Marion Brasch über Familie.

Wie bereits angekündigt, kommt heute Marion Brasch bei mir zu Wort. Im Februar ist ihr Roman „Ab jetzt ist Ruhe“ erschienen.

Foto: Jürgen Bauer.

Marion Brasch wurde 1961 in Berlin geboren. Nach dem Abitur arbeitete sie als gelernte Schriftsetzerin bei verschiedenen Verlagen und beim Komponistenverband der DDR. 1987 wechselte sie zum Rundfunk und wurde beim Jugendsender DT64 Musikredakteurin. Heute ist Marion Brasch als freie Rundfunkjournalistin und -moderatorin bei radioeins tätig.

Klappentexterin: Erinnern Sie sich noch an den Moment, in dem Sie beschlossen haben, Ihre Familiengeschichte aufzuschreiben? Wie haben Sie sich gefühlt?
Marion Brasch: Es war der Moment, da der Verlag S. Fischer mir gesagt hat, dass sie dieses Buch wollen. Ich hatte erst fünfundzwanzig Seiten geschrieben und war mir überhaupt nicht sicher, dass daraus ein Buch werden könnte. Nachdem ich den Vertrag unterschrieben habe, wusste ich, dass ich jetzt ran muss. Und ab diesem Zeitpunkt wollte ich auch ran.

Warum haben Sie sich für die Romanform entschieden und nicht für eine Autobiographie?
MB: Für eine Autobiographie fühle ich mich noch nicht alt und auch nicht interessant genug. Zudem hätte ich mich, um dieser Familie gerecht zu werden, von meinem eigenen, ganz subjektiven Blick entfernen müssen, und das wollte ich nicht. Eine Familienbiographie hätte ich auch nicht schreiben können, weil das umfangreiches Faktenwissen voraussetzt. Ich hätte mich in Archive und Bibliotheken setzen müssen, und dazu hatte ich keine Lust. Der Roman hat mir die Möglichkeit gegeben, Fakten und Fiktion zu mischen und dabei auch mal rumzuspinnen. Das hat Spaß gemacht.

Wollten Sie mit dem Roman Ihrer Familie ein kleines Denkmal setzen?

MB: Nein, das wollte ich nicht. Denkmal – das klingt so groß und bedeutungsschwer, und so habe ich meine Familie nie empfunden. Für mich war es ja normal und alltäglich mit und in dieser Familie zu leben, trotz der Brüche und Verluste, die damit verbunden waren. Ein wichtiger Impuls, diesen Roman zu schreiben, war meine eigene Tochter. Ihr ist das Buch gewidmet, denn es erzählt ja auch die Geschichte ihrer Familie.

Sie verzichten in Ihrer Geschichte bewusst auf Namen. Was hat Sie dazu bewogen?
MB: Auch das hat etwas mit der Romanform zu tun, für die ich mich entschieden habe. Die echten Namen meiner Familie hätten der Geschichte sofort wieder einen dokumentarischen Charakter gegeben, und das wollte ich nicht. Außerdem hat es mir Spaß gemacht, die berühmteren Figuren in diesem Roman, nur skizzenhaft zu umschreiben, und vielleicht trotzdem erkennbar zu machen.

Hat Sie Ihr Roman näher an Ihre Familie gebracht?
MB: Ja, unbedingt. Und ich habe beim Schreiben auch sehr viel besser verstanden, warum bestimmte Dinge in dieser Familie passiert sind bzw. passieren konnten. Dafür musste ich zum Teil auch meine ganz eigene Perspektive verlassen und mich bemühen, mich in die Mitglieder meiner Familie hineinzuversetzen. Das wiederum hat mich in die Lage versetzt, mich selbst von außen zu sehen, und das war ziemlich interessant. Ein Freund hat mal zu mir gesagt: Andere machen eine Therapie, Du schreibst das Buch – ich glaube, da ist was dran.

Das Verhältnis zwischen Ihrem Vater und Ihren Brüder war angespannt. Wie sind Sie mit dieser Situation zurecht gekommen?
MB: Das war oft schwer auszuhalten. Vor allem als ich noch klein war, habe ich sehr gelitten, wenn es Streit in der Familie gab. Ich habe mich dann immer sehr einsam gefühlt und hatte Angst. Als ich erwachsen wurde, stand ich oft zwischen den Fronten, was es auch nicht gerade leicht machte.

Waren Sie gern die kleine Schwester?

MB: Ja, das war ich. Ich fand es toll, drei große Brüder zu haben. Man kann ja prima damit angeben und sogar drohen. Nein, im Ernst: ich war stolz auf meine Brüder, sie waren groß und schön und alle drei sehr talentiert. Naja, mit meinem jüngsten Bruder Peter, der fünf Jahre älter war als ich, habe ich mich auch oft gestritten wie das Geschwister eben tun – doch bewundert habe ich ihn natürlich später auch.

Welchen Einfluss haben Ihre jüdischen Wurzeln auf Ihr Leben?

MB: Keine. Das Judentum hat bei uns zu Hause nie eine Rolle gespielt. Wir waren Kinder von Kommunisten – so sind wir herangewachsen, und das war auch das Selbstverständnis meiner Eltern. Mitte der 80er Jahre habe ich mich mal etwas intensiver mit meiner jüdischen Herkunft beschäftigt und bin ein paar mal zu Jüdischen Gemeinde in Ostberlin gegangen. Doch nicht sehr lange, weil ich mich immer fühlte, als ginge ich ins Theater. Es war interessant, hatte aber nichts mit mir zu tun.

Sie kennen Berlin schon sehr lange und haben die Veränderungen miterlebt. Vermissen Sie heute etwas in der Stadt? Oder hat sich Berlin für Sie ideal weiterentwickelt?
MB: Ich hänge sehr an Berlin. Hier bin ich geboren und verwurzelt, und da ich schon so lange in Prenzlauer Berg wohne, registriere ich jede Veränderung natürlich besonders stark. Die Bevölkerung hat sich inzwischen fast komplett ausgetauscht, und das tut dem Stadtteil nicht gut, weil er nicht mehr so heterogen und kontrastreich ist, wie er mal war – und dieser Prozess greift um sich und macht die Hauptstadt immer langweiliger. Clubs sterben, Zwischennutzungen werden plattgemacht – nein, ich mag dieses glatte Berlin der schönen Fassaden nicht besonders. Dennoch würde ich nie woanders hin ziehen.

Abschließend interessiert es mich sehr, ob Sie weiterschreiben werden. Darf ich mich irgendwann über ein weiteres Buch von Ihnen freuen?
MB: Ich würde sehr gern weiterschreiben. Mal sehen, was mir so einfällt…

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht Marion Brasch alles Gute und weiterhin viel Erfolg!

Marion Brasch liest am Mittwoch, 14.03., um 20 Uhr im Georg Büchner Buchladen (Moderation Julia Franck). Die Autorin ist auch auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse zu Gast, z.B. am Donnerstag, 15.03. um 11.30 Uhr auf dem Blauen Sofa in der Glashalle. Weitere Lesetermine findet ihr hier.
Und hier geht’s zum Blog der Autorin.

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6 Gedanken zu “Marion Brasch über Familie.

  1. Noch als Ergänzung zu Deinem interessanten Interview:
    Marion Brasch war zusammen mit Annika Reich kürzlich auch bei Felicitas von Lovenberg in Literatur im Foyer zu Gast.

    In der aktuellen Sendung – mal wieder volle Runde (von Lovenberg, Dorn, Scheck, Mangold)- hat Ijoma Mangold das Buch von Marion Brasch am Schluß als Empfehlung im Gepäck. Nebenbei bemerkt: Sehr interessant und teilweise auch amüsant fand ich diesmal die bis auf Krachts Imperium himmelweit auseinandergehenden Meinungen zu den vorgestellten Büchern (Zeruya Shalev, Javier Marías, John Burnside).

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