Zauberhaftes Gruselwittchen.

Die böse Königin hat mir meine Worte gestohlen und mich sprachlos zurückgelassen. Nun sitze ich gefangen im Käfig, starre ängstlich den Pfau an, in den sich die Königin verwandelt hat, und höre Kieselsteine auf den Boden fallen. Das Herz scheint zu zerspringen, so heftig klopft es in meiner Brust. Verzweifelt suche ich die Kieselsteine, will sie greifen und die Feindin damit bewerfen, doch ich erkenne, dass es sie gar nicht gibt. Es sind meine klappernden Zähne, die sich so anhören. Ich atme tief durch und versuche zu entkommen, aber es gelingt mir einfach nicht, denn Benjamin Lacombe hält mich mit seinen Bildern fest und zieht mich immer tiefer in den dunklen Märchenwald.

Selten habe ich solch eine Anziehungskraft aus dem Märchen gespürt wie bei diesem Buch, das der Jacoby & Stuart Verlag publiziert hat. Krallen verhindern meine Flucht und halten mich fest. Benjamin Lacombe hat „Schneewittchen“ von den Gebrüdern Grimm eindrucksvoll und einmalig illustriert. Es existieren bereits viele Versionen zum Märchen, doch diese ragt aus allen heraus wie ein fein geschliffener Diamant, der funkelt und funkelt. Für mich sind das nicht einfach nur Illustrationen, sondern wahre Kunstwerke, bei denen man erstarrt – vor Schrecken und vor Bewunderung zugleich. Zu bezaubernd, zu schön und zu dämonisch sind die Bilder, denen etwas Magisches innewohnt. Sie erheben sich wie Vögel aus dem Buch und fliegen in die Augen des Betrachters, der bald nicht anders kann, als sich von ihnen mitziehen zu lassen.

Die Worte spielen hier nur eine Nebenrolle und lassen damit den Bildern genügend Raum, sich zu entfalten. Auf diese Weise schwebt der Text sachte hinaus wie kleine Atemwölkchen, die das Märchen erzählen. Bislang haben mir immer sanfte Bilder den Schrecken genommen, Benjamin Lacombe hingegen stellt das Grauen direkt und kunstvoll dar. Er vereint in seinem Buch vielseitige Formen und entführt mich in einen verwunschenen Märchenwald, der das Geheimnisvolle, Verzauberte und Unheimliche ausatmet. Es gibt nichts, was es nicht gibt. So wechseln sich die Farbtöne ab und reflektieren die jeweilige Stimmung. Lacombe nutzt die Farben als Sprachrohr, wechselt vom unschuldigen Hell ins Angst einflößende Dunkel. Egal, wie weich die Formen und Figuren sind, überall erhebt sich ein Schaudern, das mich zutiefst erschreckt. Weiße Kaninchen blicken mich mit leuchtend-roten Augen an, die Zwerge sind alte, seltsame Wesen, die mir nicht das Herz öffnen, der rote Apfel hinterlässt rote Spuren an Schneewittchen, als würde es bluten und die böse Königin hat fauchende Schlangen auf der Schulter, deren Anblick das Blut zu Eis gefrieren lässt.

© Bilder: Benjamin Lacombe

Einerseits bin ich fasziniert von den fantastischen Bildern, andererseits sitzt mir die Angst im Nacken. Ich spüre ihren Atem und zittere wie Espenlaub. Die böse Königin schaut mir hasserfüllt ins Gesicht, zieht jeden Mut aus mir heraus und lässt meine Haut zusammenkräuseln. Ja, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, Benjamin Lacombe lehrt mich das Fürchten und begeistert mich trotz aller Grausamkeit. Das Märchen ist düster und bleibt es mit Lacombes Bildern. Einige Szenen stellt der Franzose sogar mit Bleistiftzeichnungen dar und erreicht trotz der Farblosigkeit eine eindringliche Stimmung, die mich magisch anzieht und kleine Details gestochen scharf zeigen. Ich denke hierbei an die mächtigen Bäume im Wald, deren Äste wie durchtrainierte Muskeln aussehen, so stark stechen sie hervor.

Dieses Buch ist ein Meisterwerk, das ich mir am liebsten an die Wand hängen möchte! Besonders ein Bild hat es mir angetan: Das sehnsuchtsvolle Schneewittchen, das in den giftigen, roten Apfel beißt. Über zwei Seiten erstreckt sich diese Szene und bekommt somit eine besondere Eindringlichkeit. Ein Seufzer steigt aus den Tiefen meiner Seele nach draußen und legt sich um das beschützenswerte Schneewittchen.

Einige von euch werden sich jetzt bestimmt fragen: Gehört dieses Buch in ein Kinderzimmer? Bei der Frage bin ich ein wenig verunsichert. Die Bilder – so sehr sie mich faszinieren – sind sehr düster und furchterregend. Wenn ich als großes Mädchen schon die Angst im Nacken spüre, wie soll es dann einem kleinen Mädchen gehen? Also lege ich die Entscheidung in die Hände der Eltern. Eins weiß ich dafür auf jeden Fall: Ich bin begeistert von all dem kunstvoll dargestellten Bösen und empfehle es allen großen Kindern! Selten habe ich dem Grauen so direkt ins Gesicht geschaut und so nah gespürt. Sprachlos bleibe ich bis zum Schluss, aber ich konnte der bösen Königin zum Glück entkommen. Meinem geliebten Prinzen sei Dank!

Jacob und Wilhelm Grimm (Autoren) und Benjamin Lacombe (Illustrator).
Schneewittchen.
2012, 48 Seiten, 17,95 €.
Altersempfehlung ab 5 Jahren.
Jacoby & Stuart.

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15 Gedanken zu “Zauberhaftes Gruselwittchen.

  1. Oh mein Gott, sind die Bilder schön. Und DEIN Text: „Auf diese Weise schwebt der Text sachte hinaus wie kleine Atemwölkchen, die das Märchen erzählen.“ Ich krieg Gänsehaut. Allerdings werde ich meinen Kinder die Bilder vorenthalten und das Buch erst einmal nur für mich kaufen. Herzlichst Mila

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    1. Wie ich sehe, hat dich Benjamin Lacombe verzaubert! Hab lieben Dank für deine schönen Worte, liebe Mila! Na, da lag ich mit meiner Kinder-Lese-Einschätzung wohl gar nicht mal so falsch. Ich freue mich sehr, dass das große Kind das Buch bald aufschlagen wird. Der tiefe dunkle Märchenwald wartet schon auf dich. Herzlichst, Klappentexterin.

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  2. Ob solche Bilder was für Kinder sind? Du hast recht, die Eltern müssen selber entscheiden, ob das was für ihre Kinder ist. Aber wenn ich mir ganz alte Märchenbücher anschaue, dann lehren einem die bösen Hexen und Zauberer auch das Fürchten, wenn man Kind ist. Dieses Buch scheint mir eher ein Kunstband, denn ein Märchenbuch zu sein. Aber deine Rezension ist toll und der Einblick ins Buch ist wirklich grossartig.

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    1. Kunstband trifft es gut, liebe buechermaniac. Oder vielleicht Kunst-Märchenbuch? Na egal, es ist wirklich bezaubernd, trotz Gänsehaut. Schön, dass ich dich für dieses eindrucksvolle Buch mit begeistern konnte. Und ja, am Ende sind Märchen kleine Gruselgeschichten, die uns das Fürchten lehren. LG, Klappentexterin.

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  3. Liebe Klappentexterin,

    danke für die Vorstellung des schönen Buches. Das ist genau das Richtige für den Geburtstag meiner großen Tochter. Super !!!

    LG
    Annegret

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      1. Ja, natürlich werde ich mir das Buch nachträglich auch anschauen. Die Bilder bei Dir waren schon sooooo ansprechend.

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