Ein episches Überraschungsei.

Steht euch der Sinn nach einem überraschenden Roman? Dann solltet ihr an „Ed King“ von David Guterson nicht vorbeigehen! Es ist ein Buch, bei dem man gar nicht weiß, wo man zuerst anfangen soll, so viel passiert auf den Seiten. Stellt euch ein Meer aus Überraschungseiern vor, in dem ihr badet und nach Luft schnappen müsst.

Mit seinem Debüt „Schnee, der auf Zedern fällt“ wurde David Guterson weltberühmt, danach folgten vier weitere Romane. Für mich ist sein fünftes Buch eine Premiere. In seinem aktuellen Buch hat er sich dem Ödipuskomplex angenommen. Von vornherein weiß ich als Leserin, worauf es hinausläuft, doch zum großen Showdown braucht es einige Kapitel, denn erst auf Seite 297 eröffnet der Autor: „Also gut. Wir nähern uns dem Teil der Geschichte, bei dem wir es dem Leser nicht verübeln können, wenn er gleich bis hierher gesprungen ist – entweder durch Blättern, sollte er oder sie ein Buch in der Hand halten, oder durch Scrollen oder die Benutzung der Suchfunktion bei einer digitalen Lektüre-, dem Teil, in dem eine Mutter Sex mit ihrem Sohn hat.“ Hier muss ich einschreiten, denn es wäre echt schade, wenn ihr die anderen Seiten überblättern würdet. Ist das Schöne an Geschenken nicht gerade das Auspacken? Eben! So verhält es sich mit diesem Roman. Es leben die Überraschung und Spannung – und die gibt es in diesem Roman zur Genüge.

Die Geschichte beginnt 1962 mit Walter Cousins, der mit seinem Au-Pair Mädchen schläft. Diane Burroughs ist minderjährig und hütet die beiden Kinder, weil Walters Frau nach einem Nervenzusammenbruch im Krankenhaus liegt. Der Versicherungsmathematiker wagt das Risiko und wird eines Tages von Diane überrascht, als sie ihm gesteht, dass sie von ihm schwanger ist. In der Zwischenzeit ist Lydia – Walters Ehefrau – zurück aus dem Krankenhaus. Jetzt muss schnell eine Lösung her. Walter zwingt Diane zur Adoption, sie hingegen will das Kind behalten. Und dann? Schweige ich und lehne mich zurück. Ich will euch doch den Spaß nicht verderben!

Was diesen Roman auszeichnet, sind die vielen unerwarteten Momente. Sie spazieren im Gänsemarsch vor die Augen. Das machen sie perfekt, nichts wirkt überladen. Zeitweise fühle ich mich an einen Almodóvar-Film erinnert, in dem sich eine Episode an die nächste reiht. Es fällt mir schwer, alles bis ins kleinste Detail auf den Tisch zu legen. Selbst beim groben Umriss überfallen mich Schwindelanfälle, und meine Zunge kringelt sich zu einem Knoten. Das habe ich kürzlich gemerkt, als ich meinem Liebsten von dem Buch berichtete. Eigentlich ist „Ed King“ so ein Roman, den man anderen in die Hand drückt und sagt: „Lies! Du wirst begeistert sein. Jedes Wort vorab ist zu viel.“

Was ist mit Ed King? Der Namensgeber des Romans und Dianes Sohn hat die mathematische Intelligenz seines Vaters geerbt. Nach seinem Studium zündet er mit seiner Begeisterung für Computer die Zukunftsbombe. Er entwickelt Internetsuchmaschinen und ein klug ausgefeiltes, sprechendes Computersystem, das mich in eine Science Fiction Maschine versetzt. Sein Konto füllt sich, sein Imperium wächst, er fühlt sich wie ein Gott unsterblich und eines Tages passiert dann das Unerwartete.

Guterson versteht es, seine Leser zu unterhalten, indem er ihnen gern zuzwinkert und einen gelungenen Spannungsbogen zieht, obwohl er in einem ruhigen Ton erzählt. Er schafft interessante Figuren, schmückt sie aus und beäugt kritisch den amerikanischen Traum. Bei ihm stimmt jeder Winkel, jede Wendung, so verdreht sie an manchen Stellen auch ist, aber das Gesamtkonzept überzeugt mich im hohen Maße. Mit anderen Worten: Dieses Buch möchte sofort verspeist werden und seine Leser mit jeder Seite überraschen, bis sie vollkommen atemlos im Lesesessel den letzten Buchstaben vernaschen und ein Überraschungsei in jedem Auge zu stecken haben.

David Guterson.
Ed King.
März 2012, 382 Seiten, 22,99 €.
Hoffmann und Campe.

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10 Gedanken zu “Ein episches Überraschungsei.

  1. Ich mag es überrascht zu werden. Wenn stets etwas Neues passiert, dann kann es nicht langweilig werden. Ich hoffe, du konntest deine Zunge wieder entknoten.

    Liebe Grüße und einen schönen Sonntagabend wünsch ich dir, liebe Klappentexterin.

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    1. Ja, liebe Tanja, das konnte ich! Trotzdem bin ich dankbar für dieses unfassbar überraschende Leseereignis. Vielleicht wirst du es auch irgendwann erleben, dann weißt du, wie es ist, wenn sich die Zunge verknotet. ; )

      Liebe Grüße und eine schöne Woche wünsche ich dir,
      Klappentexterin.

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      1. Ich werde es dich wissen lassen. Vielleicht auch mit Beweisfoto, wenn sich meine Zunge tatsächlich verknoten sollte.

        Dir wünsche ich auch eine schöne Woche,
        hoffentlich mit ein bisschen mehr Sonnenschein! 😉

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  2. Liebe Klappentexterin,
    dieses Buch hatte ich auch schon mal auf meiner Wunschliste stehen, da ich darüber einen sehr interessanten Artikel gelesen haben. Dann habe ich es aber erst mal wieder verworfen, da ich noch so viele ungelesene Bücher liegen habe. Nach Deiner Rezension ist es allerdings sofort wieder auf meiner Liste gelandet und ich denke, ich werde es in nächster Zeit auf alle Fälle lesen, denn schließlich bis Du mein Garant für gute Lektüre.
    LG
    lesesilly

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    1. Bei unseren vielen gemeinsamen Büchern bin ich der felsenfesten Überzeugung, liebe lesesilly, dass du dieses hier verschlingen und mögen wirst. Mich freut es sehr, dass es wieder auf deine Wunschliste gekommen ist. Ich wünsche dir schon jetzt viel Vergnügen damit und danke herzlich für dein schönes Kompliment!

      Viele Grüße
      Klappentexterin

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  3. Mir geht es ähnlich wie Lesesilly, eigentlich stand das Buch schon vor einer ganzen Weile auf meiner Wunschliste, doch dann sind wieder so viele andere interessante Bücher dazwischen gerutscht. Nach deiner Rezension rückt es nun aber wieder ganz nach oben … die Geschichte klingt so, als könnte sie mir gut gefallen. „Schnee der auf Zedern fällt“ hat mich vor einigen Jahren nicht wirklich begeistert, seit dem habe ich auch nicht wieder zu einem Buch von ihm gegriffen, das sollte sich jetzt aber ändern …

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    1. Liebe Mara, wie bei lesesilly weiß ich mit ziemlicher Sicherheit, dass dir das Buch gefallen wird. Zu gut kenne ich unsere Parallelen und die Bücher, die wir beide auf gleiche Weise schätzen. Übrigens war es eins der besten, das ich bislang in diesem Jahr gelesen habe. In diesem Sinne, gespannte und erfreute Grüße, Klappentexterin.

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  4. Liebe Klappentexterin,
    soeben habe ich „Ed King“ beendet. Ich muss sagen, es hat mir sehr gut gefallen. Die letzten Seiten habe ich in einem Riesentempo verschlungen. Auch der Anfang liest sich weg wie nix. Allerdings finde ich, in der Mitte gibt es einige zähflüssige Passagen und Erklärungen, die den Lesefluss etwas behindern. Alles in allem aber ein tolles Buch.
    LG
    lesesilly

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    1. Liebe lesesilly,
      hab vielen Dank für deinen persönlichen Lesebericht zu „Ed King“! Schade, dass dich das Buch nicht hundertprozentig begeistern konnte, aber du hattest – wenn wir alles zusammenrechnen – insgesamt schöne Lesestunden und das macht mich sehr, sehr froh.

      Viele Grüße
      Klappentexterin

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