Gefangen im Labyrinth.

Die Einsamkeit in „Ein reiches Leben“ ist wie der Griff einer kalten Hand, die erst wieder loslässt, nachdem ich den letzten Satz beendet habe. Die junge Autorin Mirjam Kristensen hat einen beachtlichen Roman geschrieben, bei dem ich oft staunend den Kopf geschüttelt und die Schultern gehoben habe. Ich konnte nicht glauben, was ich las.

Langsam öffnet sich die Geschichte, kleine Blütenblätter, die sich in Richtung Sonne strecken, obwohl hier nicht an Sonnenschein zu denken ist, eher an ein Unwetter, bei dem eine Gänsehaut den Körper überzieht und ein Frösteln aus den Knochen nach draußen kriecht. Dahlias Leben erinnert mich eine kahle Birke im frühen Winter, wenn die Äste die Spuren von abgefallenen Blättern zeigen. Alles erstarrt, die letzte Lebendigkeit finde ich einzig im zügigen Wind, der hungrig über die knorrige Rinde streift.

Als die Russin vor vielen Jahren mit ihrem Ehemann nach Kopenhagen emigrierte, spürte sie Angst. Heute pocht in ihr die Einsamkeit, denn sie ist allein und hat sich wie eine Einsiedlerin eingenistet. Iwan hat sie damals wegen einer anderen Frau verlassen, Freunde hat Dahlia fast keine, nur flüchtige Kontakte an der Universität. Dort arbeitet sie als Dozentin und schreibt an ihrer Doktorarbeit über Michail Bulgakow, ihr persönliches Lebenswerk, an dem sie unermüdlich feilt und feilt: „Sie würde niemals fertig werden, das dachte sie jeden Morgen, und doch setzte sie sich wieder hin und schrieb, und so wuchs die Arbeit ständig und wurde immer länger, am Ende hatte sie tatsächlich eine ganze Menge über Michail und die Weißen und die Roten und den Teufel in Moskau geschrieben.“ Nach Feierabend kauft sie Fleisch und Gemüse, der Gedanke an das Essen erzeugt in ihr eine Ruhe und legt sich wie Balsam in ihren Kopf.

Eines Nachts, als sie wieder einmal nicht schlafen kann, bemerkt sie den telefonierenden Vermieter im Garten. Isak Rubinowitz lebt mit seiner Frau Nanna über Dahlias Wohnung. Sie sprechen kaum miteinander, nur das Nötigste am Briefkasten oder ein kurzes Grußwort. Ohne, dass Dahlia es wirklich will, belauscht sie das nächtliche Telefonat, hört ein Weinen, das sie mit dem fremden Mann verbindet, hatte sie doch bis eben selbst geweint. Isak Rubinowitz ertappt sie und schleicht sich mit dem Wort „Amerika“ zurück in die Wohnung. Diese Begegnung bringt die Geschichte zwischen Dahlia und Isak Rubinowitz ins Rollen, aus Fremden werden Vertraute, als Isak ihr kurze Zeit später von dem Verkehrsunfall erzählt, bei dem ein Mädchen überfahren worden und der Fahrer bis heute nicht gefunden worden ist. Der Unfall, Isak und Dahlia verschwimmen zu einer Masse, die mich vollkommen einnimmt und bald in die Irre führt, eine gefährliche Irre, aus der ein Entrinnen nicht möglich scheint.

Dahlias Innenwelt gerät nach Isaks Beichte aus dem Gleichgewicht, dieses ihr entgegengebrachte Vertrauen ist es, das sie erschüttert: „Er hatte in ihrer Wunde gebohrt und diese wieder zum Bluten gebracht.“ Fortan kreisen ihre Gedanken nur darum, bis Dahlia einen Zufluchtsort für sich auskundschaftet: der Holocaust. Selbst ihren Michail vergisst sie dabei, gräbt sich in die tieferen Schichten des furchtbaren Krieges, schreibt einen Artikel über einen Erzählband, „der vom Holocaust“ handelt und erhält eine Einladung zu einer Konferenz über die Holocaustliteratur in Jerusalem. Die Flucht in diese andere Welt erfüllt sie im höchsten Maße und führt sie mit jedem Buch weiter weg aus ihrem eigenen Leben, bis eines Tages Isaks Frau vor ihrer Tür steht.

Was ist das Ganze nun? Ein Roman? Ein Thriller? Ich weiß es bis heute nicht. Mirjam Kristensen hat mich in ein Labyrinth geführt, so leise und raffiniert, dass es mich erschaudert. Unglaublich, wie sie das angestellt hat! Die junge Autorin kriecht in das Leben einer älteren Frau und ist dabei so täuschend echt. Eine unzufriedene einsame Frau, die ihren Platz in dem fremden Land sucht und gedankenschwer durch das Leben zieht. Sie fliegt wie ein aufgescheuchter Vogel umher, sehnt sich nach Wärme, scheut aber vor Nähe und Zurückweisung zurück. Die Verletzung von Iwan sitzt zu tief, will einfach nicht verschwinden. Und dann ist da der Unfall, Isaks Geheimnis, das nicht lockerlässt und zu einem großen Etwas anschwillt, eine Wunde, die nicht abheilen will und plötzlich eine ganze andere Wendung einnimmt. Grenzen verwischen, die Realität wird von der Fiktion verschluckt, alles verschiebt sich, das scheinbar gewöhnliche Leben Dahlias verwandelt sich in ein undurchsichtiges Netz. Ich stehe vor ihr, schwer atmend und fuchtele mit meinen Armen.

Mirjam Kristensen spielt nicht nur mit dem Mysteriösen zwischen Wirklichkeit und Fiktion, sie spricht große Themen an, wie die Selbstsuche, die Schuld, die Wahrheit, die Einsamkeit und die Isolation in der Großstadt. So fordert ihr Buch mehr Konzentration, als ich zunächst annahm, hat es auch viele Zwischentöne, die unerhofft in die Szene platzen, umherschwebende Blütenpollen, mit denen man nicht rechnet. Mal ist es eine Regung aus Dahlias Gedankenwelt, mal eine wechselnde Erzählperspektive und mal ein nachdenklicher Dialog.

Nach dem Ende bleiben einige Fragen offen, die kalte Hand sitzt noch auf meiner Schulter und ich erschaudere. Erst langsam taue ich auf und ich forme einen Satz, der mir durch den Kopf spukt: Hier ist ein Wunderkind zugange, das mich mit jeder Zeile ihrer Geschichte beeindruckt und den Wunsch nach mehr weckt.

Mirjam Kristensen.
Ein reiches Leben.
Februar 2011, 254 Seiten, 19,90 €.
Dörlemann Verlag.

Über die Autorin:

Mirjam Kristensen wurde 1978 geboren und stammt aus Lyngdal in Norwegen. Ihr Debütroman erschien im Jahr 2000. Sie erhielt verschiedene Preise und Stipendien für ihre Werke. 2009 erschien zum ersten Mal eins ihrer Bücher auf Deutsch: Ein Nachmittag im Herbst. Die Autorin lebt in Kristansand.

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6 Gedanken zu “Gefangen im Labyrinth.

  1. Liebe Klappentexterin,
    es fällt mir schwer auszudrücken, wie sehr mich deine Rezension begeistert hat, wie sehr mich deine Worte gefangen genommen und verzaubert haben. Ich habe von Mirjam Kristensen bisher noch nie etwas gehört, aber „Ein reiches Leben“ klingt wie eines der Bücher, die wie für mich geschrieben scheinen. Ich habe dieses Jahr schon mehrere Bücher von norwegischen Autoren gelesen und war immer wieder begeistert. Auf diesen Roman freue ich mich schon besonders und werde dir natürlich berichten, wie er mir gefallen hat.
    Liebe Grüße
    Mara

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    1. Liebe Mara,
      hab vielen Dank für deine schönen Worte! Es ist ein Buch, das viel mit mir angestellt hat und es ist eins, das ich in jedem Fall mindestens ein zweites Mal lesen möchte, hat es doch einige dunkle Winkel, die ich bestimmt nicht beim erstmaligen Lesen alle aufgelesen habe. Ich freue mich sehr, dass ich dich mit meiner Besprechung auf eine weitere norwegische Autorin aufmerksam machen konnte und bin gespannt, wie es dir gefallen wird.

      Liebe Grüße
      Klappentexterin

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  2. Deine rezension hat mich sehr bewegt. Deine Worte, die Gefühle, die du ausdrückst. Es ist ein Kunstwerk! Wirklich! Das Buch, von dem du sprichst, reizt mich jetzt nicht sehr, aber von dir möchte ich noch mehr lesen!

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  3. Hach, mir geht es wie Mara und Melissa, ich bin bewegt und denke, das Buch muss meins werden! Und dann habe ich fast schon Angst davor, dass meine Erwartungen nach deinen wunderschönen Worten gar nicht alle erfüllt werden können. Diese sich langsam öffneden Geschichte mit ihren kleinen Blütenblättern… Gänsehaut!
    LG mila

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    1. Liebe Mila, hab vielen Dank für deinen wunderbaren Kommentar! Ich wünsche mir sehr, dass dich das Buch genauso bewegt wie mich, ist es doch so beeindruckend und verdient noch viele weitere begeisterte LeserInnen! Leider bleibt immer ein kleines Restrisiko, weil Bücher sehr persönliche Erlebnisse sind. Na, ich drücke fest alle Daumen, dass es zwischen euch beiden funkt!

      Sonnige Wochenendgrüße,

      Klappentexterin

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