruiniert. Aber wurden die Banker eingesperrt? Nein, die wurden reicher. Natürlich hat die Regierung versprochen, es würde nie mehr passieren. Aber es ist wieder passiert, hab ich recht? 1907. 1911. Und als die Banken draufgingen und der Markt am Ende war, wer ist da wieder ungeschoren davongekommen? Die Banker.“ Sofort gehen die Alarmglocken an und Erinnerungen an 2008 werden wach, als die Bankenkrise einsetzte und die Weltwirtschaftskrise ihren Lauf nahm.

J.R. Moehringer erzählt temporeich und spannend. Er streut nachdenkliche, bewegende Momente ein und wirft zum Ende das Lenkrad um. Danach erscheint das Vorangegangene im anderen Licht. Was für ein cleverer und hundsgemeiner Schachzug! Dieser Roman durchdringt den Verstand und krallt sich am Herzen fest. Darin liegt für mich die große Kraft. Hier ist alles drin, was eine gute Geschichte ausmacht und überzeugt mich vom Anfang bis zum Ende. Der Autor hat sich nach „Tender Bar“ weiter entwickelt, enorm gesteigert und das aus seinem schriftstellerischen Können herausgeholt, was ich seinerzeit ein wenig vermisst habe. Ich habe ihm damals die Sterne gewünscht. Die hat er sich mit seinem neuen Roman erschrieben. Ich werde ihn vermissen, diesen Willie Sutton, Bankräuber hin oder her. Ein Platz in meinem Herzen ist ihm gewiss.

J.R. Moehringer.
Knapp am Herz vorbei.
Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit.
Februar 2013, 448 Seiten, 19,99 €.
S. Fischer

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14 Gedanken zu “Ein Teufelskerl.

  1. Hach, ich habe noch nicht einmal Tender Bar gelesen (aber es steht immerhin im Regal!), da gibt es ein neues Buch von Moehringer, das ganz wunderbar klingt, auch wenn ein Bankräuber auf den ersten Blick keine Romanfigur ist, die Neugier in mir weckt. Deine Rezension tut es sehr wohl! Merci dafür.

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    1. Dann husch, husch, liebe caterina, auf zu „Tender Bar“! Ein Buch, das vor mir bereits soooo viele andere begeistert gelesen haben und eine Freundin hat es mir zum Geburtstag geschenkt. Danach habe auch ich begeistert darüber gesprochen, wenngleich mir aber zum Schluss das i-Tüpfelchen gefehlt hat. Und das habe ich nun in seinem neuen Roman gefunden. In diesem Sinne, viel Freude beim Entdecken dieses Autors!

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  2. Liebe Klappentexterin,
    „Tender Bar“ hat mich damals sehr begeistert, deshalb wollte ich unbedingt Moehringers neues Buch lesen. Bin aber zwischendurch auf Kommentare gestoßen, die mich bis jetzt davon abgehalten haben. Deine Rezension allerdings hat mich nun vom Gegenteil überzeugt und ich werde es auf alle Fälle lesen. Vielen Dank für Deine eindrucksvolle Beschreibung.
    LG
    lesesilly

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    1. Liebe lesesilly,
      vorneweg sei gleich bemerkt: Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn dir dieses Buch nicht gefällt.
      In der Tat scheint dies ein Buch zu sein, an dem sich die Geister scheiden. Ich habe es verschlungen, unglaublich genossen und kenne noch eins, zwei andere Leserinnen, die ebenfalls das Leuchten in den Augen tragen, sobald sie von dem Roman sprechen. Nun, letztlich bleibt das Lesen sehr subjektiv und birgt stets ein kleines Risiko. Was dem einen gefällt… muss beim anderen nicht das gleiche Entzücken hervorrufen. Aber wie ich sehe, brauche ich dich gar nicht mehr zu überzeugen. Lies einfach vorher hinein, dann bekommst du ein Gefühl für die Sprache. Solltet ihr zwei zusammenfinden, dann wünsche ich dir Spaß beim Lesen und freue mich, von dir zu hören und deinen Eindruck hier zu erfahren!

      Ganz liebe Grüße
      Klappentexterin

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  3. Mit dem etwas zu monotonen „Tender Bar“ konnte ich nur gering etwas anfangen, deswegen bin ich auch etwas vorsichtig, ob das Neue denn meinen Geschmack treffen könnte. Aber scheinbar hat der Gute sich, wie gerade gelesen ;), tatsächlich entwickelt und ich sollte ihm noch eine Chance geben 🙂

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    1. Du hattest es bereits angedeutet, liebe Mariki, und ich bin überrascht, surfen wir doch so oft auf gleicher Lesewelle. Hmmm. Die Sprache hat mich gar nicht gestört, obwohl ich bei diesem Punkt oft sehr empfindlich bin. Wahrscheinlich war ich zu sehr von der Geschichte und der Atmosphäre gefangen. Danke für deinen Link, den nasche ich am Wochenende, dann habe ich frei und Lesezeit! Juchu!

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      1. Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, meinen Eindruck zu lesen! Deine Begeisterung für die Geschichte kann ich nachvollziehen, und was da mit der Sprache los war, werden wir wohl nie erfahren 😉 So oder so war es ein schönes Leseabenteuer, und das ist ja das Wichtigste.

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  4. Liebe Klappentexten,
    habe soeben das Buch zugeschlagen und bin in Gedanken noch ganz bei dem sympathischen Bankräuber Willie Sutton. Man soll es nicht glauben, aber auch ich habe ihn in mein Herz geschlossen. Die Geschichte zieht mich in einem rasenden Tempo mit und ich bin glücklich diese inhaliert zu haben. Wieder einmal liegen wir auf der gleichen Wellenlänge.
    LG
    lesesilly

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    1. Hach, liebe lesesilly ist das schön!! Jetzt teilen wir beide das Herz für Willie Sutton und haben erneut ein gemeinsames Buch, für das wir uns begeistern. Das ist wahres Leseglück! Lieben Dank für deine Freudensprünge!

      LG
      Klappentexterin

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