Nichts ist spannender als die Wirklichkeit.

Miranda July! Miranda July! Miranda July! Miranda July! Miranda July!

Liebe Miranda July,

ich bete zu den Göttern, dass mein Ruf laut genug ist und du mich findest. Endlich möchte ich dir sagen, wie großartig ich deine Arbeit finde. Hab bitte Nachsicht, dass ich meine Gedanken in meiner Muttersprache schreibe, denn darin fühle ich mich am besten aufgehoben. Das Englische ist für mich ein Boomerang, den ich nicht immer ganz so gut beherrsche und blamieren möchte ich mich nicht, nicht vor dir und den anderen. Du wirst das bestimmt verstehen. Das Sie habe ich übrigens umschifft, immerhin sind wir fast gleich alt.

Auf gewisse Weise fühle ich mich mit dir verbunden, auch weil du das July in deinem Namen trägst, meinen Geburtstagsmonat. Meine Augen blitzen auf, wenn ich deinen Namen lese. Ich liebe deine Filme, deine Geschichten und Kunstwerke. Für mich bist du eine Zauberin des Alltags, die aus kleinen Nebensächlichkeiten strahlende Schätze kreiert. Ich denke hierbei an die PR-Aktion zu deinem Erzählband „No One Belongs Here More Than You“, bei der du deinen Kühlschrank und Herd beschrieben hast. Oder das Video „How to make a button“, in dem du uns zuckersüß zeigst, wie man Knöpfe herstellen kann. Unglaublich! Die kleinen Dinge werden mit dir zu riesigen Ereignissen, die magisch anziehen und mich glücklich machen. Du schenkst mir stets ein charmant-verrücktes Lächeln, das haften bleibt, als hättest du es mir höchst persönlich angeklebt. Exklusiv für mich das Miranda-July-Lächeln. Wirklich großartig! Du schärfst meinen Blick, schubst meine Kreativität mit einem Elektrostoß an und begeisterst mich. Da war es sonnenklar, dass ich dein neues Buch lesen musste, über das ich jetzt im Anschluss schreiben werde. Ich werfe meinen Hut und verneige mich vor dir. Thanks a lot! Ich werde deinen Rufen weiterhin folgen.

Herzlichst,

Klappentexterin

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Miranda July ist eine der kreativsten Menschen unserer Zeit. Aber wie alle Kreativen bleibt auch sie vor einer Schaffenskrise nicht verschont. Als sie im Sommer 2009 bei der Arbeit an ihrem Film „The Future“ nicht weiterkommt und die Finanzierung noch unsicher ist, bummelt sie lieber im Internet herum und verrichtet freudlos die Hausarbeit. Dienstags hingegen weht ein frischer Wind in Miranda Julys Heim, weil dann das Anzeigenblatt „PennySaver“ in der Post steckt. Sie liest das Blatt wie eine Detektivin und ist begeistert: „Jede Anzeige war wie ein sehr kurzer Zeitungsartikel.“ Wer steckt hinter den wenigen Zeilen? Ihre Neugier führt sie schließlich zum Telefonhörer. Miranda July ruft den Anbieter einer Lederjacke an und fragt den Mann, ob sie sich die Lederjacke anschauen und ein Interview mit ihm durchführen könnte. Als Entschädigung für den Zeitaufwand würde sie 50 Dollar zahlen. Michael willigt ein. Damit kommt der Stein ins Rollen.

„Diese Gelegenheit, meiner Höhle zu entkommen, war himmlisch.“ Das ist der erste Satz, der Mirandas Erleichterung zusammenfasst, ich höre förmlich ihr Aufatmen. Gemeinsam mit ihrer Freundin Brigitte Sire und ihrem Assistenten Alfred macht sich Mirandy July auf den Weg. Brigitte ist die Fotografin und Alfred der Beschützer, „damit wir nicht vergewaltigt wurden“.

Michael ist der erste von zehn Menschen, die das Team im Laufe der Zeit zu Hause besuchen wird. Er trägt eine „brombeerefarbene Bluse, Busen und lachsrosa Lippenstift“ und ist mehr Frau als Mann, denn Michael unterzieht sich einer Geschlechtsumwandlung. Das ist das erste, was er an der Tür sagt, bevor er sie in ihr Reich lässt. Die drei folgen seiner Einladung und schlüpfen in die Wohnung. Nach dem Betrachten der Lederjacke, eröffnet Miranda July das Gespräch und fragt Michael ohne Umschweife nach seiner Geschlechtsumwandlung. Mit dieser natürlichen Offenheit begegnet sie auch den anderen Männern und Frauen. Wie Ron, der ein siebenundsechzigteiliges Hobbymalset verkaufen möchte und eine elektronische Fußfessel trägt oder Pam, die Fotoalben von fremden Menschen anbietet, die sie gekauft hat und sich damit in fremde Welten träumt. Besonders bewegend ist die Beziehung, die sich zwischen Joe und Miranda July entwickelt. Mit dem Interviewten freundet sie sich an und gibt ihm eine Rolle in ihren Film. Erschrocken bin ich hingegen über Domingos Innenleben, das er sich an die Wand klebt. Auf diese Bekanntschaft ist Miranda July zufällig gestoßen, als sie Domingos Schwester aufsuchte, die Glücksbärchis inseriert hatte.

Meist dienen die angebotenen Dinge im „PennySaver“ als Türöffner. Miranda July fragt stets nach dem Grund der Anzeige und löst eine Kettenreaktion aus, die mitten hinein in das Leben fremder Menschen führt. Es sind Frauen und Männer, mit denen die Künstlerin sonst nicht in Kontakt treten würde. Nach dem Gespräch bei Pauline und Raymond schreibt sie: „Es erschien plötzlich sonnenklar, dass die ganze Welt, und besonders Los Angeles, darauf angelegt war, mich vor genau diesen Leuten, mit denen ich mich nun traf, abzuschirmen. Es gab kein Gesetz dagegen, ihre Bekanntschaft zu machen, aber es passierte einfach nicht. L.A. ist keine Stadt für Fußgänger und hat kein nennenswertes U-Bahn-System – sofern sich nicht jemand in meiner Wohnung oder meinem Auto aufhält, werden wir uns also nie an ein und demselben Ort befinden, nicht einmal für einen Augenblick.“

Miranda July liegen immer zwei Dinge am Herzen: Das Glück und Computer. Fast jedes Mal fragt sie die Menschen nach dem glücklichsten Moment in ihrem Leben und ob sie einen Computer haben. Erstaunlicherweise besitzen die meisten keinen PC, dafür eine Handvoll Geschichten, die aus ihnen fontänenartig aus den Mündern strömen. Manche berühren, manche erschrecken. Mal blinzelt mir die Sonne ins Gesicht und mal erfasst mich ein kalter Regenschauer. Es sind die Fotos, die dem Ganzen die Distanz rauben und mir das Gefühl schenken, als wäre ich direkt vor Ort, würde bei Primila im Wohnzimmer sitzen und mit meiner Hand über den Sari fahren. Ich spüre die feuchte, glibschige Ochsenfrosch-Kaulquappe, die Andrew im Anzeigenblatt anbietet und Miranda July zeigt. Brigitte Sire fängt die persönlichen Puzzleteile mit ihrer Kamera ein, übersieht auch die feinen Details nicht wie die weiß-blonde Frauenperücke in Michaels Wohnung oder der ausgestopfte Tierhintern von einem Reh, der bei Beverly an der Wand hängt. Die Fotos holen mich noch näher an die Menschen heran, die plötzlich keine Fremden mehr sind. Das Objektiv zoomt sich in das Privatleben, ohne aufdringlich zu wirken.

Das Buch „Es findet dich“ schüttelt mich wie ein Mixer durch, weil die einzelnen Geschichten allerhand mit mir anstellen. Ich komme eigentlich gar nicht richtig zum Luftholen, überall lauern Überraschungen. Komische Situationen lassen mich auflachen und bringen meine Augen zum Flattern. In anderen Momenten spüre ich eine Gänsehaut, das Herz fühlt sich zentnerschwer an, ich bin zutiefst betroffen und ringe nach Luft. Miranda July bleibt bei allem sehr menschlich und liebenswert. Sie redet nichts schön und spricht alles an, was ihr durch den Kopf geht. In ihrem Buch gibt sie auch sich selbst Platz und lässt den eigenen Gedanken freien Lauf. Sie schreibt über die Eindrücke, die die Besuche bei ihr hinterlassen, hinterfragt Dinge und natürlich blitzt immer wieder ihr Drehbuch auf. So ist das Ganze auch sehr ein persönliches Werk geworden.
Ihrem bemerkenswerten Feingefühl ist es zu verdanken, dass sich die Interviewten wie Muscheln öffnen. Miranda July zeigt, wie spannend das Leben draußen jenseits des Internets sein kann und wie weit man mit offenen Augen kommt. Es gibt sie, die Geschichten, du musst nur aufmerksam sein. Dann findest du sie oder sie dich. Und irgendwo dazwischen lauert das Glück.

Miranda July.
Es findet dich.
Februar 2012, 220 Seiten, 22,90 €.
Diogenes Verlag.

PS:  Den Film „The Future“ gibt es jetzt übrigens auf DVD:

PS1: Zauberhaft fand ich ihren ersten Film „Ich und du und alle, die wir kennen“:

PS2: „No One Belongs Here More Than You“ gibt es auch auf Deutsch:

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18 Gedanken zu “Nichts ist spannender als die Wirklichkeit.

  1. Mit der Überschrift hast du es ja mal wieder geschafft… und mich neugierig gemacht. Der erste Gedanke dazu war übrigens: So ein Satz von der Klappentexterin, die so gern in verträumte Welten eintaucht. Also wirklich! 😉

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  2. Liebe Klappentexterin,
    dir ist es gelungen, wirklich wunderschöne Worte für deine Lektüreerfahrungen zu finden. Besonders dein Brief an Miranda July hat mir gefallen, mich begeistert. Ich bewundere dich, wie es dir immer wieder gelingt, so wunderschöne, so persönliche Rezensionen zu schreiben. Ich wünschte, Miranda July könnte ein bisschen Deutsch verstehen, sie würde sich sicherlich sehr über deine Worte freuen.
    Mara

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  3. Oh wowh. Den Namen Miranda July hab ich schon mal gehört und gelesen, aber irgendwie bin ich immer über sie drübergewuscht… Deine Lobeshymne hat mich aber soo gepackt, dass ich mehr über die Gute wissen muss. Danke. LG Mila

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  4. Liebe Mila, das ist schön! Ich freue mich sehr, sehr, sehr, dass du nun mehr über die Gute wissen willst! Ihren ersten Film kann ich dir sehr, sehr, sehr ans Herz legen!! Die Kurzgeschichten wurden unterschiedlich aufgenommen, manche mochten sie (ich z. B.) und andere weniger.

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  5. Liebe Klappentexterin,
    Miranda July hat eine eigene Seite mit einem dazugehörigen Kontakt. Schick ihr doch einfach den Link mit deinem Beitrag. Auch wenn sie kein Deutsch versteht, dein Bild sagt mehr als tausend Worte. Ich habe es damals mit Javier Marías so gemacht und als „Antwort“ hat er einen Link zu meinem Blog auf seinen Blog gestellt. Probier es aus! Sie wird sich sicher sehr freuen.
    Lieben Gruß

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