Es bröckelt.

Normalerweise sind Romane für mich kleine Fluchten. Raus aus dem Alltag direkt hinein in andere Welten. Doch dieses Mal war das anders. Bei Thomas von Steinaecker lauert die nackte Wahrheit.

Renate Meißner ist Angestellte bei einer großen Versicherungsgesellschaft. Die 42-Jährige ist nach München versetzt worden und tritt ihren ersten Arbeitstag an. Draußen weht ein kalter Wind, ein plötzlicher Kälteeinbruch, der als Metapher für Renates Leben vergleichbar ist. Von Wärme fehlt jegliche Spur, dafür schlägt eine Schwermut in ihrer Brust. Als Renate eilende Menschen, die wie sie auf dem Weg zur Arbeit sind, kurz für eine Trauergemeinde hält, fühle ich mich in meiner Ahnung bestätigt. In dieser Sequenz macht sich auch der Stil des Buches bemerkbar. Das Auge zwinkert mir schelmisch zu und zieht das Drama auseinander, die Enge macht sich nicht mehr ganz so schmerzvoll im Hals bemerkbar.

Thomas von Steinaecker zoomt sich in „Das Jahr, in dem ich aufhörte mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen“, ins Jahr 2008 zurück, beginnt da, wo einst die Finanzmärkte wie Kartenhäuser zusammen brachen. Damit spitzt der Autor das Schicksal von Renate Meißner zu, die sich ihren eigenen Sicherheitstrakt baut, bestehend aus Eigenevaluationen, mit denen sie sich bewertet. Sie nimmt Tabletten, führt „kontrollierte Entleerungen“ des Magens durch und isst nur ganz wenig. Letzteres erklärt sie so: „Anders als beim Großen, kann es beim Kleinen Hunger nie zur reichhaltigen Befriedigung kommen. Menschen mit Kleinem Hunger kennen den Satz nicht: Ich kann nicht mehr. Mit Kleinem Hunger kann man immer und noch mehr. Es gilt, den Kleinen Hunger als Chance zu begreifen. Wir können immer, wir können mehr.“ Ein Beweis dafür, wie verbissen die Angestellte ist, die vor allem eins nicht will – die Kontrolle verlieren. Einmal reicht. Ich rede von der Affäre, die sie dorthin brachte, wo sie heute steht. Sie wollte mehr als nur eine Affäre, doch der Geliebte hielt an seiner Familie fest. Damit sie aus der Schusslinie gerät, hat ihr Walter sie nach München versetzt, in eine Abteilung, wie sie erfährt, die momentan auf dem Prüfstand steht.

Nein, es ist nicht neu, was Thomas von Steinaecker in seinem Roman verarbeitet hat und doch erzeugt er ein beklemmendes Gefühl, lässt den Leser den Druck spüren, wenn es heißt, dass die Versicherungsangestellten jede halbe Stunde einen Kunden beraten müssen. Renate Meißners Situation spielt sich hoch, als der Controller sie bittet, bei den anstehenden Personalgesprächen mit anwesend zu sein. Obendrein kämpft sie noch mit dem Tod der Mutter, die vor drei Monaten verstorben ist. Kurz danach erfährt sie, dass ihre totgeglaubte Großmutter noch am Leben sein soll. In einer Großkundin aus Russland, die an einem Geschäft mit ihr interessiert ist, glaubt sie ihre Großmutter wiederzuerkennen. Als Renate nach Russland reist, verschwimmen immer mehr die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Phantasie. Was ist wahr, was nur Einbildung?

Das zwinkernde Auge ist allgegenwärtig. Es blitzt nicht nur in den Textstellen auf, sondern auch in den Bildern und Statistiken, die sich zwischen die Sätze mischen. Mir ist oft zum Schmunzeln zumute, obwohl mich Renate Meißners Leben an eine graue, kahle Wand erinnert. Die Frau ist nicht zu beneiden und erweckt in mir großes Mitgefühl. Nach draußen hin wahrt sie den starken Schein, gibt sich als Businessfrau, doch in ihr drinnen tobt die Schwermut, die da nicht allein hockt. Ihre einzige Freundin entpuppt sich als eine Art Seiltänzerin, der Renate nicht mehr trauen kann. Einsamkeit und Ängste befallen sie wie ein Virus, den sie versucht mit Pharmazeutika zu betäuben. Um nicht komplett das Gleichgewicht zu verlieren, hält sich die Ich-Erzählerin gern an Analysen fest, wie die Einteilung von Vergangenheits-, Gegenwarts-, und Zukunftsmenschen. Gewinnen kann man nur, wenn man im Hier und Jetzt lebt. „Nur so verliert man nicht das Ziel aus den Augen. Nur Gegenwartsmenschen sind dafür geeignet, größere Unternehmen zu führen.“ Aus den Schlussfolgerungen müsste man meinen, hier steht eine fest verankerte Frau, aber das sind lediglich Stäbe, an denen sich Renate festhält, kleine Rettungspfosten. Wenn man genau hinschaut, sieht man, es bröckelt.

Thomas von Steinaecker hat einen sehr realistischen Roman geschrieben. Leider hat er für mich zum Schluss einen Schwachpunkt, die Szenerie in Russland wird zunehmend langatmig. Ich habe das Gefühl, als würde sich die Protagonistin in einem Wollknäuel verheddern. Der Autor, der mit dem Buch für den Leipziger Buchpreis 2012 nominiert war, hat unserer Arbeitswelt den Spiegel vorgehalten. Die Angst, heutzutage seinen Job zu verlieren, ist größer als je zuvor. Nicht, dass wir das nicht wüssten, aber dieser Angst in einem Roman zu begegnen, hat eine ganz eigene Wucht.

Thomas von Steinaecker.
Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen.
Februar 2012, 399 Seiten, 19,99 €.
S. Fischer Verlag.

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6 Gedanken zu “Es bröckelt.

  1. Ich musst gerade laut auflachen über den Kommentar von buchstabentraeume, da ich etwas ähnliches gedacht habe, nachdem ich die Rezension gelesen habe! Ich habe im Buchladen auch schon häufiger reingelesen, da ich mir einfach sehr gewünscht habe, dass mir das Buch gefällt: das Cover ist toll und der Titel ist ja nun mal total genial. Aber irgendwie hat es mich dann sprachlich einfach nicht gepackt und ich habe es dann doch immer wieder weggelegt und mich für etwas anderes entschieden.
    Vielleicht sollte ich auf das Taschenbuch warten? 🙂

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