John Irving ist die beste Medizin!

Nun ist es passiert. Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch ich in die faszinierende Welt von John Irving schlittern und mich daran festklammern sollte wie ein Kranker an seiner Medizin. Vor einigen Jahren hatten wir schon eine kurze Begegnung, damals war es anders, nicht wie heute. Jetzt brenne ich förmlich, bin eine Durstige, die den nächsten Irving-Drink kaum erwarten kann.

Lange habe ich überlegt, ob ich über „Das Hotel New Hampshire“ schreiben soll, kennen es doch bereits so viele. Aber vielleicht gibt es dort draußen noch einige wie mich, die es bisher nicht geschafft haben, dieses Buch zu entdecken. Und ich bin es John Irving in gewisser Weise schuldig, seinen grandiosen Roman an die Öffentlichkeit zu tragen. Ich hab’s ihm doch in meinem offenen Brief versprochen, dass ich seine Werke lesen möchte. Danach hat sich meine Irving-Sammlung übrigens in Nullkommanix erweitert. Jetzt stehen „Gottes Werk und Teufels Beitrag“, „Owen Meany“ und „Die wilde Geschichte vom Wassertrinker“ in meinem Regal.

Als ich „Das Hotel New Hampshire“ aufgeschlagen hatte, war ich krank. Eine Virenschar machte es sich in meinem Hals bequem. Da lag ich also im Bett, starrte an die Decke und suchte vergeblich ein Lächeln. Es kam nicht. Und dann grinste mich wie aus dem Nichts der Roman an, sagte: „Du wolltest mich so lange schon lesen und hast dich beschwert, dass ich sehr dick bin. Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Bereits nach den ersten Seiten hatte ich Schmetterlinge in meinem Bauch, so entzückt und glücklich war ich. Ich tauchte immer in tiefer in die Familiengeschichte und konnte mich nicht lösen.

John, der Ich-Erzähler, öffnet mir die Tür. Ich fühle mich von Anfang unwahrscheinlich geborgen und glaube, die Familie Berry lange zu kennen. Die Atmosphäre ist warmherzig und jeder ist mir sehr nah, als würde er direkt neben meinem Herz sitzen. Nicht nur das begeistert mich. Es sind vor allem die herrlichen Dialoge, die mir vor Lachen die Tränen in die Augen treiben. Nichts wird unter den Teppich gekehrt, sondern geradewegs ausgesprochen. Bald tauchen ein gewisser Freud und State o’ Maine auf, ein Jude und ein Bär, die zur Geschichte der Familie gehören sollten, genauso wie drei Hotels.

Diese Familie ist so wunderbar verrückt und springt aus jedem festgesetzten Raster, dass selbst John einmal ein Unbehagen beschleicht, doch seine geliebte schöne Schwester schreitet ein. „Versteh doch“, erklärte Franny Jahre später, „wir sind nicht exzentrisch, wir sind nicht bizarr. Für einander“, sagte sie, „sind wir so alltäglich wie der Regen.“ Genau diese gefühlte Normalität macht die Familie so authentisch und einzigartig. Jeder ist auf seine Weise hinreißend. John Irving entpuppt sich für mich als Meister, in jeder Hinsicht. Er schafft ungewöhnliche Charaktere und schmückt sie bis zur Vollendung aus. Ich könnte sie hier alle aufzählen und beschreiben, aber das würde den Rahmen sprengen. Außerdem muss man sie leibhaftig erlebt haben, um dieses gewisse Irving-Lächeln im Gesicht zu haben.

Der Autor überrascht mit einer Reihe komischen Szenen, bei denen die Welt Kopf steht wie die, als der Hund Kummer eine bevorstehende Liebesnacht zunichte macht. Solche Momente sind einfach unbeschreiblich, kleine Lach-Explosionen, die sogar die hartnäckigsten Viren erschüttern. Ja, John Irving ist die beste Medizin. „Das Hotel New Hampshire“ ist eine andere Welt, in der ich mich trotzdem nie fremd fühle. Es ist unglaublich bizarr, eine leuchtende Phantasie breitet die Arme auf und fängt mich ein. Ich schmunzele über den Bären, der Motorrad fährt, verdrehe die Augen, als ich in Wien das zweite Hotel betrete, in dem Prostituierte ihrem Geschäft nachgehen und Radikale ihre Pläne schmieden. Ich sauge eindrucksvolle weise und kluge Sätze auf: »Wenn wir nicht durch das, was wir verlieren und vermissen, was wir wollen und nicht haben können, stark werden könnten,“ sagte Vater, „dann könnten wir nie stark genug werden, oder? Was sonst macht uns stark?“ fragte Vater.« Und ich verliere mich in unerwarteten Dramen, vor denen auch die Familie Berry nicht verschont bleibt. Trotz aller Heiterkeit webt Irving bewegende Momente ein, die mich im Bett beben lassen.

„Das Hotel New Hampshire“ ist prall gefüllt wie eine Gans, überall lauern ungewöhnliche Geschichten und interessante Menschen, die ein bisschen verbogen und schief aussehen, sie passen in keine Schublade. Und genau das macht sie alle liebenswert. Ich verstehe nun, warum Irvings Romane dick sind wie Backsteine. Jedes Element braucht seinen eigenen Raum, um sich zu entfalten. Jeder Satz ist durchdacht, ein langer Faden, der sorgsam die ganze Geschichte zu einem warmen Mantel strickt. Nachdem mir so viele Menschen dieses Buch ans Herz gelegt hatten, dachte ich: „Da muss was dran sein.“ Und ja, da ist was dran, mehr als gedacht. Medizin geradezu.

John Irving.
Das Hotel New Hampshire.
1984, 596 Seiten, 12,90 €.
Diogenes Verlag.

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28 Gedanken zu “John Irving ist die beste Medizin!

  1. Meine Liebe zu John Irving war wenn man so will ein One-Night-Stand. Vor einigen Jahren habe ich „Garp und wie er die Welt sah“ gelesen und mich von einem Moment auf den nächsten unsterblich verliebt, ein tolles, ein faszinierendes Buch. Und ja, ein bisschen war es für mich auch eine Medizin. In den folgenden Jahren wollte ich immer mal wieder etwas von ihm lesen, doch „Owen Meany“ habe ich irgendwann entnervt zur Seite gelegt, „Das Hotel New Hampshire“ nie begonnen. Vielleicht sollte ich mal wieder versuchen zu einem Buch von John Irving zu greifen, um diese Liebe wieder aufleben zu lassen! 😉

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    1. Liebe Mara,
      ich bin ein „John Irving-Neuling“ und weiß noch wenig über seine Bücher. Trotzdem möchte ich dich anschubsen, mit diesem fantastischen Roman den Versuch zu starten, aus einem One-Night-Stand eine Liebe entstehen zu lassen. Vielleicht und hoffentlich klappt’s mit euch beiden. Ich würde es mir sehr wünschen.

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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      1. Liebe Klappentexterin,
        herzlichen Dank für die Ermutigung, es weiter mit John Irving zu versuchen. Das werde ich sicherlich tun. „Letzte Nacht in Twisted River“ steht hier auch schon bereit … kennst du den Dokumentarfilm zu John Irving, der vor kurzem in die Kinos gekommen ist? Der würde mich interessieren.

        Ich lese gerade, dass du Garp noch nicht kennst. Ich beneide dich, dass du dieses großartige Buch noch vor dir hast!

        Liebe Grüße
        Mara

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      2. Es freut mich sehr, dass ich dich ermutigen konnte! Ja, auf den Garp bin ich schon gespannt, da hast du schöne Worte gefunden, die meine Neugier anstoßen! Nein, den Film habe ich leider noch nicht gesehen, möchte es aber noch tun.

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  2. Ich hab bei mir noch „Die fünfte Hand“ stehen. Aber mein erster Leseversuch scheiterte nach ca. 30 Seiten. Irgendwann will ich es nochmal versuchen. Aber „Garp und wie er die WElt sah“ hab ich gelesen und fand es irgendwie faszinierend.

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    1. Liebe Melissa,
      vielleicht war es dann nicht das richtige Buch oder der falsche Moment? Wie oben schon gesagt, stecke ich noch nicht ganz in der John Irving Materie drin und kann gar nichts zu seinen anderen Büchern sagen. Den Garp habe ich übrigens auf meiner Wunschliste zu stehen. Ich freue mich schon sehr auf das Faszinierende!

      Viele Grüße
      Klappentexterin

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  3. einen besseren einstieg ins irving-universum als das hotel new hampshire kann es meiner meinung nach gar nicht geben. es war auch mein „erstes mal“ und hat mich süchtig gemacht. meine absolute nummer eins wurde aber später „owen meany“ (der müsste mit auf die insel), dicht gefolgt von „gottes werk und teufels beitrag“. also, unbedingt weiter irvingen !!!

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    1. Liebe susa, gerade „Owen Meany“ scheint die Leser zu spalten. Einige loben das Buch in höchsten Tönen, andere mochten es nicht gar nicht. Interessant, nicht wahr? Nun, ich finde es selbst heraus, was der Roman mit mir anstellt und werde gern weiter irvingen.

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  4. Du hast also den ersten Schritt genommen. Ich bin davon noch weit entfernt. Auch mir wird immer wieder dieser Schriftsteller empfohlen. Hatte aber bis jetzt noch nie Gelegenheit ihn zu lesen bzw. bis jetzt hat er mich einfach nicht gereizt. Vielleicht sollte ich doch einmal einen Blick wagen und mich auf die selbe Art und Weise fesseln lassen….
    Zumal er ja auch beim Diogenes Verlag erscheint. Ich werde das mal überschlafen.

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  5. Ich habe von Irving bislang nur „Garp und wie er die Welt sah“ gelesen, das ich einfach nur großartig fand! Ganz weit oben auf meiner Wunschliste steht „Owen Meany“ – das wird bestimmt mein nächster Irving. Ich finde aber, dass man für seine Bücher in der richtigen Stimmung sein muss. Die sind nichts für Zwischendurch…

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    1. Das ist wohl wahr, Irvings Bücher sind besondere Werke, die man nicht eben so liest und wie du so schön geschrieben hast: Man muss in der richtigen Stimmung sein. Für mich war es ja die beste Lektüre im Krankenbett. Ich kann sie mir aber gut für den Urlaub vorstellen.

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  6. Das Buch scheint ganz nach meinem Geschmack zu sein. Ich kann es kaum erwarten, es zu lesen. Zumal ich immer, wenn ich über diese sonderbare, aber liebenswerte Familie etwas lese (wie auch jetzt in deiner schönen Rezension), an die Royal Tenenbaums denken muss – ein Film, den ich wegen seines skurrilen Humors liebe.

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    1. Die Royal Tenenbaums kenne ich gar nicht. Wer ist das? In jedem Fall sind die Berrys eine ungewöhnliche Familie, die man einfach nur ins Herz schließen kann. Ich wünsche dir schon jetzt viel Freude mit diesem wundervollen Buch!

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      1. Ach so, das hätte ich vielleicht noch erwähnen sollen: Es handelt sich dabei um einen Film von dem großartigen Regisseur Wes Anderson. Wunderbarer Humor, absolut absurd, völlig durchgeknallt, aber keineswegs im Sinne von „albern“, sondern eben liebenswert und tiefgründig. Also wenn du kurz mal keine Lust auf Bücher hast, kann ich dir den Film nur ans Herz legen.

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      2. Ich schließe mich caterina an, der Film ist wundervoll. Von den Royal Tenenbaums und Rushmore (mein Lieblingsfilm von Wes Anderson, gefolgt von den Tenenbaums) habe ich die Drehbücher, weil sie so toll geschrieben sind. Auffällig ist neben den schrägen und liebenswerten Figuren, der Erzählweise und den Dialogen, der großartigen Musikauswahl auf jeden Fall noch die Ausstattung seiner Filme. Da sind so viele liebevolle Details zu entdecken, die kann man gar nicht alle auf einmal verarbeiten. Ein Grund, warum ich mir die Filme immer wieder gerne ansehe. Die ersten Minuten bieten einen schönen Einblick, was Dich erwartet: http://youtu.be/w1uA1TMnsTM

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      3. Das hat wortlandschaften ganz wunderbar zusammengefasst: In Andersons Filmen gibt es unglaublich viel zu entdecken – auf inhaltlicher, ästhetischer und musikalischer Ebene. Rushmore kenne ich zugegebenermaßen noch nicht, mein Lieblingsfilm ist Darjeeling Limited. Und der neueste kommt ja bald in die Kinos – hast schon gesehen, wortlandschaften?

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      4. Habt lieben Dank für diesen Geheimtipp und die Beschreibung! Da habt ihr mich zu einem mir bislang unbekannten Film gebracht, der mich sehr neugierig macht. Von Wes Anderson habe ich einen Film in meiner DVD-Sammlung: „Der fantastische Mr. Fox“. Ihr wollt nicht wissen, wie oft ich den Film schon gesehen habe… Ich liebe ihn! Also nochmals vielen, vielen Dank!

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      5. Den habe ich auch gesehen. Sehr niedlich. Aber an die anderen Filme kommt er meiner Meinung nach nicht heran. Vielleicht, weil es ein Animationsfilm ist und die mich ein bisschen weniger begeistern.

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      6. @caterina
        Ja, habe ich gesehen (u.a. auf Deiner Facebookseite). Ich freue mich schon sehr auf den Film, den ich mir sicher wieder im Kino ansehen werde. „Darjeeling Limited“ (und natürlich den [kurz-]filmischen Prolog „Hotel Chevalier“) habe ich im Kino gesehen. Eine der wenigen Vorstellungen, die auch im Original bis auf den letzten Platz besetzt war.
        @Klappentexterin
        „Der fantastische Mr. Fox“ mag ich auch sehr gerne, wobei er mir beim 2. Mal besser gefiel, als nach der ersten Sichtung. Die Konstanten in Wes Andersons Filmen, Jason Schwartzman, Bill Murray und Owen Wilson, sind da ja auch wieder vertreten, diesmal mit ihren Stimmen. Es gibt für mich keine bessere Besetzung für den Dachs, als Bill Murray. Irgendwie habe ich sein Gesicht schon in der Puppe gesehen. Im Netz habe ich diese schöne Zeichnung gefunden. Und das Opossum hatte doch schon lange vor unserer schielenden Heidi ein ähnliches Problem. Ich bin ein großer Fan von Animationsfilmen, besonders von Stop-Motion und solchen, die ohne Computeranimationen auskommen, was natürlich immer seltener wird. Aber es gibt noch die Bastler, die Jahre oder gar Jahrzehnte an einem Film arbeiten. Bevor ich jetzt noch weiter abdrifte, schließe ich mal lieber und hoffe, Du hast genauso viel Freude an den Filmen, wie wir bzw. wie am fantastischen Mr. Fox.

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      7. Ich bin eigentlich auch keine Freundin von Animationsfilmen, aber beim Mr. Fox war das ganz anders. Ich liebe diese kleinen Details, die ich jedes Mal aufs Neue entdecke oder mich erneut an ihnen erfreue. Ich bin mir sicher, dass auch die anderen Filme in mir eine großere Begeisterung hervorrufen werden. Schön, wie uns Irving dazu hingeführt hat! Also lieben Dank euch beiden!

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  7. Du hast es getan! Jetzt muss ich diesen Roman dann wohl auch in Angriff nehmen. Du hast bei mir ja gesehen, dass ich ihn aus dem Antiquariat bereits besorgt habe. Das wäre doch sicher eine tolle Lektüre für den Urlaub?

    Herzlich buechermaniac

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    1. Ja, das habe ich und innerlich gelächelt. Und noch ein lautes Ja! Dieses Buch ist nicht nur die ideale Krankenbettlektüre, sondern bietet sich auch perfekt für den Urlaub an. Genieß den Roman und wenn du an der besagten Stelle mit Kummer angekommen bist, werde ich dein Lachen sicherlich bis zu mir hören.

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