Wenn die Seele krank ist.

Diese Woche findet die Frankfurter Buchmesse statt. Eigentlich hatte ich vor, zwei Autoren aus dem Gastland Neuseeland vorzustellen. Doch dieses Vorhaben verschiebe ich, weil mir etwas anderes wichtiger ist. Die Rede ist von der „Woche der Seelischen Gesundheit“.

In den vergangenen Jahren haben die seelischen Erkrankungen stark zugenommen, regelmäßig berichten die Medien über Depressionen und Burn-out. Die „Woche der Seelischen Gesundheit“ widmet sich genau diesem Thema, dazu gibt es deutschlandweit zahlreiche Veranstaltungen, die aufklären sowie Hilfs- und Therapieangebote vorstellen sollen. Auch wird der Umgang mit psychisch erkrankten Menschen in den Mittelpunkt gerückt und ein Informationsangebot für Betroffene und deren Angehörige aufgeführt. Mehr Infos findet ihr hier.

Ich unterstütze diese Aktionswoche, in dem euch zwei Bücher zum Thema vorstelle. Kathrin Weßling hat sich in ihrem Buch „Drüberleben. Depressionen sind kein Grund, traurig zu sein“ mit Depressionen auseinandergesetzt. Wolf Hansen erzählt in dem autobiographischen Roman „Störungsmeldungen“ über seinen Burn-out. Was beide für mich auszeichnet, ist der Mut, sich der Welt zu öffnen und die Kraft der Sprache, die eigenen Erfahrungen, nach draußen zu tragen. Es soll aber nicht bei den Büchern bleiben, beide kommen auch bei mir zu Wort, Kathrin Weßling in einem Interview, und Wolf Hansen verrät zehn persönliche Tipps für Betroffene. Starten werde ich mit Wolf Hansen.

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Tiefer Fall.

Stellt euch einen tiefen Fall vor. Wie ein Vogel, der vom Himmel nach unten knallt. Genauso ergeht es Henk Bader in „Störungsmeldungen“. Ganz oben auf der Karriereleiter angelangt, stürzt der Werbeprofi ab und verliert fast alles. Wolf Hansen erzählt in seinem autobiographischen Roman von seinem Burn-out, der ihn eines Tages überrollt hat und ihn aus der Bahn wirft.

Schon der Einstieg zeigt, dies ist keine reine Betroffenheitslektüre. Hier brennt es, hier fackelt es, hier bringt es einer mächtig auf den Punkt: „Es knallte gewaltig, irgendwer schlug mit einer Peitsche auf mein linkes Ohr ein.“ Henk Bader befindet sich „im Epizentrum der Hippness von Berlin-Mitte“ und „dachte das wäre das Ende.“ Der Werbetexter sitzt mit Jean, dem Art-Director-Kollegen, zusammen und spricht über den neuen Job, den sie an Land gezogen haben. Ein großer Fisch. Immerhin kosten beide 3000 Mark am Tag. Da kommen schnell ein paar Tausender zusammen, die Henk Bader gleich in seinen großzügigen Lebenswandel investieren kann. Schöne teure Autos zum Beispiel, wie seine Katze. So nennt er seinen Jaguar XJ12 liebevoll, als wäre es nicht nur eine Karosserie, sondern ein besonderes Wesen aus Fleisch und Blut. Das ist die Katze ehrlich gesagt für Henk auch, der Mann, der sein Herz an den schönen Dingen des Lebens verliert, nicht an Morgen denkt, nichts spart, dafür das frisch verdiente Geld gleich wieder ausgibt. Während Jean für einen Job bei einer Freundin wohnt, quartiert sich Henk für zwei Wochen ins teure Madison Hotel ein. Ja, es hätte so weitergehen können, dieses schillernde Leben, das nach Gold riecht. Gutes, schnelles Geld und viele Mädchen, für die Henk leicht anfällig ist. Doch es geht so nicht weiter.

Langsam zerbröckelt Henk Baders Leben und entgleitet ihm mit jedem Tag mehr. Nach diesem Knall im Ohr plagen ihn bald entsetzliche Schlafstörungen, die er selbst mit Wein oder Sex nicht überlisten kann. „Nun betete ich, zu wem auch immer. Wollte nur schlafen und erhoffte mir von den tränenreichen Gebeten die Erfüllung meines Wunsches. Blieb aus. Selbst als reuigster Sünder in allergrößter Not hilft dir der große, gütige und allgegenwärtige Gottvater nicht von hier bis da.“ Mit den letzten Kräften begibt er sich in die HNO-Klinik. Dort schmettert ihm der Arzt eine finstere Diagnose ins Gesicht, spricht das aus, was Henk Bader bis dahin versuchte, zu umgehen: „Sie haben einen Hörsturz, einen heftigen. Am besten Sie bleiben gleich hier.“ Das macht Henk nicht sofort, muss er vorher noch einige Dinge erledigen. Er sucht Halt bei seiner besten Freundin Sophia, erzählt ihr von der Misere und lässt sich in ihre Arme fallen. Sophia organisiert all das, was es zu organisieren gibt und Henk sagt seinem Kollegen Jean, was los ist. Leinen los und dann ab in die Hände der Ärzte.

Was er bis dato nicht weiß, der Hörsturz war der Auslöser für einen Burn-out, die Initialzündung seines Körpers. Der Arzt bringt es auf den Punkt: „Herr Bader, das mag jetzt kein einfacher Schritt für Sie sein. Aber sie sollten akzeptieren, dass Sie krank sind, ernsthaft krank.“ Erstes Aufbäumen, doch dann folgt ein zartes Flüstern aus den Tiefen seiner Seele: „Nickte nur und sehnte mich augenblicklich nach jemandem, mit dem ich sprechen konnte, über dies und alles, über mich und das Ungeheuer von Angst, das in mir hochkroch.“
So erlösend aufatmend die erste Zeit in der Klinik ist, sie bringt Henk Bader keinen Schritt weiter in dem Mist, in dem er sich befindet. Er ist wie der Ikarus der Sonne zu nahe gekommen und hat sich die Flügel verbrannt. Seine Flügel wollen wieder fliegen, aber er schafft es nicht und wimmert verzweifelt. Kann ihm jetzt noch der Gottvater helfen?

Wolf Hansen erzählt in einem eigenen Ton: knapp, ironisch und frech. „Störungsmeldungen“ ist kein Ratgeber, viel mehr ist das Buch der Blick hinter die Fassaden eines Mannes, der tief gefallen ist und alles verloren hat. Viel Geld, sein Auto und Freunde – alles weg. Henk Bader verkörpert einen überheblichen Mann, der es eigentlich nicht duldet, unten zu liegen. Am liebsten rast er mit erhobenen Hauptes wie ein Sportwagen über die Straßen, nimmt mit, was er kriegen kann und spricht es genauso aus. Gleichzeitig öffnet mir Wolf Hansen die Tür in die Werbewelt und lässt mich auf den Schreibtisch der Menschen schauen, die uns täglich mit schönen Sprüchen und Filmen locken, Dinge zu kaufen, die wir oft nicht brauchen.

Trotz aller Männlichkeit und Überlegenheit, erwärmt Henk mein Herz. Weil ich hinter seine Maske schaue, die zarter und weicher ist, als er es mit seinen frechen Sprüchen zugeben mag. Wolf Hansen zeigt auf, wie schwierig es sein kann, nach so einem Sturz Halt zu finden und noch viel wichtiger: die richtigen Antworten. Die bleiben aus. In einem Gespräch sagt Henk dem Therapeuten, dass er sich so sehr nach Ruhe sehnt und nicht weiß, warum. Statt einer Antwort, folgt diese Schlussfolgerung: „Sie sehen sich doch als Mann der Tat. Warum diese Sehnsucht nach Ruhe?“ Warum, warum?! Warum stellte mir der Landauer immer Fragen? Sollte mir doch Antworten liefern, Lösungen, schnelle und wirksame.“ Es ist eine Odyssee an Therapeuten und Kliniken, in die er sich begibt und von denen er berichtet. Henk ist wie eine tickende Zeitbombe, die einiges geladen hat, vor der man sich in Acht nehmen muss.

Aber Henk ist auch ein Mensch, der sein Herz an der richtigen Stelle hat. Er kann, wenn er will, das zeigt eine Szene in einer Klinik, als er mit anderen Patienten zusammensitzt: „In welcher Scheinwelt hatte ich die letzten 15 Jahre gelebt. Als Werber hatte ich null Ahnung von den Menschen, die da draußen schufteten, damit ich immer was zu futtern hatte, irgendwelchen Mädchen rote Rosen schenken konnte, die Gesellschaft so funktionierte, wie ich’s erwartete. (…) Als ich nun meiner sogenannten Zielgruppe leibhaftig gegenüber saß, diesen Menschen aus Fleisch und Blut, die mich allesamt warmherzig aufgenommen hatten, da keimte Selbsthass in mir auf. Was für ein verkommenes Aas ich war!“ Wolf Hansen mutet seinen Lesern einiges zu, er ist direkt und packt nichts in schöne, wohltuende Worte. Er schießt mit seiner Wortpistole um sich und ist so gut dabei. Die Geschichte liest sich in einem Zug weg, hinterlässt viele Spuren und am Ende steigt die Hoffnung aus dem Buch, dass man selbst nach einem tiefen Fall wieder lernen kann, zu fliegen.

Wolf Hansen.
Störungsmeldungen.
April 2012, 288 Seiten, 9,95 €.
Schwarzkopf & Schwarzkopf.

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»Burn-out ist nicht ansteckend!«
10 ganz persönliche Tipps für Betroffene – Von Autor Wolf Hansen

Foto: Moritz Thau.

1. Auf erste Anzeichen achten! Der Job ist ein Monster, das Sie droht aufzufressen? Sie werden von Tag zu Tag kraftloser, können sich nicht mehr konzentrieren und schaffen Ihr Arbeitspensum kaum noch? Sie schlafen schlecht, haben manchmal regelrecht Angst vor den anstehenden Aufgaben? Wenn nur ein Teil der beschriebenen Empfindungen auf Sie zutrifft, dann sind Sie gefährdet.

2. Der Weg von normalem Frust zu totaler Überforderung ist kurz! Vergessen Sie nie: Es sind nicht immer die anderen schuld – es ist Ihr Leben.

3. Schalten Sie ab und einen Gang zurück! Sie müssen nicht alles selbst machen. Trauen Sie sich, Sachen abzugeben und lernen Sie, Aufgaben zu delegieren.

4. Suchen Sie das Gespräch mit Kollegen und Vorgesetzten! Vielleicht ist der Job, den Sie haben doch gar nicht so schlecht und das Büroumfeld reagiert verständnisvoll auf Ihre Probleme. Und sprechen Sie natürlich auch mit Freunden und Familie – erleichtert ungemein!

5. Wenn das nichts bringt: Suchen Sie nach therapeuthischen Möglichkeiten!
Denken Sie mehr lösungs- als problemorientiert – es gibt viele Wege der Besserung. Oder ist Ihnen ein Burn-out mit all seinen hässlichen Konsequenzen lieber?

6. Akzeptieren Sie die Krankheit und tragen Sie sie offensiv nach außen! Ein Burn-out ist kein Zeichen von Schwäche und definitiv nicht ansteckend! Leiden Sie nicht im stillen Kämmerlein vor sich hin – es hilft nichts, nüscht, nullkomma- nix zu hadern und zu jammern.

7. Nehmen Sie unbedingt professionelle Hilfe in Anspruch! Haben Sie auch keine Scheu vor Tabletten oder Klinikaufenthalten. Das ist nicht immer einfach und oft auch nicht sofort erfolgreich, aber es führt kein Weg daran vorbei. Alleine hat noch niemand den Weg zurück ins Leben geschafft.

8. Sie sind nicht allein! Schauen Sie doch mal, wie viele Prominente schon zusammengeklappt sind! Burn-out ist auf dem Weg, eine Volkskrankheit zu werden und Sie sind nur einer unter vielen Betroffenen.

9. Setzen Sie sich neue Ziele! Es hilft oft schon, kleine Schritte zu gehen. Und stellen Sie sich ehrlich die Frage: Will ich überhaupt zurück in mein altes Leben?

10. Krempeln Sie Ihr Leben um! Gibt es vielleicht etwas, das sie schon immer machen wollten? Wer sagt denn, dass es nur eine Joboption gibt? Also: Legen Sie los!

Die Klappentexterin dankt Wolf Hansen und wünscht ihm weiterhin viel Erfolg und alles Gute!

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6 Gedanken zu “Wenn die Seele krank ist.

  1. Freut mich sehr, dass du dich Büchern dieser Thematik widmest! Das sollten viel mehr Menschen tun, sowohl literarisch als auch einfach so, in der alltäglichen Kommunikation. Ich habe mit psychischer Krankheit leider auch das ein oder andere zu tun und bin um jede differenzierte Beschäftigung mit dem Thema dankbar!

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  2. Burn-out? Das trifft mich doch nicht. Denken viele. Und dann bist du plötzlich ganz nah dran. Ich war’s auch und steh dazu. Bei mir war das Zeichen kein Hörsturz, was sehr übel ist, ich hatte einen heftigen Nervenzusammenbruch und landete kurz im Spital. Das war auch heftig und ich hätte nie gedacht, dass es so weit kommt.

    Es ist gut, liebe Klappentexterin, dass du dieses Thema hier ansprichst. Es geht die ganze Gesellschaft an, ob als Patient oder Angehörige und Freunde. Und wenn einer am Fallen ist, sollte das jeder ernst nehmen.

    Herzlich buechermaniac

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  3. Liebe Klappentexterin,

    Burnout, Depressionen – diese Themen werden meist nur belächelt. Aber was ist, wenn man selbst ins Burnout, in die Depression kommt? Es gehört viel Mut dazu, dazu zu stehen, zu versuchen, sich dem zu stellen, öffentlich, nicht im stillen Kämmerlein leidend. Denn eins ist klar: Man kann Burnout oder Depression nicht selbst „kurieren“, man muß sich Hilfe suchen, Hilfe annehmen.

    LG
    Annegret

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  4. Habt herzlichen Dank für eure Wortmeldungen, die ich wertschätzend aufgenommen habe. Ja, dieses Thema betrifft mittlerweile viele Menschen, ob sie selber oder im näheren Freundes – oder Bekanntenkreis. Diese seelischen Erkrankungen sind auch Teil unserer Gesellschaft, die zunehmend unter einer angespannten Arbeitswelt leidet. Überall wird gespart, meist beim Personal, doch die Arbeit wird nicht weniger, meist dadurch mehr, für die, die sie ausführen müssen. Da eilen die Menschen und haben die Zeit im Nacken. Um so wichtiger ist, es hinzuhören, das auszusprechen, was einem auf der Seele liegt, damit es nicht zu einem Stau kommt und anzuhalten, wenn die Luft raus ist. Liebe buechermaniac, ich danke für deine Offenheit und wünsche dir weiterhin alles Gute! Und dass es nie zu einem Knall kommt. LG, Klappentexterin.

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  5. Liebe Klappentexterin,

    mit Begeisterung habe ich deinen Artikel gelesen. Danke, dass du diesen geschrieben hast und dich mit dem Thema auseinandersetzt.

    Auch ich befinde mich aktuell in Therapie und finde es gut, wenn man offen darüber sprechen kann.

    Viele Grüße aus Dresden,
    Julia

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