Die Stimme der verlorenen Seelen.

Regentropfen verbinde ich immer ein bisschen mit Carson McCullers. Ruhig fallen ihre Geschichten nieder. Unaufgeregt mit einem Hauch Melancholie erzählt sie von den Menschen und ihren Sorgen. Die amerikanische Autorin schenkt vor allem den Ausgestoßenen eine Stimme. Einzelgänger, unglücklich Verliebte und eigenwillige Zeitgenossen bekommen bei McCullers einen Platz. Da öffnet sich mir automatisch das Herz und ich verfange mich in den Schicksalen. Leise sind die Dramen, feine Regentropfen, für die ich den Regenschirm nicht aufspannen will, weil sie eine Zärtlichkeit in sich haben.

Den großen Erfolg hatte die amerikanische Autorin mit „Das Herz ist ein einsamer Jäger“. Sie war gerade 23 Jahre alt, als ihr Debüt erschien und zu einem Welterfolg wurde. Mich konnte es genauso begeistern wie „Die Ballade vom traurigen Café“. Darüber hinaus schrieb Carson McCullers Theaterstücke und Erzählungen. Eine Auswahl der Erzählungen liegt jetzt in dem Hörbuch „Wunderkind“ vor, das Elke Heidenreich vorliest.

Das Hörbuch enthält sieben Geschichten, einige sind länger, andere kürzer, aber alle vereint eins: Sie sind intensiv und bleiben noch lange nach dem letzten Satz im Gedächtnis. Sie erzeugen kleine Spurrillen im Kopf, über die ich immer wieder fahre. Manche sind so einnehmend, dass sie mich sogar in den Schlaf tragen. Draußen ist die Dunkelheit und in mir drinnen ein großes Bild, von dem ich mich nicht verabschieden mag.
Da wäre „Wunderkind“, in dem Carson McCullers ihre gescheiterte Pianistenkarriere literarisch verarbeitet hat. Schon im ersten Abschnitt spüre ich die Unsicherheit des Mädchens, um die sich die Geschichte dreht. Die junge Pianistin ist bei ihrem Klavierlehrer Mr. Bilderbach angekommen und zieht ihre Fäustlinge aus. Kurz erwidert sie Mr. Bilderbachs Willkommensgruß und hört das Gemurmel des anderen Schülers, ehe sich wieder die große Unruhe in ihr ausstreckt und jegliche Gelassenheit wie eine Fliege zerquetscht. „In Gedanken sah sie ihre Finger, die kraftlos in einem Gewirr von Klaviertasten versanken. Sie spürte ihre Müdigkeit und dachte, wenn er sie noch länger ansähe, würden ihre Hände vielleicht zu zittern beginnen.“ Ich ahne, dies sollte keine gewöhnliche Unterrichtsstunde werden und lausche gespannt weiter.

Der Ton in „Madame Zilensky und der König von Finnland“ beginnt zunächst leichter und entlockt mir ein Lächeln über die eigenwilligen Hauptpersonen wie der verschrobene Mr. Brook und die rätselhafte Madame Zilensky mit ihren drei scheuen Söhnen. Mr. Brook erinnert mich die ganze Zeit an einen Maulwurf, der seinen Kopf aus seinem Hügel steckt und sich über die neuen Gesellen verwundert am Kopf kratzt. Irgendwas stimmt nicht. Nur was? Madame Zilensky ist Musikprofessorin und konnte für das Ryder College gewonnen werden. Obwohl alle mit ihrer Arbeit zufrieden, stellt sich bei Mr. Brook ein Unbehagen ein. Und nachdem Madame Zilensky die Geschichte über den König von Finnland erzählt, kommt es zur Explosion in seinem Kopf: „Die Frau war eine pathologische Lügnerin. Fast jedes Wort, das sie außerhalb des Unterrichts äußerte, war eine Unwahrheit.“ Stimmt es wirklich?

Da haben wir sie wieder, eine weitere tragische Figur in der Literaturwelt von Carson McCullers. Einfach entlarven lassen sich die Lügenmärchen von Madame Zilensky nicht, sie streitet alles ab und das Ende bleibt offen. Einen krachenden Showdown sucht man bei Carson McCullers vergeblich, vielmehr bleibt es ruhig, still in sich gekehrt. Die Protagonisten sind isoliert, bewegen sich in ihrem eigenen Vakuum und schwimmen in ihrer Tragik. Manche sinken ganz tief ins dunkle Meer, andere halten sich an einer Boje fest und finden nach oben. Es ist das Menschliche, was McCullers eindrucksvoll nach draußen zieht. Die Lebensschicksale greifen um sich und bewegen mich. Ich möchte in die Geschichten steigen, meine Hand ausstrecken, leise flüstern, dass das Unglück irgendwann müde wird und verschwindet.

Jede Erzählung steht für sich und verdient einen besonderen Platz, doch auf alle einzugehen, würde den Rahmen meiner Besprechung sprengen. Außerdem möchte ich nicht alles verraten und euch den Schlüssel überreichen, damit ihr selbst die Tür in die Welt von Carson McCullers aufschließen könnt. Vielleicht ergeht es euch wie mir, wenn ihr „Wer hat den Wind gesehen?“ hört. Ein Fieber befiel mich, nachdem ich die tragische Geschichte von Ken Harris gehört hatte. Mein Atem wurde ganz flach, die Augen feucht. Voller Mitgefühl ließ mich Carson McCullers zurück, als sie mit den Worten endete: „Kens Weg war so wenig vorauszusehen wie der des unsichtbaren Windes, er dachte nur an seine Fußstapfen und an die Strecke, die vor ihm lag.“

Elke Heidenreich spricht aufrecht, ich stelle sie mir wie eine kerzengerade Linie vor, ja, sie ist eine Kerze, die Licht in die dunklen Geschichten bringt. Ihre Stimme bleibt ruhig, flattert manchmal wie ein Vögelchen in mein Ohr, dass ich kurz aufschrecke oder lächle. Sie haucht den Erzählungen Leben ein und bewahrt trotzdem die Ruhe, die von den Geschichten ausgeht. So bleibt jede Geschichte in ihrer Einzigartigkeit verankert.

Carson McCullers ist eine bedeutende Schriftstellerin, für mich eine der größten, vor der ich mich mit Achtung verneige. Viel zu jung musste sie mit gesundheitlichen Schicksalsschlägen kämpfen, dennoch schrieb sie weiter und hat ein Denkmal in der amerikanischen Literatur gesetzt, das bis heute unvergesslich bleibt und dem ich heute hier eine Stimme geben möchte.

Carson McCullers.
Wunderkind: Die schönsten Erzählungen.
Gelesen von Elke Heidenreich.
4 CD, 222 Min, 26,90 €.
Diogenes Verlag.

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18 Gedanken zu “Die Stimme der verlorenen Seelen.

  1. Liebe Klappentexterin,
    das Buch „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ hatte ich auch schon mal auf meiner Wunschliste stehen, dann aber wieder gestrichen, da mein SuB schon sehr groß ist. Jetzt überlege ich mir doch wieder, es mir zuzulegen, nachdem Du so beeindruckend von der Autorin sprichst. Das Hörbuch, das Du beschreibst, hört sich allerdings auch sehr interessant an, zumal ich die Stimme von Elke Heidenreich mag. Gib mir doch mal einen Tipp!

    Viele Grüße
    lesesilly

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    1. Liebe Lesesilly,
      danke für deinen schönen Kommentar! Ich plädiere dafür, dass du das Buch wieder auf deine Wunschliste setzt. : ) Heinrich Böll hat übrigens etwas ganz Wunderbares über Carson McCullers geschrieben: „Bleibt die McCullers nicht eine große Autorin, auch wenn ihre Bücher kaum gekauft werden? Ich könnte mir vorstellen, daß jener soeben geborene Leser, wenn er erst einmal fünfzehn Jahre geworden ist, sich eines ihrer Bücher aus dem Ramschkasten fischt und bei der Lektüre von Fieber ergriffen wird.“ Hierzu muss kurz angemerkt werden, dass der Schriftsteller das Buch „Die besten Geschichten von Carson McCullers“ eher zufällig „in einem Ramschkasten vor einer kleinen, verlotterten Buchhandlung“ entdeckt hat. Das Fieber kann ich nur bestätigen, nur beim Ramschkasten erhebe ich Einspruch, denn ich bin dafür, dass man ihre Werke regulär kauft, aus Respekt der Autorin und dem Verlag gegenüber. Was für einen Tipp hättest du denn gern?

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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  2. Liebe Klappentexterin

    Danke schön für die wunderbare Rezension. Das Hörbuch steht schon lange auf der Wunschliste bei mir. Einerseits weil Elke Heidenreich die Geschichten liest und andererseits weil ich die Erzählungen noch nicht kenne. Nun steht definitiv fest, dass ich dieses Hörbuch besorgen muss. Es geht mir wie dir, Carson McCullers war und ist eine ganz grosse Schriftstellerin der amerikanischen Literatur. Ich mochte ihre Bücher schon immer und umso mehr schätze ich es, dass der Diogenes Verlag wieder einmal auf sie aufmerksam macht. „Frankie“ ist der einzige Roman, den ich noch nicht kenne und den werde ich als nächstes in Angriff nehmen.
    Literarische Grüsse

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    1. Vielen lieben Dank für deine Worte! Ja, es ist gut und wichtig, dass die Welt von der Autorin erfährt, heute noch und auch später. Ganz eindrucksvoll und besonders ist ihr Schaffen, das nicht in Vergessenheit geraten darf. „Frankie“ steht übrigens auch auf meiner Wunschliste. Es freut mich sehr, wenn ich hiermit deinen Wunsch anschubsen konnte. Möge das Hörbuch ganz bald zu dir finden!

      Literarische Grüße
      Klappentexterin

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  3. Mit Tipp habe ich gemeint, ob ich mir lieber das Buch (Das Herz ist ein einsamer Jäger) oder das von Dir rezensierte Hörbuch zu Gemüte führen sollte?

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    1. Mhm, eine schwierige Frage. Damit fängst du mich, weil ich beide sehr, sehr mag. : ) Aber wenn du Carson McCullers noch gar nicht kennst, dann starte am besten mit dem Hörbuch, zumal du auch Elke Heidenreich magst.

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  4. Tja, du hast es geschafft. Ich bin jetzt sehr neugierig geworden und habe mir kurzerhand beides bestellt. Das Buch werde ich zuerst lesen und das Hörbuch meiner Mutter schenken, da diese ein großer Hörbuchfan ist und ich ihre bereits gehörten Exemplare, die mich interessieren, dann vermacht bekomme. Clever, was?

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  5. Oh, McCullers! Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ gelesen habe. Aber jetzt, wo du mir diese fantastische Schriftstellerin wieder in Erinnerung rufst, liebe Klappentexterin, sind all die feinen und doch tiefen Gefühle wieder da, als ob gerade mal ein Tag vergangen wäre. Das ist Literatur, die bleibt, weil sie das Gemüt nicht vergessen kann. Ihre Erzählungen kenne ich noch nicht, aber wenn ich deine schwärmerische Rezension so lese, dann muss ich das demnächst unbedingt nachholen – allerdings ohne Elke Heidenreich, weil ich lieber mit meinen Augen und nicht mit meinen Ohren genieße. Hörbücher verweigere ich nach wie vor verlässlich. 😉

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    1. Ich habe auch mit dem Roman und der Novelle begonnen, liebe nantik. Vor allem beim Jäger war ich überwältig, was ein junges Mädchen in dem Alter schriftstellerisch umsetzen kann. Ich weiß nicht, wie oft ich nachgeschaut habe, ob Carson McCullers bei der Veröffentlichung tatsächlich 23 Jahre alt war. Unglaublich! Und bin dann erst bei den Erzählungen gelandet. Meistens ist das bei mir umgedreht, d.h. ich lese erst Erzählungen des/der Autors/Autorin und widme mich dann den Romanen. Ich habe noch andere Werke von ihr auf meinem Zettel. „Frankie“ interessiert mich ungemein und ich freue mich, dass es noch Geschichten gibt, die ich bei Carson McCullers entdecken kann. Dir wünsche ich viel Freude beim Entdecken ihrer Erzählungen, auch wenn du Hörbuchverweigerin sie lieber selbst liest. ; )

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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  6. Habe das Buch „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ gerade zu Ende gelesen und bin ein bisschen zwiegespalten. Auf der einen Seite bin ich von der Erzählweise dieser erst 23jährigen Autorin total angetan, auf der anderen Seite habe ich mir auch schwer getan, in die Geschichte hineinzukommen. Fazit ist, ich bin froh einmal mit Carson McCullers Bekanntschaft gemacht zu haben, glaube aber nicht, dass ich noch zu einem weiteren Buch greifen werde. Die Erzählungen werde ich mir aber auf alle Fälle noch als Hörbuch anhören.

    Liebe Grüße
    lesesilly

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    1. Das ist schade, liebe lesesilly. Aber so ist es manchmal mit einigen Büchern, dass wir mit ihnen einfach nicht warm werden, obwohl es anderen nicht so ergangen ist. Du schreibst, dass du schwer hineingefunden hast. Lief es denn irgendwann besser oder hast du dich durch das Buch gequält?
      Ja, ist es schon unglaublich, was die Autorin in so jungen Jahren geschaffen hat. Die Erzählungen lesen sich anders, zumal sie auch kürzer sind. Ich denke und hoffe, dass du mit ihnen eine schöne Zeit erleben wirst.

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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  7. Zur Mitte des Buches hin lief es dann besser, da hatte ich es ganz schnell ausgelesen. Ich fand die politischen Dialoge und die Thematik „weiß und schwarz“ schon sehr interessant, zumal dies eigentlich immer aktuelle Themen sind. Trotzdem würde ich es nicht zu meinen Lieblingsbüchern zählen.

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    1. Puh, da bin ich beruhigt, denn ich hatte mir schon ernsthafte Gedanken gemacht, immerhin habe ich dir das Buch ans Herz gelegt. Ich fand die politischen Dialoge und den Rassenkonflikt ebenfalls sehr interessant, bewegt haben mich außerdem die Außenseiter der Gesellschaft.

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