Vom Echo der Erinnerungen.

Dieses Hörbuch ist wie ein langer Seufzer, der die Kraft einer Sturmböe hat. Melancholische und nachdenkliche Gedanken fallen aus dem iPod. Anfangs rieseln sie ruhig nieder wie kleine Schneeflocken, die in den Wimpern hängenbleiben, sich ausruhen und das schnelle Echo der Zeit auffangen wollen. Später schreitet eine Unruhe in den Schauplatz und pustet das Langsame aus dem Kopf. Manfred Zapatka ist der derjenige, der dies auf sehr einnehmende Weise macht, indem er mir Julian Barnes‘ aktuellen Roman „Vom Ende einer Geschichte“ vorliest.

Die Geschichte schwebt zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart wie reife Äpfel, die uns anlachen und sich doch nicht greifen lassen. Ebenen verschieben sich in dem Roman, verlieren an Gleichgewicht und setzen ein großes Entsetzen in Bewegung. So geht es Tony Webster, dem Ich-Erzähler. Er hat sich in seinem Ruhestand eingerichtet und ist ein gewöhnlicher älterer Mann, der sich selbst als Mittelmaß bezeichnet, von der Schulzeit bis heute. Als ihn ein Brief erreicht, gerät er ins Wanken, die Vergangenheit ereilt ihn, eine schmerzhafte Ohrfeige, dessen Abdruck er noch spürt. Sie rührt die Erinnerungen in einem Topf durcheinander und erstickt das ruhige Leben. In dem Brief findet Tony eine Erbschaft, mit der er so nicht gerechnet hat und die still gelegten Ecken in seinem Kopf wieder aufweckt.

Julian Barnes erhielt für diesen Roman den Booker Prize und darf sich zu Recht mit dieser Auszeichnung schmücken. „Vom Ende einer Geschichte“ ist ein Roman, der auf engem Raum viel erzählt und beeindruckend im Gedächtnis zurückbleibt. Ein großer, dichter Wald, in dem hinter jedem Baum eine Überraschung wartet. Barnes erzählt von Freundschaft, Liebe, Erinnerungen, Eifersucht, dem Erwachsenwerden und der Reue, vom verletzten Stolz und dem Selbsthass. Im Mittelpunkt setzt er eine Freundschaft zwischen drei Jungen, die sich für etwas Besonderes halten. In jungen Jahren lesen sie viel, tragen ihre Armbanduhren mit dem Ziffernblatt zur Innenseite des Arms. „Natürlich war das eine affektierte Marotte, aber vielleicht auch mehr. Sie ließ die Zeit wie etwas Persönliches, ja Geheimes erscheinen.“ Irgendwann stößt Adrian zum Dreiergespann dazu. Er ist anders, eine Gerade, die das Viereck nicht ganz schließen kann und doch gehört er bald zum Kern dazu. Erst beim Fortschreiten der Geschichte zeigt sich die tragische Rolle, die der Autor dieser Figur zuschreibt.

Julian Barnes schickt seine Leser auf eine philosophische Reise. Er öffnet Türen und zieht uns auf Stühle, die mit Fragezeichen belegt sind. Wie sehr dürfen wir unseren eigenen Erinnerungen vertrauen? Verdecken wir das Unschöne mit schönen Dingen? Müssen wir uns für vergangene Taten schämen oder sind sie nur Ausdruck eines Gefühls, das hinauswollte? Er präsentiert uns einen scheinbar zufriedenen Mann, der plötzlich von Reue eingeholt wird und sich für das schämt, was er einst getan hat.

Genauso beeindruckend ist die raffinierte Entwicklung der Geschichte, wie sie mit jedem Satz an gefühlter Geschwindigkeit zunimmt, obwohl sich an der Erzählweise nichts ändert. Viel mehr sind es die Ereignisse, die sich vor mir aufrollen und gerade zum Schluss ein erstauntes Raunen aus dem Hals zieht.

Manfred Zapatka fügt sich hervorragend in die Rolle des Ich-Erzählers. Ich denke dabei an ein gefülltes Weinglas. Julian Barnes‘ Roman ist ein schwerer Wein und Zapatka das Glas, der mir auf diese Weise das Getränk in den Gaumen fließen lässt. Sein dunkles Timbre spiegelt die nachdenkliche Stimmung wieder und trägt sie an die Oberfläche. Zapatka ist sich der Tiefe des Romans bewusst und liest die Sätze langsam vor. So fühle ich jede Regung, jeden Gemütszustand des Protagonisten wie den eigenen Herzschlag. Damit dürfte es nicht verwundern, dass selbst nach dem Ende dieses Hörbuchs Julian Barnes Sätze wie ein Echo in meinen Ohren hallt, wie die Erinnerungen selbst.

Julian Barnes.
Vom Ende einer Geschichte.
Vorgelesen von Manfred Zapatka.
06 Std. 04 Min. (ungekürzt), 15,95 €.
audible.de

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18 Gedanken zu “Vom Echo der Erinnerungen.

  1. Bravo! Drei like its*** hättest du für diese wunderbar poetische Rezension verdient, dein Text liest sich besser als „The sense of an ending“, ich lese gerade das Buch in der englischen Ausgabe.:-)
    Ich bin beeindruckt, deine Beschreibungen sind wirklich verführerisch gut. Auch wenn es um den Roman geht, solche Bücher lese ich am liebsten, es kommt nicht zu sehr auf den Inhalt, wie auf den sprachlichen Ausdruck. Wie es Martin Mosebach meisterlich vorführt im „Was davor geschah“.
    Jetzt werde ich nach und nach deine Texte durchgehen, bin gespannt was ich sonst noch entdecke.

    Einen wunderschönen Tag
    wünscht
    Dina

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  2. Ihr Lieben,
    welch‘ schöne Kommentare, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll… GlückGlückGlücksgefühl, das trifft’s am besten, oh ja! Ich danke euch herzlich für eure Wertschätzung und diese wunderbaren Gedanken! Ein großes DANKESCHÖN geht aber an Julian Barnes, der dieses fantastische Werk verfasst hat. Und natürlich an Manfred Zapatka, waren doch sie es, die mich zu den Gedanken und Worten geführt haben. Die Literaturwelt ist und bleibt eine besondere Inspirationsquelle – für uns alle.

    Tief verneigend und lächelnd,
    eure Klappentexterin

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  3. Eine wirklich schöne Rezension zu einem großartigen Buch, liebe Klappentexterin. Ich habe es auch vor einiger Zeit (auf Englisch) gelesen und war ganz begeistert davon. Bei dir ist es natürlich ein Hörbuch gewesen und ich finde es sehr interessant, wie du den Vorleser bzw. seine Art vorzulesen beschreibst, das klingt wirklich gut. Aber ich werde leider bei Hörbüchern immer müde, wenn ich nicht irgendetwas nebenbei tue. Passiert dir das auch? Diese wohlige Müdigkeit, wenn eine angenehme Stimme einen schönen Text vorliest? Oder tust du etwas nebenher (ein Freund von mir bügelt immer dabei)? Liebe Grüße, Petra

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    1. Liebe Petra, vielen Dank! Ich erinnere mich noch gut, dass ich das Buch bei dir, der Syn-ästhetin und Mara für mich entdeckt habe. Eure Besprechungen war so verführerisch! Und wenn ihr das Buch so mögt, wird es mir nicht anders gehen, dachte ich. Und so war es dann ja. Manfred Zapatka schätze ich als Sprecher sehr. Ich höre Hörbücher, wenn ich müdemachende Tätigkeiten (z.B. Abwaschen, das Bad putze) ausführe oder wenn ich abends von der Arbeit nach Hause fahre und meine Augen zu müde sind, zu lesen. Manchmal aber auch vorm Einschlafen, um einzuschlafen.

      Herzlich,
      Klappentexterin

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    2. Liebe Petra,
      mir geht`s auch so, wenn ich nur ein Hörbuch höre, döse ich schnell weg. Ich höre deswegen Hörbücher beim Rasenmähen und beim Putzen, aber auch morgens zum Frühstück.
      Liebe Grüße
      Klausbernd

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  4. >>..wie kleine Schneeflocken, die in den Wimpern hängenbleiben, sich ausruhen und das schnelle Echo der Zeit auffangen wollen.<<

    … bei diesen wundervollen Worten bleibt selbst bei mir eine Schneeflocke in den Wimpern hängen. Obwohl es nicht schneit! Ich höre auf zu atmen, weil es so schön ist deine Rezensionen zu lesen und jedes Wort leise mitzusprechen. Hach, wenn du irgendwann ein eigenes Werk veröffentlichen solltest, dann würde ich gierig meine Hände danach ausstrecken. Wenn ich dir einen Tipp geben darf: Tue es! Über das Buch habe ich schon mal was positives gehört, aber zu jenem Zeitpunkt gab es noch nicht die deutsche Ausgabe. Ehrlich gesagt sind Hörbücher für mich immer eine gute Methode um schnell einzuschlafen. *grins*

    Ich grüße! 🙂

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    1. Liebe Tanja, eine große Freude war es, mich durch deine Sätze zu lesen. Ganz lieben Dank dafür! Ja, das möchte ich und warte nur noch auf den richtigen Moment, in dem ich nicht mehr anders kann, als einfach loszuschreiben. Ja, du hast mich ertappt-tappt-tappt. ; ) Mir ging es wie dir, ich habe nur Gutes über dieses Werk gehört und musste es mir einfach einverleiben. Als mir dann noch die Kombination Barnes-Zapatka vor die Augen rieselte, wusste ich, dieses Buch möchte ich hören. Hörbücher genieße ich phasenweise, das ist ganz merkwürdig. Die meisten Phasen erlebe ich meistens bei der Hausarbeit oder wenn mein Kopf abends einfach nicht abschalten will. Ich grüße dich herzlichst zurück, Klappentexterin.

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  5. Eine wirklich fein geschriebene Rezension! Ich las „The Sense of an Ending“ vor einem Monat und war ebenfalls begeistert von der Dichte dieses Textes. Es ist erstaunlich, wie Barnes, zur Zeit DER Star der englischen Literatur, in derartiger Kürze so viele Themen anspricht und zum Nachdenken verführt. Allerdings beobachte ich, dass in meiner Heimat kurze Romane äußerst beliebt sind, ich denke da an Ian McEwans „Saturday“, einen Roman, der aber aus meiner Sicht keineswegs so rund ist wie der von Barnes. Bei McEwan fallen die Geschichten auseinander wie in „Abbitte“ oder das Ende überzeugt nicht. Im Gegensatz dazu ist „The Sense of an Ending“ der perfekte Roman, der immer wieder die Frage nach der Wahrnehmung und somit der Erinnerung stellt. Ein Buch, das sich lohnt, langsam zu lesen. Als Hörbuch würde ich es eher problematisch sehen (aber ich kenne keine Hörbuchfassung), da ich dort schlecht vor- und zurückblättern kann.
    Herzlichen Dank für deine Besprechung.
    Liebe Grüße aus den Alpen, eigentlich aus dem Bett in einem gemütlichen Berghotel ;-), da Karwendel und Zugspitze sich schamhaft verhüllen
    Klausbernd

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    1. Lieber Klausbernd, ich sende dir entspannte Grüße von der See in die Bergwelt und danke dir für deinen ausführlichen Kommentar. Es stimmt, diese Geschichte geht sehr tief und erfordert Aufmerksamkeit. Interessant fand ich die Entwicklung, diese zunehmende Spannung und dann das Ende. Grandios! Ich schließe es nicht aus, dass ich dieses Buch nochmals lesen werde, weil, wie du schon schreibst, hier Themen auftauchen, über die man immer wieder nachdenken möchte und die schriftstellerisch einfach großartig verpackt sind. Welche kurzen Romane kannst du denn darüber hinaus noch empfehlen? LG, Klappentexterin.

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