Teuflischer Tauchgang.

Man stelle sich einen Riss vor, der durch die Wand kriecht. Wie ein hungriger Wurm frisst er sich durch das Fundament und hinterlässt eine Spur. So in etwa müsst ihr euch Juli Zehs neuen Roman „Nullzeit“ vorstellen. Er ist zwar kein Wurm, aber ein Werk, das langsam sein Drama vor den Augen der Leser entfaltet und mit jeder Seite die Spannung erhöht.

Am Anfang ist die Wand noch in Ordnung, als Sven seine neuen Kunden vom Flughafen abholt. Er arbeitet zusammen mit seiner Freundin Antje als Tauchlehrer auf Lanzarote. Sven schult seine Kunden, Antje kümmert sich um das Organisatorische. Sven ist Jurist, hat jedoch Deutschland den Rücken zugewandt. Das angereiste Pärchen hat zwei Wochen Exklusivbetreuung gebucht. Jola ist Schauspielerin und will sich auf eine Rolle vorbereiten. Ihr Freund Theo ist Schriftsteller und begleitet sie. Beim ersten gemeinsamen Abendessen kristallisiert sich zwischen den beiden Gästen eine angespannte Stimmung heraus. Besonders Theo beschießt seine Freundin mit hässlichen Äußerungen, die das Wort Liebe zusammenbrechen lassen. Sven wird sofort bewusst: „Ihr passt nicht zusammen, dachte ich und verbot mir den Gedanken gleich wieder.“ Der Riss hat sich in die Wand gelegt und weckt meine Aufmerksamkeit. Der erste gemeinsame Tauchgang mit Jola und Theo endet in einem kleinen Desaster, nachdem Lola das Ventil von Theos Lungenautomaten abgedreht hatte. Sven ist außer sich und schimpft beide für diesen Unsinn aus. Noch einmal und es ist vorbei. Der Riss frisst sich weiter durch die Wand, bis es beim zweiten Tauchgang zum Schlüsselerlebnis kommt: Jola verwandelt sich in eine unschuldige Meerjungfrau, die Sven in ihren Bann zieht und ihn verzaubert: „Als Jola den Kopf drehte und mich anlächelte, geschah etwas.“ Was zuvor passiert war, behalte ich natürlich für mich. Von nun an gibt es keinen Halt mehr, der Riss hat sich in die Wand festgebissen.

Die Erzählperspektiven springen hin und her. Sven schildert die Geschichte aus seiner Sicht und Jola notiert im Gegenzug dazu ihre Gedanken in einem Tagebuch. Sind die Linien anfangs noch kongruent zueinander, driften sie beim Fortlauf des Romans immer weiter auseinander. Ein raffinierter Schachzug der Autorin, der mich in die Irre leitet. Plötzlich verschieben sich die Tatsachen und ich stoße auf zwei unterschiedliche Stimmen. Die Wahrheit schrumpft immer mehr zu einem kleinen Punkt zusammen, den ich nur schwer erkennen kann. Dann begreife ich: Das Spiel ist im vollen Gange und ich bin Zeugin eines Beziehungsdramas, das sich wie ein Gewitter am Horizont zusammenbraut.

Juli Zeh ist eine begnadete Erzählerin. Es ist vor allem die enorme Vielfalt der Sprache, die mich erneut begeistert. An einigen Stellen hat sie poetische und nachdenkliche Klänge, bei denen ich kurz innehalte. Ein anderes Mal prescht die Autorin vor, schlägt mit voller Wucht zu, bis sie mich kurze Zeit später mit einer Äußerung überrascht und mich laut auflachen lässt. Nein, mit Juli Zeh wird es nie langweilig. In „Nullzeit“ hält sie mich nicht nur mit dem Beziehungsdrama in Atem, sie entführt mich gleichzeitig in die Tiefe des Meeres und entzündet vor mir die Leidenschaft einer Sportart, die mir bislang fremd war. Selten habe ich Tauchgänge so intensiv erlebt und bekomme zum ersten Mal die Faszination am eigenen Leib zu spüren, wenn ich Svens Begeisterung auflese: „Wer zehn Meter in die Tiefe tauchte, reiste zugleich zehn Millionen Jahre in der Evolutionsgeschichte zurück – oder an den Anfang der eigenen Biographie. Dorthin, wo das Leben begann, im Wasser schwebend und stumm. Ohne Sprache keine Begriffe. Ohne Begriffe keine Begründungen, ohne Begründungen kein Krieg. Ohne Krieg keine Angst. Nicht einmal die Fische fürchteten uns. Einige kamen neugierig heran und begleiten uns ein Stück. Verhielten wir uns ruhig, warfen sie intensive Blicke in unsere Taucherbrillen. In exotischen Welten war der Tourist zugleich Attraktion. Mich faszinierte der Unter-Wasser-Frieden, in dem Jäger und Beute zusammenlebten, einander höflich auswichen, unterbrochen nur vom kurzen Aufflackern des Hungers, der kein Verrat, sondern ein allgemein akzeptierter Vorgang der Auswahl war.“

Mit gleicher Intensität taucht Juli Zeh in die Abgründe der menschlichen Seele und durchleuchtet ihre Protagonisten mit einer Taschenlampe. Verzweiflung, Liebe, Macht, Lüge, Leidenschaft und Wut laufen geradewegs nach draußen. Die Autorin holt mit ihrer Angel das Böse nach oben, legt es mir vor die Augen und seziert es mit höchstem Genuss. So verwandelt sich ein scheinbar schönes Urlaubsparadies in einen teuflischen Höllenritt, der mir vor Spannung die Luft abschneidet. Als ich am Ende den Riss auf meiner Haut spüre, erschaudere ich und zwinkere der Autorin zu: Ihr teuflischer Plan ist aufgegangen.

Juli Zeh.
Nullzeit.
August 2012, 256 Seiten, 19,95 €.
Schöffling & Co.

Mit dem Buch ist hier erst einmal Schluss, doch mit der Autorin geht es die nächsten Tage weiter. In einem Interview kommt Juli Zeh bei mir zu Wort.

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10 Gedanken zu “Teuflischer Tauchgang.

  1. Mal wieder, ohne etwas gegenteiliges zu erwarten, eine großartige Besprechung die Lust macht das Buch sofort an sich zu reißen, zu verschlingen und einzuatmen. Wenn es mir irgendwann einmal gelingt über ein Buch zu schreiben, wie du es tust, mit solch einer Wortgewalt und Kraft – dann werde ich zufrieden sein. Liebe Grüße über die Dächer…

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  2. Hallo Klappentexterin,

    auch von mir wieder ein Lob für deine wunderbaren Worte!

    Juli Zeh möchte ich unbedingt mal lesen. Hast du schon weitere Bücher der Autorin beschnuppert? Wenn ja, hast du einen absoluten Lesetip?

    Liebe Grüße,
    Julia

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    1. Dir danke ich auch sehr für deine Worte, liebe Julia! Freut mich, dass du Bücher von Juli Zeh lesen möchtest. „Adler und Engel“ war das erste, was ich von ihr gelesen habe. Ein Buch, das mich ein wenig befremdet und gleichzeitig sehr beeindruckt hat. „Schilf“ kann ich dir genauso empfehlen wie ihr Sachbuch „Angriff auf die Freiheit“. Letzteres sollte jeder mal gelesen haben, weil es aufklärt und wachrüttelt. Viele Grüße, Klappentexterin

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    1. Liebe Anke, als absoluter Fan von Juli Zeh darfst du dich auch auf dieses Buch freuen! Mich hat sie in keiner Minute enttäuscht. Ich wünsche dir schon jetzt spannende Lesestunden und danke für deinen Besuch! LG, Klappentexterin

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  3. „Man stelle sich einen Riss vor, der durch die Wand kriecht. Wie ein hungriger Wurm frisst er sich durch das Fundament und hinterlässt eine Spur.“ – Das hast Du schön formuliert 🙂

    Ich will schon seit langem einen weiteren Roman von Juli Zeh lesen (nach „Adler und Engel“). Dieser hört sich so an als würde er mich fordern, aber auch irgendwie begeistern. Danke für den Tipp!

    LG, Katarina 🙂

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  4. Liebe Klappentexterin,
    wow, was für eine tolle Rezension. Du findest Worte, die mich immer wieder faszinieren. Zu Recht bist Du „Online-Autorin 2011“ (vielleicht auch 2012?)!
    Von Juli Zeh habe ich bisher noch nichts gelesen, werde das aber in Form dieses Buches schnellstens nachholen. Danke, dass Du mich immer wieder neue Autoren kennenlernen lässt. Mir tun sich dadurch ganz neue Lesewelten auf.
    LG
    lesesilly

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    1. Liebe lesesilly,
      wieder einmal lächle über deine Sätze und möchte mich herzlich bei dir für deine Rückmeldung bedanken! Besonders erfreut bin ich darüber, dass ich dich auch auf bislang unbekannte Lesepfade führen kann und du mir folgst. Das ist wirklich schön! In diesem Sinne danke ich dir für dein Vertrauen und für deine geteilte Freude, die ich so gern auflese.
      Juli Zehs Romane haben für mich eine enorme Kraft, diese beeindruckende Sprachgewalt, die aufwühlenden Geschichten und die interessanten Protagonisten lösen viel in mir aus. Nun bin ich gespannt, wie es dir beim Lesen ergehen wird. Also viel Spaß beim Entdecken! LG, Klappentexterin

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