Kathrin Weßling über Depressionen.

Foto: Thomas Duffé

Kathrin Weßling wurde 1985 in Ahaus geboren. Die junge Autorin lebt in Hamburg und hat bereits zahlreiche Poetry-Slams gewonnen. Zudem war sie Protagonistin mehrerer Folgen der Sendung “Slam Tour mit Sarah Kuttner”. Kathrin Weßling für Magazine wie “uMag” und auf “jetzt.de” geschrieben. 2010 hat sie angefangen, auf ihrem Blog “drüberleben” über ihre Krankheit zu schreiben und wurde zum “Bloggermädchen 2010″ gekürt. Die Autorin arbeit derzeit als freie Texterin und Autorin.

Klappentexterin: Was hat es für dich bedeutet, dieses Buch zu schreiben? Waren damit auch Ängste verbunden, zu viel von dir preiszugeben?
Kathrin Weßling: In allererster Linie hat das Schreiben des Buches bedeutet, dass ich endlich meinen ersten Roman veröffentlichen konnte. Darauf habe ich viele Jahre hingearbeitet und den Vertrag zu unterschreiben war, wie endlich eine sehr schwierige, sehr langwierige Prüfung mit 1+ und Sternchen wiederzubekommen.
Die Ängste, die damit verbunden waren, waren zum Teil der Thematik geschuldet, jedoch habe ich hauptsächlich unter meinen eigenen, sehr hohen Erwartungen gelitten. Ich bin beim Schreiben sehr perfektionistisch, jedes Wort muss stimmen, der Plot muss außergewöhnlich sein, etc. Daher waren meine schlimmsten Ängste wohl jene, dass ich meinen eigenen Ansprüchen am Ende nicht genügen könnte.

Wie viel Kathrin steckt in deiner Protagonistin Ida?
Da „Ida“ meine von mir geschaffene Protagonistin ist, ist Ida natürlich in gewisser Weise Ich. Wenn wir von den charakterlichen Parallelen sprechen, so würde ich sagen, dass Ida wesentlich wütender, verzweifelter, lakonischer ist, als ich. Aber im Grunde sind das alles Zustände, die ich ebenso erlebt habe. Idas Historie, ihre Entwicklung deckt sich jedoch nicht mit der meinen. Das war mir auch wichtig, denn ich wollte eine eigenständige Protagonistin schaffen um mit der nötigen Distanz schreiben zu können. Mein Ziel war: kein Tagebuch, kein Blog-Buch, sondern ein Roman mit einer eigenständigen Geschichte, die außerhalb meiner Person bestehen kann.

An einer Stelle heißt es im Buch: „Meine Biographie ist das Ich, das gleichzeitig jene formuliert, in jedem Augenblick meines Lebens, in jeder Sekunde meines Bewusstseins. Und ich kann nichts anderes tun, als dafür zu sorgen, dass ich mich genug anstrenge, die Erinnerungen in eine Folge zu bringen, die sie mich besser verstehen lässt, die mir bewusst werden lässt, warum ich handle, wie ich handle, warum ich denke, wie ich denke.“ Ist das Leben mit dieser Erkenntnis für dich einfacher geworden?

Im Gegenteil. Ich verzweifle noch jetzt regelmäßig an dieser Tatsache. Denn leider bedeutet „etwas verstehen“ nicht immer gleichzeitig „etwas ändern (können)“. Und am Ende nützt es ja leider recht wenig zu wissen, warum man sich wie ein Idiot verhält, wenn man es nicht ändern kann. Zwischen Einsicht und der im Volksmund vermuteten „Besserung“ können ja bisweilen ganze Welten liegen. Das ist ein Gefühl, das wohl jeder kennt. Schlussendlich ist eben aber auch all dies keine Entschuldigung für irgendwas.

Wir sind wie wir sind, durch das, was wir erlebt haben und nicht nur durch das, was uns die Natur mitgegeben hat. Das habe ich an einer Stelle herausgelesen. Wie viel können wir in unserem Leben beeinflussen?
Sehr viel, aber nur mit viel Disziplin. Bestimmte Verhaltensmuster wiederholen wir ja mitunter Jahrzehnte. Die in ein paar Wochen zu durchbrechen scheitert meistens schon beim Versuch und das frustriert dann ungemein. Aber es ist definitiv nicht unmöglich, sich zu ändern. Es ist nur sehr schwierig, so eine grundlegende Änderung der eigenen Maximen und Muster langfristig zu bewerkstelligen.

Besonders nachdenklich gestimmt, hat mich der Abschnitt, in dem du folgende Frage stellst: „Gab es keinen anderen Weg, keine anderen Möglichkeiten für Ida Schaumann, als zu diesem Zeitpunkt ihres Lebens in der Psychiatrie zu sein?“ Wenn es einen anderen Weg gegeben hätte, wie hätte er aussehen können?
Ich denke, dass Ida an vielen Punkten ihrer Biografie einen anderen Weg hätte einschlagen können. Die Frage ist nur: hätte ihr charakterliches Muster das auch zugelassen? Hätte sie frühere Hilfe, Liebe, Freundschaft annehmen können? Diese Frage ist fast unmöglich zu beantworten, aber in jedem Fall hätte sie zum Beispiel ein ganz anderes Leben gehabt, wäre sie nicht so früh mit dem Tod konfrontiert gewesen.

2010 hast du mit deinem Blog „drüberleben“ angefangen, über deine Krankheit zu schreiben. Wie kam es dazu? Und was bedeutet dir das Schreiben heute?
Der Blog ist entstanden, nachdem ich sehr lange darüber nachgedacht hatte, ob und wie ich literarisch mit meiner Erkrankung umgehen könnte. Immer wieder gab es Phasen, in denen ich nicht schreiben wollte oder konnte, weil ich zu krank war. Irgendwann hatte ich genug davon, ausgerechnet das Thema, mit dem ich mich ohnehin am meisten beschäftige, ständig auszuklammern. Von der Idee bis zum ersten Eintrag hat es aber Monate gedauert, weil ich lange nicht den Mut dazu hatte.

Du trittst auch bei Poetry-Slams auf und hast zahlreiche gewonnen. Woher nimmst du die Kraft, dort aufzutreten?
Bei Poetry Slams trete ich schon sehr lange nicht mehr auf. Ich hatte irgendwann nämlich tatsächlich nicht mehr die Kraft dazu. Noch heute fällt es mir sehr schwer, auf Bühnen zu stehen, obschon man mir das nicht anmerkt. Ich funktioniere ziemlich gut, sobald die Scheinwerfer angehen, aber ich leide schon Tage vorher unter großer Unsicherheit und Angst vor Blamage. Deshalb meide ich mittlerweile auch Situationen, in denen ich unter Druck auf der Bühne funktionieren muss, wie zum Beispiel beim Slam, der ja in erster Linie ein Wettbewerb ist.

Wie lebst du heute mit der Krankheit? Hast du die Depression als Teil deines Lebens akzeptiert?
Nein, akzeptiert habe ich sie nie. Ich habe sie mir nicht ausgesucht und ich will sie nicht haben. Sie machen mein Leben um ein Vielfaches schwerer, komplizierter, anstrengender. Ich kämpfe weiterhin dagegen an, weil ich glücklich sein möchte und frei von den Zwängen, die einem jedwede Erkrankungen auferlegen. Ich habe noch immer kein Rezept dagegen. Und ich bin sehr skeptisch Menschen gegenüber, die angebliche Wunderheilmittel glauben gefunden zu haben, aber auch Menschen gegenüber, die sich in diese Erkrankung fügen. Ich für meinen Teil möchte damit nicht leben müssen und ich werde (wenn es nötig sein sollte) bis zum Rest meines Lebens dagegen kämpfen. Akzeptieren will und kann ich das nicht.

Obwohl immer mehr Menschen und sogar Prominente an Depressionen erkranken, spricht man nach wie vor nur hinter vorgehaltener Hand darüber. Woran mag das liegen?
An sehr vielen Dingen. Wenn man sich die Psychiatriegeschichte der letzten Jahrhunderte ansieht (egal, ob es nun „Hysterie“, „Wahn“, „schwarze Galle“ bzw. „Melancholie“ genannt wurde), so kann man erkennen, dass Depressionen schon sehr lange existieren, aber immer als etwas galten, das den Betroffenen absondert von den anderen. Das konnte beinahe positiv konnotiert sein („Der nachdenkliche Melancholiker“) oder auch extrem negativ („die Hysterischen“). Hinzu kommt, dass die Erkrankung sehr lange im Negativen Sinn als „Frauenkrankheit“ angesehen wurde und im Positiven als „Melancholie“ bei männlichen Künstlern und Adeligen. Diese Geschichte darf man nicht vergessen, wenn man über die Gründe der Tabuisierung nachdenkt. Mit der Industrialisierung und dem zwangsläufigen Kapitalismus ist der Leistungsgedanke in der westlichen Gesellschaft existentiell geworden. Und diesem widerspricht natürlich eine Krankheit des Geistes, die dazu führt, dass das Individuum nicht mehr funktioniert. Zudem streben wir heute sowohl nach körperlichem Perfektionismus, als auch nach geistigem. Ein Grund für die stetige Zunahme der Erkrankten, aber auch einer, der dazu führt, dass genau jene sich nicht „outen“ wollen. Zusammengefasst: Der Begriff ist höchst negativ konnotiert und die Erkrankung widerspricht dem Gedanken von Leistung und Perfektionismus grundlegend, was natürlich dazu führt, dass die Betroffenen Angst haben, aus dem gesellschaftlichen Netz zu fallen, als schwach zu gelten, als gescheitert.

Was kannst du anderen Menschen, die an Depressionen leiden, mit auf den Weg geben?
In jedem Fall: Je länger man sich schämt, je länger man damit wartet, sich behandeln zu lassen, desto langwieriger gestaltet sich die Gesundung. Jedoch weiß ich auch, wie unheimlich schwierig es ist, den richtigen Therapeuten zu finden und wenn man ihn findet, wie lange man mitunter auf einen Therapieplatz warten muss. Im Grunde kann ich, wenn ich ehrlich bin, nur sehr wenig raten, weil jeder seinen eigenen Weg finden muss, weil jede Erkrankung ganz individuell zu betrachten ist.

Schreibst du an einem zweiten Buch?
Ja, ich schreibe an meinem zweiten Roman, der 2014 erscheinen wird.

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht Kathrin Weßling weiterhin viel Erfolg und alles Gute!

Advertisements

11 Gedanken zu “Kathrin Weßling über Depressionen.

  1. Vielen Dank für dieses wunderbare Interview! Beruflich habe ich mit etlichen Menschen zu tun, die unter dieser Erkrankung leiden. Aber sie leben überwiegend im Verborgenen damit und haben meist nicht die Möglichkeit, darüber zu sprechen oder sich sogar auszutauschen. Es ist so wichtig, dass sich (auch) junge und sogar „erfolgreiche“, am Leben trotz allem teilnehmende Menschen zu dieser/ihrer Erkrankung äußern und so noch einmal einen weiteren Aspekt des Umgangs mit ihr vermitteln.
    Das freut mich,
    mb

    Gefällt mir

    1. Herzlichen Dank für deinen Kommentar! Als nicht Betroffene lässt sich das für mich sicherlich leichter sagen, aber ich finde es wie du, dass es wichtig ist, nach draußen zu gehen und darüber zu sprechen. Ich kann mir gut vorstellen, wie schwierig das sein kann, gerade am Anfang. Insofern weiß ich es sehr zu schätzen, dass sich Kathrin Weßling Zeit für meine Fragen genommen und dieses eindrucksvolle Buch geschrieben hat.

      Ganz herzlich,
      Klappentexterin

      Gefällt mir

  2. Aus familiären Gründen bin ich schon sehr früh mit dieser Krankheit konfrontiert worden und bin es heutzutage immer noch. Ein Gefühl, dass ich damit verbinde ist eine erdrückende, schwer lastende Sprachlosigkeit. Keine Worte haben. Um so wichtiger sind für mich Bücher wie „Drüberleben“ und auch dieses Interview. Ich bin froh, dass Kathrin Weßling den Mut und die Stärke hatte, diesen Roman zu schreiben und sich deinen tollen und interessanten Fragen zu stellen.

    Viele Grüße
    Mara

    Gefällt mir

  3. Ein wirklich grossartiges Buch. Ich bin selbst, seit vielen Jahren, von Depressionen und Angstzuständen betroffen, und habe mich in vielen Szenen des Buches wiedergefunden. Eine wirklich packende Lektüre. Allerdings kann das Buch, in Teilen, auch triggern. Das macht die Lektüre aber nicht weniger gut.

    Gefällt mir

    1. Freut mich, grenzgaenge, dass du bei mir vorbeigeschaut hast, um mit mir deine Begeisterung für dieses Buch zu teilen. Und vielen Dank auch fürs Mitnehmen! „Triggern“ ist für mich an der Stelle ein neues Wort. Was bedeutet es? Viele Grüße, Klappentexterin

      Gefällt mir

  4. Vielen Dank für dies wunderbar inspirierende Interview! Es hat mich den Blog von Katherina entdecken lassen und mich auch auf ihr Buch neugierig gemacht… Depressionen sind wohl leider nicht mehr wegzudenken aus unserer Gesellschaft und sie begegnen einem immer wieder mal. Umso wertvoller, wenn es Menschen gibt, die diese Krankheit thematisieren. LG, Laura

    Gefällt mir

    1. Vielen Dank für deinen Besuch und Kommentar, liebe Laura! Verzeih mir bitte, dass ich jetzt erst zum Beantworten komme, meine vergangene Woche war sehr stressig. Nun, was ich eigentlich noch sagen wollte: Ich kann mich deinen Worten nur anschließen und freue mich, dass ich dich so auf die Autorin aufmerksam machen konnte. LG, Klappentexterin

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s