Durch den Sprachwolf.

Wolf Haas verdreht einem das Wort im Auge. Ja, ihr lest richtig – der Autor ist ein Wortakrobat allerbeste Güte. Wo der Fleischer sonst das Hack durch den Fleischwolf dreht, macht Wolf Haas das mit Worten und Sätzen. Herauskommt dann so ein fantastisches Buch wie „Verteidigung der Missionarsstellung“.

Bereits zu Beginn begeistert mich Wolf Haas mit einem langen Satz, der an epische Züge grenzt. Ich möchte ihn nicht zitieren. [Auch ich brauche meinen Platz, lieber Herr Haas! Das können Sie bestimmt verstehen.] Aber wenn ich euch verrate, dass dieser Satz dreizehn Kommas enthält, könnt ihr euch in etwa ausmalen, wie stark die Konzentration sein muss, um am Ende noch zu wissen, wie das Ganze angefangen hat. Das Komische ist, sein Protagonist Benjamin Lee Baumgartner, der jenen Satz formt, spricht ihn nicht aus. Was für ein Skandal! – wollte ich da rufen. Nun, er will seine Angebetete nicht verstören und wählt deshalb nur kurze, banale Antworten. Im Londoner Greenwich steht er vor einer Beefburgerverkäuferin, ist schier verzaubert von der umwerfend schönen Frau und macht das, was er normalerweise nicht tut, sich einen Burger bestellen, weil er… nun lasst mich kurz in seinen Redefluss einklinken, keiner kann es so gut wie Wolf Haas [Jetzt zitiere ich Sie doch, lieber Herr Haas und verzichte auf meinen Platz.] „Meine vorhin durchgeführte Wahrscheinlichkeitsrechnung, ob in einem von hundert oder wenigstens in einem von tausend, meinetwegen in einem von hunderttausend Fällen die Chance auf ein entwaffnetes Lächeln, auf eine Sekundenaufmerksamkeit deines Blicks, auf ein zum ewigen Wortwechsel einladendes Widerwort, auf eine Verabredung, auf einen Kuss mit nachfolgendem Geschlechtsverkehr bestehen könnte, führte dazu, dass ich hier für mein letztes Geld, obwohl ich Vegetarier und überdies gar nicht hungrig bin, einen Beefburger kaufte, weil ich mir sagte, dass meine Chance bei aller Aussichtslosigkeit immer noch größer als die Gewinnwahrscheinlichkeit beim Lotto sei…“ – Stopp, Luftholen, nein, ich kann nicht weiter, hier mache ich einen Break!

Dieser junge Mann, der Ähnlichkeiten mit dem stummen Indianer aus „Einer flog über das Kuckucksnest“ hat, versucht, mit der Dame ins Gespräch zu kommen. Sie berichtet ihm von der „Kuhekrankheit“. Diese Krankheit ist eine von weiteren, die Benjamin Lee Baumgartner immer ausgerechnet dann in die Quere kommt, wenn er sich verliebt. In London ist es die Rinderseuche, in China die Vogelgrippe und bald ist er das weltweit erste Opfer der Schweinegrippe. Die Viren kleben an seinen Herzklappen, so möchte man meinen. Obwohl es ein tragisches Element sein müsste, ist es bei Wolf Haas äußerst komisch, zum Kugeln komisch!

Dieses Buch bebt nur so vor Sprachkunstwerken, aus denen ich mich nicht ohne ein Schmunzeln drehen konnte. Die Dialoge zu Beginn sind nur die Türöffnung zu mehr unerhörten Sprachspielen wie die ausländischen Frauen, die die deutsche Sprache nur halb beherrschen. Die Hamburgerverkäuferin hat wie das Indianermädchen ein u-Problem. Beide sprechen den ü-Umlaut seltsam verkehrt aus. Wo ein ü folgen muss, verwendet die umwerfend schöne Beefburgerverkäuferin ein u, und umgekeht, statt einem u gibt es ein ü. Deshalb auch die Kuhekrankkeit. Wobei natürlich das gesamte Wort ein Fehlkonstrukt ist. Das Indianermädchen macht es genauso, und schon haben wir ein „dürstig“. Herrlich suspekt lesen sich auch die Passagen, die in China spielen. Dort schiebt Wolf Haas chinesische Schriftzeichen in den Redefluss ein, baut sie sogar aus und füllt mit ihnen Seiten, bei denen sich mir Fragezeichen und ein amüsantes Grinsen abwechseln. Was verdammt noch mal steht dort? Neben den Wortfeinheiten lässt es sich der Autor nicht nehmen, mit der Topographie zu spielen. Ich zweifle an einer Stelle kurz an meiner Sehkraft, weil die Schrift plötzlich kleiner wird, sie schrumpft und schrumpft, bis ich nur noch auf graumelierte Seiten starre. Nicht zuletzt die ganzen Randbemerkungen, in eckigen Klammern verpackt, beschreiben, was eingefügt werden soll wie „[HIER NOCH EIN BISSCHEN LONDON-ATMOSPHÄRE EINFÜGEN – LEUTE UND FRISUREN UND MODE UND SACHEN. UND VORN EINFÜGEN, DASS SELBST DIE DISKRETEN ENGLÄNDER AUF DIE AUFMERKSAM WURDEN ODER SO.]“

Wolf Haas wechselt die Erzählperspektiven und schiebt sich als Autor dazwischen. Das „Ich“ verrät mir Dinge, die ich als Leser aufsauge. Der Autor holt mich zu sich an den Schreibtisch, plaudert aus dem Nähkästchen und berichtet mir von Ansichten, über die ich länger nachdenken muss. „In all den Jahren habe ich nicht aufgehört, mich über einen Punkt zu wundern. Frei Erfundenes klingt in einem Roman oft überzeugender und realer als die aus der Realität entlehnten Geschichten. Selbsterlebtes oder Begebenheiten, die einem jemand aus dem wirklichen Leben erzählt hat, wirken oft krampfhaft originell und erfunden.“ Das lasse ich einfach so stehen. Der Autor macht sich überdies Gedanken über die Sprache und erläutert zum Beispiel, dass „weil“ ursprünglich einen zeitlichen Zusammenhang darstellte. Den Ursprung dieses Wortes würde man heute am englischen „while“ wiedererkennen oder an der Weile. Er bringt auch gleich im Anschluss plausible und zum Lachen komische Beispiele: „Weil mein Zimmernachbar Tag und Nacht stundenlang seine aus England mitgebrachte Freundin bumste, kam ich mit meiner Arbeit gut voran.“ Wer der Nachbar ist, könnt ihr euch denken. Dieser Benjamin Lee Baumgartner, dessen Mutter ein Hippiemädchen und der Vater ein Hopi-Indianer war. Seinen seltsamen Namen verdankt er übrigens – welch’ Haasisches Wunder – dem Sprachforscher Benjamin Lee Whorf. All diejenigen, die es nicht wissen: Wolf Haas ist promovierter Linguist. So erstaunt es wahrlich nicht, dass sich dieser Roman wie ein Spaziergang durch die Sprache liest. Es fiel mir schwer, mich auf beides zu konzentrieren, die Geschichte und die Sprache. Also entschied ich mich für die vielen, unterhaltsamen und beeindruckenden topographischen und sprachlichen Stilelemente, die mir am Ende zahlreiche Schleifen in die Augen gedreht haben.

Wolf Haas.
Verteidigung der Missionarsstellung.
September 2012, 240 Seiten, 19,90 €.
Hoffmann & Campe.

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10 Gedanken zu “Durch den Sprachwolf.

  1. Ich habe jetzt doch mehrfach grinsen müssen. Teils wegen Haas, teils deinetwegen, wegen der ganzen Akrobatik, die du ganz herrlich in Worte zu kleiden verstehst. Ich muss ja sagen, ich hätte bei diesem Titel niemals sowas erwartet. ;D

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  2. Wie es der Zufall will, stand ich heute in der Bücherei und entschied mich für ein tolles Buch… Es ist „Das große Brenner-Buch“ von Wolf Haas. Just am Abend diesen Tages veröffentlichst du, liebe Klappentexterin, eine Rezension über ein Anderes dieses außergewöhnlichen Schriftstellers. Und ich muss sagen: Auch wenn mein großes Brenner-Buch ein anderes ist, als das, was du hier lobst, freue ich mich sehr auf meine Lesezeit.
    Deine Rezension ist übrigens sehr, sehr toll und ich, die ich gerne Worte sammle und wende, hat jetzt – wieder einmal – ein Buch auf der Wunschliste hinzugefügt. (Wie so oft nach einer deiner Rezensionen).
    Danke dafür! ♥
    Ganz liebe Grüße.

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    1. Liebe Antje,
      das nenne ich einen göttlichen Zufall! Ich habe sehr geschmunzelt und mich über deinen Kommentar gefreut! Lieben Dank, auch für das Herz!

      Mich hat der Autor sehr neugierig gemacht und ich weiß schon jetzt, dass dies nicht das einzige Buch bleiben wird, das ich von ihm gelesen haben werde. Was für ein Sprachgenie. Wie kann ich mir denn „Das große Brenner-Buch“ vorstellen?

      Ganz herzlich,
      Klappentexterin

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      1. Ich bin vor ein paar Wochen durch Fernsehsendung auf ihn aufmerksam geworden. Besonders dieses „[Hier Paris-Stimmung einfügen]“ oder ähnliches hat mich sehr neugierig gemacht.
        Im Großen Brenner-Buch sind 5 Romane enthalten (alles Fälle von Kommissar Brenner): Auferstehung der Toten, Der Knochenmann, Komm, süßer Tod, Silentium! und Wie die Tiere. Es hat fast 1000 Seiten, die sehr dünnblättrig sind, aber schön rascheln beim Umschlagen. Gestern habe ich aus Spaß mal den ersten Absatz gelesen vom ersten Buch, und mich bereits köstlich amüsiert.

        „Von Amerika aus betrachtet, ist Zell ein winziger Punkt. Irgendwo mitten in Europa. Aber vom Pinzgau aus gesehen, ist Zell die Hauptstadt des Pinzgaus. Zehntausend Einwohner, dreißig Dreitausender, achtundfünzig Lifte, ein See. Und ob du es glaubst oder nicht. Zwei Amerikaner sind letzten Dezember in Zell umgebracht worden. Aber jetzt paß auf.“

        Das schöne daran ist, dass ich erst vor ein paar Wochen auch in Zell war. Es ist für mich immer etwas anderes, wenn man die Orte schon einmal gesehen hat.
        Vielleicht wäre dieses Buch ja auch was für dich? Ein gemeinsamer Austausch darüber wäre ja wunderbar! 🙂

        Ganz herzliche und verschneite Grüße,
        Antje

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      2. Liebe Antje,

        ich habe recherchiert und finde das Buch nicht mehr im regulären Buchhandel. War wohl eine Sonderausgabe. Nun ist meine Klappentexterin-Spürnase gefragt. Oder ich mache es wie du und ich besuche die Bib. Da hast du es doch her, oder? Hab du in jedem Fall eine schöne Zeit in der Brennerwelt!

        Herzliche Grüße zum 1. Adventswochenende sende ich,
        Klappentexterin

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  3. Liebe Klappentexterin,
    herzlichen Dank für diese fantastische Besprechung, die auch mich amüsiert hat. Von Wolf Haas habe ich nun schon so viel gehört, doch noch nichts von ihm gelesen. Irgendwie traue ich mich nicht ganz ran, da bei mir – um ein Buch zu mögen – häufig beides stimmen muss: Sprache und Inhalt. Hm. Ich merke mir den Titel aber auf jeden Fall mal gedanklich vor und werde bei meinem nächsten Buchhandelsbesuch mal einen Blick reinwerfen. 🙂

    Mara

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    1. Liebe Mara,
      herzlichsten Dank für deine Meinung und deine Worte. Ich kenne deinen Buchgeschmack jetzt schon eine Weile und deshalb behaupte ich einfach: Du wirst diesen Wolf Haas mögen! Keine Angst. 😉 Ja, aber schau erstmal rein. (Ha, und ich höre dich jetzt schon kichern.)

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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  4. Ach, Herr Haas. Gerade erst hatte ich meine erste Begegnung mit ihm (Das Wetter vor 15 Jahren, meine Gedanken dazu werde ich hoffentlich in den nächsten Tagen niederschreiben), war bereits sehr angetan, aber ich bin mir sicher, dass dieser Roman alle meine Erwartungen übertreffen wird. Merci für die reizende Vorstellung!

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    1. Deine Wolf Haas-Gedanken, liebe caterina, sind jetzt online und ich bin schon so neugierig! Leider werde ich es erst morgen schaffen, sie zu lesen. Na, Vorfreude ist die schönste Freude! Der Anfang deines Beitrags (in meinem Email-Postfach) klang schon fantastisch. Da habe ich glatt den Regen draußen vergessen.

      Sei lieb gegrüßt,
      Klappentexterin

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