Ein Buch im Bernstein.

ambra

Wenn das erste Buch erfolgreich war, hat es das zweite schwer. Sabrina Janesch musste sich dieser großen Herausforderung stellen. Würde sie mich mit „Ambra“ genauso begeistern können wie mit „Katzenberge“?

Zeit und Ruhe braucht man, wenn man sich diesem Buch öffnen möchte. Also nahm ich es an einem meiner freien Tag mit ins Bett, stellte eine Kanne Tee daneben, begann zu lesen. Und der Roman ließ mich nicht los. Aus ihm strömte etwas Geheimnisvolles, ein geradezu hypnotischer Lockstoff.

Sabrina Janesch rollt die Geschichte von hinten auf. So stehe ich zunächst mit der Ich-Erzählerin Kinga Mischa in der Küche und erfahre, dass sie von Bronka eingeschlossen worden ist. Weil sie die Wahrheit kennt, wohin Bronkas Sohn verschwunden ist. Erzählen soll Kinga, erzählen. Das kann sie nicht. Dann soll sie es schreiben, sagt Bronka, und legt Kinga zwei Hefte und einen Stift hin. In Kinga brodelt es: „Wenn ich die Wahrheit sagen soll, wird es länger dauern, als Bronka sich vorstellen kann, ich werde sie etwas hinhalten müssen, um Zeit zu gewinnen, ich muss mich richtig erinnern, an jedes Detail des vergangenen Jahres, mich erinnern an alles, was ich sah, was ich hörte und was ich, sagen wir: bemerkte, und worum es sich auch immer handelt, ich werde es einfügen, der Vollständigkeit halber.“ Nach dieser Stelle rutsche ich weiter in das Geschehen. Vorher hält sie Bronka noch den Bernstein vor die Augen, mit dem so viel zusammenhängt. Ambra ist ein altes Wort für Bernstein und als Leserin schiebt sich mir eine Ahnung vor die Augen, die mit jeder Seite näher an mich herankommt.

Der Roman teilt sich in verschiedene Erzählstränge. So ist es nicht immer Kinga, die erzählt. Eine objektive Stimme schiebt sich dazwischen wie die Vergangenheit und damit verbunden Kingas Familiengeschichte. Kinga hat von ihrem verstorbenen Vater eine Wohnung in Danzig geerbt. Der Name der Stadt fällt nicht, aber man spürt schnell, dass die Stadt als Schauplatz dient. Dorthin begibt sich die junge Frau und stößt auf einen Teil der Familie, den sie bis dahin nicht kannte. Sie wird von ihrem Cousin Bartosz, der Tante Bronka und dem Onkel Brunon nicht mit offenen Armen empfangen, denn sie fürchten um die zusätzliche Einnahmequelle, die ihnen die Wohnung bietet. Obendrein hat Kinga noch den Bernstein bei sich, ein Familienbesitz, um den sich viele Geschichten ranken. Die sind es auch, die Sabrina Janesch entfaltet. Nicht auf einmal, sondern mit Bedacht und mit einem geheimnisvollen Flunkern. Die junge Autorin schafft es meisterhaft, eine mystische Stimmung zu kreieren, so dass ich am eigenen Fenster hinter jedem Regentropfen etwas Verstecktes vermute. Sabrina Janesch ist einer Fee ähnlich, die mich zunehmend verzaubert, und in ihren Bann zieht. Da kann ich auch die anfänglichen Hindernisse wie die unzähligen fremden verwirrenden Vornamen, die alle mit B beginnen, ausblenden. Die Autorin entführt mich nicht nur in eine aufreibende Familiengeschichte, sondern auch in einen magischen Salon, wo Menschen mit kosmischen Begabungen auf der Bühne stehen, die jede greifbare Norm ausblenden.

Ein weiteres Stilelement sind die kursiven Einschübe, die sich plötzlich in das Geschriebene drängen. Anfangs verwirren diese Fremdkörper, später sind sie ein fester Bestandteil in dem Buch. Sabrina Janesch nutzt diese Form, um den Lesern u.a. Einblicke in Bartosz’ Gedankenwelt zu geben, eine bleischwere Welt. Er war als Soldat im Irak und trägt Wunden in der Seele, die in den aufblitzenden Momenten ans Licht kommen, indem er seine Erfahrungen rekapituliert. Diese Szenen gehen an die Substanz und sind äußerst beklemmend. Über diese Erzählebene tauche ich auch in Renias Leben, eine weitere wichtige Person in diesem Ensemble.

Sabrina Janesch gelingt mit ihrem Roman ein wunderbares Porträt über Danzig. Sie spürt Stimmungen auf, legt Bilder und Sinneseindrücke in ihre Sätze, dass man sich direkt dort wiederfindet. Feinfühlig schreibt sie über die polnische Stadt am Meer, in der sie selbst für ein halbes Jahr als Stadtschreiberin zu Gast war. Sie versteht es, Geschichte lesbar und fühlbar darzustellen, sei es die der Stadt oder die der Familie. Beides macht Freude und ist unwahrscheinlich bereichernd.

Die junge Autorin hat eine besondere Gabe. Ihr gelingt es, eine anziehende Atmosphäre heraufzubeschwören, die an Nebel verhangende Täler erinnert. Ein Bild, das ich bereits in ihrem Debüt „Katzenberge“ vor mir sah. Sie liebt das Verborgene und legt dies mit aller Kraft in ihre Sprache. So verwundert es mich nicht, dass ich plötzlich das Buch in einem Bernstein liegen sehe. Dort ist es gefangen und wartet auf unsere Befreiung. Ein flüchtiges Aufkratzen allein reicht nicht aus, man braucht Geduld und Zeit für dieses Vorhaben. Vieles ist in „Ambra“ versteckt und verschachtelt, dass es besonderer Konzentration bedarf, um zum Kern durchzudringen. Das störte mich keineswegs, als ich in meinem eingeschlossenen Lesereich lag, jenseits von Lärm und anderen ablenkenden Faktoren. Dennoch fehlte mir bis zum Schluss eine Komponente, die dem Buch eine goldene Krone aufsetzen konnte. War es diese seltsame Protagonistin, mit der ich nicht warm wurde? Selbst heute noch beschäftigt mich die Frage: Was war anders als bei „Katzenberge“? Ich weiß es nicht. Parallelen zum Erstling gab es einige: Neben der wunderbaren Atmosphäre und dem geschichtlichen Hintergrund, steht erneut eine junge suchende Frau im Mittelpunkt. Vielleicht schenkt mir die vielversprechende Autorin die Antwort mit ihrem nächsten Roman. Auf den freue ich mich schon jetzt. Denn eins ist gewiss: Sabrina Janesch hat großes Talent. Und verdient für dieses Buch eine silberne Krone.

Sabrina Janesch.
Ambra.
August 2012, 372 Seiten, 22,99 €.
Aufbau-Verlag.

Wenn ihr die Autorin näher kennenlernen wollt, möchte ich euch ihre Homepage ans Herz legen. Außerdem kam sie bereits bei Mara von buzzaldrins Bücher in einem Interview zu Wort und bei mir hier.

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14 Gedanken zu “Ein Buch im Bernstein.

  1. ’nabend Klappentexterin,

    auch diese Rezension regt zur Lektüre an. Herzlichen Dank für diese ausführlicheRezension. Was mir besonders gefällt, ist, dass du auch auf die sprachlichen Aspekte eingehst. Das ist heute und bei den Bloggern gar nicht mehr selbstverständlich.
    Alles erdenklich gute!

    Liebe Grüße

    Christiane (Texthase Online)

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    1. Liebe Christiane (Texthase Online),
      ich danke für deine Rückmeldung und bin erfreut, dich zu diesem Buch anregen zu können. Kennst du ihr Debüt „Katzenberge“? Sabrina Janesch zählt für mich zu den wichtigsten Nachwuchsautorinnen, weil sie nicht nur die Geschichte fühlbar und lebendig macht, sondern auch mit ihrer Sprache eine einzigartige mystische Atmosphäre heraufbeschwört. Einmalig und beeindruckend! Ich wünsche dir viel Freude beim Entdecken dieser talentierten jungen Autorin.

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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  2. Liebe Klappentexterin,

    ich schließe mich Christiane an und danke dir für diese anregende Rezension. Überzeugen muss sie mich nicht mehr, da ich das Buch ja bereits schon gelesen habe. Ich glaube, dass es mir mit der Lektüre bedeutend einfach erging als anderen, da ich ohne Erwartungen an sie herangegangen bin – den Erstling von Sabrina Janesch kenne ich nämlich noch nicht, freue mich aber schon sehr darauf.
    Ich stimme dir zu, dass man dieses Buch aber sehr wohl genießen kann – dafür jedoch viel Ruhe und Zeit braucht. Ich freue mich schon jetzt sehr auf weitere Bücher dieser jungen Autorin.

    Liebe Grüße
    Mara

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    1. Liebe Mara,
      du hast mich angestoßen, einen weiteren Anlauf zu unternehmen und dafür danke ich dir sehr. Bei dir bin ich auf den Hinweis gestoßen, dass das Buch Zeit und Ruhe verlangt, also habe ich sie ihm geschenkt und siehe da – es hat klick gemacht. Ohne dich würde es noch ungelesen und traurig in meinem Regal stehen. Ich denke auch, dass du „Ambra“ anders gelesen hast als wir, die „Katzenberge“ bereits kannten. Ihr Debüt war einfach stark und daher schwer zu toppen. Was ihr in meinen Augen leider nicht gelungen ist. Trotzdem schätze ich diesen Roman und habe ihn sehr gern gelesen. Bitte berichte, sobald du „Katzenberge“ gelesen hast, ja?!

      Sei lieb gegrüßt,
      Klappentexterin

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      1. Liebe Klappentexterin,

        ich berichte gerne, es wird wohl aber noch eine Weile dauern. Ich finde es jedoch immer unheimlich spannend, wie unterschiedlich Bücher von uns wahrgenommen werden, je nachdem, in welcher Reihenfolge oder auch mit welchen Vor-Erwartungen wir sie lesen. Ich bin auf „Katzenberge“ aber schon sehr gespannt, da mir „Ambra“ ja bereits gefallen hat, glaube ich, dass mir „Katzenberge“ noch besser gefallen wird. An der Universität habe ich bereits vor einiger Zeit einen Vortrag von jemandem über das Buch gehört, der darüber promovieren wollte.
        Ich freue mich aber, dass ich dich noch einmal zurückführen konnte zu dem Buch und dass es dir dann sogar auch gefallen konnte. Mir erging es das letzte Mal mit Patrick Roths Josephs Roman, den ich erst genervt weggelegt hatte und dann bei einem zweiten Versuch regelrecht verschlungen habe.

        Liebe Grüße
        Mara

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  3. Auf diese Rezension habe ich gewartet, liebe Klappentexterin, liegt Ambra doch auf meinem SuB und muss in Ungewissheit ausharren, ob es je von mir gelesen wird. Sicher bin ich mir nun immer noch nicht. Ich kann es nicht leiden, ein zweites Buch eines Autors zu lesen, dessen erstes mir gefallen hat – das Risiko, enttäuscht zu werden, ist mir einfach zu groß …

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    1. Lass noch ein bisschen Zeit vergehen, liebe Mariki. Das lese ich aus deinem Kommentar heraus, aber bitte, bitte, vergiss „Ambra“ nicht. Wenn du mal ganz viel Luft, Zeit und Ruhe hast und nicht weißt, welches Buch du als nächstes lesen sollst, dann wage es. Allein für diese besondere mystische Stimmung lohnt sich das Aufschlagen sowie die wunderbare Reise nach Danzig. Und da du jetzt ein bisschen vorgewarnt bist, wird die Enttäuschung vielleicht nicht ganz so groß sein? Schön wäre es, aber erzwingen kann man natürlich nichts. Ich weiß…

      Viele Grüße,
      Klappentexterin

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  4. Liebe Klappentexterin,
    damals hatte ich aufgrund Deiner Rezension „Katzenberge“ gelesen und fand es wunderbar, obwohl auch schwierig, zu lesen. Aber die Sprache hatte mich ebenso beeindruckt wie Dich. „Ambra“ hatte ich auch schon in Hand, es hat mich aber von Anfang an nicht „angesprungen“. Danke, jetzt hast Du meine Intuition bestätigt.
    LG
    lesesilly

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    1. Liebe lesesilly,
      wir können nicht für alle Bücher brennen. Auch wenn ich dich dieses Mal – mit großem Bedauern – nicht zu einem Buch führen konnte, konnte ich doch etwas anderes erreichen: dein Gefühl bestätigen. Dein SuB wird es dir danken. Und ich danke für deinen Kommentar!

      Ganz herzlich,
      Klappentexterin

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    1. Merci für deinen Besuch und deine Rückmeldung! Es freut mich sehr zu lesen, dass ich dich anstoßen konnte, diesen Roman in die Hand zu nehmen. Wenn es so weit ist, wünsche ich anregende und schöne Lesestunden!

      Liebe Grüße
      Klappentexterin

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  5. Nun habe ich es auch endlich gelesen … und mochte es nicht. Katzenberge fand ich grandios, aber Ambra war mir zu wirr, zu viel, zu anstrengend – all die Fäden und Geschichten und Stimmen und Einschübe. Vielleicht haben mir die Ruhe und die Geduld gefehlt, von denen du schreibst, ich weiß es nicht. Ich konnte Kingas Stimme in dem ganzen Gewirr kaum hören, und ich fand sie als Person schwer greifbar. All das Mystische, Fantastische, Absurde, das einfach so als gegeben hingenommen wird, schien mir auch wenig glaubwürdig, ist die junge Frau doch ansonsten so merkwürdig nüchtern. Nein. Einfach nicht mein Fall. Aber macht ja nichts!

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    1. Genau, die fehlende Ruhe und Geduld sind die Übeltäter, liebe Mariki. Die sind schuld daran, dass es nicht gefunkt hat 😉 Ich danke dir für deine Rückmeldung und finde es beachtenswert, dass du trotz der abwesenden Harmonie zwischen dir und dem Buch, weitergelesen und entgegen deines Lesevorsatzes (Nur ein Buch von einem Autor/einer Autorin zu lesen) gehandelt hast. Hoffentlich hat dich dieses ernüchternde Erlebnis nicht abgeschreckt, auch zukünftig hier & da mehr als ein Buch zu lesen.

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      1. Hm, naja … es hat mich nicht darin bestärkt 😉 Ich muss auch gestehen, dass ich das Buch stellenweise eher überflogen habe. Besonders bei den kursiv gesetzten Ausflügen in anderer Seelen Vergangenheit. Das war … uff. Aber es macht ja nichts, mit anderen Büchern funkt es wieder, und dann ist alles gut.

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